Vorgeblättert

Elif Shafak: Die Heilige des nahenden Irrsinns. Teil 3

24.03.2005.
"Ich trinke nicht, o nein. Und je mehr man sich über mich lustig macht, weil ich nicht trinke, desto mehr fühle ich mich geehrt. Wenn ich tot bin, sage ich da oben, daß ich nichts zu verzollen habe. Ich kenne den Geschmack von Chardonnay oder Scotch nicht. Ich kenne den Geschmack von diesem Raki-Zeugs nicht. Aber ich weiß, wie das ganze Zeug an Menschen riecht. Und dank dir habe ich auch erfahren, wie es riecht, wenn es ihnen zum Mund rauskommt! Ouaghauogh!"

Ömer wurde blaß, erkannte verdrossen, daß in seinem angegriffenen Zustand jedes Wort über das Kotzen eine provozierende Wirkung auf ihn haben könnte.

"Ich kapier das einfach nicht. Wenn du am Ende doch alles wieder auskotzt", fuhr Abed fort, ohne die physische Verschlimmerung zu bemerken, die er gerade auslöste, "warum trinkst du dann überhaupt?"

"Abed ? hör auf ? ja?"

"Warum? Fünf Stunden lang habe ich dir geduldig zugehört, und jetzt, wo du dank der frischen Luft, der Kälte und was weiß ich ein bißchen nüchterner geworden bist, hab ich auch ein paar Dinge zu sagen ? Ich will dich wenigstens eins fragen: Da ich bisher keinen Alkohol konsumiert habe und das wohl auch in Zukunft nicht tun werde, kannst du bitte so freundlich sein, mir zu sagen, wieso ich eigentlich in Bars gehe?"

"Weiß ich nicht", grunzte Ömer unwillig. Doch seine falsche Antwort steigerte nur den Drang nach der richtigen.

"Du weißt es ganz genau!"

Obwohl von fünf Stunden Ouzo schwer angeschlagen und trotz seiner geschwollenen Augen begriff Ömers Verstand, daß jeder Einwand gegen ein derart beißendes ganz genau erfolglos sein würde.

"Du warst wegen mir dort", keuchte Ömer halb zu sich selbst, als sei er im Begriff, eine Sünde zu beichten - oder vielmehr eine ganze Latte von Sünden. "Weil ich dich angerufen und dir gesagt habe, daß ich mich heute nicht wohl fühle ?"

"Ist das alles? Du hast noch was gesagt, erinnerst du dich?"

"Ich hab gesagt, ich war ? ich hatte das Gefühl ? als hätte man mich in einen trockenen Brunnen geworfen."

"Stimmt. Der Brunnen!" gackerte Abed, sprang hoch und wedelte mit den Armen.

Die Springerei war eine Art Siegeszeichen. Immer wenn er die Bestätigung bekam, nach der er sich in einem Disput sehnte, vollführte er den Akt, teils weil er von Energie übersprudelte, vor allem aber, weil er im Grunde seiner Seele mit seiner Größe unzufrieden war. Er konnte als recht gutaussehend gelten und war Gott wirklich dankbar für sein Äußeres, wäre er bloß ein bißchen größer. Nicht so groß wie Ömer, der Storch, natürlich, sondern bloß ein bißchen ? dreißig Zentimeter, genauer gesagt. Weil er aber keine dreißig Zentimeter größer war, vermutete Abed, ließen die Züge, die ihm Charisma hätten geben können - hohe Stirn, lockiges Haar, dunkle strahlende Augen, leicht gebogene Nase und das Grübchen am Kinn - ihn statt dessen aussehen wie ein Doktorand im zweiten Jahr, der die Wirkung eines Ceroxidkatalysators auf Wasserdampf und Karbonmonoxid erforscht.

Die sorgsam verborgenen Triebe hinter den auffallend simplen Gesten seines Freundes zu entdecken war jedoch das letzte, was Ömer im Sinn hatte, als er seinem Protest weiterhin freien Lauf ließ:

"? ich war so deprimiert, weil Gail deprimiert war. Das geht schon eine ganze Zeit so, und heute mußte ich endlich was trinken, drum hab ich dich angerufen ? siehst du übrigens den Zusammenhang, Abed? Zuerst hat man das Gefühl, in einen trockenen Brunnen geworfen zu werden, und eh man sich?s versiehst, braucht man dringend einen Drink! ?"

Mit vor gespielter Verwirrung blitzenden Augen war der verblüffte Abed hin und her gerissen zwischen gelassenem Ertragen, wenn nicht sogar heimlichem Genießen des freien Laufs von Gelaber und dessen Abblocken durch ein Sperrfeuer von Gegenargumenten.

"? du hast mich gebeten, nicht wieder zu trinken, dabei wußtest du, daß ich es trotzdem tun würde, und du mußt gedacht haben, ich wäre weniger in Gefahr, wenn du bei mir wärst. Darum bist du gekommen. Dann mußten wir alle Bars in der Nachbarschaft abklappern, weil ich dich überzeugt habe, daß ein fermentierter Sprit meinem Magen nicht schaden würde, und daß dieser besondere Sprit Raki sein mußte. Aber wir konnten keinen finden. Dafür fanden wir die Kneipe, wo es Ouzo gab. Das hatte was Ironisches, weil die Leute glauben, Griechen und Türken hätten nichts gemeinsam. Aber eins sag ich dir: Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Türke sein Nationalgetränk durch Ouzo ersetzt, ist größer als ? daß jemand mit einer anderen Nationalität sein Nationalgetränk durch Ouzo ersetzt. Und obwohl die da drüben türkischen Kaffee schamlos "griechischen Kaffee" nennen, ist die Chance, daß ein Grieche türkischen Kaffee jedem anderen Kaffee vorzieht, größer als die Chance, daß ? jemand von ? einer anderen Nation ? Nationalität ? türkischen Kaffee ? vorzieht ? uff!"

Ömer stöhnte auf, als ihm klar wurde, daß seine Kenntnisse dieser Sprache ihm nicht erlaubten, all die zusammenzutreiben, die er so sorglos verstreut hatte.

"Verstehst du, was ich meine?" wimmerte er.

Aber er wußte, Abed würde es verstehen. Das war das Drittbeste daran, wenn sich ein Ausländer mit einem anderen Ausländer in einer Sprache unter­ hielt, die beiden fremd war. Egal, wie sehr der eine mit dem Englischen kämpfte, der andere würde der still­schweigenden Behauptung, "ich hätte mich sicher schlauer anhören können, wenn ich bloß den Wortschatz und die Grammatik hätte" zumindest ein bißchen Glauben schenken.

"? Also habe ich gesagt, Ouzo ist in Ordnung, aber das hat dich bestimmt wütend gemacht, weil wenn ich mich schließlich mit Ouzo zufrieden gebe, warum hatte ich dich wegen Raki so weit mitgeschleppt ?"

"Omar, mein Freund ? ist schon gut." Vergeblich versuchte Abed ihn zu besänftigen.

"Nein, ist es nicht! Gar nichts ist gut. An Gail komme ich überhaupt nicht mehr ran. Wenn sie unglücklich ist, dann ist sie so ungeheuer unglücklich, daß ich mir Sorgen mache. Wenn sie glücklich ist, dann ist sie so ungeheuer glücklich, daß ich mir auch wieder Sorgen mache. Ich kann nichts daran tun ? es ist hoffnungslos ?" Ömer drehte sich immer weiter in Wimmerkreisen und stürzte sich immer tiefer in einen Strudel der Selbstverachtung.

"Gail wird sich wieder einkriegen, und wir helfen uns gegenseitig, dostum." Abed schien konfus, wußte nicht, was er noch sagen sollte, und suchte, wie immer, wenn er konfus war, nach einem Sprichwort, fand aber nichts Besseres als: "Ein guter Freund ist besser als Milch."

"Sogar besser als Milch", kreischte Ömer beherzt; das Sprichwort ergab einen erstaunlich perfekten Sinn für seine erstaunlich beduselte Wahrnehmung.

Die nächsten zehn oder mehr Minuten, bis sie zu einem Backsteinbau wenige Schritte vom Davis Square kamen, wurde verblüffenderweise kein einziges Wort gesprochen. Dort angelangt, verzog sich Ömers Gesicht plötzlich zu einer Grimasse, als seien sie nicht nach einem anstrengenden, abenteu­ er­ lichen Weg endlich an seiner Wohnung angekommen, wo die Nacht ihr Ende fand, sondern an der Wölbung des Regenbogens, wo die Welt ihr Ende fand. Abed kannte Ömer gut genug, um seine Bereitschaft zu erfassen, seinen wackligen Leib und seine noch wackligere Seele zu immer stärkeren Gefühlsduseleien zu steigern, und konnte sich beim Abschied nicht enthalten, den Freund ungestüm zu umarmen, was diesen nur noch gefühlsduseliger machte.

Als er knallrot aus der Umarmung wieder auftauchte, wiederholte Ömer wie ein verspätetes Echo: "Sogar besser als Milch!"

Dann war er weg.

Abed stand auf dem Bürgersteig, sah den langgliedrigen, geschmeidigen Körper seines Freundes hinter der gewaltigen Tür verschwinden und fragte sich, was Gail wohl sagen würde, wenn sie sah, daß Ömer wieder getrunken hatte; Abed hatte ein schlechtes Gewissen, weil er nicht heftiger versucht hatte, ihn davon abzuhalten, machte sich Sorgen um ihn, um sie, und ehe er sichs versah, machte er sich Sorgen um sie alle.


Mit freundlicher Genehmigung des Eichborn-Verlages

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