Vorgeblättert

Kunzru: Die Wandlungen des Pran Nath, Teil 2

Wie jedes Jahr hat der Wind stetig aus Südwesten geweht, seine Fracht aus feuchtweicher Luft über die Ebene gewälzt und sie hart gegen die Berge prallen lassen. Tagelang, wochenlang hat sich die Luft durch die Täler in die Höhe geschoben, sich abgekühlt und ist in gewaltigen Kondenswassertürmen über die Gipfel gewirbelt. Nun sind diese hängenden Wolkengärten so reif, dass sie nicht mehr an sich halten können.
Und so fällt Regen.
Er geht zuerst über den Bergen nieder, Wassermassen von unvorstellbarer Wucht. Hirten und Holzfäller, die er im Freien erwischt, ziehen sich ihre Tücher über die Köpfe und suchen rennend Deckung. Dann rollt der Regen in einer Kettenreaktion, die sich von Wolke zu Wolke fortsetzt, über die Vorgebirge, löscht Feuer, prasselt auf Dächer und zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen, die nach draußen laufen, um ihn zu begrüßen, das Wasser, auf das sie so lange gewartet haben.
Schließlich gelangt er in die Wüste. Als der Regen zu fallen beginnt, lauscht Forrester dem Geplapper des schmuddeligen Brahmanen und hört sich gereizt zustimmen, dass jetzt ein guter Augenblick und hier ein guter Platz sei, um das Lager aufzuschlagen. Mag sein, dass seine Schroffheit Moti Lal beleidigt hat, aber darüber kann Forrester sich jetzt keine Gedanken machen. Seine Augen sind auf die Sänfte gerichtet, auf die mürrische Dienerin, die zwischen den bestickten Vorhängen herumhantiert. Die Insassin hat noch nicht einmal flüchtig einen Blick nach draußen geworfen. Er fragt sich, ob sie krank ist oder sehr alt.
Bald fällt der Regen regelmäßig, und dicke Tropfen klatschen in den Staub wie kleine Bomben. Die Kamele scheuen nervös und knurren, als ihnen Beinfesseln angelegt werden. Diener laufen umher und laden Säcke ab. Moti Lal hält einen stetigen Konversationsstrom aufrecht, während Forrester absteigt und sein Pferd absattelt. Moti Lal ist hier nicht der Herr, o nein, nur ein treuer Gefolgsmann der Familie. Sie ist ihm zugefallen, die Pflicht, die junge Herrin zu ihrem Onkel nach Agra zu begleiten. Höchst ungewöhnlich natürlich, doch es liegen mildernde Umstände vor.
Mildernde Umstände? Wovon redet dieser verdammte Narr? Forrester fragt, woher sie denn kommen, und der Mann nennt eine kleine Stadt, die mindestens zweihundert Meilen westlich von der Stelle liegt, an der sie stehen.
"Und Ihr habt den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt?"
"Ja, Herr. Die junge Herrin sagt, nur zu Fuß."
"Warum um alles auf der Welt seid Ihr nicht mit dem Zug gefahren? Agra ist hunderte von Meilen von hier entfernt."
"Leider kommt die Eisenbahn nicht in Frage. Das sind die mildernden Umstände, versteht Ihr."
Forrester versteht nicht, aber im Augenblick ist er weit mehr damit beschäftigt, sein Zelt aufzustellen, ehe der Regen heftiger wird. Er scheint jede Sekunde heftiger zu werden. Moti Lal klappt seinen Regenschirm auf und hält ihn über den Engländer, der Pflöcke in den Boden schlägt, wobei er sich gerade nahe genug aufstellt, um ihm im Weg zu sein, ohne ihm indessen wirklich Schutz zu bieten. Forrester flucht leise vor sich hin, und dabei geht ihm unentwegt ein Gedanke im Kopf herum: Es ist also eine junge Frau.

Regen tropft durch die Decke, landet in ihrem Schoß und zeichnet schwarze Kreise auf die rote Seide. Amrita neigt ihr Gesicht nach oben und streckt die Zunge heraus. Der Regen klingt dumpf. Draußen ist es dunkel, und vielleicht ist ihr kalt, aber sie ist sich nicht sicher. Um das Gefühl abzuwehren, stellt sie sich Hitze vor und denkt daran zurück, wie sie im Sommer auf dem Dach des Havelis ihres Vaters herumspaziert ist. Deutlich spürt sie die sengende Luft auf Armen und Gesicht. Sie hört die dumpfen Schläge, mit denen Teppiche ausgeklopft werden, und das Rascheln von Besen, mit denen die Dienerinnen Sand von den Böden fegen. Doch wenn sie sich Hitze vorstellt, denkt sie auch an ihren Vater, an das Umschreiten des Scheiterhaufens, während der Priester Ghi darauf schüttet, um das Feuer anzufachen, und sie fällt zurück in das Dunkel und die Kälte. Wassertropfen landen auf ihrer Stirn, auf einer Wange, auf ihrer Zunge. Bald ergießt sich der Regen in stetigem Strom durch das Dach. Die durchweichten Vorhänge klatschen ihr schlaff gegen die Seite. Der Wind wird stärker, und noch immer ist niemand sie holen gekommen. Niemand hat ihr auch nur mitgeteilt, was los ist. Ohne Mutter und Vater ist sie jetzt die Herrin. Wenn sie nur die Kraft aufbringen könnte, sich durchzusetzen.
Amrita schließt ihr Kästchen auf und schirmt es mit der Hand gegen das Wasser ab. Sie soll zu ihrem Onkel gebracht werden, und das wird das Ende sein. Er schreibt, er habe für sie bereits einen Gatten gefunden. Wenigstens, sagen die alten Frauen, komme sie mit einer guten Mitgift an. Sie sei so viel besser gestellt als andere Mädchen. Und sie solle Gott danken.
Binnen einer halben Stunde hat sich der Staub in Matsch verwandelt. Trotz seines Zeltes ist Forrester klatschnass. Er steigt auf den Gipfel eines Hügels und hält Ausschau über die Wüste, die durch einen fingerabdruckartigen Wirbel aus Tälern und Graten gezeichnet ist. Es gibt keinen Schutz. Während der Wind an seinem Zelt zerrt und gegabelte Blitze den Himmel in flüchtige Segmente teilen, kommt ihm der Gedanke, dass er sich möglicherweise töricht verhalten hat. Seine rotbraune Welt ist grau geworden, und massive Wasservorhänge verdecken den Horizont. Hier steht er, mitten darin, und weit und breit ist kein Baum zu sehen. Er ragt am höchsten in dieser öden Landschaft und fühlt sich exponiert. Er schaut hinunter auf sein Zelt, das am Grund einer tiefen Rinne steht, und fragt sich, wie lange das Unwetter wohl anhalten wird. Die Inder sind immer noch damit beschäftigt, ihre eigenen Unterstände zu errichten, und hantieren mit Seilen und Pflöcken. Sonderbarerweise steht die Sänfte noch immer dort, wo sie sie abgestellt haben. Hätte man ihm nichts anderes erzählt, so hätte er geschworen, das Ding sei leer.
Wenig später fließt ein morastiges Rinnsal durch das Tal und trennt Forresters Armeezelt von den aus Planen und Bambus errichteten Gebilden der Inder. An ein Feuer ist nicht zu denken, und so drängen sich die Träger hilflos aneinander und hocken auf ihren Hintern wie eine schnatternde Schar Bidis rauchender Vögel. Moti Lal steigt auf die Anhöhe und zieht Forrester in ein weiteres nichts sagendes Gespräch, dann folgt er ihm den Hügel hinunter und hockt sich vor den Eingang des Zeltes. Schließlich ist Forrester zum Nachgeben gezwungen und redet.
"Also, wer genau ist Eure Herrin?"
Moti Lals Gesicht verfinstert sich.

Sie war schon immer nicht zu bändigen gewesen, auch vor dem Tod ihrer Mutter nicht. Ihr Vater nahm keine Notiz von ihr, ihn interessierte nicht, ob sie gut oder schlecht war, denn er war viel zu beschäftigt damit, Münzen auszuwiegen, um sich der Welt außerhalb seines in Leinwand gebundenen Hauptbuchs zu widmen. Ab und an kamen die Diener zu ihm und berichteten ihm in seinem Kontor, dass das Mädchen mit einer Tasse nach dem Türsteher geworfen habe, dass sie das Essen verweigere, dass man sie am Einäscherungstor mit Frauen vom Stamm der Bikaneri habe reden sehen. Morgens fand ihre Dienerin manchmal Sand in ihrem Haar, wenn sie es kämmte, als habe sie die Nacht draußen in der Wüste verbracht.
Sie machte der Familie Schande, und wenn schon der Herr es vorzog, das alles zu ignorieren, fiel die Aufgabe, sie zur Räson zu bringen, seinem Hauptbediensteten zu. Zunächst versuchte es Moti Lal mit Worten. Als er dann aber in ihrem Schmuckkästchen eine Tafel aus klebrigem, schwarzem Harz fand, schleifte er sie auf den Hof und schlug sie mit einem geschnitzten Stock, mit dem sonst Affen verscheucht wurden. Drei Tage wurde sie in ihr Zimmer eingeschlossen. Der Herr, zerstreut wie immer, da er gerade mit einer Immobilien-Transaktion beschäftigt war, fragte, wer in seinem Haus weine. Auf die Mitteilung, es sei Amrita, schien er erstaunt zu sein. Ob es ihr an irgendetwas fehle, fragte er.
Kaum wurde der Türriegel zurückgezogen, lief sie davon und kehrte mit wildem Blick und wirren Reden von Bäumen und rauschendem Wasser zurück. Moti Lal kam nie dahinter, wer sie mit der Droge versorgte, und nach und nach verlor sie an allem anderen das Interesse. Sie flüchtete sich ins Bett und redete nicht mehr. Es war, als habe sie sich in eine andere Welt zurückgezogen. Er musste sie rütteln und ohrfeigen, ehe sie die Neuigkeit über ihren Vater begriff.
Sein Mörder hatte ihm ein Stück Draht eng um den Hals geschlungen. Die Leiche war auf einem Müllhaufen außerhalb der Stadtmauern gefunden worden, die Fußsohlen nach oben gekehrt wie zwei bleiche Fische. Niemand schien überrascht zu sein. Geldverleiher sind keine beliebten Leute. Verstehst du, schrie Moti Lal sie an. Jetzt bist du völlig allein.


Mit freundlicher Genehmigung des Karl Blessing Verlages

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