Vorgeblättert

JO Kyung Ran: Zeit zum Toastbacken. Teil 3

05.09.2005.
     "Mein Name ist Han Youngwon."
     Die Frau am anderen Ende der Leitung nannte sofort ihren Namen. Sie hatte eine muntere Stimme. Ich durchsuchte mein Gedächtnis nach ihrem Namen. Han Youngwon ...? Ja, natürlich, ich kannte ihren Namen sehr gut. In dem Moment, als die Erinnerung kam, hielt ich den Hörer noch fester in der Hand, und unwillkürlich fühlte ich kalten Schweiss auf der Haut wie jemand, den man in die Enge getrieben hat.
     "Ich habe lange darüber nachgedacht, Gang Yochin ..."
     "... Ja ?"
     "Ich dachte, wir sollten uns doch einmal treffen, auch wenn es vielleicht nicht unbedingt nötig ist."
     Sie sprach ruhig, aber entschieden. Ich hatte keinen besonderen Grund, nein zu sagen. Wahrscheinlich hatte ich mir schon lange ein Bild von ihr zurechtgelegt, so wie ich es haben wollte; denn ich war früher sehr neugierig auf sie gewesen.
     "... Ja gut, tun wir das."
     Ich fragte dann trocken, wohin ich komme solle. Ohne es zu wollen, hörte sich meine Stimme etwas belegt an. Ich biss mir leicht auf die Unterlippe.
     "Kennen Sie vielleicht das Lokal Baum und Ziegel am Gwanghwa-Tor ?"
     "... Ja, das kenne ich."
     "Dann treffen wir uns dort um sieben."
     "Abends sieben Uhr. Baum und Ziegel", notierte ich auf den Zettel auf meinem Schreibtisch, nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte. Ich legte mich wieder ins Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen. In diesem Moment wurde mir klar, dass mit diesem Treffen etwas geschehen würde, worauf ich nie zu hoffen gewagt hatte, obwohl ich es mir früher durchaus vorstellen konnte. Heute werde ich sie also doch endlich treffen. ... Mit düsterem Blick sah ich auf die Uhr, auf der es schon acht vorbei war. Dann beeilte ich mich, in die Küche hinunter zu gehen.

"Bonnie Booth."
     "Wer?"
     "Bonnie Booth. Manchmal denke ich an diese Frau."
     Mit ihren besonders schmalen Augen unter den weit auseinander liegenden Brauen erinnerte mich Han Youngwon an die Kaiserin Myongsong, so wie Kwon Ochang sie gemalt hatte. Ich stellte das Wasserglas auf den Tisch, und mein Blick blieb kurz an ihrem Hals haften.
     "Haben Sie nicht davon gehört? Eine noch nicht vierzigjährige Frau im US-Staat Indiana wollte sich neulich die Hornhaut an ihren Füssen mit Schüssen aus ihrem Jagdgewehr entfernen."
     Ich schüttelte den Kopf, und mein Blick wanderte auf ihre Handrücken. Die bläulichen Adern traten bei ihr ungewöhnlich stark hervor.
     "Natürlich war sie betrunken. Sie soll eine ganze Flasche Wodka und drei Flaschen Bier ausgetrunken haben. Das wird ja gereicht haben. Zuerst hat sie es mit einem Rasiermesser versucht, aber das ging anscheinend nicht. Schliesslich soll sie im Hinterhof das kleine Jagdgewehr genommen haben."
     "Aber warum hat sie das getan?"
     "Anschliessend soll man sie ins Krankenhaus gebracht haben, wo sie auf ihren Geisteszustand untersucht wurde. Mehr weiss ich auch nicht."
     Es wollte mir nicht einleuchten, weshalb sie mir gerade jetzt diese Geschichte erzählte. Mit einem mürrischen Gesicht, das sagen wollte: Ich verstehe kein Wort von dem, was du redest, blickte ich auf ihre wohlgeformte gewölbte Stirn.
     "Ach, es gibt Momente, da wäre ich auch zu so etwas fähig. Welche Stellen an Ihrem Körper machen Ihnen denn Komplexe, Yochin?"
     Sie war eine von den Frauen, denen es nichts ausmacht, Leute in Verlegenheit zu bringen. Mit leichtem Stirnrunzeln, als hätte sie mich etwas irritiert, nahm ich einen betont langsamen Schluck aus meiner Kaffeetasse. Aber welche Körperstelle konnte es sein ...? Ich merkte, dass ich rot wurde, und bedeckte eine Wange mit meiner Hand. Dann fühlte ich, dass sich in meinem Kopf alles verwirrte, und konnte kein Wort mehr herausbringen.
     "Ich leide an einem Komplex wegen meiner Füsse," sagte sie. "Besonders an den Fusssohlen habe ich eine starke Hornhaut. Deshalb finde ich es jedes Mal richtig aufregend, wenn ich Frauen mit schönen runden Fersen sehe. Wahrscheinlich trage ich auch die falschen Schuhe. Ich ziehe grundsätzlich keine Schuhe mit Absätzen unter sieben Zentimetern an. Jedenfalls sind meine Fusssohlen ziemlich hart."
     Nachdem sie das gesagt hatte, atmete sie tief und geräuschvoll aus, und ihr Gesicht sagte mir, dass sie auch nicht so recht wusste, warum sie mir gerade das von sich erzählt hatte.
     "Vielleicht ist es ja eine leichte Hautkrankheit. Sollten Sie damit nicht zu einem Arzt gehen?"
     Ich hatte auch einmal so etwas gehabt. Inzwischen war es völlig geheilt. Es war an der linken Hand gewesen, und ich ging damit zu einem Hautarzt. Diesen Tag damals konnte ich nicht vergessen, es war derselbe Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte, den Mann nämlich, den sie liebte. Das sprach ich aber jetzt nicht aus. Sie drehte an ihrem Glas mit dem Joghurt-Getränk, das vor ihr stand, dann durchsuchte sie ihre Handtasche und zog eine Schachtel Zigaretten heraus. Es waren Cool light. Wahrscheinlich waren die Schwefelköpfe schlecht, weil erst das dritte Streichholz brannte. Offensichtlich war Baum und Ziegel ein Lokal, das gerne nach Feierabend von Leuten besucht wurde, die in den nahegelegenen Büros arbeiteten. Inzwischen war kein freier Tisch mehr zu sehen, und die Uhr zeigte beinahe zwanzig vor sieben. In dem Kamin in der Ecke - es war einer dieser gemauerten russischen Öfen - loderten die Flammen, und das trockene Brennholz knisterte. Während ich beobachtete, wie ihre Zigarettenasche auf die grüne Tischdecke fiel, hatte ich ein für diese Tageszeit ungewohntes Hungergefühl. Sie bestellte Hähnchenschnitzel auf asiatische Art mit Joghurtsauce und ich Spaghetti Bolognese. Ich schloss daraus, dass sie Joghurtliebhaberin war.
     "Was für eine Ironie!"
     Das war ihre Art: einfach ein Wort hinzuwerfen. Ich entspannte mich allmählich und begann mich bequem zurückzulehnen.
     "Die ,Bäume? hier in Baum und Ziegel sind alle künstlich. Aber man sieht es ihnen nicht an, nicht wahr?"
     Ich blickte in die Richtung, in die sie zeigte. Auf allen zwanzig Stufen, die von der Crown Bakery im Parterre zum Restaurant heraufführten, standen Töpfe mit Begonien, und oben bei uns standen grosse Benjaminea-Pflanzen herum. Sie sahen so frisch aus, als hätte man sie eben mit einem nassen Lappen abgewischt und mit Wasser besprüht. Sie machten absolut keinen künstlichen Eindruck.
     "Sind sie wirklich alle unecht?"
     "Sie glauben es also auch nicht? Aber es ist so. Wenn Sie es nicht glauben, dann fassen Sie sie doch mal an."
     "Wirklich komisch, nicht? Die ,Bäume? in Baum und Ziegel sind alle unecht!"
     Wie vertraute Freundinnen kicherten wir vor uns hin, während sie ihr Fleisch aufschnitt und ich mit meinen Spaghetti beschäftigt war. So wie ich ihr in diesem Moment gegenübersass, hatte ich ganz vergessen, dass wir uns an diesem Abend zum ersten Mal trafen. Diese Frau konnte wirklich sehr anziehend sein. Als Joghurtliebhaberin rührte sie den Salat mit dem gewöhnlichen Dressing nicht an. Ich ass langsam meinen Salat und die Nudeln auf.
     Als die Bedienung die Teller abräumte, blickte Han Youngwon auf meinen Salatteller und schaute mich fragend an: "Warum haben Sie die Paprika liegen gelassen?"
     Sie war ehrlich erstaunt.
     "Ach, das hat keinen besonderen Grund. Sie schmecken mir einfach etwas zu bitter."
     "Aber Paprika enthält sehr viel Vitamin C, und gerade für Leute wie Sie, die an Müdigkeit leiden und diese dunklen Ränder um die Augen haben, ist er gut ..."
     Mit ihrem Wissen von ganz unterschiedlichen Dingen kam sie mir vor wie meine Tante. Ich lächelte still vor mich hin und sah, wie sie sich eine neue Zigarette anzündete. Dann schwieg sie hartnäckig wie jemand mit einem Mund voll Kieselsteinen und starrte geistesabwesend auf einen fernen Punkt irgendwo hinter meinem Rücken. Das Schweigen war schwer erträglich. Inzwischen war es kurz vor acht. Ich spielte mit meiner Tasse, in der der Kaffee längst kalt geworden war. Dann legte ich eine kleine Schachtel vor sie hin, und sie blickte mich fragend an.
     "Das sind B?ri ... Brioches."
     "Brioches? Was ist das?"
     "Das ist ein typisch französisches Gebäck. Es wird ... ich meine ... es ist mit viel Butter und Eiern gemacht, ... und deshalb schmeckt es sehr fein, das ist eben das Besondere daran."
     Ich schwitzte wie bei einem mündlichen Examen und hörte meine Stimme dabei zittern.
     "Warum wollen Sie mir das schenken?"
     "Sie sehen aus wie kleine Stehaufmännchen, und es kommt darauf an, dass man die Form gleichmässig hinbekommt ... Man schneidet der Figur den Kopf ab und füllt sie mit Kartoffelbrei, den man mit Petersilie und Mayonnaise angerührt hat. Zum Schluss setzt man ein Stück Erdbeere darauf - und fertig ist die perfekte Sandwich-Brioche!"
     Während sie noch an ihrer Cool-Zigarette weiterrauchte und Asche auf den Tisch fallen liess, nannte sie mich leise bei meinem Namen:
     "Yochin, ich möchte, dass Sie ihn festhalten."
     Ich nahm ein Stofftaschentuch heraus und trocknete damit meine schwitzenden Handflächen.
     "... Ich konnte heute morgen nicht einschlafen ... Nachdem ich mit Ihnen telefoniert hatte, konnte ich nicht mehr einschlafen. Dann habe ich gebacken ... nur so, ich dachte, ich könnte sie Ihnen mitbringen."
     "Ich esse kein Gebäck."
     "Hat er Ihnen denn nichts erzählt? Wir haben uns getrennt - und nun gibt es kein ,Wir? mehr. Er ist schon lange von mir weggegangen, mein Leben hat mit diesem Mann nichts mehr zu tun."
     "... Es tut mir leid, ich mag kein Gebäck, und ich möchte es auch bestimmt nicht mitnehmen."
     "Ach, das macht nichts, das macht wirklich nichts."
     Bevor sie zur Unterführung am Gwanghwa-Tor hinunterging, reichte sie mir die Hand. Ich betrachtete einen Moment ihre ausgestreckte Hand, ehe ich ihr zögernd meine gab. Ihre Hand fühlte sich aussergewöhnlich weich und glatt an. Sie fragte mich, ob wir uns wiedersehen könnten. Ich dachte, wenn wir uns wieder treffen, dann wäre das, wie heute auch, ganz unabhängig von ihm. Als wir eine Weile so Hand in Hand dagestanden hatten, nickte ich mit dem Kopf. Darauf wandte sie sich mit ausdruckslosem Gesicht ab wie jemand, für den es nichts gab, woran er sich gerne erinnerte. Während ich sie in die hell erleuchtete Unterführung hinuntergehen sah, stieg ganz plötzlich der Wunsch in mir auf, ihre Fusssohlen zu betrachten, es war so ein Drang, der mich plötzlich überkam.
     Als sie verschwunden war, stieg auch ich Stufe für Stufe in die Unterführung hinab, so wie sie vor mir hinuntergegangen war. Passanten, die mit einer Hand ihren Mantelkragen fest zusammenhielten, kamen mir entgegen und stiessen immer wieder an meine Schultern. Ich trat zu einer alten Frau, die auf einer Matte hockte und Zeitungen verkaufte. Ich wählte eine Abendzeitung und liess dabei die Pappschachtel mit den Brioches unbemerkt auf der Matte liegen. Für den Fall, dass jemand hinter mir her rufen würde, beschleunigte ich meine Schritte. Aber es war nichts zu hören, bis ich die Unterführung verlassen hatte.
     Ja, so muss es gewesen sein. Du hast also abwechselnd immer wieder mit zwei Frauen geschlafen: Die eine hat zuviel Hornhaut an den Fusssohlen und die andere hat eine eingesunkene Brustwarze. So war das mit dir ...
     Ich stieg in den Bus Nummer 150 und starrte geistesabwesend auf die Strasse hinaus, wo es immer dunkler wurde. Eine Hand hatte ich auf meine linke Brust gelegt. Wahrscheinlich gab es keinen Ort auf der ganzen Welt, wo absolute Dunkelheit herrschte. Bei jeder Erschütterung oder wenn der Bus ruckte, fühlte ich mich gleich unsicher. Ich war damals achtundzwanzig Jahre alt, und an diesem Januarabend wehte ein sehr starker Wind.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Pendragon

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