Vorgeblättert

Jürgen Neffe: Mehr als wir sind. Teil 3

27.08.2014.
Meine dritte Nacht. In Coppkis Sinn kommt mir ihre mündliche Tradition entgegen. Nichts wird auf Papier festgehalten, aber Überlebenstrieb des Lebens. Ihre Ausläufer aber alles regelmäßig wiederholt und verfestigt. Jeder hat, nicht anders als er in seiner theoretischen Arbeit, das gesamte Bild der Vision vollständig im Kopf.
     Aus der Forschung ist damals zu hören, Schlaf schärfe das Gedächtnis. Wenn er sich hingegen zu etwas eignet, dann eher zum befreienden Vergessen. Das Wenige, was die Erinnerung beim Erwachen behält, erscheint ihr naturgemäß deutlicher. Doch es besteht keinen Vergleich mit der Gedächtniskunst Nimmermüder. Ohne nächtliches Vergessen lassen sich die Dinge ungleich umfangreicher und detaillierter im Gedächtnis aufbewahren und verarbeiten.
     Das Wissen meiner neuen Freunde versetzt mich ein ums anders
Mal in Erstaunen. Wie wertvoll umfassende Schulbildung doch sein kann. Ihre Neugier ermutigt mich, auch das Spekulative an Coppkis Denken einzubringen: Bliebe unser Planet, wie er ist, davon ist er überzeugt, würde es auf Erden bis in alle Ewigkeit krauchen und fleuchen. Niemand kenne die Kraft hinter dem Überlebenstrieb des Lebens. Ihre Ausläufer aber verspüre jede Kreatur in sich als stärksten Seinsimpuls unbedingter Selbsterhaltung.
     Wer das Naturgesetz dahinter als Erster beschriebe, würde der Biologie zum Durchbruch im Verständnis des Lebendigen verhelfen - ähnlich wie die Physik ihn ein Dreivierteljahrhundert vor Coppkis Geburt mit Neuordnungen der Welt im Kleinsten und Größten erlebte. Zu entdecken wäre ein Prinzip von vergleichbar theoretischer Tiefe wie Relativität und Quantensprung.
     Unsterblichkeit, wie sie das Leben uns vormacht, erscheint wie ein unfassbar großer Schritt für einen Menschen. Für die Menschheit als Ganzes wäre es ein kleiner, ein Umdenken nur. Er kenne, sagt Coppki, keine zwingenden Gründe, warum unsere Spezies aussterben sollte, wenn sie es nicht selbst bewerkstelligte. Doch auch kollektiver Selbstmord wäre aus thanatologischer Sicht keine triviale Angelegenheit. Von der erotischen sagt er nichts.
     Optimisten sind solche Erwägungen fremd. Dankbar greifen sie seine Argumente auf und fügen sie als Elemente in ihren Entwurf einer Welt von morgen. Sein Glaube an die Unsterblichkeit des Lebens als irdische Gesamtheit beflügelt ihre Einbildungskraft. Allein die unwiderlegbare Aussicht auf eine nach menschlichen Maßstäben endlose Weiterexistenz, so Coppki, verleihe dem Utopischen einen eigenen göttlichen Glanz. Die Menschheit sollte ihre Zukunft in Jahrmillionen zählen, bis sie endlich irgendwo im fernen All Kontakt mit ihresgleichen fände.
     Ein Überorganismus mit solch weit reichenden raumzeitlichen Perspektiven, erkennt sogleich Jeanette, vertrüge sich weder mit unorganischem Wachstum noch mit Egoismus oder Despotismus. In ihrer optimistischen Utopie, pflichten ihre Freunde bei, hätten sich die Menschen mit Willkürherrschaften, einseitigen Privilegien und insgeheimer Vorteilsnahme nicht mehr herumzuschlagen.
     Hellwach fantasieren wir uns durch ein Morgen, wie Coppki es sich nicht einmal in seinen kühnsten Gedankenexperimenten hat ausmalen können. Sein Menschheitswesen in der Verfassung ihrer transparenten Weltbürgergesellschaft wäre die beste Antwort auf die drohende Entmachtung des Menschen durch seine Hervorbringungen. Kollektives Bewusstsein und gemeinsame Vernunft könnten das Humanum über die Zeit retten, bevor intelligente Maschinen und Roboter die Herrschaft an sich reißen und all die überforderten Ichs beherrschen.
     Wir sind einer höheren Form des Seins auf der Spur, die Coppki weder allein noch in der Zweisamkeit mit der immerwachen Gefährtin empfunden hat. Dabei setzen die zwölf auf mehr als den täglichen Tropfen Wunderwasser, namentlich auf ein nichtstoffliches Prinzip, das Coppki ohne Chance auf Gegenwehr bereits infiziert hat: den Optimismus als erwünschte Nebenwirkung seines Elixiers.
     Spätestens da muss ihm klar geworden sein: Sein Wasser ist nicht Mittel, sondern Vermittler. Aktiviert, aber nicht aus sich aktiv. Kandidat für das gesuchte Medium am Schnittpunkt von Leib und Seele, das den Überlebenstrieb des Lebens von seinem Beginn an sichert. Jedoch nicht sein Agens.
     Wenn alles Lebendige sich dem Prinzip seiner Selbsterhaltung unterordnet, mithin auch Sehnsucht, Utopie und Traum, dann schließt sich der Kreis am Grenzübergang zwischen Optimismus und Optimierung. Die Erfolgsgeschichte des Lebens mit seinen vielfältigen, fein ausbalancierten Gemeinschaften beruht auf unzähligen Verbesserungs- und Anpassungsschritten im Zuge natürlicher Auslese. Sie legt den Verdacht nahe, der Lebenstrieb selbst trage optimistische Züge in sich.
     Einmal zu nachtschlafender Stunde kommt, von einem Wachmann alarmiert, Direktor Gupta vorbei, ein ältlich verknittertes Männlein, entlegener Spross einer örtlichen Dynastie, dem sich freudloser Ehrgeiz ins Gesicht gegraben hat.
     »Was macht ihr hier noch so spät? Ihr solltet längst im Bett liegen und schlafen.«
     »Was sollen wir schon machen?«, entgegnet Jenny unverfroren.
     »Wir lernen für unsere Prüfungen. Professor Coppki steht uns hilfreich zur Seite.«
     »Ohne Hefte und Bücher?«
     »Wir dürfen Sie daran erinnern, dass die Prüfungen mündlich sind.«
     »Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr bei euren Treffen heimlich Drogen nehmt.«
     »Wer behauptet denn so was?«
     »Das tut hier nichts zur Sache.«
     »Und? Sehen oder riechen Sie irgendwas Verdächtiges?«
     Auf den Schulbänken vor uns stehen unsere Trinkwasserflaschen. Der Direktor, aufgesetzte Härte bei trockener Humorlosigkeit, geht von Platz zu Platz, schraubt, schnuppert, die Enttäuschung macht ihn nur noch entschlossener.
     »Keiner verlässt den Raum. Leert eure Taschen aus.«
     »Was soll das hier werden? Eine Durchsuchung?«
     »Wenn ihr nichts zu verbergen habt, habt ihr auch nichts zu befürchten.«
     Als alles auf den Tischen liegt, steuert Mr. Gupta schnurstracks auf das Fläschchen mit dem Saugballverschluss zu.
     »Und was ist das?«
     »Was draufsteht. Flüssigkeit für trockene Augen.«
     Jenny bleibt standhaft. Er nimmt das Glas, schraubt es auf, saugt eine Portion in die Pipette, mehr als die Gruppe in einer Woche verbraucht, drückt sie sich in die Hand, hält die Nase drüber, streckt seine Zungenspitze vor und leckt die Pfütze auf. Alle halten den Atem an. Alle außer Coppki.
     »Wasser?«
     »Was denken Sie denn? Wasser gegen Trockenheit.«
     Er stutzt, schüttelt den Kopf, stellt das Gläschen geistesabwesend zurück, murmelt eine Floskel der Entschuldigung und strebt mit schnellen Schrittchen dem Ausgang zu.
     Coppki muss meine Stimme gehört haben. Placeboprobe. Kaum habe ich es gedacht, spricht er es auch schon aus.
     »Was sagst du?«
     »Wir müssen ihm nachgehen.«
     »Warum das? Ich denke, er hat genug.«
     »Aber wir nicht. Das ist eine einmalige Chance.«
     »Wenn wir ihn in Ruhe lassen, lässt er uns in Ruhe.«
     »Ich meine etwas anderes. Ihr alle habt gesehen, dass er das Elixier genommen hat.«
     »Komplette Überdosis.«
     »Umso besser. Wüsste er, was es ist, und glaubte er an die Wirkung, müsste er jetzt wach bleiben. Hat er keine Ahnung, schläft er bald wieder ein, so müde, wie er aussah. Wisst ihr, wo er wohnt?«
     »Während der Woche bezieht er ein Häuschen am Rande des Lehrerareals.«
     Vaúvaú und Kato machen sich auf den Weg. Niemandem ist die Bedeutung der Stunde so bitter bewusst wie Coppki. Wenn ich im Verlauf meiner Zeit in seinem Leben jemals so etwas wie Nervosität verspürt habe, dann jetzt. Noch deutlicher ist ihm die Erleichterung anzusehen, als die Kundschafter, die Daumen gesenkt, die Klasse betreten.
     »Schläft und schnarcht wie ein satter Teddy.«
     »Ihr wisst hoffentlich, was das bedeutet.«
     »Du wirst es uns sicher erklären.«
     »Wenn er keine Ausnahme darstellt - und warum sollte er? -, dann hängt die Wirkung des Mittels zu hundert Prozent davon ab, ob man an sie glaubt.«
     »Und was heißt das für uns?«
     »Chemische Analysen des Elixiers ergeben nichts als Wasser. Die Aktivierung lässt sich nicht messen. Wenn nun auch der biologische Nachweis fehlschlägt, weil man eher seiner Zunge traut als dem Gerücht, dann können wir uns unbeschwert mit dem Mittel durch die Welt bewegen.«
     Coppki hat endlich Zuhörer gefunden. Allein dafür hat sich die Reise gelohnt. Nun wagt er sich einen Schritt weiter aus der Deckung. Er spricht von seinen Gedankenexperimenten. Die zwölf stünden kurz davor, ein neues zu starten. Er skizziert ihnen die Anfänge einer Welt ohne Schlaf. Er habe das nie so beabsichtigt, aber wenn es nun komme, dann liege es nicht an ihm, sondern an der Vorsehung.
     »Können wir das Licht ausschalten?«
     Die Welt verschwindet in Schwarz. Coppki redet frei. Er macht sie mit seinen Überlegungen zu sprunghaften Veränderungen vertraut. Spürbare Beschleunigung, erhöhter Druck und chronischer Stress deuteten auf einen baldigen Entwicklungsschritt der Menschheit hin. Das Mittel könnte, gleichsam als steter Tropfen, Medium der kommenden Gemeinschaft sein. Zur Vereinigung gehöre aber auch, dass individuelle Teile sich zu einem Ganzen zusammenschließen, dem sie sich unterwerfen.
     »Unterwerfung? Wir wollen Befreiung!«
     »Die beiden hängen zusammen wie Wille und Vorstellung. Bereits die ersten Elementarteilchen, die sich nach der Geburt des Kosmos zur Materie verbanden, folgten dem Prinzip. So wie Atome Gefängnisse ihrer Teilchen sind, so unterliegen sie als Bausteine den Gesetzmäßigkeiten der Moleküle. Das große Ganze beschneidet die Freiheitsgrade des Einzelnen.«
     Das Gleiche gelte für Zellen, die sich zu Vielzellern oder Organen verbinden. Der Organismus garantiere ihnen Nahrung und eine Langlebigkeit, die sie einzeln nie erreichen würden. So gehe es weiter bis zur vereinigten Menschheit.
     »Kann man da schon von Zähmung sprechen?« - »Tiere werden in Gefangenschaft viel älter als in freier Wildbahn.«
     Ein schräges Bild, aber ich sehe, was sie meinen könnten. Den sichersten Weg, Menschen an ihre höchstmögliche individuelle Lebensdauer heranzuführen, verspricht ihr enger sozialer Zusammenschluss.
     »Zähmung und Unterwerfung werden so fließend sein, dass wir als Gewohnheitstiere auf zwei Beinen sie kaum wahrnehmen. Schon bald wird es so sein, als wäre es nie anders gewesen.«
     »Wie soll das gehen?«
     »Da kommen Tod und Generationenwechsel ins Spiel. Alte Gewohnheiten sterben buchstäblich aus, neue entstehen. Was den Altvorderen unerträglich erschien, empfinden ihre Nachkommen als normal. Das hat es schon immer gegeben.«
     »Muss es denn auf ewig so weitergehen?«
     »Die Versklavung durch das System, zu dem man selbst beiträgt, jenseits aller Alleinherrschaft, ist unausweichlich. Dagegen steht die größtmögliche Wahlfreiheit. Wie sich Leute kleiden, einrichten, was sie glauben, hören, lesen, anschauen, womit sie sich beschäftigen, unterhalten, bleibt allein ihnen überlassen. Anders als je Menschen vor ihnen, können sie dazu auf ein weltweites Angebot zurückgreifen. Freiheit ist keine Konstante. Sie ist ein Gefühl und damit relativ.«
     Bei Anbruch meiner vierten Nacht haben wir uns hinter der Bibliothek auf einem überdachten Bambuspodest versammelt. Es überschaut die Ebene in ihrer gesamten Weite. Der Fluss liegt wie ein gewundenes Band aus grau schimmerndem Stahl im stumpfen Schwarz der nächtlichen Felder.
     Wir sitzen wieder im Kreis. Im schwachen Licht der Sterne können wir nur die Silhouetten der anderen ausmachen. Die Gesichter verbergen sich in undurchsichtiger Dunkelheit. Das Fläschchen hat seine Runde gemacht. Seit zwölf plus eins vereinigt sind, hat das alte Ritual ausgedient. Jeder hat sich im Zuge des neuen Regiments seinen Tropfen selbst auf die Zunge geträufelt und geschluckt.
     »Ich weiß nicht, woher sich eure Tatkraft und Zuversicht speisen. Wäre es allein das Elixier, hätte ich es ebenfalls bemerken müssen, bevor ich euch traf. Ich habe aber nie das Bedürfnis verspürt, die Welt zu verbessern.«
     »Und warum, glaubst du, wirkt es bei uns anders?«
     »Vielleicht, weil es euch verbindet. Was dem Einzelnen unmöglich erscheint, kann die Gemeinschaft ohne Weiteres erreichen. Vermutlich steckt der Wunsch, die Welt reicher zu verlassen, als man sie betreten hat, in jedem Menschen, wird aber meistens von gegenläufigen Impulsen überlagert.«
     »Du meinst Erscheinungen wie Resignation und Verzweiflung? « - »Oder eher Wut, Habgier, Neid, Sprachlosigkeit?«
     »Das einzige Mittel, sich selbst zu beherrschen, ist Sprache.«
     Gespannte Stille. Somniare aude. Wage zu träumen. Nichts muss so bleiben, wie es ist. Im Zentralinstitut für Gedankenexperimente gehen die Lichter nie wieder aus. Ich bin mir nur allzu bewusst, gerade der Urszene der Optimistischen Bewegung beizuwohnen. Coppki beginnt, sich aus seiner Abschottung zu befreien. Wellen des Wirgefühls durchdringen ihn, als wäre zwischen Körper und Geist eine Haut geplatzt. Wo sich Sätze in Stoffwechsel übersetzen, um ein System zu durchdringen, entspringen dem Metabolismus umgekehrt Bilder, die zu Worten werden. Gedacht, gesagt, das Dilemma des Dilettanten, übersetzt ins Glück der Tüchtigen. So gelangen Einfälle in die Welt.

Mit freundlicher Genehmigung des C. Bertelsmann Verlags


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