Vorgeblättert

Leseprobe zu Anne Wiazemsky: Jeune Fille. Teil 3

13.07.2009.
Und Florence?
Seit Wochen hielt sich Florence im Hintergrund; sie wartete darauf, dass ich sie anrief und ihr berichtete. Am glücklichen Ausgang der Begegnung, die sie herbeigeführt hatte, auf die sie aber mit großer Bescheidenheit reagierte, zweifelte sie keine Sekunde lang. Als ich ihr sagte, dass Robert Bresson mich offiziell für seinen Film engagiert hatte, wollte sie mich sehen: "Jetzt werde ich dir erzählen, wie ich Jeanne geworden bin, von den Dreh arbeiten zu ihrem Proces. Wir können uns morgen treffen, wenn du aus Sainte-Marie kommst. Ich werde dir alles berichten." - "Alles?" Ich wollte gleich etwas mehr erfahren, doch sie blieb unerbittlich. "Morgen." "Immer diese Geheimniskrämerei", war der gereizte Kommentar von Mama, die Florence? Eigenarten nicht verstand und ihr deshalb misstraute.
Schön und jugendfrisch wartete Florence zur verabredeten Zeit auf dem Trottoir. Ich stellte ihr meine beiden besten Freundinnen vor, die sie sofort für sich einnahm. "Ich entführe sie euch", sagte sie zu ihnen, schlang den Arm um meine Taille und zog mich in Richtung Trocadero fort.
Im Cafe bestellte sie zwei Bier.
"Es wird Sommer, das ist das Beste, was man jetzt nachmittags trinken kann. Hast du heute mit Robert gesprochen? Nein? Bis zum Abend wird er sich bestimmt melden! Du musst wissen, dass er dich bis zum Film und während des Films und auch nach dem Film nicht mehr loslassen wird! Robert ist ein Tyrann, doch ein faszinierender Tyrann. Du wirst ihm immer gehorchen und Folgsamkeit und Hingabe lernen müssen. Du hast auf jeden Fall gar keine andere Wahl: Er wird es so einrichten, dass du zum übrigen Team möglichst wenig Kontakte hast. Er wird eifersüchtig und besitzergreifend sein, denn er wird in dich verliebt sein, wie er es, glaube ich, in mich war und wahrscheinlich auch in Marika."
"Marika?"
"Marika Green, die Darstellerin von Pickpocket. Hast du den Film gesehen?"
"Nein."
"Er wird ihn dir bestimmt zeigen, wie er es auch bei mir gemacht hat. Robert zeigt seine Filme sehr gern."
Florence hatte sofort einen neuen Ton angeschlagen, ein anderes Vokabular gewählt. Nicht mehr er, sondern Robert. Robert hier, Robert da, als ob sie es genießen würde, ihn endlich bei seinem Vornamen nennen zu können und auf diese Weise die Vertrautheit ihrer Beziehung herauszukehren. Sie vergaß darüber ihren Sinn für Maß, ihre Vorliebe für Geheimnisse. Sie erzählte mir von den Wochen, die sie an seiner Seite verbracht hatte, und von seiner Kompliziertheit als Mensch und Künstler. Sie sagte, sie sei stolz, mich "als Nachfolgerin zu haben" und "mich zu befreien". "Du wirst glücklich sein, so glücklich", wiederholte sie in regelmäßigen Abständen, obwohl sie mir gerade im Detail eine Episode erzählt hatte, unter der sie zunächst gelitten hatte. Und angesichts meines erschreckten Gesichtsausdrucks: "Aber im Gegensatz zu dir wusste ich nichts über ihn, über seine Arbeitsweise." Manchmal löste sich ihr Blick von mir, und sie schwieg, in ihre Erinnerungen versunken.
Der Nachmittag neigte sich seinem Ende zu, und es wurde Zeit, nach Hause zu gehen, ich zu meiner Familie und Florence zu ihrem Erwachsenenleben im Quartier Latin. Die wenigen Meter, die das Cafe von der Metrostation Trocadero trennten, gingen wir schweigend. Florence war wieder ruhig und heiter geworden. Sie nahm mich in die Arme und hielt mich etwas länger an sich gedrückt als sonst. "Was ich dir anvertraut habe, wirst du nie weitersagen? Versprich es mir!" Ich versprach es und löste mich aus der Umarmung. "Wirst du mir alles erzählen? Versprich es mir!" Ich versprach auch das und ging. Wie sie da auf dem Trottoir stand, hatte ich den Eindruck, dass sie plötzlich traurig, sehr traurig geworden war. War ihr eher als mir klar geworden, dass ich ihr nichts von meinem zukünftigen Abenteuer erzählen würde? Dass ich sie von nun an nicht mehr brauchen würde? Dass ihre Rolle zu Ende war? Nicht umsonst war Florence älter als ich.


Meine Umgebung änderte nun ihr Verhalten mir gegenüber. Ich war jetzt "diejenige, die beim Film ist". Einige freuten sich einfach, ohne Hintergedanken. Andere ließen in das Gespräch unfreundliche Sätze über mein linkisches Benehmen, meine Unwissenheit und mein nichtssagendes Gesicht ein?ießen. Solche tödlichen Sätze hätten wohl jedem jungen Mädchen das Leben vergällt: Es ist ein Alter, in dem man noch nichts über sich weiß, in dem man zweifelt, in dem man sich sucht. Ich bekam plötzlich Lust, auf den Film zu verzichten, sehr weit weg zu fliehen, um von allen vergessen zu werden.
Doch da gab es noch Robert Bresson. In seiner Gegenwart schwand die Angst sofort. Er sprach unendlich feinfühlig mit mir, hielt mich für ein kostbares Wesen, das Qualitäten besaß, die nur er wahrnahm. Weil ich plötzlich für einen anderen existierte, fühlte ich mich zum ersten Mal existieren, und das war im wahrsten Sinne des Wortes aufrüttelnd. Wenn ich sage, dass er mich zu zähmen verstand, dann sage ich nur wenig. Tag für Tag wob er an einem feinen Faden, der mich an ihn gebunden hielt. Wir verbrachten manche Stunde zusammen, führten lange Telefongespräche. Er stellte mir zu allem Fragen und ärgerte sich über die Stunden, die ich fern von ihm mit gleichaltrigen Freunden verbrachte. "Was ?nden Sie denn an ihnen?" Und ohne mich antworten zu lassen: "Ich bin sicher, dass sie Ihrer nicht würdig sind!" Ich versuchte, es ihm zu erklären: Thierry war meine große Liebe gewesen, als ich elf, zwölf war, Antoine war mein Kumpel, er lud mich ins Theater ein, und ich führte mit ihm große literarische Diskussionen, Jules ... "Ohne große Bedeutung für Sie, diese Jungen." Mit einer Handbewegung wischte er von vornherein alles weg, was ich noch über sie hätte sagen können.
Doch dass ich auch mit anderen, Älteren verkehrte, beunruhigte ihn noch mehr. Ich hatte ihm von einem Paar erzählt, Marie-Françoise und Bruno, die mir viel bedeuteten. Ich hatte sie nach dem Tod meines Vaters kennengelernt. Er war Journalist bei France-Soir, sie zog ihren kleinen Sohn auf. Sie waren fünfundzwanzig Jahre alt und besaßen die Attraktivität freier Menschen, die auf alles neugierig und lebenshungrig sind. Durch sie hatte ich die Cafes und Kinos im Quartier Latin entdeckt, die Bars von Saint-Germain-des-Pres, eine Welt, die der meiner Familie genau entgegengesetzt war. Dieser letzte Punkt missfiel Robert Bresson ganz besonders. "Es stellt sich oft heraus, dass solcher Umgang für ein junges Mädchen gefährlich ist; Ihre Mutter sollte das wissen und Ihnen verbieten, diese Leute zu treffen", sagte er. Ich protestierte: Meine Mutter mochte sie sehr, Marie-Françoise passte auf mich wie eine große Schwester auf und schickte mich nach Hause, sobald an manchen Abenden die Gefahr drohte, dass ... Oder sie rügte mich vehement, wenn ... Übrigens bedauerte sie, dass ich immer noch ... Und sie wartete ungeduldig auf den Augenblick, da ich nicht mehr ... Ich stotterte, verhedderte mich und versuchte, meine Bemerkungen rückgängig zu machen: Ich hatte mich in Bereiche meines Lebens vorgewagt, die ich nicht verstand, die aber zu meinem Unbehagen beitrugen. Ein unbestimmtes Unbehagen, das wuchs und mir manchmal das euphorische Gefühl verdarb, endlich zu existieren. Zum Glück legte mir Robert Bresson - meiner vertraulichen Mitteilungen zweifels ohne überdrüssig - den Finger auf die Lippen, um mich zum Schweigen zu bringen, und sagte mit zärtlicher Stimme: "Erwähnen Sie mir gegenüber diese Leute, die mir ziemlich gewöhnlich vorkommen, nie mehr ... Ihre Naivität stattet Sie mit Qualitäten aus, die sie mit Sicherheit nicht besitzen ..." Und dann in einem sehr schroffen Ton: "Sie sind zu alt für Sie. Hören Sie auf, sie zu treffen."


Mit freundlicher Genehmigung des Verlages C.H. Beck

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