Vorgeblättert

Leseprobe zu Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde. Teil 3

19.08.2013.
"Ich schlage Folgendes vor", sagt Horácio und fummelt einen Schlüssel vom Schlüsselbund. "Bleib ein bisschen hier und finde heraus, wie es sich für dich anfühlt. Kannst dich auch ausruhen, wie du willst. Wenn ich dich so ansehe, hast du es bitter nötig. Das ist der Schlüssel für die untere Tür. Hier oben", Horácio zeigt auf die Wohnungstür, "gibt's nur die eine. Wann ich zurückkomme, weiß ich noch nicht. Und wenn es dir nicht gefällt, ziehst du einfach die Tür hinter dir zu und machst unten mit dem Schlüssel von innen auf. Denk aber daran, ihn dann über die Mauer zu werfen, ja? Mach dir wegen mir keinen Stress, ich hab noch einen Zweitschlüssel." Horácio dreht sich um und wirft die Tür hinter sich zu, während er etwas von Verspätung vor sich hinbrummelt.
Amadeu deutet die Antwort nur mit einer schwachen Geste an, gegenüber Horácio fühlt er sich machtlos. Wie könnte man einem so entschiedenen Mann, der alles im Handumdrehen erledigt, nicht zustimmen? Wäre er eine Frau, Amadeu stiege mit ihm ins Bett. Er hätte nichts weiter zu tun, als bei Bedarf die Beine breit zu machen. "Echte Glückspilze, diese Frauen", denkt er. Und wegen einer ist er hier.
Amadeu streift durch die Wohnung. Er sucht nach der Quelle des Schimmelgeruchs und findet sie hinterm Sofa, wo sich der Teppich bereits vollgesogen hat. Vorsichtig trägt er die Schüssel in die Küche und schüttet das Wasser in das Waschbecken.
Praktischerweise stehen in seinem Zimmer bereits Bett, Einbauschrank, Tisch und Stuhl. Er schleppt seine Sachen hinein, zieht die Schuhe aus und legt sich völlig übermüdet mit der Tasche im Arm aufs Bett. Als er aufwacht, ist immer noch alles still und noch immer stinkt es nach Schimmel. Er geht ins Wohnzimmer, drückt die Fensterflügel zu, die nicht richtig geschlossen waren. Am Ende des mickrigen Horizonts, den das Fenster hergibt, liegt sein vermeintliches Versteck. Er atmet tief ein. Die kurze Abkühlung durch das Unwetter, das mittlerweile in Nieselregen übergegangen ist, gibt ihm etwas von seinem Seelenfrieden zurück. Er überlegt, ob er telefonieren soll, aber vermutlich ist es besser, sie erst anzurufen, wenn alles erledigt ist. So macht es ein echter Mann: Er löst die Knoten auf.
Zurück im Zimmer sieht er die Tasche auf dem Bett liegen. Er öffnet den Reißverschluss, der Anblick ist schockierend. Alles weist darauf hin, dass sich sein Leben verändern wird, warum also dieses Gefühl nicht mal im Rohzustand auskosten? Er öffnet eines der Päckchen, das wie die übrigen fast ein halbes Kilo wiegt, nimmt mit dem Ende eines Löffels ein Häufchen heraus und verschließt es wieder. Er häufelt einen weißen Berg auf, einen Zauberberg, dessen Senken er zum ersten Mal mit Skiern hinabfahren, dessen Verwerfungen er ausweichen wird. Mit dem Griff des Löffels zieht er Straßen in den Berg, drei kurze, parallele Linien, begrenzt wie das Leben. Er fragt sich, wo er anfangen, welchen Weg er nehmen soll. Dann hält er das rechte Nasenloch zu und zieht, wie ein Schwein, seinen Rüssel über den Tisch. Er saugt den Rohzustand von Freiheit und Veränderung auf und vernichtet die drei Straßen, die er auf den Tisch gelegt hat. Das Erste, was er denkt, ist, dass es keinen Weg und keine Spuren mehr gibt, er hat sie aufgesogen und ist zum Herr seiner eigenen Wege geworden.
Schädlich und süß wie verfaulter Honig. Er hat Hunger und würde alles verschlingen, was irgendwie organisch ist. Er hat keinen Lunch gehabt und kann sich nicht erinnern, heute überhaupt schon etwas gegessen zu haben. Vielleicht ist es jetzt Zeit für einen Lunch. Nackt.
Er macht den Reißverschluss der Tasche wieder zu und läuft unruhig in der Wohnung herum, den Griff ums Handgelenk gewickelt. Von der Abfahrt auf einem solchen Zauberberg erholt man sich nicht so schnell, extravagant wie sie ist. Immerhin, er ist unversehrt. Er sieht hinüber zum Dachboden und den herumflatternden Tauben. Nach einer Abfahrt wie dieser würde sich jeder für unsterblich halten.
Amadeu überquert die Straße und klopft zweimal, dreimal ungeduldig an Lozonnis Tür, durch seine Venen schießen Stromstöße. Lozonni macht auf, er hat eine blutverschmierte Schürze an, und auch das Hackmesser in seiner Hand ist voller Blut. Die Abfahrt dauert länger, als Amadeu es sich vorgestellt hat. "Sie, Sie, Sie", stammelt er, verschluckt sich und bringt kein Wort mehr heraus. Stattdessen zeigt er hinauf zum Dachboden, und Lozonni kapiert. "Komm mit", sagt der Alte. "Mitkommen", brabbelt Amadeu vor sich hin, "mitkommen?" Ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen, geht Lozonni zur Treppe im Hinterhof. Dort liegt unter einem Vordach aus Asbestwellplatten ein zerstückelter junger Stier auf dem Tisch, auf der untersten Treppenstufe muht sein Kopf in stillem Entsetzen. Bevor sich der Alte inmitten von bestialischem Gestank, Fliegen und Katzen wieder daran macht, unermüdlich auf das Tier einzuhacken, sagt er: "Da geht's rauf. Die Tür ist offen. Immer. Aber bloß nicht denken, es wär was Nobles, junger Mann, so was gibt's hier nicht. Nur den Boden. Wenn du was Nobles willst, musst du ins Hotel gehen." Und konzentriert sich wieder auf das Gemetzel.
Amadeu spurtet die Stufen hoch, schlüpft durch die Tür und zieht sie hastig hinter sich zu: Blaue Tapeten begrüßen ihn, ein trunken machendes Himmelblau, und langsam erholt er sich von dem ungewohnten Schreck. Er hält sich immer noch für unsterblich, vor allem angesichts des kleinen, künstlichen und beschränkten Himmels, der abgehängten Decke aus aufgequollenem und klumpigem Gips. Auch der Holzdielenboden ist verschlissen. Dass sich Bad und Klo im Hinterhof befinden, ist lästig, aber nichts ist lästiger als die Tauben auf dem Dach, die gurren und trippeln, vögeln, futtern, zanken und kacken. Amadeu muss lachen, als er sich in der mickrigen Bruchbude umsieht. Der perfekte Safe für seinen Schatz, eine Wohnung über dem Tattergreis und unter Taubendreck. Wer sonst würde so was mieten? Amadeu weiß es nicht und wird es niemals wissen müssen, aber es gibt tatsächlich Leute, die so etwas mieten würden. Es gibt nämlich alle möglichen Typen von Mensch, und ich, Dimitri, bin einer von ihnen.
Amadeu tigert von einer Wand zur anderen und wirbelt die Luft auf, ohne die Tasche aus den Augen zu lassen. Und er fragt sich, ob sie wirklich seine letzte Option ist, jedenfalls eine Option, für die er einen ziemlich hohen Preis zu zahlen hat. Als er eine neue Reise von einer Ecke des Zimmers zur anderen antritt, bemerkt er einen Hohlraum unter seinen Füßen. Er klopft mit der Ferse auf den Boden, der Hohlraum antwortet dumpf. Er stellt sich vor, bis wohin seine veränderte Wahrnehmung reicht, wo die Grenze der Realität verläuft und wie weit die Dimensionen tragen. Er steht unter Strom, der Mut packt ihn, und für einen kurzen Augenblick lassen seine halb geöffneten Pforten der Wahrnehmung bunte Leuchtsignale passieren. Der Himmel ist die einzige Begrenzung, und er ist soeben dort angekommen.
Noch einmal klopft er auf den Boden über dem Hohlraum. Der dumpfe Ton hallt nach und macht ihn schwindlig. Blauer Himmel, die Statik über seinem Kopf. Am liebsten würde er weglaufen, seine kalten Hände schwitzen, seine Gliedmaßen scheinen sich abzulösen, und jetzt kann er sogar fliegen.
Einen Meter neben den morschen Dielen, die den Hohlraum erzeugen, steht ein Möbelarrangement, ein alter Tisch mit zwei Stühlen. Als er ein paar Dielen herausstemmt, entdeckt er das ideale Versteck für seine Tasche. Dann setzt er die Dielen wieder ein und zieht vorsichtig den Tisch und die zwei Stühle über die Stelle. Sieht gut aus, der Alte da unten würde nicht einmal bemerken, dass die Möbel verstellt worden sind. Er kontrolliert das Arrangement im Verhältnis zu seiner Umgebung und findet, dass so etwas Ähnliches wie ein Gleichgewicht hergestellt ist, im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten.
Beim Hinausgehen wirft er die Tür hinter sich zu, nicht ohne zuvor noch einmal den grellen Himmel zu bewundern, dann stapft er die Treppe hinunter. Der Alte hackt immer noch auf den Kadaver des Jungbullen ein und fragt, ohne Amadeu anzusehen: "Und, was hältst du davon?"
"Tolle Wohnung", sagt Amadeu aufgewühlt und geht zum Hauseingang, "wirklich toll", und wirft das Gittertor hinter sich zu.

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Auszug mit freundlicher Genehmigung des A1 Verlages
(Copyright A1 Verlag)


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