Vorgeblättert

Kangni Alem: Cola Cola Jazz, Teil 2

08.03.2004.
"Wer ist Che?"
"Ein Kumpel von Luis."
"Und wer ist Luis?
"Ein Genosse von Che."
Und immer das nervtötende Schweigen der Frauen. Einen Augenblick später ermannte sich einer der Handelsvertreter, die Entscheidung, das Eis zu brechen, auf seine Kappe zu nehmen, beugte sich zu Parisette hinunter und spulte ein paar Höflichkeitsfloskeln ab, die sich an der Grenze zur Belanglosigkeit bewegten.
"Guten Abend, wie geht’s? Ich heiße Bonnke. Und Sie?"
"Parisette. Und das ist Heloise."
"Ist das ihre Schwester?"
"Nein, meine Cousine."
"Hör auf zu lügen, Parisette!"
Doch meine Schwester schwebte schon irgendwo anders, als hätten sich die banalen Worte unseres Gesprächspartners wie Blei auf sie gelegt, oder, oder … ich wusste auch nicht annähernd, warum.
                                                             *
Ja, wer von uns beiden lügt und lügt, Heloise? Die Beweise sind erbracht, unser Vater hat sie geliefert, in seinem burlesken, unvollendeten Werk. Die Parisu aus dem Roten Maniok ist mir viel zu ähnlich, warum also weiterhin den Schein aufrechterhalten?
Für mich jedenfalls steht seit dem Tag, an dem ich meine Eltern dabei überraschte, wie sie sich mit leiser Stimme fetzten, eins fest: Mein Vater ist nicht mein Vater, selbst wenn Mama behauptet, ich sei verrückt, so etwas auch nur zu denken. Ich habe allerdings nie den Mut gefunden, meinen vermeintlichen Vater mit der Frage zu konfrontieren. Stattdessen habe ich gesehen, wie die Beziehung meiner Eltern immer problematischer wurde. Ich habe sehr wohl gespürt, wie die Spannungen wuchsen, bis es schließlich zur Trennung kam. Kleine, aber unzweideutige Hinweise, die selbst vor einem kleinen Mädchen von fast zehn Jahren schwer zu verbergen waren: eisiges Schweigen bei den Mahlzeiten, wenn denn gemeinsame Mahlzeiten stattfanden, das absichtlich auf dem Tisch umgestoßene Wasserglas, die verächtlichen Blicke von einem zum anderen, die Schimpftiraden immer dann, wenn sie ihren gegenseitigen Hass nicht mehr zurückhalten, wenn sie vor Zuschauern, die das Drama hautnah miterlebten, aus Höflichkeit aber so taten, als bemerkten sie nichts, den schönen Schein nicht mehr aufrecht erhalten konnten.
An manchen Abenden vergaß er einfach, nach Hause zu kommen, und Mama kompensierte den Liebesentzug durch ein Übermaß an Aufmerksamkeit für ihren Letztgeborenen, Achmat, den einzigen seiner Nachkommen, den unser Vater komisch fand. Denn der Kleine lächelte nie, gleichgültig, welche Grimassen man ihm schnitt und wie heftig man ihn auch immer kitzelte.
So lebte ich zurückgestoßen, einsam, hin und her geschoben zwischen Eltern, denen die Liebe abhanden gekommen war. Aus der unfreiwilligen Gefangenschaft musste ich mich mit eigener Kraft befreien. Ich gab mein Zuhause aber nicht auf, sondern stürzte mich - in einem Alter, in dem ungeliebte Kinder sich sonst zurückentwickeln, die rote Erde essen und ihre Windeln mit Pipi und Aa schmutzig machen - in die Betrachtung der Natur. Nach der Schule, wenn ich meine Pflichten im Haushalt erledigt hatte, verkroch ich mich stundenlang in meine Ecke hinter dem Haus, verjagte die Raupen aus dem Gemüsegarten und leckte, bis die ersten Sterne am Himmel leuchteten, an den Mimosen. Die Mimosen und ich, das war das vorzeitige Entdecken der Erotik, der Lust, aber auch der mit der Lust einhergehenden Frustration. Das war mein unverhofftes Eindringen in eine neue Welt mit noch vagen Empfindungen, die aber beständiger wurden.
Warum hatten wir der Pflanze Rührmichnichtan den Spitznamen "miata miata" gegeben, mit anderen Worten "Press deine Schenkel zusammen"? Die Mimosen waren aus dem Nichts erwachsen, an der Stelle, wo die Sickergrube an die Außenmauer der Dusche stieß (die den Erwachsenen vorbehalten war). Ein immergrüner Busch mit rosa Blüten, dessen Blätter sich bei der kleinsten Berührung, bisweilen auch beim leisesten Windhauch zu einer Kugel schlossen. Als ob sie ihr Innerstes schützen wollten, ihre pflanzliche Intimsphäre, die du zwar aus der Entfernung betrachten, aber keinesfalls berühren durftest. "Press deine Schenkel zusammen, press deine Schenkel zusammen, du wilde junge Dame!", riefen wir, als müssten wir sie unbedingt provozieren.
Ich machte es mir zur Gewohnheit, alles Mögliche, das mir in die Hände fiel, auf den Busch zu werfen, wobei ich den Spruch bis zur Erschöpfung aufsagte. Immer, wenn ich die Mimosen berührte, wichen sie zurück, entzogen sich mit der gleichen, langsamen Bewegung der Schändung, welche die unzeitige Besucherin ihnen zumutete. Egal, wie ich mich den Zweigen näherte, jedes Mal geschah das Wunder: Die Blätter schlossen sich. Sie ließen sich nicht überlisten. Bis zu jenem Tag, an dem ich durch Zufall ihre Achillesferse entdeckte.
Die rosa Blüten forderten mich heraus. In ihrer Bewegungslosigkeit schienen sie sich mir dreist zu widersetzen. Irgendwann wurde es mir zu bunt, ich nahm die oberste Blüte zwischen meine Zähne und biss sie mit einem Ruck ab. Die Blätter zitterten kaum. Stutzig geworden, hockte ich mich neben den Busch und probierte es bei einem tiefer sitzenden Blütenstand noch einmal. Die Blätter um die Blüte blieben stocksteif stehen wie Marmor, meine doch so nahe Gegenwart fühlten sie anscheinend gar nicht. Dabei kam mir die auf den ersten Blick alberne Idee, meine Zunge an den Blättern entlanggleiten zu lassen, wie es ein dürstendes Chamäleon zu tun pflegt, wenn es nach dem Tau auf den Mangrovenzweigen sucht. Die Blätter sträubten sich nicht. Auf meiner Zunge hinterließen sie einen Geschmack, so süß wie aus Taro gewonnener Zucker, und ein Gefühl, so weich wie ein Seidenschal. Ich leckte an dem Blatt, aus Neugier. Da fuhr mir ein elektrischer Schlag durch den Oberkörper, schoss mir durch die Glieder. Der Kitzel, den ich für einen Augenblick im Bauch verspürte, löste in meinem Gehirn seltsame Reaktionen aus. Begierig saugte ich weiter an den Mimosenblättern, blind mitgerissen von unsagbaren Freuden, welche mein Körper damals in der Dämmerung entdeckte. Seither gebe ich mich ihnen immer wieder heimlich hin, und jedes Mal staune ich aufs Neue über das Geheimnis der Mimosenblätter, die bei der Berührung meiner Zunge in sich zusammenfallen und zu vergehen scheinen.
Während eines dieser frühabendlichen Zungenspiele geschah es, dass ich Zeugin der entscheidenden Auseinandersetzung zwischen meinem Vater und meiner Mutter wurde.
Als ein Lichtstrahl durch die Lüftungsschlitze der Dusche nach draußen fiel, sprang ich erschrocken hoch. Ich hörte den Schlauch am Waschbecken pfeifen, dann Wasser in das Duschbecken herabströmen. Sekunden später drang der Geruch von Vaters Parfum in meine Nase, ähnlich dem schlechten Geruch, der einem Verbrechen anhaftet, das sich nicht verbergen lässt. Ich begriff, dass er auch an diesem Abend nicht das eheliche Bett aufsuchen würde. Dann hörte ich die Türangeln quietschen und im gleichen Moment Mamas Stimme, bestimmt, aber nicht unverträglich. 
"Wohin gehst du?"
Verdächtiges Schweigen, bis die Stimme meines Vaters zu hören war, knapp und aufgrund des Echos in der Dusche ein wenig gekünstelt.
"Dahin, wo der Hund mich gebissen hat."
"Wenn du gehst, gehe ich auch aus. Bin ich deine Hündin, die das Haus bewacht, während du in der Stadt herumläufst?"
"Wer hindert dich daran, deinen Liebhabern hinterherzulaufen?"
"Ich habe keinen Liebhaber. Ich habe alles deinetwegen im Stich gelassen."
"Hör auf, zuckersüße Vagina! Du bringst mich zum Weinen."
"Ich habe keinen Liebhaber. Ich habe dich einmal betrogen, das stimmt. Aber entweder das oder Hungers sterben. Die Kinder und ich, wir sind beinahe vor Hunger gestorben. Als du durch die Welt gezogen bist, hast du dich da um uns gekümmert? Ich habe Hunger gehabt, deine Kinder auch. Und was haben deine Eltern getan, denen du uns anvertraut hattest? Nichts. Und übrigens, haben sie mich überhaupt jemals gemocht?"
"Du betrügst mich, die ganze Stadt weiß es. Du hast mir Bastarde geboren."     
"Wiederhole, was du gesagt hast!"
"Du hast mir Bastarde ins Nest gelegt. Welches meiner Kinder ist nicht von mir? Du musst es ja wissen, weil du dich prostituiert hast, um nicht Hungers zu sterben."
"…"
"Sagst du nichts mehr? Du tollwütige Hündin, gib mir den Weg frei!"
"Der Kleine ist krank. Ich glaube, er hat die Windpocken."
"Wende dich an Großmama, ich muss jetzt gehen."
"Wenn du ein wenig Zeit opfern kannst, sprich doch bitte mit deiner Tochter. Ihre schulischen Leistungen sind katastrophal."
"Mit wem soll ich sprechen?"
"Mit deiner Tochter."
"Meiner was?", fragte der Vater höhnisch.
"Mit deiner Tochter, hör auf, bevor ich vor Wut platze", explodierte die Mutter. "Ich habe die Nase voll von diesem Haus, von diesem Leben, von diesen Verdächtigungen. Ich habe also mit jemandem geschlafen und von ihm die Kinder bekommen?"
"Genau, die Frage ist nur: mit wem?"
Wieder quietschte die Tür in den Angeln. Ich weiß nicht mehr, wer von beiden als Erster aus der Dusche floh. In jener Nacht verließ die Mutter für immer das eheliche Domizil.
                                                        *
Plötzlich brachen die Gäste in Geschrei aus. Als wäre es das seit langem erwartete Sammelzeichen, schallte aus den Lautsprechern die heisere und von Marihuanaschwaden umnebelte Stimme eines Reggaesängers: It’s too late, too late … Parisette schmunzelte über den altmodischen Musikgeschmack des Diskjockeys und konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass sie diesen Song von Jimmy Cliff seit langer Zeit nicht mehr gehört habe. Ich vernahm ihn zum allerersten Mal, gebe aber zu, dass mir dies nicht besonders peinlich war. Altmodisch, rückständig oder nicht, der Rhythmus fesselte mich, und ich hatte keine Veranlassung, wählerisch zu sein, wenn ich einem Sänger lauschte, der nach wie vor Maßstäbe setzte.
Ein paar Frauen, die einen Augenblick zuvor noch träge dagesessen hatten, rafften ihre Gewänder zusammen, zogen sich hastig ihre Schuhe wieder an und stürmten die Tanzfläche (die offene Strohhütte in der Mitte des Innenhofs), den einen oder anderen widerstrebenden Kavalier im Schlepptau. Ich sah sie die Schultern wiegen und die Beine schwingen, wie Geflügel, das man mit Helium aufgepumpt hat. Sie schwebten buchstäblich, verschmolzen mit dem Tempo und machten mich schwindeln. Je länger der Song dauerte, desto mehr schien es, als würden sie ihre Trossen über Bord werfen, ihre Schiffe verbrennen, ohne Hoffnung auf Wiederkehr. Schwerelos glitten sie über den Zement, die Segel im Rhythmus gebläht, der Quintessenz des Takts, und zeichneten in die Tiefe der Nacht Figuren von schlichter, eindringlicher Schönheit.
Vom Mitstampfen des Takts kribbelten mir Ameisen in den Beinen. Ich weiß nicht, was mich überkam. Ich lief plötzlich auf die Tanzfläche und schloss mich den in der Luft schwebenden Tänzerinnen und ihrem Ballett an, zum großen Erstaunen von Parisette wie auch Bonnkes Gefährtin, einer in ihrem Sessel erstarrten Geisha, die ihrem Gesicht die strenge Maske eines ans Kreuz genagelten Ideologen aufgesetzt hatte.
Wir wackelten noch eifrig mit den Hüften, als ohne jede Vorwarnung dumpfe Geräusche durch die Finsternis drangen und die Tanzenden zusammenzucken ließen. Dreimal ein kurzer und dann ein langer Ton, was an das Tuten eines Nebelhorns erinnerte.
"Es ist so weit, das Meer ist trächtig", sagte einer der Tanzenden geheimnisvoll. "Der Mann, von dem man spricht, wird nun erscheinen!"
Nun hörte es sich an wie das Stottern eines Außenborders, der angelassen wurde, aber nicht genügend Gas bekam, und oberhalb der Außenmauern der Residenz warf ein kreisendes Scheinwerferlicht helle Flecken in die Nacht. Mein Blick fiel auf Harry O., der in Begleitung des hellhäutigen jungen Mannes quer über den Rasen lief. Sie eilten zu der kleinen Tür, die zum Fluss hinführte, und dann sah ich sie verschwinden, als wären sie ins Nichts getaucht.
Kurz darauf wurde die Nacht taghell. Es war wie auf dem Rummelplatz, oder, wie ich es mir vorstelle, auf einer Unabhängigkeitsfeier. Vom Boot auf dem Fluss aus schoss irgendwer bengalisches Feuer ab. Rote, grüne und gelbe Leuchtkegel blitzten am Himmel auf, dann ein gleißend weißer Strauß, der längere Zeit herabregnete, bevor er wie ein Irrlicht erlosch.
"Das waren doch glatt die Farben der Nationalflagge. Na also, wer sagt denn, die Leute hier sind keine Patrioten?"
Die Bemerkung kam von dem Tänzer, der vorher verkündet hatte, das Meer sei schwanger oder etwas in der Art. Er beugte sich zu seinen Nachbarn und murmelte ihnen etwas ins Ohr. Seine Komplizen brachen in Lachen aus und fielen unmittelbar darauf in einen komischen Tanz. Die Musik kannte ich überhaupt nicht, ein schräges Gimmick mit Entengeschnatter, einer bulgarischen Kopfstimme und heidnischem Gerassel, das Ganze, wie ich zugeben muss, nicht ohne Sachverstand orchestriert. Mezoff, erklärte mir Parisette, als ich wieder an unseren Tisch zurückkehrte.

Teil 3