Vorgeblättert

Leseprobe zu Cees Nooteboom: Schiffstagebuch. Teil 3

10.03.2011.
Heute werden wir Kap Hoorn umrunden. Zwei Niederländer haben diesem Kap den Namen ihrer Stadt an der Zuiderzee gegeben, Schouten und Le Maire. Als es soweit ist, darf ich auf die Brücke, ein Jungentraum. Dieses Meer ist berüchtigt, in Ushuaia habe ich ein Buch über Schiffbrüche gekauft, endlose Listen von Galeonen, Karavellen, Dampfschiffen und Jachten, die in diesem Gebiet zwischen dem Atlantischen und dem Pazifischen Ozean untergegangen sind. Das Wasser sieht düster genug aus, metallfarben, als wäre Schwarz hineingemischt, ich höre, wie es wild und weißschäumend gegen den Kiel schlägt. Unter einer grauen Felswand sehen wir eine große Jacht mit hohen braunen Segeln, unser Kapitän betrachtet sie voller Bewunderung. Er steht zwischen zwei Assistenten, eine Dreiermannschaft, die über die Wasserfläche späht, auf der nichts zu sehen ist. Sie stehen vor einer Batterie Computerschirme, doch sie schauen über sie hinweg auf die wilde See hinter den großen Fensterscheiben. Metamorphose: gestern abend Captain?s Dinner, schwarze Krawatte zur Galauniform mit dem Stern und den vier goldenen Streifen, 2003er Eitelsbacher Karthäuserhofberg, in Ingwer und Honig hausgebeizter Lachs auf Salat von Bambussprossen, Porzellan und Kristall, jetzt ein grober Pullover und ein Becher Kaffee, Herr über die wilde graue Fläche, Gesichtsausdruck: bereit für Abenteuer. Der Kapitän ist Leser, das gestrige Gespräch kreiste um Gombrowicz? Buch Trans-Atlantik und Billy Budd von Melville, beide sehr passend. Rüdiger hat einen Satz von Gombrowicz aus diesem Buch in sein Repertoire übernommen, ein mit Crescendo dreimal wiederholtes "Ich gehe! Ich gehe!! ICH GEHE!!!" Er bedauert, daß er Billy Budd erst jetzt liest, diese Geschichte hätte er gern für sein Buch über das Böse verwendet, und er will wissen, was der Kapitän getan hätte: In dem Buch wird der "hübsche" junge Matrose von einem anderen zum Bösen verleitet, und der Kapitän, der ihn sehr mag, muß ihn verurteilen. Kommt so etwas noch immer vor, will er wissen, doch die Antwort ist enttäuschend für den Romantiker, und so versucht der Kapitän ihn mit der Geschichte von Slocum zu trösten, der als erster ganz allein in seinem kleinen, selbstgebauten Schiff das Kap umrundete. Ich höre leise Kommandos, slowly, slowly, dann: "Wollen wir jetzt eindrehen, da vorne ist nichts mehr."
     Auf den Tischen Seekarten, jemand arbeitet mit Zirkel und durchsichtigem Plastikdreieck, Kap Hoorn ist nicht eine Insel, sondern eine ganze Gruppe, das Meer darum herum ist übersät mit kleinen Zahlen, hinter mir sehe ich in kleinen Kästchen die Flaggen aller Länder der Erde, die sie anlaufen, dieses Schiff fährt unentwegt um den Globus. 970 Millibar, höre ich, Windstärke 8. Fünf Männer und eine Frau sind schwer beschäftigt, ich komme mir überflüssig vor und gehe an Deck, wo der Wind mich beinahe umbläst. Fast vierhundert Jahre ist es her, daß Schouten und Le Maire hier fuhren. Ich versuche es mir vorzustellen. Das Kap, das sie von ihrem kleinen Schiff aus gesehen haben müssen, ragt wie damals düster aus dem Meer auf, kein Zeichen einer menschlichen Anwesenheit, damals nicht und heute nicht. Irgendwo muß es einen Leuchtturm geben, eine Wetterstation, in der eine Familie wohnt, doch das ist von hier aus nicht zu sehen. Nebel oder tiefhängende Wolken hüllen die dunkle, drohende Form ein, hinter diesem einen Berg liegen andere, niedrigere, auf der Brücke habe ich gesehen, daß wir zwischen den Inseln Herschel und Deceit durchfahren, wir befinden uns auf der Grenze zwischen Pazifischem und Atlantischem Ozean, hier in der Nähe muß zwischen Feuerland und Staateninsel die Passage liegen, die noch heute den Namen Le Maire trägt. Die Strömung verläuft dort in nord-südlicher Richtung und kann an Geschwindigkeit zwischen zwei und sechs Knoten schwanken, je nachdem, ob man sich in der Mitte der Le-Maire-Straße befindet oder in der Nähe eines der Kaps. Die Ebbe strömt in die andere Richtung und setzt eine Stunde nach der Flut ein. Bei Staateninsel - von Schouten so benannt nach den Staten-Generaal, dem niederländischen Parlament - fließen die Gezeitenströme mit gewaltiger Kraft entlang der Nord- und der Südküste, durch die Intensität prallen die Wogen aufeinander und bewegen sich dann in alle Richtungen. Oft ist der Himmel dicht bewölkt, falls er morgens einmal klar ist, kann er sich in kurzer Zeit wieder völlig zuziehen, und dann ist die Sicht gleich null, die Windstöße von den Bergen im Zusammenwirken mit dem "normalen", fast ständig blasenden Westwind haben dieser Region den Beinamen "Seemannsgrab" gegeben. Später versuche ich zu lesen, was ich auf der Brücke oder an Deck notiert habe, doch es ist nutzloses Gekritzel geworden, mit dem Wind sind wir gefahren, entziffere ich noch, und daß es wogte und schwankte und man später das Gefühl hatte, Stunden durch Schneetreiben gegangen zu sein.
     Isaäc Le Maire, der wußte, daß dieses Gebiet unter der Hoheit der Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC) stand, hatte am 14. Juni 1615 das Projekt einer "Reyse rund um den gantzen Erdtball" in Angriff genommen und zu diesem Zweck die Australische Kompanie gegründet. Das Problem war nur, daß Australien, das Südland, noch nicht entdeckt war. Le Maire griff also mit diesem Namen der Entdeckung einer noch zu erkundenden alternativen Route nach Westen, nach Indien und womöglich auch zum noch nicht gefundenen Australien vor, die nicht durch die Magellanstraße führen sollte, weil dieses Gebiet nun mal von der konkurrierenden VOC beansprucht wurde, die mit der Beschlagnahmung des Schiffes drohte, sollte es doch jemand wagen. Le Maires Schiffe waren die Hoorn und die Eendracht, jagten oder Pinaßschiffe, wie sie zur damaligen Zeit genannt wurden. Die Eendracht war 30 Meter lang, 8,64 Meter breit, hatte drei Masten, und in diesem kleinen Universum lebten 65 Mann. Das Schiff stand unter dem Kommando von Willem Corneliszoon Schouten. Le Maires Sohn Jacob führte den Befehl über die Expedition und war der Kommandant der Hoorn. Nach sechs Monaten trafen sie in Patagonien ein, im heutigen Puerto Deseado. Dort geriet bei Reparaturen die Hoorn in Brand, doch noch im selben Monat setzten sie die Fahrt auf der Eendracht fort. Es war natürlich ein Umstand, der zu der damaligen Zeit gehörte, doch wenn ich so etwas lese, muß ich mir immer kurz klarmachen, daß es keine Möglichkeit gab, dieses Ereignis heim nach Hoorn oder wem auch immer zu melden. Wie die beiden Besatzungen (die Hoorn hatte 22 Mann an Bord) auf dem einen Schiff Platz fanden, ist ein Rätsel, aber elf Tage später hatte das Schiff die fast 1500 Kilometer zur erhofften Passage zurückgelegt, die heute also Le-Maire-Straße heißt. Ungefähr dort befinden wir uns jetzt, und wieder muß ich daran denken, daß ich jetzt sehe, was sie damals sahen. Sie segelten weiter zu einer Inselgruppe, der sie den Namen Hoorn-Inseln gaben, wir fahren nach Norden, nach Puerto Madryn, wo wir uns eine große Pinguinkolonie ansehen wollen. Die Reise Le Maires, die kein gutes Ende nahm, wurde später in seinem Buch beschrieben, das 1622 postum erschien. Die Eendracht überquerte die riesige Fläche des Pazifischen Ozeans und fuhr nördlich am gesuchten Australien vorbei nach Jacatra, dem heutigen Jakarta, doch weil Jan Pieterszoon Coen, der dortige Befehlshaber der VOC, nicht glauben wollte, daß Le Maire eine neue Passage gefunden hatte und infolgedessen durch die verbotene Magellanstraße gefahren sein mußte, wurde die Besatzung gefangengesetzt und das Schiff beschlagnahmt. Die Rehabilitierung sollte erst viel später erfolgen, doch da war Jacob Le Maire bereits tot.
     Wenn wir geglaubt hatten, bei Kap Hoorn habe schwerer Seegang geherrscht, so werden wir einige Tage später eines Besseren belehrt. Schaukeln, Schlingern, Sturm, aber diesmal ein richtiger. Es scheint, als müsse das große Schiff jedesmal die Wogen hinaufsteigen, bevor es auf der anderen Seite wieder hinunterrutscht. Fünf Meter hohe Wellen, Windstärke 10. Am beeindruckendsten finde ich das Tosen der Böen und die Wassermassen, die übers Deck schlagen, wo man sich mit beiden Händen an der Reling festhalten muß. Viele Passagiere sind in die Kabinen verschwunden, ich leide nicht unter Seekrankheit und bin einer der wenigen, die noch in der Lounge sitzen, als der gesamte Gläserbestand der Bar mit einem wahnsinnigen Kreischen auf den Boden kracht. Die Pianistin aus Aserbaidschan, die an diesem Abend ein Chopin-Konzert geben soll, ist nicht zu erschüttern. Elnara Ismailova heißt sie, der Saal ist längst nicht voll wegen der Seekranken, und ob der Flügel auch seekrank ist, wird nicht klar, jedenfalls will er weg, am liebsten mitsamt dem Klavierhocker. Während ihrer kleinen Einleitung hält sie sich energisch, um nicht zu sagen krampfhaft am Flügel fest, doch es hilft alles nichts, zusammen mit dem Podium, dem Flügel und uns wird sie jedesmal hochgehoben, wie ein großes Stück Treibholz taumeln wir durch die inzwischen stockfinstere Sturmnacht, und trotzdem gibt sie sich nicht geschlagen, Ballade in F-Dur op. 38, Walzer in cis-Moll op. 64, Scherzo in h-Moll op. 20, alles klingt wunderbar, begleitet vom mächtigen Orchester des Sturms. So werde ich Chopin nie wieder hören. Am nächsten Tag erfahren wir, daß das Schiff wegen des schweren Seegangs nicht in Puerto Madryn anlegen kann, wir sehen es in der Ferne, ein verführerisch langer Pier, ein paar hohe Gebäude, aber es geht nicht, schade um die Pinguine. Als Trostpreis schenkt man uns Montevideo, was nicht im ursprünglichen Reiseplan stand. Ein kleines Kümo, dessen Namen ich nicht erkennen kann, liegt vor Madryn stampfend auf Reede, es darf, wir nicht, doch dann sehe ich an der Brücke, wie der Lotse sich verabschiedet und einem Tänzer gleich von seiner schwingenden Leiter an Bord seiner sich aufbäumenden Deseada springt, die, eine wilde Schaumspur hinter sich herziehend, in den Hafen zurückjagt. Ich nehme mir vor, von Buenos Aires aus hierher zurückzufliegen, denn wenn ich irgend etwas nicht darf, muß ich es unbedingt tun, eine lästige Eigenschaft.

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Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages
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