Vorgeblättert

Leseprobe zu Aatish Taseer: Terra Islamica. Teil 1

18.01.2010.
Beeston und der Brief meines Vaters

Der farbenfrohe Zug, der mich an einem trüben grauen Vormittag des Jahres 2005 in den Norden brachte, fuhr nach Leeds. Ich war fünfundzwanzig und lebte seit einem Jahr in London. Ein paar Tage zuvor hatte eine Gruppe britischer Pakistanis Bombenanschläge
auf Busse und U-Bahn-Züge in London verübt. Die meisten der Attentäter stammten aus Beeston, einem Vorort von Leeds.
     Beeston mit seinen Doppelhaushälften aus Dunkelrotem Backstein kam mit dem plötzlichen öffentlichen Interesse nur schwer zurecht. Presseleute aus der ganzen Welt belagerten mit ihren Fernsehkameras und Übertragungswagen die stillen Wohnstraßen. Auch Polizisten waren in großer Zahl gekommen, und die Einwohner, plötzlich konfrontiert mit Blitzlichtgewitter, gelben Absperrungsbändern und kontrollierten Explosionen, zogen sich entweder in ihre Häuser zurück oder fanden Gefallen daran, mit der Presse zu reden. Die Mehrheit von ihnen waren Punjabis - Muslime und Sikhs, Pakistanis und Inder in der bunten Mischung eines ungeteilten Indien, das längst nicht mehr existierte.
     Während ich durch Beeston streifte und Leute interviewte, wurde mir bewusst, dass es einen Bruch zwischen den muslimischen Generationen gab, der mir bei meinen bisherigen Reisen in England nie aufgefallen war. Die Älteren sahen aus, als kämen sie direkt von einem Basar in Lahore. Sie trugen das lange Kamiz und den sackartigen Salwar des Punjab. Punjabi war die Sprache, die sie am besten beherrschten. Und obwohl sie gegen die Beteiligung Großbritanniens am Irakkrieg waren und Amerika hassten, waren sie doch viel zu gemäßigt, um sich dem Extremismus zu verschreiben. Als Migranten aus Pakistan hatten sie nicht vergessen, wie hart erkämpft ihr wirtschaftlicher Wohlstand war.
     Ihre Kinder waren ihnen - und auch mir - fremd. Manche trugen lange arabische Gewänder und nach islamischer Vorschrift gestutzte Bärte. Ihnen fehlten der natürliche Humor und die selbstverständliche Offenheit ihrer Eltern. Ihr Hass auf den Westen war so allumfassend wie diffus. Einer von ihnen stellte eine Kiste in einer Ecke des elterlichen Ladens ab. Er hatte kleine, harte Augen und trug einen schwarzen Vollbart, ein graues Gewand und ein kleines weißes Käppchen. Fast wie ein Phantasiekostüm. Ich fragte ihn, warum er sich so kleide.
     "Das ist meine traditionelle Tracht", gab er kühl zurück, auf Englisch.
     "Trägt die nicht Ihr Vater?", fragte ich.
     "Schon, aber dies hier ist das islamische Gewand."
     Sein Vater wirkte peinlich berührt.
     Ein älterer Mann neben mir gluckste: "Ich habe meinem Nachbarn mein Leid geklagt, dass mein Sohn stinkfaul ist, und der Nachbar meinte: 'Du findest das schlimm, aber meiner hat sich einen Bart wachsen lassen und ist ein maulvi, ein Geistlicher, geworden.'" 'Die scherzhafte Bemerkung war speziell für mich bestimmt, weil auf dem indischen Subkontinent der maulvi das Objekt von Spott und Geringschätzung ist.
     In Beeston konnte man deutlich spüren, dass eine ganze Generation kleiner maulvis im Norden Großbritanniens herangewachsen war. Das fiel mir in jenem Jahr immer wieder auf, wenn ich in England mit britischen Pakistanis der zweiten Generation sprach. Die kurze Unterhaltung mit den Männern im Laden an der Ecke spiegelte im Kleinen die Unterschiede zwischen den beiden Generationen. Weder die eine noch die andere fühlte sich britisch im eigentlichen Sinn, doch die ältere Generation hatte sich die Identität ihres Herkunftslandes bewahrt und strebte nach wirtschaftlichem Erfolg und Wohlstand. Die jüngere Generation war entwurzelt und fühlte sich weder britisch noch pakistanisch. Der wirtschaftliche Ehrgeiz ihrer Eltern war ihnen fremd, und ihre übernationale islamische Identität war von einem Gefühl der Kränkung durchdrungen.
     Ein stattlicher, ernster Mann, der einen kleinen Lebensmittelladen besaß und die Bombenattentäter gekannt hatte, sagte: "Sie sind hier geboren und aufgewachsen. Wir haben uns abgerackert, während diese Jungs keine Sorgen kannten. Sie langweilen sich, statt zu arbeiten. Sie haben kein Ehrgefühl und fühlen sich nirgendwo zugehörig."
     Ein paar Tage später, im Zug nach Hause, dachte ich über die Geschichte dieser jungen Leute nach. Sie begann mit dem Gefühl des Entwurzeltseins, das ich selbst auch empfand, und mündete in die Entdeckung des radikalen Islam, der mir weitgehend unbekannt war. Dieses biographische Muster war mir erstmals ein Jahr zuvor aufgefallen, als ich Hassan Butt traf, einen jungen britischen Pakistani und einstigen Sprecher der Extremistengruppe al-Muhajirun, die junge Männer für den Kampf in Afghanistan anwarb. Butt hat dieser Darstellung später widersprochen, wurde jedoch 2008 festgenommen, als er nach Lahore reisen wollte. Wir hatten uns in einem indischen Restaurant auf der Curry Mile von Manchester verabredet. Butt war untersetzt und kräftig gebaut, ein freundlicher, aber ernster junger Mann. Er war genauso alt wie ich und zog mich nicht zuletzt deshalb ins Vertrauen, weil er mich wegen meines muslimischen Vaters als Muslim ansah.
     Sein Glaubenseifer war grenzenlos. "Vor tausendvierhundert Jahren", sagte er, "gab es einen kleinen Stadtstaat namens Medina, und innerhalb von zehn Jahren breitete sich der Islam unter dem Propheten nach Ägypten und bis nach Persien aus. Ich sehe keinen Grund, warum das Banner des Islam nicht eines Tages über dem Rest der Welt, über dem Weißen Haus und der Downing Street Nummer 10 wehen sollte." Es waren bestimmte Ähnlichkeiten Butts mit mir - sein Alter, die geteilten Welten, die er kennengelernt hatte - und seine Freundlichkeit, die mich zu ihm hinzogen. Gleichzeitig schuf seine religiöse Überzeugung eine Distanz zwischen uns. Am Schluss fragte ich ihn: "Was nun? Du bist so alt wie ich, wie willst du jetzt weitermachen?"
     "Immer eins nach dem anderen", antwortete er. "Ich werde bis zum Äußersten dafür kämpfen, meinen Pass zurückzubekommen [den ihm die britischen Behörden weggenommen hatten]. Je schneller ich ihn wiederhabe, desto schneller geht es mit meinem Aktionsplan voran, den ich zusammen mit einer Gruppe Gleichgesinnter durchführen will ... Seit ich mich von al-Muhajirun abgewandt habe, widme ich mich ganz dieser Gruppe. Wir sind zu neunt und wollen niemanden mehr aufnehmen, denn wir haben dieselben Ideen, dieselben Vorstellungen. Vielleicht wird jeder von uns eine andere Aufgabe übernehmen, aber gemeinsam geht es uns um etwas Größeres. Sobald ich meinen Pass wiederhabe, möchte ich auf jeden Fall, inschallah, dem Islam der Zukunft ein Gesicht geben. Etwas, das den Muslimen seit langer Zeit fehlt. Und ich sage das nicht aus Stolz, nicht aus Arroganz oder Ehrgeiz, sondern weil ich glaube, dass ich die Fähigkeit dazu habe. Und ich bete zu Allah, dass ich in dieser Fähigkeit wachse."
     Seine Antwort verstärkte noch die Distanz zwischen uns. Mein über die Jahre planlos gewachsenes, diffuses Bewusstsein dafür, ein Muslim zu sein, reichte nicht aus, um mich dem religiösen Glauben zu verschreiben, von dem Butt erfüllt war.
     Als ich jetzt von Leeds nach London zurückfuhr, erkannte ich, wie wenig ich vom Islam wusste. Ich wusste, dass die jungen Männer, mit denen ich in Beeston gesprochen hatte, und auch Butt sich weder als Briten noch als Pakistanis fühlten, dass sie das Migrantendasein ihrer Eltern ablehnten und sich als Muslime von all diesen Dingen frei wähnten. Ich dagegen mit meiner eher vagen Vorstellung dessen, was es bedeutete, Muslim zu sein, mit meiner Ahnungslosigkeit bezüglich des heiligen Buchs, der Überlieferungen und der Totalität des Islam, konnte die übernationale Identität der jungen Männer von Beeston und auch Butts Identitätsgefühl unmöglich verstehen. Ich würde niemals fähig sein zu begreifen, wie der Islam an die Stelle einer nationalen Identität treten konnte. Meine persönliche Erfahrung mit dem Islam war eine große Leerstelle. Und trotzdem war ich irgendwie doch ein Muslim.
     So war ich allenfalls ahnungsweise mit der Aggression, Bindungslosigkeit und Unruhe dieser jungen Männer in Berührung gekommen, als ich nach London zurückkehrte. Und mit dem vagen Gefühl, dass der Islam für sie ein Vakuum füllte, welches das Scheitern anderer Identitäten hinterlassen hatte, schrieb ich meinen Artikel. Es war eine Bestandsaufnahme all meiner Erfahrungen mit dem radikalen Islam in Großbritannien. Ich schrieb, dass die britischen Pakistanis der zweiten Generation aufgrund ihrer spezifischen Entfremdung, aufgrund ihrer an vielen Fronten gescheiterten Identitätssuche zum Inbegriff des islamischen Extremismus in Großbritannien geworden seien. Der Artikel erschien zusammen mit dem Interview, das ich mit Hassan Butt geführt hatte, als Titelgeschichte eines politischen Magazins in Großbritannien.' Voller Stolz auf meine erste Titelgeschichte schickte ich meinem Vater ein Exemplar der Zeitschrift.
     Als Antwort kam ein Brief, der erste, den er mir jemals geschrieben hatte. Meine freudige Erregung wich schnell einem Gefühl der Kränkung und des Angegriffenseins. Er warf mir vor, ich sei voller Vorurteile; ich besäße nicht einmal eine "oberflächliche Kenntnis des pakistanischen Ethos" und verunglimpfe seinen Namen:

Der islamische Extremismus ist ein gefährliches Gift wie der Extremismus der IRA und des RSS [einer nationalistischen Hindu-Partei]. Schuld daran, dass er solchen Zulauf findet, tragen Palästina und der Irak. Wenn man die Hindus bombardiert, ihr Land besetzt und sie demütigt, reagieren sie genauso ... Indem Du Dich als einen "indischen Pakistani" ausgibst, verleihst Du dieser beleidigenden Propaganda Glaubwürdigkeit, als wüsste hier einer über alles Bescheid.

Er kam auf Cricket zu sprechen, das auf dem Subkontinent seit jeher ein Auslöser von Krieg und Gewalt gewesen war: "Sieh Dir nur an, wie sich die Massen in Lahore verhielten, als sie ein Testmatch verloren, und vergleiche damit das Verhalten der 'Lala-Massen' in Delhi. Der Minderwertigkeitskomplex der Hindus scheint tief verwurzelt. "Ein lala ist ein Kaufmann, und mit dieser Bemerkung zeigte mein Vater, wie stark er selber von Vorurteilen geprägt war, von jenen für Pakistan typischen Vorurteilen, denen zufolge die Hindus gerissene Ladenbesitzer waren, weniger wert, schwächer, dunkelhäutiger und feiger als Muslime. "Wie froh bin ich, dass du kein kleiner schwarzer Hindu bist", sagte meine Halbschwester des Öfteren lachend zu mir. Und "ich hasse diese bescheuerten Hindus, Mann" erklärte einmal mein Halbbruder. Die Pakistanis, mehrheitlich vom Hinduismus zum Islam konvertiert, lebten mit der Fiktion, sie seien die Nachkommen von Persern, Afghanen und anderen Völkern, die einst das hinduistische Indien beherrscht hatten.

Teil 2