Vorgeblättert

Leseprobe zu Abdellah Taïa: Der Tag des Königs. Teil 3

15.03.2012.
Bouhaydoura war nicht sehr alt. Er trug keinen Bart. Er war keineswegs der alte Herr, den ich mir vorgestellt hatte. Der Mythos, der ihn in Salé umrankte, traf nicht ganz zu. Und das war eine Überraschung.
Um die vierzig. Groß, dünn, lange Nase. Sehr weiße Haut. Schwarze Augen. Kurz geschnittene Haare. Elegant in seiner hellblauen Sommer-Dschellaba. Bouhaydoura wirkte wie ein ganz und gar moderner Mann, der mit der Zeit geht. Respektabel, intelligent, geistreich. Ein Mann aus Fleisch und Blut. Kein Hexenmeister aus dem Mittelalter. Er flößte sofort Vertrauen ein.
Der Raum, in dem er uns empfing, war leer. Dunkel. Nur ein sehr alter großer, roter und billiger Teppich lag auf dem Boden. Hinter Bouhaydoura, als einzige Lichtquelle, drei kleine grüne Kerzen mit zaghaften Flammen.
Er hielt keinen Rosenkranz in der Hand. Vor ihm standen keine Weihrauchgefäße. Auf den ersten Blick hatte er kein besonderes Utensil, um seinen Beruf auszuüben. Sein Körper war sein einziges Werkzeug. Nur er bildete seine Macht und seine Verbindung mit den Dschinns, nur er war sein Reichtum und sein Ansehen. Doch reichte das aus? Bouhaydoura war ein erstaunlicher Mann. Jenseits des Mythos. Er schien all dessen entledigt, was ihn bei der Arbeit hätte stören können. Er hielt sich an das Wesentliche. Er war da. In Wartehaltung. Demütig.
Als mein Vater und ich den Raum betraten, sah ich nur die groben Umrisse seines weißblauen Körpers im Dunkeln.
Aus der Nähe sah sein Gesicht völlig anders aus.Wie das eines Irren? Eines Heimatlosen? Eines Gepeinigten? Eines Besessenen? Eines Poeten? Eines Dissidenten? Eines Königs?
Ein zerfurchtes Gesicht. Verbraucht.
Ein Gesicht, das Hiebe abbekommen hat.
Ein Gesicht, das auch weiterhin glaubt. Das bereit ist zu lächeln, trotz des Schmerzes.
Ein Gesicht, das zurückgekehrt ist.
Er wurde erwartet. Man hatte ihn nicht vergessen. Das wusste er.
Aus der Nähe war er nicht nur dünn, sondern sehr mager. Die vier Jahre im Gefängnis hatten Spuren hinterlassen. Bouhaydoura war nur noch Haut und Knochen. Aber schön. Schön und weiß wie ein Heiliger.
Aus der Nähe entdeckte man endlich sein Geheimnis. Seine Haydoura.
Das war sein kleiner, aus einem Schaffell bestehender Teppich. Angeblich sollte sie weiß sein. In Wirklichkeit war sie aber schwarz. Alt. Ein eigener, persönlicher Teppich, der aus weiter Ferne kam, aus einer anderen Zeit, aus anderen Jahrhunderten. Gar aus einer anderen Welt? Eine magische Haydoura, die unserem Hexenmeister seine Macht, seinen Platz auf der Welt und zugleich seinen Namen verlieh. Seinen Spitznamen: Bou Haydoura. Bouhaydoura saß auf seinem Teppich, hob und senkte bedächtig den Kopf und befand sich im Gedankenaustausch.
Mein Vater und ich beobachteten ihn eine Zeit lang fasziniert und eingeschüchtert.Wir durften ihn keinesfalls unterbrechen, ihn durcheinanderbringen, ihn auf uns aufmerksam machen. Wir warteten. Schweigend. Betend. Mein Vater hatte die Augen geschlossen. Seine Lippen bewegten sich. Er sprach mit sich selbst. Er formulierte vor, was er Bouhaydoura sagen wollte.

Später, als er vor ihm saß, stürzte sich mein Vater auf Bouhaydouras Hände und küsste sie mit aufrichtigem Eifer. Es war keine Unterwürfigkeit. Es war ein Zeichen des Vertrauens. Der Dankbarkeit. Der Brüderlichkeit. Mein Vater streckte die Waffen. Nein, nein, er würde jetzt nicht weinen. Vor diesem Magier gestand er seine Niederlage ein, bat um Hilfe. Die Hilfe eines anderen Mannes, wie er und doch nicht wie er. Vor Bouhaydoura konnte sich mein Vater in seiner Blöße zeigen. Er wusste, dass er nicht verurteilt, verachtet, gedemütigt werden würde. Auch so konnte ein Mann sein. Zeitweise.
Bouhaydoura, derartige Sympathiebekundungen zweifellos gewohnt, ließ es mit sich geschehen. Er streckte meinem Vater die Hände hin. Der sie so lange wie möglich umschlossen hielt.
Ich aber sagte nichts. Ich tat nichts. Ich hielt mich dicht bei meinem Vater, beobachtete, was sich vor mir abspiel- te, und versuchte zu verstehen. Natürlich begriff ich nicht alles. Die Welt war anders als die, die mir beigebracht worden war. Zwei Männer, zwei Väter, erlaubten sich vor meinen Augen, vor mir treuherzigem Zeugen, unmögliche, anderswo undenkbare Gebärden.
Bei Bouhaydoura wurde die Welt neu erfunden, ihre Gesetze, ihre Strukturen. Ihre Waffen. Man fing wieder bei null an.
Ich sagte nichts. Ich glaubte nicht an dieselben Dinge wie mein Vater.Was sich aber vor mir zutrug,war ungewöhnlich und gewaltig genug, um mich zu erschüttern, zu prägen.Und um auch mich eines schönes Tages zum Weinen zu bringen.

"Wo ist sie jetzt?", fragte Bouhaydoura.
"In ihrem Kaff in der Nähe von Azemmour."

"Seit wann?"
"Seit gestern."
"Erst seit gestern?"
"Nein,Verzeihung.Was sage ich da? Was habe ich gesagt? Gestern? Nein … Sie ist seit … zwei … drei Monaten weg. Genau, seit drei Monaten."
"Das ist nicht viel, drei Monate."
"Es ist nicht das erste Mal, Sidi. Sie hat die Flucht ergriffen. Ich habe das Gefühl, es ist endgültig. Ich weiß es. Sie wird nicht wiederkommen. Ich bin zu nichts fähig, zu nichts, ohne sie. Ich bin ohne sie kein Mann mehr. Helft mir. Ich bin zu allem bereit."
"Haben Sie etwas mitgebracht, was sie hinterlassen hat, Unterwäsche zum Beispiel?"
"Es war sehr schwierig,welche zu finden, Sidi. Sie ist listig. Sie hat alle ihre Sachen mitgenommen. Die Unterhose, die ich schließlich letzte Nacht gefunden habe, ist leider sauber. Tut mir leid. Tut mir leid. Ist es Euch möglich, Eure Arbeit zu machen, auch wenn die Unterwäsche sauber ist? Ist das möglich?"
"Alles ist möglich. Man muss es nur beschließen."
"Sie hat mich verlassen. Einfach sitzenlassen. Sie ist zu ihrer ersten Liebe zurückgekehrt. Zur Prostitution. Ich halte das nicht aus. Ich bin völlig kopflos. Sie ist nun sicher überglücklich mit ihren Schwestern, ihren Kusinen, ihrer Mutter, ihrer Großmutter. Ihre Familie besteht nur aus Frauen. Sie sind . . . Sie sind alle . . . Pardon, es vor Euch zu sagen, Sidi . . . Alle sind Huren. Dreckige Huren. Ganz dreckige . . . Puffmütter. Genau das, was ich nicht ausstehen kann.Heute, meine ich. Aber als ich sie kennenlernte, in der Nähe des Mausoleums des heiligen Moulay Bouchaib, gefiel mir genau das besonders an ihr.Und es gefällt mir noch immer an ihr. Eine Hure. Pardon, Sidi, pardon.

Eine Hure. Damals eine Hure für die anderen, für alle anderen.Dann, dank eines Fquihs, der in ihrem Dorf die Heiratsurkunde ausstellte, für mich.Meine Frau ist eine Hure. Pardon, Sidi, pardon. Eine ehemalige Hure. Ich habe sie aus ihrem Milieu weggebracht. Ich nahm sie mit hierher nach Salé, wo sie niemanden kannte. Ich verwahrte sie gut, meine Frau. Fast immer eingeschlossen. Ich hatte Angst, Sidi, die anderen könnten sie mir wegnehmen. Ab und zu habe ich sie vielleicht schlecht behandelt. Ich habe sie auch geschlagen, in manchen durchzechten Nächten. Ich habe sie auch zuweilen beschimpft. An ihre Vergangenheit als Prostituierte erinnert. Aber es ging immer glimpflich ab. Schließlich gehörte sie doch mir. Sie war meine Hure. Deswegen liebte ich sie ja auch. Euch, Sidi, muss ich die Wahrheit sagen. Ich war stolz darauf, eine Frau wie sie zu haben. Sie abgerichtet zu haben, gut abgerichtet. Das glaubte ich jedenfalls."
"Was willst du also von mir?"
"Sie wiederfinden. Sie soll zurückkommen. Sie soll zurückkommen, wie sie ist, wie damals. Ich werde dieses Mal alles hinnehmen, aber sie soll zurückkommen. Ohne sie bin ich nichts. Ohne sie kann ich nichts. Ich verstehe sie nicht. Ich verstehe sie nicht. Ich will sie, wie sie ist. Ist das möglich, Sidi? Ihr seid mächtig, das sagen alle. Eure Rückkehr wurde voller Ungeduld erwartet. Helft mir! Helft mir!"
"Ihnen helfen! Schon gut, schon gut. Und wobei genau?" "Sie zurückzuholen."
"Sie zurückzuholen ist einfach. Sie bei Ihnen zu behalten wird weitaus schwieriger werden."
"Also, was tun? Ich bin zu allem bereit. Ich bin zu allem bereit. Ich will sie, ich will sie. Die Welt ist nicht für den Mann allein geschaffen. Ein Mann wie ich ohne Frau!

Ich kann so nicht leben, in diesem andauernden Schmerz, in ihrer Abwesenheit. Ein Mann ist nichts, ein Mann ist leer, nackt, lächerlich, ohne eine Frau. Es ist peinlich, was ich sage, nicht? Aber ich pfeife drauf. Zum ersten Mal in meinem Leben pfeife ich auf die anderen. Ich pfeife auf meine Familie, auf meine Brüder, auf meine Onkel, auf meine Freunde. Sollen sie hinter meinem Rücken sagen, was sie wollen. Niemand zählt für mich so sehr wie sie. Ich wusste es. Tag um Tag wird es mir bewusster. Sie ist alles für mich. Alles. Absolut alles. Deshalb wollte ich sie für mich allein behalten. Und keiner darf sie sehen. Sie muss immer zu Hause bleiben, immer für mich. Und darf nicht ausgehen. Sie gehört mir. Mir gefällt, dass sie mir allein gehört, mir allein."
"Schon gut, schon gut."
"Männer sind eben so, oder etwa nicht?" "Männer?"
"Ja, sagt es doch … sagt es mir. Von Euch, Sidi, akzeptiere ich alles, Ihr seid die Wahrheit, die ich …"
"Da irren Sie sich. Haben Sie meine Getreuen gesehen?"
"Ja."
"Nur Frauen."
"Ja, Sidi."
"Also bitte."
"Ich verstehe nicht."
"Eines Tages werden Sie es verstehen."
"Eines Tages? Aber dann ist es vielleicht schon zu spät … Heute will ich die Wahrheit."
"Die Wahrheit ist nicht meine Aufgabe."
"Pardon, Sidi, pardon. Ich falle Euch mit meinem Unglück lästig, pardon. Ich will ja nur, dass sie wieder nach Hause kommt. Dieses Mal werde ich mit ihr sprechen.

Ich werde mit ihr sprechen. Ich schwöre es. Ich werde mit ihr sprechen."
"Machen Sie mir keine Versprechungen. Geben Sie mir die Unterhose Ihrer Frau.Wir beginnen mit der Arbeit." "Sie ist nicht schmutzig. Tut mir wirklich leid."
"Keine Sorge. Ich weiß, was ich tue."
"Tut ihr aber nicht zu sehr weh, Sidi."
"Weh?"
"Nur ein bisschen …Sie soll verstehen … Sie soll zurückkommen .. Sie soll wieder vernünftig und fügsam werden. Eine Frau wie alle anderen. Nun ja, nicht wie die anderen. Ich will sie, wie sie ist, aber für mich, für mich."
"Pst! Ruhe!"
"Pst! Gut, Sidi, in Ordnung. Ich halte den Mund. Ich bin ja schon weg. Ich existiere nicht mehr."
"Pst! Ich arbeite."
"Pst, ja, Sidi ..."
"Wie heißt sie?"
"Zhor."
"Und ihre Mutter?"
"Fatima . . ."
"Zhor Bent Fatima."

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

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