Vorgeblättert

Leseprobe zu Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand. Teil 3

05.09.2011.
Bald wird es schneien, und alles wird noch schwärzer aus- sehen. Der Fluß, der Asphalt, die Bäume und die Vororte mit ihren Hundehütten und Bruchbuden. In der Luft spürt man Kälte und Kohlenrauch. Morgen, übermorgen wird es schneien. In der Nacht. Am Morgen wird es still sein, als hätte eine Veränderung stattgefunden oder etwas würde von vorn anfangen. Schnee auf den Zweigen, den Geländern, den Zäunen. Die eckigen weißen Flecken der Dächer und Rauch aus den Schornsteinen. In der Morgenstille wird man das Geräusch der Schaufeln auf den Gehsteigen hören. Ich werde im Bett liegen und lauschen. Durch das Fenster sehe ich den mit weißem Flaum bedeckten verwilderten Apfelbaum. Das wird eine Wei- le dauern. Dann wird der Schnee schmelzen, herunterfallen, und von der Brücke her wird es dröhnen.
     Aber erst in ein paar Tagen. Jetzt ist es grau, die Temperatur liegt bei Null.
     Heute bin ich in der Stadt gewesen. Ich habe ein Vogelhäuschen gebaut und wollte Sonnenblumenkerne kaufen. Die bekommt man im Zoogeschäft. Ein seltsamer Ort. Du machst drei Schritte, und statt der grauen, kalten Straße hast du eine Tropenimitation mit entsprechender Hitze und Gestank. In Käfigen kreischen Papageien. In grünlichen Aquarien schwimmen exotische Fische hin und her. Es herrscht Halbdunkel. Die Käufer sind nicht exotisch. Sie sprechen leise. Als schüchterte sie die subtropische Atmosphäre ein. Alte Frauen kaufen Futter für Papageien und Katzen. Die Jugendlichen Zubehör für Aquarien. Die Fische werden in mit Wasser gefüllte Plastiktüten gepackt. Manchmal braucht jemand etwas gegen Flöhe, Sägemehl für Hamster oder ein Halsband. Aber alle sind auf irgendeine Art vereinsamt und still. Sie haben ruhige, traurige Gesichter, und es ist ein bißchen wie beim Arzt im Wartezimmer oder im Krankenhaus, wenn ein Angehöriger stirbt.
     Ich habe die Sonnenblumenkerne gekauft und bin wieder gegangen. Da wurde mir bewußt, daß dieses Geschäft sich immer an dieser Stelle befunden hat, seit ich mich erinnern kann. Eines Tages bin ich hierhergekommen, und es war schon da. Alles andere hat sich immer wieder verändert. Ständig entstand etwas Neues, um bald darauf wieder unterzugehen. Läden, Kneipen, Fotogeschäfte tauchten auf und verschwanden spurlos. Eins verwandelte sich ins andere, doch über allem schwebte die Aura des Scheiterns. In der Salatbar werden jetzt Hosen verkauft. Die Bar hat vielleicht einen Monat lang existiert, und ich habe dort nie jemanden gesehen. Zwei junge Leute saßen da und guckten aus dem Schaufenster, aber niemand war in Sicht, niemand kam, und so machten sie den Laden genauso leise zu, wie sie ihn eröffnet hatten. Jetzt gab es dort Hosen, und durch das gleiche Fenster schaute eine blonde junge Frau. Sie schaute auf das schmale Sträßchen, auf dem niemand ging. Immer wieder erschienen neue Lokalitäten, aber niemand brauchte sie. Manchmal stellte ich mir die Leute vor, die solche Dinge in Angriff nahmen. Sie standen morgens auf, hatten Mut und Kraft, und dann sahen sie zu, wie das, was sie auf die Beine gestellt hatten, den Bach runterging. Und fngen wieder von vorn an. Als wären sie dumm oder heldenhaft. Jedenfalls unverwüstlich. Ich bewunderte sie. Sie eröffneten Kneipen und betrachteten die leeren Tische. Sie eröffneten Läden, kamen frühmorgens und blickten in die Leere. Nur dieses Lager für Sägemehl, Katzenfutter, Gummiknochen und Flohpulver hat überlebt.
     Ich wollte nicht nach Hause, also ging ich auf Umwegen durch die Stadt. Manchmal grüßte mich jemand. Ich erwiderte den Gruß und ging weiter. Ich hatte nichts zu sagen. Es war Mittag, aber man hatte den Eindruck von Dämmerung. Über den Dächern hing ein ewiger November. Ich ging über das bebaute Gebiet hinaus. Unterhalb einer kleinen Böschung erstreckte sich ein sumpfiger Platz. Dort hielten sich Wanderhändler auf. Einmal im Jahr schlug der Zirkus Transsilvania sein Zelt auf, und zweimal im Jahr ein slowakischer Jahrmarkt. Die Leute sagten, so sei es immer gewesen. Seit sie denken konnten. Immer haben auf diesem Stückchen Niemandsland Fremde ihr Lager aufgeschlagen. Im Frühherbst kamen bessara- bische Lastwagen, mit Wassermelonen beladen. Dort hatten sie archaische Federwaagen, die sie an den einzigen Baum auf dem Platz hängten. Sie verkauften ein bißchen und fuhren weiter, nach Westen und nach Norden. Ich erinnere mich an Ukrainer, die mit Alteisen, Werkzeug, Schmirgelpapier und Plastikpistolen handelten. Auch Spiritus verkauften sie. Sie brachten ihn in Kanistern, verdünnten ihn mit Wasser aus dem Fluß und füllten ihn in Flaschen ab. Dieser Flußschnaps war billiger als der billigste Wein. Eines Tages wurde einer von ihnen erschossen. Er hatte Teppiche, Kristall und junge Mädchen verkauft. Ich habe sein Auto gesehen. Schwer zu sagen, welche Marke, denn es war von den Teppichen und dem Kristall verdeckt. Vielleicht ein Mercedes, vielleicht auch noch ein Wolga. Jemand ist von hinten gekommen, hat ihm die Pistole an den Kopf gelegt und geschossen. So erzählten es die Leute. Sie hörten den Abprall, denn die Kugel schlug durch. Geschnappt wurde keiner. Alle hatten den Tod gesehen, aber niemand den Mörder. Man weiß nicht, ob sie überhaupt suchten. Letztendlich hatte bloß ein Iwan einen anderen umgebracht - so die Stimme des Volkes auf dem Markt.
     Die Rumänen brachten Halwa. Kiloschwere Klötze in fettigem Papier, die sie auf Zeitungen ausbreiteten. Sie hatten auch süßlichen Balkanbrandy in braunen Halbliterfaschen. Das war alles. Einsam, dunkelhäutig, traurig standen sie da. Sie hätten Zigeuner sein können. Wahrscheinlich waren sie das auch. Ich sah sie ein paarmal, bis sie schließlich verschwanden, wie sie gekommen waren - lautlos, spurlos. Sie fehlten mir.
     Ich blickte von der Böschung aus auf den Platz. Auf der anderen Seite, in der Ferne, erhob sich auf dem Hügel eine Siedlung vierstöckiger grauer Wohnblocks. Dort wohnte Wladek. Trotz der Entfernung und des schlechten Lichts konnte ich seine Fenster erkennen. Ich stellte mir vor, wie er auf dem Balkon steht, raucht und die Neonlampen auf dem Rummelplatz betrachtet. Der Jahrmarkt kam immer im Frühjahr und im Herbst. Einige Wohnwagen standen im Halbkreis, und in der Mitte befanden sich die Unterhaltungsanlagen. Riesenrad, Karussell, Achterbahn, eine elektrisch betriebene Schiffschaukel, die unsterblichen Autoskooter, das war?s. Am Tage sah das Ganze aus wie eine Fabrik nach der Bombardierung oder wie ein gigantischer kaputter Regenschirm. Wenn es dämmerte, wurden die Lichter angeschaltet, und das Gefecht von rostenden Rohren, Stangen und Blechen verwandelte sich in eine farbige Fata Morgana. Kinder kamen und reckten die Köpfe, um die feurigen Kreise zu verfolgen, die das Riesenrad zog. Glatzen kamen und wuß- ten nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten in dieser ungewöhnlichen Szenerie. Also trampelten sie im Dreck herum und fluchten für alle Fälle laut. Aber sie blieben zusammen. Die slowakischen Maschinisten, die die Geräte in Gang setzten, sahen aus wie Matrosen, die viele Male die Erde umrundet haben und sich vor nichts mehr fürchten. Sie hatten tätowierte Arme und unbewegte Gesichter. Für zwei, drei kichernde Kids schalteten sie das Karussell an, rauchten und starrten vor sich hin. Die Fahrt dauerte ungefähr eine halbe Zigarette lang. Sie waren zu dritt: ein Großer, ein Mittlerer und ein Kleiner. In Trainingshosen und Unterhemden. Wladek kannte sie. Er sagte, sie seien Brüder. Er ging über den Platz und begrüßte jeden von ihnen. Sie wechselten ein paar Worte, ahoj, wie geht?s, okay, mach?s gut - das war alles. Manchmal verkaufte er ihnen billige Zigaretten von der ukrainischen Grenze, damit sie etwas zu rauchen hatten, während sie standen und warteten, bis die jugendliche Klientel sich versammelt hatte.
     Er kam hierher, um sich mit Eva zu trefen.
     Eva saß in einer engen gelben Bude und verkaufte Jetons für diese Freizeit- und Erholungsmaschinen. Ihre Gestalt in dem rechteckigen Fensterchen glich einem schönen, naiven Bild. Sie sah ein wenig wie eine Heilige aus, wie eine verschlafene Heilige, eine Heilige, die gerade aufgewacht ist. Ich hätte nicht sagen können, wie alt sie war, und ihn habe ich nie danach gefragt. Es ist übrigens gut möglich, daß er es selbst nicht wußte. Fünfundzwanzig? Dreißig? Fünfunddreißig? Damals habe ich wohl gar nicht darüber nachgedacht. Ihr Gesicht, ihre ganze Gestalt machten solche Fragen gegenstandslos, ihr Leben spielte sich außerhalb der Wirklichkeit, außerhalb des Alltags ab. Wenn sie ihn entdeckte, lächelte sie schon von weitem und grif sich unwillkürlich in das lange, dunkle Haar. Wenn es keine Schlange gab, und die gab es ja nie, konnten sie sich unterhalten, und das versuchten sie auch. Aber ihre Schüchternheit, ihre Zartheit und Schläfrigkeit bewirkten, daß das Gespräch ständig stockte, sie verstummte, und schließlich lächelten sie einander einfach an, getrennt durch diesen blödsinnigen Kassenschalter mit dem schmalen Sims, auf den er sich mit dem Ellbogen zu stützen versuchte, aber er war zu niedrig, und so stand Wladek in einer lächerlichen, kauernden Haltung da. Eva trug enge bunte Pullis. Ich wette, aus irgendwelchen Secondhandläden. Grün, gelb, rot, alle grell, mit ausgeleierten Ärmeln, aufgescheuert.
     Eines Tages sagte er einfach: "Ich möchte dir jemanden zeigen ? Das heißt, ich möchte, daß du jemanden kennenlernst", korrigierte er sich.

                                                        *

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages
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