Vorgeblättert

Leseprobe zu Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde. Teil 1

19.08.2013.
eins

Der Schlüsselbund fällt drei Mal auf den karierten Boden im fünften Stock, ehe Amadeu das Schlüsselloch trifft. Nach ein paar Versuchen bringt er seinen zitternden Körper und die schweißnasse Hand unter Kontrolle und öffnet.
     Er betritt seine Wohnung, lässt die Tür hinter sich zufallen und geht in die Hocke, den Kopf in die Hände gestützt. Seine Brust keucht so heftig, dass das Atmen schmerzt. Er starrt die Tasche an, die er auf den Boden geworfen hat. Die Schweißtropfen auf seinem Gesicht trocknen, die Blässe geht in ein zartes Rosa über und das Blut zirkuliert wieder. Vielleicht sitzt er zehn Minuten dort, vielleicht auch eine Stunde, jedenfalls berührt er ab und zu die Tasche, schließt die Augen und kehrt mit einem brutalen Ausdruck im Gesicht in die Realität zurück.
     Er steht auf und tippt eine Nummer ins Telefon, aber noch bevor er damit fertig ist, legt er wieder auf. In der Küche trinkt er Wasser direkt aus der Literflasche und sieht jede Menge Brotkrümel darin herumtreiben. Heute ist es ihm egal, er macht einfach die Augen zu. Das Wasser rinnt die ausgetrocknete Kehle hinab, dann schlägt sein Herz wieder, und sein Gesicht glüht vom Blut, das von den zuletzt auftauchenden Bildern angefacht in seinen Venen pumpt.

Acht Uhr und sieben Minuten. Da geht der Kerl, der den ganzen Unterschied ausmachen und ins Chaos der anderen eingreifen wird. Auch in meines. Amadeu ist sein Name. Er ist nervös, stampft auf und stammelt wie ein Irrer den Text vor sich hin, den er zu Hause vorbereitet hat. Ein ziemlich miserabler Text, von dem ich gar nicht erst erzähle. Er ist belanglos, vor allem weil dieser Stricher den Mund nur noch aufmachen wird, um vor Entsetzen zu stöhnen. Seine Anspannung ist offensichtlich, aber er versucht sie hinter einem vagen Hoffnungsschimmer zu verbergen, wie er da so durchs Zentrum der Stadt läuft. Seit zwei Jahren arbeitet er als Pornodarsteller in Zeferino Manches' Filmstudios und hat noch nie Probleme bei der Arbeit gehabt. Er verdient passabel, der Größe seines Penis entsprechend. Passable Größe, aber starke Performance. Es ist fast schon Sklavenarbeit, meist herbeigezwungen, aber deutlich besser, als in Supermärkten Kisten zu schleppen, Hunde zu baden, Teller in schmierigen Küchen zu spülen oder Pissoirs in Universitäten zu putzen. Schwul ist er nicht, er macht nur Filme mit Frauen. Die einzige hervorgehobene, kursiv und fett gedruckte Bemerkung im Vertrag. Nur mit Frauen. Und wegen einer ist er jetzt so weit, Salvatore, Zeferinos Vertrauensmann, der die Finanzen und Verträge regelt, um ein Darlehen zu bitten. Den Salvatore, der lange Zeit sein Geld damit verdient hat, Versicherungsmakler und pensionierte Damen übers Ohr zu hauen und LKW-Ladungen im ganzen Land zu plündern. Amadeu klammert sich an diesen schwachen Hoffnungsschimmer, weil er sich immer korrekt verhalten und abseits der Polizeireviere aufgehalten hat. Eine einfältige Hoffnung. Salvatore würde ihm nie auch nur einen Centavo leihen, ihm nicht und auch sonst niemandem. Er verleiht nicht, er gewährt; und wenn er selbst etwas will, lässt er es sich bringen, darum bitten würde er nie. Ein klasse Typ. Vielleicht werde ich irgendwann auch so einer.
     In dem alten Gebäude knarzen die Dielenböden, Kinder schreien und es stinkt nach Urin und Äther. Amadeu stellt sich in die schmale Schlange vor dem Aufzug. Alle anderen werden im zweiten Stock aussteigen, um das klinische Labor aufzusuchen. Diese elende Schlange würde jeden dazu bringen, die Treppen zu nehmen, doch gerade als er sich gegen den Aufzug entschieden hat, kommt er angefahren und öffnet bereitwillig seine Türen. Drinnen ein gelbgrünes Plakat, grell patriotisch, das die Wohltaten der amtierenden Regierung beschreibt: "Das Ergebnis unserer Bemühungen liegt in Euren Händen." Die Leute um ihn herum halten ihre eigenen Exkremente in kleinen Plastikbehältern, doch Amadeu fällt der Witz nicht auf, er ist in seinen miesen, hektisch notierten Text vertieft.
     Der sechste Stock ist verwaist, schwaches Licht fällt durch drei kleine Kippfenster in den langen Gang. In einer halben Stunde geht der Bürobetrieb wieder los, aber lieber vor Salvatores Tür warten, als umherirren und Zeit totschlagen, hier kann er noch ein bisschen Mut sammeln.
     Vor der Nummer 604 sorgt die halb geöffnete Tür für eine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Er will noch nicht hineingehen, er ist noch nicht so weit, hat den Text noch nicht ausgefeilt. Andererseits ... Er holt tief Luft und tritt leise ein. Das schwüle Vorzimmer ist unbesetzt, mit alten Sesseln und einem schimmligen Teppich ausgeschmückt, auf der Fensterbank sitzen Tauben. Er hört Stimmen aus Salvatores Büro und beschließt, sich hinter die Tür zu stellen und das Ohr anzulegen.

     "Wie krass, in der Hydromassagewanne?"
     Salvatore sitzt am Schreibtisch und lehnt sich bequem zurück, bevor er die Frage bejaht, die sein Gegenüber gestellt hat. Salvatore ist etwa sechzig Jahre alt und hat einen ausgeprägten Tast- und Geschmackssinn. Ein ziemlich verschlagener und in seinen Entscheidungen abwägender Kerl.
     "Er hat zwei Mal auf die Frau geschossen. Einmal mitten in die Stirn, bamm!, dann direkt ins Herz. Dabei ist das Silikon geplatzt und literweise in die Wanne geflossen," sagt Salvatore. "Er hat zugesehen, wie die Soße aus den Eutern dieser Schlampe lief, und an das Vermögen denken müssen, das da gerade zerrann."
     Der alte Fuchs ist heute Morgen bestens gelaunt, was gar nicht so selten vorkommt. "Und der Typ? Was ist mit ihm passiert?" "Den hat er laufen lassen. Aber vorher hat er ihn noch am Busen der toten Frau nuckeln und das ganze Silikon aussaugen lassen." Salvatore guillotiniert das Ende einer Zigarre. "Er wird an der Vergiftung gestorben sein, der arme Hund." "Oder Titten bekommen haben," fügt der Mann vor ihm hinzu.
     Salvatore trinkt im Schein der gelben Lampe schlückchenweise seinen Kaffee und isst ein Stück Orangenkuchen. Ihm gegenüber sitzt Aluísio, der zu allem fähig ist, sei es ins Land einzureisen oder auch wieder hinaus, sogar im Hintern seiner Frau Greice Sally, einem Pornostar, deren Po Aluísio bei gewissen Geschäften als Hintertürchen dient. Dieser Hintern macht ihn stolz, er hat ein wahres Vermögen an Edelsteinen, Mikrofilmen und Computerchips über so manchen Ozean transportiert. Dank der Informationen in ihrem Anus wurde sogar ein Präsident abgesetzt. Greice Sally - Verschwörerin, Terroristin, Agentin. Seit einigen Jahren schon behandelt er ihr Hinterteil mit allergrößter Sorgfalt: nur das beste Toilettenpapier, bequem gepolsterte Klobrillen, Massagen, Lymphdrainagen und tägliches Training der relevanten Muskeln - Pompoir genannt.
"     Nehmen wir also an ...", Salvatore rückt seine Brille zurecht, "dass Senhor Zeferino an anderen Verhandlungsführern interessiert ist. Selbstverständlich nur eine Vermutung." Worauf Aluísio mit Bestimmtheit antwortet, er glaube kaum, dass es einen besseren geben könne. "Ja klar", sagt Salvatore knapp und zieht ein paar Mal an seiner Zigarre, einer ziemlich auffälligen, gelbgrünen Churchill.
     Aluísio öffnet einen kleinen Alukoffer, der auf dem Tisch steht. Er ist leer. "Salvatore, altes Haus, heute bist du wirklich unausstehlich. Was für ein bescheidener Scherz!" Salvatore zieht die Augenbrauen hoch und spitzt zynisch die Lippen. "Nanu, er ist leer? Diese verdammten Tauben", er zeigt zum Fenster, "sie müssen dein Geld gefuttert haben. Dachten wohl, es wären Brotkrümel. Die kriegen nie genug, diese Hungerleider."
     Er steht auf und bröselt etwas Orangenkuchen aufs Fensterbrett, dabei gurrt er die Vögel an. Aluísio schaut schweigsam Salvatores zärtlichen Gesten zu, der ihm, je liebevoller er zu den Vögeln ist, umso grausamer vorkommt. Dann will er aufstehen, aber Salvatore lässt durchblicken, dass er sitzenbleiben soll.
     "Unglaublich, wie sich diese Biester vermehren", verkündet Salvatore bewegt. "Die Ratten kümmern sich um die Abwasserrohre, Gossen und hintersten Winkel des Untergrunds, doch marginalisiert, wie sie sind, müssen sie die Überbleibsel von den Müllhalden und aus der Kanalisation mitgehen lassen. Die Tauben dagegen beherrschen die Höhen: Von Kirchen, Türmen, Dächern und Masten belauern sie uns; wenn sie nicht gerade herabfliegen, zwischen uns herumtippeln und die Krumen aus unseren Händen picken. Und dann revanchieren sie sich, indem sie uns auf die Köpfe kacken. Eine undankbare Bande, nicht wahr?"
     Aluísio schaut betreten und presst die Finger zusammen. "Ich hatte keine bösen Absichten, Salvatore, es war ein Fehler, ich weiß. Ich bin schwach geworden, ja, ich hatte einen Schwächemoment", sagt er nervös. "Ein ziemlich kostspieliger Schwächemoment, findest du nicht?", erwidert Salvatore. "Ich werde für jeden Centavo aufkommen. Das ganze Geld zurückgeben." Wieder versucht er aufzustehen. Und wieder hält ihn eine sanfte Geste Salvatores davon ab.
     "Dieser leere Koffer hier? Ist deine Bezahlung. Abzug der Unkosten, Lohnkürzung - all die unerfreulichen Dinge eben, auf die sich nur die in der Kanalisation herumwühlenden Ratten verstehen. Sehr schade, Aluísio, wo du doch so gut bist. Aber du kannst es einfach nicht lassen, dich diesen verdammten Vögeln gleichzumachen. Frisst uns aus der Hand und scheißt uns auf den Kopf."
     Die Wucht des schallgedämpften Schusses schleudert Aluísios Körper nach hinten. Der Boden erzittert bis zu Amadeus Füßen.
     Mühsam beugt sich Salvatore über Aluísio und fühlt seinen Puls. Als er sich wieder aufrichtet, denkt er ans verfluchte Alter, an sein Gewicht, und dass er besser auf sich aufpassen, ein bisschen Sport machen sollte. Er nimmt einen letzten Schluck von seinem kalten Kaffee und telefoniert. "Ist erledigt. In einer halben Stunde kommt meine Masseurin. Also beeil dich."
     Schwankungen in der Stimme lassen Amadeu nur abgehackte Wörter verstehen, aus dem Zusammenhang gerissen vom Getöse und Gegurre der Tauben auf der Fensterbank im Vorzimmer. Doch deutlich kann er hören: "Ist erledigt" und "Beeil dich."
     Regungslos verharrt er vor der Tür und sieht auf die Uhr. Vermutlich wird die Sekretärin bald auftauchen. Er weiß nicht, dass sie an diesem Tag frei hat, und überlegt zu gehen, bevor am Ende noch die Tür aufgeht. Es fühlt sich gepeinigt. Kurzatmig und verschreckt knetet er seine Hände. Er ist ziemlich mies im Improvisieren, aber er riskiert es und legt sein Ohr wieder an die Tür.
     Salvatore bekommt keine Luft, setzt sich hin und knöpft sein Hemd auf. Er öffnet den zweiten Fensterflügel und atmet schwer. In zehn Minuten würde jemand kommen, um Aluísio mitzunehmen, sonst bleibt Salvatore heute nichts mehr zu tun. Diese Unpässlichkeit jedoch hat er nicht eingeplant. Die Tauben tippeln aufgeregt auf der Fensterbank herum, schwarz und grau, ohne jede Spur von Reinheit oder Frieden.
     Sein Blick fällt auf den am Boden hingestreckten Aluísio, er geht näher heran. Eine saubere Arbeit! Das Loch in der Stirn sieht aus wie ein perfekter Kreis, und auf dem Gesicht des Mannes liegt Gelassenheit. Salvatore hat festgestellt, dass es genügt, ein paar Minuten lang das Gesicht eines Toten zu betrachten. Wenn es angespannt ist, dann Himmel sei Dank, dass er tot ist: ein echt verschlagener Hund. Wenn es gelassen wirkt, dann hat derjenige bloß einen Fehler begangen, eine lausige Strategie verfolgt. Hier liegt ein guter Mann. Ja, Aluísio war ein schlechter Stratege, und es tröstet Salvatore, dass er nie Wind von der Sache zwischen Greice Sally und Zeferino Manches bekommen hat. Ein Trost, den er für sich behält.
     Plötzlich ein scharfer Stich auf der linken Brustseite, der immer stärker wird und in den Arm zieht. Eine Hälfte seines Körpers erstarrt, er stürzt grunzend zu Boden. Ein paar Sekunden später atmet er nicht mehr. Vernichtend. Unerbittlich. Sein angespanntes Gesicht ist verzerrt.
     Der zweite Aufprall lässt den Boden noch stärker erbeben. Amadeu wartet einen Moment, verfolgt den Zeiger auf der Uhr, dann öffnet er die Tür zum Büro: Aluísio halb auf dem Stuhl, halb auf dem Boden, ein Loch in der Stirn. Salvatore hinter dem Tisch, verzerrter Mund, vor Schreck entstelltes Gesicht. Am Fenster tippeln zwei schwarze Tauben hin und her und beobachten das Geschehen.
     Mit der Hand vor dem Mund hält er einen jähen Brechreiz zurück. Der leere Koffer steht blutverspritzt auf dem Tisch, am Boden liegt, gleich neben den Füßen von Salvatore, eine halb geöffnete Sporttasche aus rotem Nylon. Amadeu bückt sich, macht sie ganz auf, und auf den ersten Blick kann er nichts damit anfangen. Kleine, sorgfältig verschlossene Päckchen. Päckchen, bei denen er nicht sofort weiß, worum es sich handelt, Päckchen, von denen er noch nicht ahnt, dass sie einige Leben verändern werden. Amadeu und die heikle Macke seines trägen Urteilsvermögens.
     Er sieht zu den Leichen hinüber. Innerhalb von dreißig Sekunden ziehen noch einmal all die großen Momente seines Lebens an ihm vorbei, all die Hunde, die er gewaschen, die Klos, die er geputzt hat, die Lohnabzüge für zerbrochene Teller, die Kisten, die er in Supermärkten gestapelt, all die Schlampen, denen er es jede Woche besorgt hat, die Münder, die an seinem passablen Penis gesaugt haben und vor allem die Frau, wegen der er hier ist. Dreißig Sekunden genügen, um an göttliche Vorsehung zu glauben. Und an die kleinen weißen Päckchen in der roten Tasche. Ihm lacht das Glück zu, ein Mund mit vielen weißen Zähnen und sinnlichen Lippen. Es ist nicht in Ordnung, das zu tun, was er jetzt tun wird, aber was bitte ist in seinem Leben schon in Ordnung gewesen? In seiner ganzen Laufbahn hat er bisher nur Punkte gesammelt, die nicht in Ordnung waren, nun würde er das beenden und sein Glück beim Schopf packen, egal ob illegal.
     "Ist schon erledigt. Beeil dich." Bald würde jemand kommen, um diesen Saustall aufzuräumen, und der tote Salvatore würde gewaltig Aufregung erzeugen. Eine einzigartige Chance, gleich wie sie aussieht. Und wie er die zwei Männer auf dem Boden betrachtet, wird ihm klar, dass es keine große Tragödie ist. Wie viele mochten sie wohl getötet, betrogen und beraubt haben? Plötzlich ist alles sehr einfach, und ein Quäntchen Mut kommt noch dazu. Das hier ist definitiv nicht sein Problem.
     Er nimmt die Tasche, wirft sie sich über die Schulter und wischt mit dem Hemdsärmel die Stellen ab, die er berührt haben könnte. In Büro und Vorzimmer reibt er über die Klinken. Dabei achtet er darauf, die Vorzimmertür halb offen stehen zu lassen, genau so, wie er sie vorgefunden hat.
     Schritte und Türenschlagen hallen durch den Korridor des sechsten Stocks. Angesichts des Aufzugs entscheidet er sich für die Treppe. Als er in den dritten Stock gelangt, kommt ihm ein großer, etwa fünfunddreißig Jahre alter und korrekt in Schwarz gekleideter Mann entgegen, mustert ihn einen Moment lang mit hartem Blick und geht ohne Eile weiter.
     Amadeu stürzt hastig die Stufen hinunter und rutscht drei Mal aus, bevor er im Erdgeschoss anlangt. Er überquert die Straße, steigt ins erstbeste Taxi, dreht sich noch einmal um und wirft einen letzten Blick auf das Gebäude. Dann hält das Taxi neben all den anderen an der roten Ampel. Amadeu atmet erleichtert auf, doch da bemerkt er den gut gekleideten Mann am Eingang, dessen suchender Blick in alle Richtungen schweift. Die Ampel wird grün, das Taxi fährt los, er presst die rote Tasche an seine Brust und kann, durch jedes einzelne Päckchen und das Nylon der Tasche hindurch, sein Herz klopfen spüren.

zu Teil 2