Vorgeblättert

Kangni Alem: Cola Cola Jazz, Teil 3

06.03.2004.
Sie war im Gespräch mit dem einzigen unter den Gästen, der mit uns zu sprechen geruhte, besser gesagt, auf sie prasselte ein Monolog herab über die Flucht aus Ägypten. Gehalten von einem immer redseligeren Bonnke, der, wie wir inzwischen erfahren hatten, als Evangelist für eine Kirche mit Mutterhaus in Muscatine im Staate Iowa tätig war. Während er sprach, schlürfte Bonnke, der im Übrigen tat, als stünde er in einer Weihnachtsnacht auf der Kanzel, genussvoll seinen Champagner. Die Dame an seiner Seite sah aus, als langweilte sie sich.
"Ach, da sind Sie ja", begrüßte er mich.
"Für eine Ausländerin tanzen Sie gut. Setzen Sie sich, setzen Sie sich! Champagner? Parisette ist doch Ihre Schwester, obwohl sie etwas anderes behauptet?"
"Ja doch", antwortete ich kurz ab.
"Der Urgrund allen Seins sei mit ihr. Sie ist ein gutes Mädchen. Ist sie verheiratet?"
"Stellen Sie ihr die Frage am besten selbst! Sie ist nicht stumm, so weit ich weiß. Was meint denn Ihre Frau dazu, wenn Sie so ganz nebenbei eine andere aufreißen?"
"Celeste? Aber nein, sie ist nur meine Sekretärin. Ich tanze gleich mit Ihrer Schwester, natürlich nur, wenn sie gern tanzen möchte. Sie sind wunderbare Mädchen, Heloise und Parisette. Der Urgrund allen Seins sei mit euch."
Bei der Formulierung schüttelten wir uns vor Lachen, und ich hob mein Glas auf die neuen Rekrutierungsmethoden, die in der Kirche des Urgrunds Geltung erlangt hatten. Parisette, die Spötterin, ließ sogar die Möglichkeit anklingen, dass sie sich den Reihen der Urgrundbewunderer anschließen würde, falls ihr Verehrer ihr erklären könnte, mit welcher Berechtigung in der Bibelübersetzung TiBravas die Aufforderung des Petrus, sich den Kuss der Liebe zu geben, durch den Ansporn ersetzt worden war, sich den Mund zu lecken.
"Nein, das ist nicht wahr", wehrte sich Bonnke, mit Augen so rund wie ein Fisch.
"Doch", beharrte Parisette.
"Das habe ich noch nicht bemerkt."
"Ach, Sie lesen die Bibel wohl in Englisch?"
"Nein, in Mazedonisch. Ich habe in Skopje studiert."
Die Antwort traf ins Schwarze und schaffte es, dem Rest der Tafelrunde, mit Ausnahme Celestes, der sturen Sekretärin, ein Lachen abzuringen. In dem Moment machten andere Gäste durch anhaltendes Klatschen auf sich aufmerksam. Die Leute, die in der Nähe der Tanzfläche versammelt waren, applaudierten Harry O. und seinem Überraschungsgast, dem Feuerwerker und Veranstalter des bengalischen Feuers, den der Hausherr von seinem Boot hinter der Villa herbegleitet hatte. Umringt von einer Traube Bewunderer, machten die beiden Männer an den Tischen die Runde. Anscheinend legte der Neuankömmling größten Wert darauf, jedem Mann die Hand zu drücken und jeder Dame einen Begrüßungskuss zu geben.
"Ein komischer Kauz, der da", meinte Bonnke plötzlich gehässig. "Er muss immer auf sich aufmerksam machen."
"Wer ist das, kennen Sie ihn?", fragte ich.
"Narcisse? Jeder kennt den Oberst Narcisse. Ein ausgesprochener Antidemokrat. Ich frage mich übrigens, wie Maître Harry O. es schafft, mit so einem Menschen auszukommen. Es wird gemunkelt, dass sie zusammen studiert haben, aber die Uni ist kein Kloster, so weit mir bekannt ist. Wie ist es möglich, dass jemand für Demokratie kämpft und Freund eines Konservativen ist?"
"Vielleicht ist das ja gerade Demokratie", sagte ich mit einem Lächeln. "Aber ich kenne mich da nicht aus."
Parisette war mit einem Satz aufgesprungen, wie von einer unsichtbaren Schlange gebissen.
"Stimmt etwas nicht, Mademoiselle?", erkundigte sich Bonnke in sanftem, zuvorkommendem Ton.
"Ich bin gleich wieder da", stammelte sie. "Ich muss mal zur Toilette."
Hastig griff sie nach ihrer Tasche und verschwand im Laufschritt. Im Vorbeihasten wäre es ihr fast gelungen, den Rest Champagner, den Celeste vor sich stehen hatte und wie einen Schatz hütete, der von ihrer Hektik überraschten Sekretärin auf den Rock zu schütten.
                                                        *
Kaum saß ich auf dem Klo, da hat meine Blase schon nachgegeben. Dieses Gefühl kannte ich schon, als ich noch ganz klein war: Wenn ich Angst habe, muss ich pinkeln. Andere Menschen schwitzen, zittern oder fallen in Ohnmacht, ich muss heftig urinieren. Vielleicht, um mich von bösen Träumen zu reinigen, um meinem Körper Erleichterung zu verschaffen, der in solchen Situationen unweigerlich von Krämpfen geschüttelt wird. Schon spürte ich in meinen Hacken und die Beine hinauf ein erstes Ziehen, Anzeichen einer beginnenden Muskelversteifung. Ich streckte vorsichtig die Glieder, atmete tief durch und versuchte mich zu beruhigen. Mein Herz hämmerte wie verrückt.
Ein Albtraum, ein Albtraum, ich war mitten im schlimmsten aller Albträume. Was hatte der Oberst hier zu suchen? War er zufällig gekommen, oder hatte er meine Spur gefunden? Ich hatte keinen blassen Schimmer, aber das Szenario gab mir ohnehin schon eine harte Nuss zu knacken: Dort draußen wartete der Oberst Narcisse auf mich - wenn ich floh und Heloise allein lassen würde, weckte das seinen Verdacht. Wenn ich zurückging und mich seinem Blick aussetzte, nahm ich das Risiko auf mich, erkannt zu werden, und forderte das Unglück geradezu heraus. Gleichzeitig könnte ich aber herausfinden, ob der Mann an seine Aggressorin von vor drei Tagen dachte, wenn sein Blick auf mich fiel. Drei Tage, mein Gott, drei Tage ist es her, dass ich den meistgefürchteten, den meistgehassten Mann von ganz TiBrava beinahe getötet hätte, und nun ist er zur gleichen Fete eingeladen wie ich, und wer weiß, zu allem Überfluss sitzt er vielleicht noch am selben Tisch! Herrgott, ich bin tot! Was tun? Eine Ausrede finden und die Abendgesellschaft verlassen. Auf der Stelle nach Kamalodo zurückkehren. Wenn unser Vater da gewesen wäre, hätte ich ihm alles erzählt. Er war der Einzige, der mich vor Oberst Narcisses unvermeidlicher Rache beschützen konnte.
Wie lange habe ich auf der Toilette gesessen? Jemand schlug an die Tür. Rasche, nicht nachlassende Klopfer rissen mich aus meinen panischen Überlegungen. Eine Frauenstimme fragte, ob die Toilettenbenutzerin in der Kloschüssel ertrunken sei. Mein Gott, bloß von hier verschwinden, aber wohin? Die Stimme vor der Tür wurde ungeduldig. Ich trat heraus und stand vor Madame Harry O. höchstpersönlich, die sich auf ihrer Toilette erleichtern wollte und verlegen schien, dass sie mich ausgeschimpft hatte.
"O, Sie sind es, Mademoiselle, entschuldigen Sie. Was ist los? Sie sehen angegriffen aus."
"Ich fühle mich krank, Madame O., ich glaube, ich gehe nach Hause."
"Aber nein, das kommt überhaupt nicht in Frage. Ihr Vater ist ein Freund, er wäre sicherlich nicht einverstanden. Haben Sie Kopfschmerzen? Gustav, Gustav", rief sie.
Der junge Mann mit der sehr hellen Haut erschien so schnell, als hätte er die ganze Zeit über auf der Lauer gelegen. 
"Bringen Sie Mademoiselle an ihren Tisch zurück, und besorgen Sie ihr Aspirin!" 
"Danke, Madame O., aber ich muss wirklich nach Hause."
"Ach, was sind Sie doch für eine Geheimniskrämerin, liebe Freundin! Dabei hatte ich gedacht, ich hätte Sie gerade gründlich kennen gelernt. Lass sein, Gustav, ich begleite sie selbst!"
"… ich …"
                                                        *
Harry O. und sein Gast kamen nun auf unseren Tisch zu. Der Gast, ein passabel aussehender Mann, trug ein Pflaster auf der Stirn, als hätte er kürzlich einen Unfall erlitten, sowie einen schwarzen Blazer, der ihn ebenso sportlich aussehen ließ wie sein Gastgeber, was für einen Offizier, der als herausragender Fußballer galt, eigentlich nicht ungewöhnlich war. Er strahlte die Nonchalance eines Menschen aus, der es gewohnt war, zu befehlen und Gehorsam zu erzwingen. Wenn er lächelte, sanken seine Wangengrübchen ein. Für seinen Begrüßungskuss, der schmatzend und fest war wie von einem Lauselümmel, musste ich mich fast ein wenig vorbeugen.
"Entschuldigung, dass ich Sie allein gelassen habe, Mademoiselle Heloise, stimmt’s?", sagte Harry O. "Ihr Vater hat mir erzählt, dass sie im Lande sind. Aber wo ist Ihre Schwester?"
"Auf der Toilette. Ich glaube, sie hat sich beim Champagner ein bisschen übernommen."
"Oberst Narcisse, ich stelle Ihnen Heloise vor. Sie kennen ihren Vater, er hat einen Namen in TiBrava."
Harry O. beugte sich zum Oberst und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
"Nicht möglich", murmelte der Mann, "das ist seine Tochter? Welche Ehre, Mademoiselle, Ihr Vater ist ein großer Mann. Sie kommen aus Europa zu uns, nicht wahr? Ich bin entzückt, sehr entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen sowie die Ihrer Schwester, wenn ich das Vergnügen habe …"
"Ah, da kommt der Star ja zu uns zurück", rief Harry O. plötzlich. "Der Clan ist vollzählig, wunderbar. Übrigens, ist mein Champagner gut?", fragte er Parisette, die am Arm seiner Frau ging. Letztere hatte ein selbstgefälliges Siegeslächeln aufgesetzt, als hätte sie mehrere Preise eingeheimst.
"Harry, stell dir vor", gluckste Madame O., "Parisette wollte …"
"Nein, mir geht es wieder besser, es war nur ein Unwohlsein", unterbrach meine Schwester.
"Oberst Narcisse, ich stelle Ihnen Parisette vor, ebenfalls Tochter unseres großen Freundes."
Mit einer eleganten, diskreten Geste hielt Parisette dem Oberst die Hand hin, der vorgab, dies zu übersehen. Stattdessen näherte er sich ihr geziert, mit gespitzten Lippen, und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
"Die Traditionen verlieren an Geltung", sagte er. "Entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mademoiselle."
"Gleichfalls", antwortete Parisette.
"Nun ist alles perfekt", befand Harry O. "Das Fest kann jetzt wirklich beginnen. Herr Oberst, Sie wollen doch sicher mit einer unserer charmanten Besucherinnen den Tanz eröffnen?"
"Da fällt die Wahl schwer, sie sind beide Schönheiten. Um sie nicht eifersüchtig zu machen, eröffne ich den Tanz mit der Herrscherin des Hauses, Ihrer liebenswürdigen Gattin, die hier neben mir steht. Später tanze ich mit Ihren Besucherinnen. Nicht wahr?"
"O, was für ein Gentleman Sie sind", gurrte Madame O., und das Weiße ihrer Augen glänzte im Dunkeln, als wollte sie in Ohnmacht fallen.

Mit freundlicher Genehmigung des Peter Hammer Verlages

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