Vorgeblättert

Jahrbuch Sexualitäten 2026

Ausgewählte Leseproben.
Die Wiener Aktivistin und ehemalige Grünen-Politikerin Faika El-Nagashi. Foto: privat.




Faika El-Nagashi treffe ich an einem Oktobervormittag 2025 im Café Stein am Rande der Wiener Universität. Die Frau, Jahrgang 1976, zählt seit langem zu den prominentesten Stimmen Österreichs für feministische und queere Fragen. Bis zum Oktober 2024 war sie für die Grünen Mitglied im Nationalrat ihres Landes, dem österreichischen Parlament. Sie lebt mit Partnerin und Kind in Wien.

Erzählen Sie uns bitte, Frau El-Nagashi, Ihr Leben und das, was bisher geschah.

Meine Mutter kommt aus Ungarn, mein Vater aus Ägypten. Und ich bin in Ungarn geboren, in Budapest. Ich war vier, als wir nach Wien gekommen sind. Bin hier aufgewachsen, in Simmering. Das ist ein Arbeiterbezirk. Und dann sind wir, als ich ungefähr zwölf war, nach Niederösterreich gezogen, in ein sehr kleines Dorf mit weniger als 2.000 Menschen. Wir waren dort die einzige Familie mit Migrationsprägung. Ich habe dann maturiert, also mein Abitur gemacht. Ich war die einzige Schülerin mit Migrationsbiografie in meinem Jahrgang, die die Schule mit Hochschulreife abgeschlossen hat.

Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht?

Alles Mögliche. Meine Mutter hat in Ungarn in einem Reiseunternehmen gearbeitet. In Österreich war sie nicht mehr erwerbstätig, sie hat ihre Kinder erzogen. Einerseits. Denn andererseits war es für sie schwer, mit ihrem ungarischen Hintergrund beruflich Fuß zu fassen. Und mein Vater hat sich mit allen möglichen Jobs durchgeschlagen, arbeitete eine Zeit lang in der Textilbranche, später hatte er eine Firma, die mit Baustellen zusammenarbeitete. Fenster, Türen, Parkettböden. Er hatte als 18-Jähriger sein Geburtsland Ägypten verlassen, auch um dem Wehrdienst zu entkommen, und ist mit seinem Bruder nach Europa gegangen. Meine Eltern haben sich in Ungarn kennengelernt. Als seine Aufenthaltsbewilligung nicht mehr verlängert werden sollte, mussten sie sich überlegen: Wo kann die Familie zusammenleben? Österreich war eine gute Option, weil es nicht so weit weg war für meine ungarische Mutter. Es war den Umständen geschuldet, und es war zu einer völlig anderen Zeit, noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Es war überhaupt nicht vergleichbar mit dem, was Migration heute darstellt. Und ich hatte die ungarische Staatsbürgerschaft, bis ich 17 war. Und das war die Zeit, als Jörg Haider und seine rechtspopulistische Partei, die Freiheitlichen, ganz groß geworden ist in Österreich, samt Volksbegehren, das »Anti-Ausländer-Volksbegehren« genannt wurde. Meine Eltern gewannen den Eindruck, es könnte jetzt schwierig werden, vor allem für die Kinder. So beantragten sie für die ganze Familie die österreichische Staatsbürgerschaft. So bin ich dann mit 17 Jahren Österreicherin geworden.

Deutsch war Ihre erste Sprache?

Nein, Deutsch habe ich erst im Kindergarten gelernt, meine Muttersprache ist Ungarisch. Das ist die Sprache, die ich bis heute mit meiner Mutter spreche, wenn auch nicht sehr gut und nicht so fließend. Und meine Eltern miteinander sprechen eine Mischung aus Englisch und Ungarisch. Ich habe viele Wörter, bei denen ich ganz lange nicht gewusst habe, ob das eigentlich ein arabisches Wort ist oder ein ungarisches. Oder ein englisches.

Sie haben noch Geschwister?

Einen jüngeren Bruder, der lebt schon lange in Berlin.

Als große, ältere Schwester haben Sie sich um ihn gekümmert, nicht wahr?

Es gab auch Rivalität, wie üblich unter Geschwistern. Aber ich sage auch: Ich habe ja einen schwulen Bruder, das verbindet. Und wir hatten unsere Coming-outs beide spät und eher heimlich.

Wie fanden das Ihre Eltern?

Grundsätzlich okay, für meine Mutter. Natürlich hat sie sich schwer getan damit. Ich war, glaube ich, 20 oder 21, als ich ihr das erzählt habe.

Lesbisch zu sein?

Ja. Es war auch nicht geplant, dass es so passiert. Wir hatten ein Telefonat, bei dem ergab es sich, dass ich ihr das erzählt habe. Es waren drei Reaktionen von ihr, die mir sehr erinnerlich sind. Die erste war: Bist du nicht vielleicht bisexuell? Die zweite: Was ist mit Enkelkindern? Und als drittes bemerkte sie: Aber sag’ es nicht deinem Vater. Und es ist ganz lange hängengeblieben bei mir. Und blieb auch so. Erst viele Jahre später habe ich es ihm gesagt. Da war ich, glaube ich, 35 und bin gerade nach Brüssel gezogen, um für ILGA-Europe zu arbeiten. Und ich dachte mir dann, ja, wenn ich jetzt ins Ausland gehe, um für eine LGBTIQ-Organisation zu arbeiten, dann möchte ich das auch transparent machen, auch wenn meine Mutter hier Befürchtungen hatte. Vielleicht war das eine realistische Einschätzung, mit der Auskunft meinem Vater gegenüber zu warten, aber sie trug wohl auch ihre Geschichte und ihre Befürchtungen.

Wie hat denn schließlich Ihr Vater reagiert?

Für einen Ägypter ist Homosexualität jetzt nicht etwas, dem gegenüber er aufgeschlossen ist. Ich erinnere mich, dass es in meiner Kindheit viele Kommentare von ihm gegeben hat, wenn im Fernsehen Homosexualität Thema war, abwertende Kommentare von ihm. Aber ich glaube, wie so oft hat sich diese Haltung immer stärker auf schwule Männer konzentriert als auf lesbische Frauen. Lesbische Frauen waren unsichtbar, irrelevant. Eigentlich kein Thema. Schwule Männer wurden immer sehr verächtlich kommentiert. Also mir war schon klar, dass das jetzt nicht etwas ist, das einfach so akzeptiert wird. Und es ist auch etwas, das ich mit meiner ägyptischen Familie nie wirklich erörtert habe. Wir weichen dem Thema aus.

Eventuell war und ist das gelegentlich auch gut, oder?

Manchmal.

Nicht immer?

Es gibt viele verschiedene Wege, mit Homosexualität umzugehen, wenn sie einen selbst betrifft. Zu glauben, man muss etwas verkünden vom Kirchturm herab, allen gegenüber, mit denen man jemals in Kontakt war und ist, auch der engste familiäre Kontext – das muss wirklich nicht sein. Es gibt einfach Sachen abzuwägen. Das eine ist die Sicherheit. Was könnten die Konsequenzen sein? Bleibt etwas positiv oder wird es negativ die Beziehung verändern? Will ich das überhaupt in eine Beziehung zu einem anderen Menschen hineinstellen? Wie geht der andere damit um? Sobald es formuliert ist, muss der andere sich auch dazu verhalten. Und ich zwinge dann diese Person dazu, die eigene Haltung auch zu zeigen. Und oft ist es doch so, dass etwas stillschweigend auch gewusst werden kann von allen. Dieses eine Modell »Du musst dann Farbe bekennen« halte ich nicht für sinnvoll. Man muss nicht unbedingt Homosexualität als Geheimnis sehen oder sie verheimlichen. Ich sehe schon beide Seiten.

Wenn Sie sagen, Ihr Vater hätte eher so ein Ding mit Schwulen gehabt: Wie ist es denn mit dem eigenen Sohn gewesen?

Das ist unausgesprochen.

Was Ihr eigenes Coming-out betrifft: Wann hatten Sie das Gefühl, anders als die anderen Mädchen zu sein?

Meine erste tiefe Verunsicherung oder Verwirrung war mit ungefähr zwölf Jahren, als ich mich in eine Lehrerin verliebt habe. Und ich denke, das passiert vielen jungen Menschen oder Jugendlichen, vor allem Mädchen. Diese Schwärmerei für Lehrerinnen und für Lehrer. Und bei mir war das sehr, sehr ausgeprägt.

Erzählen Sie von Ihrer Verwirrung der Gefühle?

Ich erinnere mich, überhaupt keine Worte dafür zu haben, keine Einordnung treffen zu können. Mein Bruder bekam das mit und sprach darüber mit meiner Mutter. Und plötzlich war dieses Wort »lesbisch« da. Das erste Mal, als ich das gehört habe, war das schockierend. Ich hatte dieses Wort nie so bewusst wahrgenommen, aber es dann auf mich angewandt zu hören, war extrem unangenehm. Dieses Gefühl, dass das etwas Negatives ist, etwas Schlechtes, etwas Abwertendes und mich in Schwierigkeiten bringen könnte. Und dann ist es recht lang liegen geblieben. Ich habe dann auch die Schule gewechselt.

Weshalb – deshalb?

Weil wir nach Niederösterreich gezogen sind. Mit 16 Jahren ungefähr hat eine tiefere Krise für mich begonnen. Ungefähr ein Jahr lang lebte ich sehr zurückgezogen und habe mich mit allen möglichen Themen und Fragen beschäftigt, diese Zeit hat mich sehr geplagt.

Die Zeit vor der eigenen Anerkennung homosexuellen Begehrens, oder?

Wir hatten damals MTV, diesen Musiksender, und dann habe ich ein Video gesehen von k.d. lang, die ihren ersten großen Hit hatte: »Constant Craving«. Und in diesem Video ist sie mit ihren kurzen Haaren, aber vor allem mit halb aufgeknöpftem Hemd zu sehen, während sie sang. Und meine Reaktion darauf war so intensiv, sie faszinierte mich: Ah, dachte ich, so kann eine Frau aussehen. Zugleich war eine tiefe Depression die andere Folge. Meine Mitschülerinnen hatten angefangen zu schwärmen für andere Burschen aus der Schule. Und mich hat das alles überhaupt nicht interessiert. Ich interessierte mich für die Mitschülerinnen. Ich habe Bücher gelesen, etwa »Narziss und Goldmund« von Hermann Hesse, suchte in bestimmten Liedern, in Texten aus Literatur nach Subtexten. Und nach diesem einen Jahr Zurückgezogenheit, nach der depressiven Zeit, nach all dem Hadern mit mir, das ging echt an Grenzen, war dann plötzlich diese Erkenntnis da, akzeptierend, ja: Gut, ich bin lesbisch.

Eine, wie bei allen vor einem homosexuellen Coming-out, schwierige Zeit.

Ich erinnere mich, in einen Spiegel gesehen zu haben und mich selbst damit konfrontiert zu haben. Ich sah das und sagte mir: Deine Mutter ist weiß, Dein Vater schwarz. Deine Mutter ist katholisch, Dein Vater ist muslimisch und Du bist lesbisch. Auch gut. Und dann war die Suche danach: Und jetzt? Was mache ich jetzt damit? Und wie geht es jetzt weiter? Und ich erinnere mich natürlich, dass ich im Telefonbuch geblättert und gesucht habe, nach Nummern, nach Einrichtungen, nach Beratungsstellen und auch angerufen habe, geschaut habe. Aber immer nur dann, wenn ich allein zu Hause war.

Eine Zeit ohne Smartphones.

Und es gab kein Internet. Was es gab, war physisch, also diese Stellen, diese Plätze, natürlich in Wien, doch nicht dort, wo ich war. Ich musste zuerst mal nach Wien kommen. Und ich weiß auch noch, wie ich einmal ins Frauencafé gegangen bin, vielleicht war ich 18, mein Vater, der damals in Wien arbeitete, hatte mich mitgenommen. Das Frauencafé sollte erst um acht Uhr am Abend aufsperren. Um diese Uhrzeit musste ich aber wieder zurückfahren. Also war ich Punkt acht Uhr dort, habe mir ein Bier bestellt und die Barfrau gefragt: Wo kann man denn noch hingehen? Und sie hat verstanden, was ich gemeint habe, und dann hat sie mir Adressen gegeben. Habe mir das alles notiert. Und jeder dieser Momente war ein Gewinn: Ich habe mir das vorgenommen. Ich weiß, dass Frauen sich treffen. Das hatte ich recherchiert. Ich hatte es also geschafft. Ich war dort. Ich habe mir ein Bier bestellt. Ich habe dort gesprochen mit der Barfrau. Ich habe noch eine Adresse bekommen. Über allem die Überschrift: Wie komme ich raus aus der Isolation? Wie schaffe ich das, Anknüpfungspunkte zu finden, andere kennenzulernen und hineinzukommen in die Szene. Ich habe dann die »Emma« abonniert, es gab hinten im Blatt auch Kontaktanzeigen.

Um auf sie zu reagieren?

Nein, mir war schon klar, das spielt alles irgendwie in Deutschland, außerdem hatte ich das Gefühl, das ist alles ein bisschen über meiner Liga. Ich bin noch nicht so weit, auf so etwas zu reagieren, aber es war sehr interessant zu lesen, dass es da Frauen gibt, die andere Frauen suchen. Irgendwann habe ich dann ein Lesben- und Schwulenmagazin aus Wien in die Hand bekommen. So langsam habe ich mich dann herangetastet an dieses Ankommen in einem neuen sozialen Gefüge.

Sie haben von Gewinnen geredet: Sie konnten aber Ihrem Vater am späten Abend, als Sie sich wiedertrafen, nichts erzählen.

Nein, niemandem. Ich habe aber eine Art Tagebuch geführt. Ich habe das, was ich erlebt hatte, dort notiert, mich selber beglückwünscht dazu.

Hätten Sie Ihrem Vater gern berichtet?

Nein, ich glaube nicht. Mir war ja bewusst, wie die Verhältnisse sind. Und so etwas auch für sich selbst zu erkunden, ist, glaube ich, auch ganz gut. Ich glaube nicht, dass man in dem Alter Lust hat, den Eltern jeden Schritt der eigenen Erwachsenwerdung zu erzählen.

Alles war neu für Sie – haben Sie sich trotzdem durch Ihre Eltern geschützt gefühlt?

Ja, natürlich.

Viele Coming-out-Erzählungen berichten von der Angst, von den Eltern verstoßen zu werden.

Nie hätte ich das gedacht. Aber die Freiheiten, die ich hatte, hätten beschränkt werden können. Nämlich so weit, dass es bei einer Zuspitzung oder Eskalation dazu hätte kommen müssen, dass ich sie verlasse. Dass unterwegs sein zu können oder irgendwo hingebracht und abgeholt zu werden, eingeschränkt wird. Oder dass ich nicht mehr ausgehen kann. Ich hörte von vielen Geschichten aus dem Umfeld meines Vaters, die verdeutlicht haben, dass es sehr wohl Mittel und Wege gibt, wie Männer, wie Freunde meines Vaters oder Bekannte meines Vaters ihre Ansprüche geltend machen können ihren Kindern gegenüber. Nicht bei homosexuellen Kindern allein, sondern auch in Scheidungsverfahren.

Ihr Verhältnis ist heute normal: Sind sie stolz auf Ihre Tochter?

Ich denke schon. Mittlerweile ja. Aber es sind auch Jahrzehnte einer Auseinandersetzung gewesen. Ich glaube auch, dass sie viel gelernt haben. Und dass sie auch bereit waren zu lernen. Aber ich musste mich wirklich emanzipieren. Auch von ihnen.

Das klingt gut – nicht nur anstrengend.

Meine Mutter zum Beispiel ist an einem gewissen Punkt fast so etwas wie eine Aktivistin geworden für Lesben und Schwule. In der Zeit des Haderns mit mir und meinem Bruder hat sie es ganz schön gefunden, eine andere Rolle zu finden. Als Mutter einer lesbischen Tochter bekommt man in bestimmten Kreisen Anerkennung.

Für Eltern von unkonventionellen Kindern ist das vielleicht auch ein Zeichen vom Lebendigbleiben – zumal bei lesbischen und schwulen Kindern, denen sie nah bleiben können?

Auf Regenbogenparaden gab es Eltern, die mitgegangen sind, recht stolz sogar. Meine sexuelle Orientierung ist ja nicht nur ein Teil meiner persönlichen oder privaten Lebensführung oder Identität geblieben, sondern ist sehr stark in meine politische Arbeit und damit insgesamt in meine Arbeit übergegangen. Zentral geworden zu dem, was ich tue. Das war schon sehr früh so. Mit 19 habe ich angefangen, politisch aktiv zu sein. Und als politische Aktivistin war eines der Themen, mit denen ich mich hauptsächlich beschäftigt habe, LGBTIQ eben. In allem, was ich gemacht habe, ist das der Bereich gewesen, in den nicht nur meine Zeit, meine Energie, meine Leidenschaft hineingegangen sind. Ich habe keine Hobbys im klassischen Sinn. Blumen, Gärtnern, Klettern, Wandern oder Ähnliches. Politische Arbeit und der daran hängende Aktivismus: Es ist wirklich das, was mich ausmacht. Es ist schön, wenn sich beide Seiten, meine Eltern hier, ich auf der anderen, sich öffnen und verändern und eine gewisse Gelassenheit auch den anderen gegenüber entwickeln.

Sie begannen schließlich zu studieren?

Ich erinnere mich, an der Universität in dieser Schlange gestanden zu haben, um mich zu erkundigen. Am liebsten hätte ich Archäologie studiert. Leider traute ich mich nicht wirklich. Was würden sich meine Eltern wünschen, was ich selbst? Ich wusste, sprachlich war ich immer recht gut. Und ich dachte: Warum nicht Ungarisch? Mit meiner ersten Sprache habe ich mich dann fürs Dolmetschstudium inskribiert, aber schon nach einem Jahr gemerkt, dass mir das nicht recht ist. Das Dolmetschinstitut liegt relativ weit abgelegen von der Hauptuniversität. Da gab es Garderoben, Spinde, und manche hatten ihre Hausschuhe mit. Es war fast wie eine Fortführung der Schule. Und im Audimax an der Universität wurde geraucht. Damals wurde noch geraucht, überall. Und es hingen Plakate von allen möglichen Veranstaltungen herum. Es war sehr politisch. Es war sehr, sehr aktivistisch, sehr viel Protest wahrnehmbar, und dort hat es mich wirklich hingezogen.

Aber einer der Hauptgründe war auch, dass ich gemerkt habe, ich möchte eigentlich nicht einen Beruf haben, in dem ich ständig nur das wiedergebe, was andere sagen.

Also keine Archäologie, kein Dolmetschen – was blieb Ihnen übrig?

Politikwissenschaft und Finno-Ugristik. Ungarisch also noch ein bisschen mitzunehmen und Frauenforschung, so war ich eingeschrieben, habe gleichzeitig auch angefangen, in der Studentenpolitik aktiv zu werden. Letztlich hat es 15 Jahre gedauert, bis ich ein Studium abgeschlossen hatte – und das war am Ende dann Politikwissenschaft. Dass es so lange brauchte, einen Abschluss zu schaffen, hatte natürlich mit den aktivistischen Möglichkeiten zu tun. An der Universität Wien gab es ein Referat für homo-, bi- und transsexuelle Angelegenheiten, und ich war die erste Referentin. Dann erfuhr ich, dass es eine europäische LGBT-Jugendorganisation gibt, diese plante eine Konferenz. In Budapest, eine einwöchige Tagung mit 24 Teilnehmenden aus verschiedenen europäischen Ländern. Das war eine komplett neue Welt. Am Ende dieser Woche hat mir dann eine der Organisatorinnen gesagt: Es gibt eine andere Organisation, die macht auch eine europäische Konferenz. Sie hieß »Women from Minorities«. »Ich glaube, das könnte dich interessieren«, sagte sie mir. Das war der Beginn eines Jahrzehnts mit aufregendstem Aktivismus auf europäischer Ebene für Themen rund um Minderheiten, Minderheitenrechte und Intersektionalität. Es ging immer darum, sich anzusehen: Wie wirken diese Themen, die identitär so wichtig sind für viele von uns, auch dann auf der politischen Ebene? Wie kommen wir zusammen? Wie können wir als Minderheiten unsere Differenzen überwinden? Für mich eine sehr prägende Zeit.

Bei Lichte betrachtet war dieses Engagement wie auf Sie zugeschnitten: sprachinteressiert und europäisch durch und durch.

Ja – und das hat mich zugleich ein bisschen vom lokalen Aktivismus entfernt, weil ich in einem völlig anderen Kontext angefangen habe, mich zu orientieren. Eine Begegnung mit anderen haben zu können und ihnen sehr nahe zu kommen, innerhalb weniger Tage: Ich war geflasht davon, dass es andere gibt, die mir sehr ähnlich sind. Von ihren Identitätsmerkmalen her. Also junge Frauen, deren Eltern aus Iran sind – und die jetzt in Schweden leben. Oder eine andere: der Vater aus China, die Mutter aus Irland, eine andere hat Eltern aus Ghana, die in Dänemark leben. Alle möglichen Konstellationen, und ich stach nicht heraus, ich war nicht mehr die Ausnahme.

Ein Kuddelmuddel als das neue Normale, es ist nicht exzeptionell.

Mit Räumen zum Austausch, die ich sonst selten habe hier in Wien. Als ich die Schule abgeschlossen habe, war ich die Ausnahme, die Besondere. Es wäre schön gewesen, einfach mal in der Masse unterzugehen, um zu bedenken: Wer bin ich eigentlich, unabhängig von dieser äußerlichen Ausnahme?

Beispielsweise?

Es hieß oft: »Du siehst ja gar nicht österreichisch aus!« Oder: »Jetzt musst du erst einmal erklären, wieso du doch sehr österreichisch bist!« Die Wenigsten erwarten, dass ich so spreche, wie ich spreche mit diesem Aussehen, und das alles nicht so im Mittelpunkt stehen zu haben, das ist sehr entspannend. Und das ist für mich ein wirkliches Privileg, dass ich da in meiner jungen Erwachsenenzeit so viel Zeit verbringen konnte und so aktiv sein konnte und so viel lernen konnte.

Und sind doch später für die Grünen Nationalratsabgeordnete geworden.

Bis dahin war es noch ein langer Weg. Ich war ja in meinem Universitätsreferat, um dann mit 24 mit dem Arbeiten zu beginnen. Teilzeit, in feministischen Migrantinnenprojekten mit lateinamerikanischen Frauen in Österreich, mit Arbeit für Prostituierte …

War ein Ruck nötig, endlich einen Universitätsabschluss zu schaffen?

Ja, das musste ich wirklich, mir einen Ruck geben. Ich habe dann das Johanna-Dohnal-Stipendium erhalten, das es mir ermöglicht hat, Bildungskarenz zu nehmen. Ein halbes Jahr lang, um mich hinzusetzen und meine Diplomarbeit zu schreiben und mein Studium abzuschließen.

Erfolgreich, nicht wahr?

Ja, Gott sei Dank, nach so vielen Jahren. Das war nicht leicht, denn das Berufliche, das hat mich ausgemacht. Der politische Aktivismus war mein Beruf. Wir haben mehr gearbeitet, als in den Verträgen steht. War ja völlig irrelevant, ob Wochenende ist oder Feiertag. Die Arbeit wurde gemacht, und zwar mit Leidenschaft.

Wie sehen Sie diese Zeit Ihres Lebens?

Ich weiß das so zu schätzen, dass ich fast immer das machen konnte, was ich wirklich wollte. Und glücklicherweise ist das auch immer zumindest ausreichend oder annähernd ausreichend bezahlt gewesen. Es ging nie darum, Geld zu machen oder Karriere zu machen, sondern das, was meinem inneren Antrieb entspricht. Dem nachgehen zu können. Und das war sehr erfüllend für mich.

Bislang arbeiteten Sie im NGO-Bereich, fern der politischen Parteien-sphäre. Wann begann für Sie Ihre Zeit bei den Grünen?

Mehr als zehn Jahre lang, bis 2011, war ich bei dem Verein, der sich um das Thema Prostitution aus feministischer Sicht kümmert. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich zu diesem Thema mehr oder weniger alles durchdrungen hatte. Es war von mir alles gesagt, gedacht und geschrieben. Ich habe meine Diplomarbeit zu dem Thema geschrieben, ich habe Öffentlichkeitsarbeit dazu gemacht, politische Arbeit, Vernetzungsarbeit. Aber ich hatte auch den Eindruck, dass sich der zivilgesellschaftliche Bereich in finanzieller Abhängigkeit von Geldgebern, also staatlichen Stellen befand. Ob es die Gemeinde Wien war, das Land Wien, der Bund, und immer in dieser Abhängigkeit zu sein und dann auch politisch einen Maulkorb zu bekommen bei bestimmten Themen.

Ein Dilemma: Man engagiert sich – aber könnte nie gegen den geldgebenden Staat agieren, auch wenn das politisch geboten wäre.

Diese Dynamik aus Abhängigkeit und Engagement gilt für alle, die im Nichtregierungsbereich arbeiten. Ich habe dann begonnen, in der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten. Das war ganz interessant, mit NGOs in anderen Ländern zu kooperieren. Ich habe dann zufällig gesehen, dass eine Stelle bei ILGA-Europe ausgeschrieben war, quasi eine Elternorganisation jener NGO, in der mein Aktivismus begann. Ich stellte mir vor: Wäre es nicht großartig, wenn ich genau das machen könnte als Job? Bin nach Brüssel zum Vorstellungsgespräch gefahren, für die Stelle aber nicht genommen worden. Aber sie haben gesagt, sie warten noch auf eine andere Finanzierung, sie würden sehr gerne mit mir arbeiten. Und dann haben sie mich an meinem Geburtstag angerufen. Kurzum: Monate später bin ich nach Brüssel gezogen und habe meinen Job bei ILGA-Europe begonnen. Das war 2012.

Sie lächeln nicht, wenn Sie über diesen Abschnitt Ihres Lebens berichten.

Weder die Stadt noch der Job haben mir gefallen.

Weshalb denn nicht – Sie waren doch am Ziel Ihrer Träume?

Vieles war ja auch interessant, aber vielleicht phantasiert man doch nie das, was im erhofften Traumjob auch passieren kann: eine gewisse Beengtheit zu erleben. Die Möglichkeit zur Auseinandersetzung ist nämlich sehr begrenzt. NGOs dort sind nicht unabhängig. Viel weniger außerdem, als ich das aus Österreich kannte. Ich bekam den Eindruck, weil diese Organisationen als Lobbygruppen so nah an der Europäischen Kommission dran sind, so eng mit ihr zusammenarbeiten, dass eine gewisse Art von Spiegelung stattfindet. Man lässt sich also gewissermaßen von den Beamten in der Europäischen Kommission vorschreiben, wohin der Hase zu laufen hat. Das ist fix internalisiert, sodass man reproduziert, was die politischen Gremien wünschen. Man ist Stakeholder der Europäischen Kommission und deren Apparate – und die NGOs spiegeln nur die Logiken, die intern gelten. Das führt zu Bürokratisierung und Technokratisierung.

Weil man im Gefüge des Apparats, eng an der Europäischen Kommission dran, kaum politisch eigenständige Kraft entwickeln kann?

So ist es auch nicht. Man hat schon eigenständigen Einfluss. Aber das war nicht unbedingt das Betätigungsfeld, das mich angesprochen hat. Das System konnte nicht kritisiert werden. Man muss Zutritt bekommen und damit Macht, um sich in das System einzuschreiben. Diese Konformität hat mich nicht interessiert. Mehr hätte mich das Zwischenmenschliche interessiert, diese Energie, die entsteht, wenn Menschen miteinander sich auf ein Ziel verständigen, weil sie Lust auf Veränderungen haben und sich selbst als machtvoll erleben.

Spielten private Gründe auch eine Rolle?

Kurz bevor ich nach Brüssel ging, war ich gerade in einer neuen Beziehung – und eine aus der Ferne, das wollte ich nicht. Nach einem halben Jahr war klar, dass ich nach Wien zurückgehe. Nach einer Etappe bei einem Bildungsträger sah ich, dass eine Stelle bei den Wiener Grünen ausgeschrieben war, Teilzeit, recht gut bezahlt. Ich bin auch genommen worden, habe dann im Rathaus gearbeitet, bei den Wiener Grünen. Allerdings war ich nicht Parteimitglied und habe große Bedenken gehabt, weil ich davor nie parteipolitisch involviert war. Ich dachte mir jedoch wie zum Trost, dass ich ja jederzeit gehen kann. Dann aber habe ich gesehen, was die Politiker und Politikerinnen um mich herum machen, und dachte: Na, das kann ich auch!

Es war ein langgehegter Plan?

Nein, im Gegenteil. Nie hatte ich mir vorstellen können, in die Parteipolitik zu gehen, auch nicht zu den Grünen. Aber es ergab sich so. Man kannte mich bei den internen Wahlen nicht, ich hatte keine Hausmacht, war aber vielleicht Projektionsfläche für alle möglichen Vorstellungen und auf eine bestimmte Art auch ein Postergirl: cool, lesbisch, feministisch, das macht was her. Erst kam ein Mandat auf Bezirksebene, schließlich eines für den Landtag. Ich habe sehr viel gemacht in diesen Rollen, auch natürlich im queeren Bereich oder mit LGBTIQ-Organisationen.

Das kam Ihrem Talent zum Aktivistischen doch sehr nahe?

Ich habe auch davor Gruppen gegründet, für lesbische Migrantinnen, mit einer Gruppe von LGBTIQ-Geflüchteten aus afrikanischen Ländern, es war die Zeit der vielen Flüchtlinge, 2014 und 2015, ich konnte mich extrem stark einbringen. Ich war auch mittendrin gegen die schwarzblaue Regierung, also die Koalition aus ÖVP und FPÖ, zwischen konservativer und rechter Partei, die damals an der Macht war. Gegen die Regierung und für Neuwahlen haben wir protestiert. Und dann, an einem Samstag, wurden Neuwahlen verkündet. Und am Montag hatte ich entschieden: Ich werde kandidieren für diese Wahl. 2019 bin ich eingezogen ins nationale Parlament. Die Grünen sind in die Regierung gekommen, was unerwartet war, denn in der Legislatur zuvor waren sie nicht im Parlament gewesen. 2020 stand die Regierung, auch mit uns. Und dann kam Corona …

Eine Zeit, die uns alle prägte.

Auch meine Zeit. Alles war der Pandemie untergeordnet. Im November 2020 gab es außerdem einen entsetzlichen Terroranschlag in Wien. Und dann der Beginn des russischen Krieges in der Ukraine. Es war ja an sich schon eine herausfordernde Zeit. Und dann auch die Zeit, in die mein hoffentlich letztes Coming-out gefallen ist – als genderkritische Feministin.

Als Sie zur Aussätzigen wurden. Wie kam es dazu?

Als Politikerin war ich ja immer dem aktivistischen Bereich verbunden. Im Jahr 2017, da war ich Wiener Landtagsabgeordnete, gab es dann eine große Lesbenkonferenz in Wien, organisiert von einem neuen europäischen Verein, ich war als eine der Eröffnungsrednerinnen eingeladen. Ich freute mich über die Einladung, das war wie ein Ausflug in mein früheres aktivistisches Leben. Eine Lesben*-Konferenz!, wie es öffentlich annonciert war. Über das Sternchen hatte ich mir keine großen Gedanken gemacht, ich war auf meine politische Arbeit fokussiert. Aber eine Freundin von mir aus Jugendtagen, mit der ich gemeinsam viel auf Konferenzen unterwegs war, ist nach Wien gekommen zu diesem Event. Sie lebte damals in Großbritannien. In einer Konferenzpause sagte sie mir: »Du weißt schon, dass Transfrauen keine Frauen sind?« Und ich habe dann sofort gemerkt, wie diese Aussage auf mich wirkt: Zuallererst zu schauen, ob uns auch niemand gehört hat.

Sie wussten, wie vermint das Gelände mit diesem Sternchen ist?

Ja, das wusste ich, aber nicht so genau. Es war vor allem schockierend, jemanden diese Aussage formulieren zu hören. In Großbritannien war dieses Thema zu dem Zeitpunkt offenbar schon ganz anders präsent. Hier bei uns ist es 2017 gar nicht Thema gewesen. Sie hat mir dann erzählt über Männer in Frauengefängnissen und den Frauenhäusern, in die Transfrauen gelangen können, über Garderoben und Umkleiden. Ich hielt dagegen und sagte: »Warum soll man das alles jetzt auf sich nehmen, um Zutritt zu bekommen?«. Für mich schien das so weit hergeholt. Ich konnte es schlecht mit meiner Realität in Wien und Österreich in Einklang bringen. Aber ich habe ihr zugehört, weil wir eine gemeinsame Geschichte hatten. Dann habe ich angefangen, mich mehr damit zu beschäftigen. Was vor allem online passiert ist, weil es hier in Österreich, im deutschsprachigen Raum fast nichts gab.

In der HOSI, der Wiener Bürgerrechtsorganisation für schwule und lesbische Belange, auch nicht?

Nein, ich hatte mit der HOSI nicht so viel zu tun. Natürlich war ich mit Aktivistinnen verbunden, habe als Politikerin Veranstaltungen organisiert, im Rathaus zuerst und später im Parlament. Es war nicht Thema in Auseinandersetzungen. Aber immer mehr Organisationen aus dem LGBTI-Bereich fügten sich einen Stern hinzu, ob als Dekoration oder als politische Aussage, war nicht ganz klar.

Sie wollten es vielleicht gar nicht so genau wissen?

Sagen wir so: Wir haben uns nicht mit der inhaltlichen Aussage beschäftigt. Es war eher so eine Art Automatismus.

Wie spielte sich diese, nun ja, Infiltration des Sternchens konkret ab?

Schwer zu sagen. Ich erinnere mich dunkel an Ladyfest-Zusammenhänge. Das war eine Art Veranstaltungsreihe, die mit Musik, elektronischer Musik und mit feministischen Ansprüchen mit Frauen als DJs und der Lesbenszene verbunden war. Alles irgendwie Avantgarde, man hat nach neuen Ausdrucksformen gesucht. Plötzlich waren Begriffe da wie »FLINTA« … ein Akronym für »Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen«, um zu beschreiben, wen das jetzt ansprechen soll.

Also irgendwie nicht mehr das, was früher die Lesbenszene war mit ihren Cafés, Bars, Partys. Alles sollte breiter aufgestellt werden, auch heterosexuelle Frauen adressieren. Und dann gab es aber immer irgendwelche Männer oder Freunde, die mitkommen wollten oder sollten. Manchmal waren es ja auch schwule Männer und irgendwie war plötzlich »FLINTA« da und mit »FLINTA« auch der Stern.

So erlebte ich es auch in Deutschland: Plötzlich waren in unserem Zusammenhang Sternchen, wie angeklebt. Ich dachte vor zehn Jahren, kurz vor der Einführung der Ehe für alle in Deutschland, dass die homosexuelle Minderheit rechtlich fast alles erreicht hat und dass es zugleich ein Problem sei, wenn die schwule Infrastruktur immer schwächer wird und die lesbische so gut wie nicht mehr vorhanden ist. Stattdessen: Sternchen und die moralische Verachtung für sogenannte Cis-weiße Männer, auch schwule Männer.

Wir waren ja alle in gutem Glauben. Das Thema »Trans« war damals ein völlig anderes als heute. »Trans« stand für »Transsexualität«. Das bedeutete bei jenen, die es betraf, einen tiefen Leidensdruck mit dem bestehenden Zustand, mit der Realität, mit dem eigenen Körper und mit dem eigenen Geschlecht. So ging es darum, die hormonellen und medizinischen Eingriffe so zu gestalten, dass sich eine äußere Veränderung zeigt, die dieses Wunschgeschlecht nach Möglichkeit abbildet oder dem nahekommt. Das war die bürgerrechtliche Idee: das Leben und die Lebensbedingungen von Transsexuellen zu verbessern.

Und nichts davon ist mehr Voraussetzung oder Bedingung für eine heutige Transidentität. Es bedeutet etwas völlig anderes. Die konkreten Reformen zugunsten von transsexuellen Menschen, die entsprachen auch den Vorstellungen der damaligen LGBTI-Bewegung. Das war auch das Verständnis unter den Lesben, wenn es um dieses Thema ging.

Das Thema hat sich völlig geändert in den letzten Jahren.

Und dies zu erkennen, kam einem schrittweisen Aufwachen gleich. Es hat Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass im neuen Verständnis von Transidentität jede Menge Konflikte stecken. Damals, als diese Sterngeschichte aufgekommen ist, das war ja nur ein Detail dieser Veränderungen, ein Strang. Ein Strang kommt sicher aus feministischen Zugängen, auch aus feministischer Linguistik, aber auch der Frauenforschung und den Gender Studies, aus dem feministischen Aktivismus, wo das Spiel mit Sprache ein gewichtiger Teil war.

Sie finden doch die feministische Kritik an männlicher Sprache einleuchtend?

Ich fand und finde das alles gut und richtig. Ich finde es gut im Akademischen. Ich finde es gut, in aktivistischen Sachen sprachliche Zeichen auszuprobieren, kritisch zu sein. Kreativ zu sein. Ich finde es auch gut, mit Sprache zu spielen, auch mit Schrift und Schriftbild. Begonnen hatte dies ja mit dem Binnen-I … durch die Linguistin Luise Pusch in den frühen achtziger Jahren.

Ja, das war sehr schön. Die sprachliche Sichtbarmachung von Frauen durch einen Akt der Disruption. Eine Störung des Sprachflusses. Im Zuge dieser akademischen und aktivistischen Auseinandersetzungen seit den achtziger Jahren, mit der Etablierung der Frauenforschung an Universitäten, mit den Gender Studies, wurde der Feminismus sichtbarer. Man hatte weiter Lust an der Disruption, Lust an der Veränderung und Lust auch, mitbestimmen zu können und sich auch in einer zunehmend machtvolleren Position zu erleben. Weil die Institutionen begonnen haben, sich zu verändern. Weil mehr Platz gekommen ist auch für Frauen. Und mit diesen Zuwächsen an Einfluss, mit dem Gefühl, etwas wirklich ausrichten zu können, gab es auch eine gewisse stete Abnutzung und Langeweile, wenn der Schülerausweis schon »SchülerInnenausweis« heißt, mit dem Binnen-I. Wieviel ist dann von dem disruptiven Potenzial noch da?

In den neunziger Jahren gab es die ersten Publikationen zu Queer Studies, zur Queertheorie.

Ich hatte die Fächerkombination Politikwissenschaft und Frauenforschung studiert. Das hieß damals auch noch so: Frauenforschung. Wir haben dann im »Homo Bi Trans-Referat« kommentierte Vorlesungsverzeichnisse herausgegeben und unseres »Geschlechter- und Sexualforschung« genannt. Und uns ging es um eine andere Dimension. Es gab damals Gender Studies noch nicht. Aber all diese Bereiche, die neu und innovativ waren, hatten nicht sehr lange Bestand. Also die Frauenforschung gab es noch am längsten von diesen Bereichen, aber dann Geschlechterforschung oder Gender Studies verhältnismäßig kurz – bevor dann die Queer Studies sie alle abgelöst haben.

Die eine unendliche Geschichte werden würden?

Ja, denn Queer Theorie hat ja das Hauptproblem, dass sie Punkte, Zeichen, Symbole nicht fassen kann, was sie fassen will, dass keine Kategorien entwickelt werden können. Dieses Problem ist in das theoretische Gerüst selbst eingeschrieben. Wenn ich also sage, ich kann nie eine Kategorie genau abschließend umschreiben und definieren, dann kann ich aber nach einer Kategorie einen Platzhalter setzen, einen Stern, um genau das zu markieren, was nicht fassbar ist. Eine unendliche Geschichte.

Ein konkretes Beispiel?

Der Stern markiert die freie Wahl des Geschlechts – als Menschenrecht, konsequent weitergedacht. Einerseits der Stern als dekoratives Moment, andererseits als Ausdruck eines Avantgardeprojekts. Einerseits ein akademisches Ansinnen, andererseits ein Stück Aktivismus. Da gibt es eine Wechselwirkung und einen Austausch, gerade im feministischen Bereich, weil ja oft diese Position des Forschers, der Forscherin dann auch hinterfragt wurde. Wie sehr sind die Personen nur im akademischen universitären Eifelturm oder sind sie auch im Feld unterwegs?

Wie wurden Sie zur Abtrünnigen, zur Kritikerin dieser Entwicklungen?

Sehr stark durch Lektüren englischer Texte, von lesbischen Frauen. Beispielsweise von Kathleen Stock, die als Philosophin an ihrer Universität gemobbt wurde. Ich sah das online und staunte. Dann habe ich natürlich versucht, hier in meinem Umfeld Möglichkeiten zur Auseinandersetzung zu finden. Es war aussichtslos. Ich habe mich sehr isoliert und zurückversetzt gefühlt an die Anfänge meines ersten Coming-outs. Alle waren irgendwie verdeckt und versteckt und isoliert. Und hin und wieder hat man online vielleicht mitbekommen, dass jemand in die Schusslinie geraten ist, weil sie irgendetwas gesagt hat, was nicht zur neuen Linie passte. Die waren dann aber superschnell damit, sich zu entschuldigen und sich wieder zurückzuziehen aus der Debatte, um bloß nicht permanent in der Kritik zu stehen.

In Deutschland, so berichtete es uns Monika Barz aus dem baden-württembergischen LGBTI-Forum, gab es mehr und mehr einen immensen Druck auf reine Lesbenvereine, transinklusiv zu werden, um Förderungen nicht zu riskieren.

Das Druckmittel, in der Tat. Ich war Ende der 2010er Jahre in einem Lesbenverband, dort war ich im Vorstand die Schatzmeisterin. Wir wollten 2019 eine Konferenz in der Ukraine organisieren. Ich wollte mein Unbehagen am Queerfeminismus diskutieren, das war aber nur mäßig erfolgreich, weil die Organisatorinnen noch Fördergelder gesucht hatten. Die Fördergeber stellten jedoch als erste Frage: »Seid ihr transinklusiv?« Für eine Frauen- oder Lesbenorganisation wurde das zu einer Überlebensfrage. Im nächsten Schritt hatten sie auch noch zu beantworten und zu dokumentieren: Wer sitzt bei euch im Vorstand? Wer spricht auf Konferenzen? Wer darf teilnehmen und wer nimmt auch wirklich teil? Du musst wirklich deine Organisation komplett öffnen und unterwandern lassen, auf jeder Ebene. Sonst kannst du diesen Beweis nicht antreten, dass du transinklusiv bist, und sonst bekommst du keine Fördergelder, und du riskierst die Rufschädigung und den Schaden, wenn andere Organisationen dich dann als transphob bezeichnen.

Und der letzte Auslöser für Sie, sich als transideologiekritisch zu outen?

2022 war das, es gab in Wien am Donaukanal ein gesprühtes Graffito mit dem Slogan »Kill all TERFs«.

TERF als Chiffre für »trans exclusiv radical feminist«: transausschließende Feministinnen.

Und ich wusste dann natürlich sofort, was das bedeutet und aus welchem Kontext das kam. Da habe ich angefangen, mich auf Social Media zu äußern: »Das ist ein Gewaltaufruf, das ist eine Grenzüberschreitung.«

Sie wurden sichtbar als eine, auf die man nicht mehr zählen kann.

Nicht so ganz. Abgesehen davon, dass ich mich sehr moderat geäußert hatte, haben viele gedacht, dass es nur ein Ausrutscher war.

Stattdessen gaben Sie dem einflussreichen österreichischen Magazin »Falter« ein großes Interview.

Ja, und da war auch allen klar, dass ich mir zu den Fragen, die mich bewegten, einiges überlegt habe.

Sie ahnten, dass Sie mit dem Interview, mit Ihrer Kritik am transinklusiven Feminismus für die meisten, mit denen sie in den vergangenen 20, 30 Jahren gearbeitet hatten, zu einer Aussätzigen werden würden?

Ich wusste es, aber ich wusste es auch gleichzeitig nicht. Ich hatte vielleicht eine gewisse Illusion über mich selbst. Ich dachte, mit meinem Standing, mit meiner beruflichen Biografie, mit meiner politischen Biografie und auch mit meiner persönlichen Biografie: Wie kann man mich als rechtsextrem verunglimpfen? Aber man hat es gemacht. Es gab dann einen Offenen Brief gegen mich, unterschrieben von Kolleginnen aus meiner Partei und aus anderen Parteien, von Aktivistinnen, mit denen ich zum Teil Jahrzehnte zusammengearbeitet hatte. Weil mein berufliches meist auch mein soziales Umfeld war, gab es keine einzige Beziehung, die davon nicht beeinträchtigt war. Vollumfänglich. Das ist extrem schwer, und das ist komplett an die Substanz gegangen. Es ist eine hochdramatische Erfahrung, die einen Menschen brechen kann.

Diese liegt erst wenige Jahre zurück. Schauen Sie auf Ihre aktivistischen Jahre, als Sie mit allem der queeren Agenda so einvernehmlich waren: Wie sehen Sie diese heute?

Zunächst: Es kommen immer neue Generationen nach, die ihre eigene Markierung setzen möchten. Also die Feministinnen, die das eingeführt haben, die sind ja mittlerweile langsam abgelöst. Und alles war eingebettet in feministische Theorie einst, als Werkzeug: Ich kann die Sprache verändern, städtische Repräsentationen. Straßen heißen nach weiblichen Figuren, im Arkadenhof der Universität gibt es inzwischen nicht nur die Büsten von Männern, sondern auch eine von einer Frau. Mit dem Feminismus ist so vieles erreicht worden. Und das bleibt. Aber die Gendersprache, von oben bestimmt, die Transgeschichten – jetzt haben wir in den USA einen Präsidenten Trump, der kürzt Förderungen an Universitäten. Der kann das, er hat die Macht. Das hat sich die Linke nicht allein zuzuschreiben, aber in den USA ist vieles aus dem Ruder gelaufen. Dass keine linke Institution mehr, weder Parteien noch Universitäten, Medien oder der zivilgesellschaftliche Bereich, in der Lage waren, ihn und seine Bewegung einzudämmen. Der Queerfeminismus und der Transaktivismus sind … und werden von den Linken und in den USA von den Demokraten … wie permanent rebellierende Kinder im Laissez-faire-Modus behandelt worden. Und Trump macht das, was er in seiner Rolle sein kann: als strenger Vater dem Grenzen setzen. Und zwar tragischerweise auf eine Art und Weise, die Rechtsstaatlichkeit und alle möglichen anderen demokratischen Prozesse gefährdet und aushebelt.

Meine Erfahrung ist: Linke und Linksliberale können nicht in diesem Feld argumentieren, sie fügen sich den Aktivistinnen und Aktivisten und denken irrtümlicherweise, dass das alles für ihre politische Mehrheitssuche keine Rolle spielt.

Deutschland ist in der EU am weitesten gegangen. Mit einem Selbstbestimmungsgesetz, das auch Minderjährige in Anspruch nehmen können. Viel massiver geht es ja fast nicht. Aber es ist auch die Forderung der europäischen Grünen. Und die der Europäischen Kommission. Oder die Position der Europäischen Kommission und der EU mit ihrer LGBTQIA+-Strategie, die im Oktober 2025 präsentiert wurde.

Sie haben das Athena Forum begründet, um Einfluss auf die EU-Entwicklungen in Brüssel zu nehmen. Warum?

Also, drei Sachen vielleicht. Das eine große Problem ist, dass es immer noch sehr viele gibt, die sich nicht trauen, öffentlich zu diesem Thema zu sprechen. Wer jetzt seine Karriere nicht bewusst beschädigen möchte, bleibt dem Thema fern. Vor allem, wenn du aus dem linken Spektrum kommst. Es wäre existenzgefährdend. Das andere ist, dass wir eine Wechselwirkung haben von der supranationalen Ebene, von dem, was in der EU passiert, aber auch im Europarat, und der nationalen Ebene. Viele dieser Entwicklungen kommen plötzlich in Länder, wo man überhaupt nicht versteht, woher dieses Thema kommt. Viele Themen wie die Ehe für alle sind noch nicht einmal in diesen Ländern auf der Agenda – und trotzdem muss über ein Selbstbestimmungsgesetz gesprochen werden. Das ist in beitrittswilligen Ländern wie Albanien so, das ist auch so in Ländern, die grundsätzlich sehr konservativ sind, wo Frauenrechte überhaupt nicht selbstverständlich sind. Malta war eines der ersten Länder mit einem Selbstbestimmungsgesetz.

Ein Land, in dem nach wie vor ein fast striktes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen gilt.

Genau. Oft passieren diese queerfeministischen Trans-Sachen aus völligem Unverständnis der Materie gegenüber bei den progressiven und auch bei den konservativen Parteien. Was wir versuchen, ist, hier reinzugehen. Diese Entwicklungen sollen ans Tageslicht. Kürzlich hat die EU ihre LGBTQIA+-Strategie verkündet. Eine aktivistische Terminologie findet sich in einem EU-Strategiepapier. Wenn man sie fragen würde: Wofür steht das Plus denn überhaupt? Wer weiß das schon? Aber die EU-Kommissarin trägt ein T-Shirt bei der Verkündung auf der Pressekonferenz im EU-Rahmen, auf dem steht: »Protect the Love«. Der einfachste Weg, sich dem gegenüber zu verhalten, ist zu sagen: Weg mit der EU. Soll sie doch keine Reformen im Sexualbereich top-down durchsetzen können.

Doch das ist nicht unsere Haltung: Die EU ist wichtig.

Der dritte Aspekt für das Athena Forum ist der, dass auf europäischer Ebene im zivilgesellschaftlichen Bereich überhaupt kein Gegengewicht besteht zum Lobbying des Transaktivismus. Es gibt mittlerweile fünf große Lobbygruppen, NGOs, allesamt transaktivistisch orientiert. Zusammen bekommen sie dutzende Millionen Euro an Förderungen von der EU, zusätzlich noch Gelder von philanthropischen Stiftungen. Und auf der anderen Seite ist niemand. Wir sind die erste Organisation auf europäischer Ebene, die das Geschlecht schützt als eine biologische Realität. Und natürlich die anderen Themen, die damit zu tun haben, die Interessen und die Rechte von Lesben und Schwulen. Auch die Transitionierung, sprich Medikalisierung von Kindern und Jugendlichen, zu stoppen und für offene Debatten und Diskussionsmöglichkeiten zu stehen: Dafür steht unsere Intervention.

Woher stammt Ihr Budget?

Aus Spenden. Wir leisten hier sehr viel ehrenamtliche Arbeit.

Haben Sie Hoffnung auf den Erfolg des Athena Forums?

Sonst würde ich es nicht mit angestiftet haben.

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