Vorgeblättert

Elif Shafak: Die Heilige des nahenden Irrsinns. Teil 1

24.03.2005.
Wieder angefangen zu trinken

Nur noch zwei Gäste sind in der Bar. Zwei Examensstudenten, deren Kosten für Unterricht und Miete ihre Stipendien bei weitem übersteigen, beide Fremde in dieser Stadt, beide aus muslimischen Ländern. Trotz der scheinbaren Ähnlichkeit und obwohl sie gute Freunde sind, haben sie offenbar nicht sehr viel gemein, zumindest nicht in diesem Augenblick, morgens um 2 Uhr 36, da der eine sturzbesoffen ist, der andere nüchtern wie immer. Seit Stunden sitzen sie in immer deutlicherer Unterschiedlichkeit. Fünf Stunden, genauer gesagt.

Aber jetzt ist es für sie Zeit zu gehen, in wenigen ­ Minuten wird der Nüchterne, der kleiner, dunkler und viel redseliger ist als der andere, von der Toilette kommen, dem Kellner, der seine Langeweile vom Fußboden fegt, entschuldigend zulächeln und steif zu der auf dem Barhocker klebenden verknöcherten Gestalt seines Freundes gehen. Sein Freund stiert unterdessen mit ouzobenebelten Augen das Gekritzel auf einer Serviette an. Er ist vollkommen reglos, vollkommen unempfänglich für den grim­ migen Blick des puertoricanischen Barkeepers, der ihm direkt gegenüber steht.

Datum: 16. Dezember 2003
Ort: BOSTON
Zeit: 2 Uhr 24
Temperatur: KALT
Subjekt: OMER OZSIPAHIOGLU

Auszug: Wieder angefangen zu trinken … nach elf Monaten sechzehn Tagen absoluter Nüchternheit … (11 Monate 16 Tage = 351 Tage = 8.424 Stunden = 505.440 Minuten = 30.326.400 Sekunden = 17.545.846 mal Nick Caves "As I Sat Sadly By Her Side")

"Was schreibst du da auf die Serviette?"

"Meine Gefühle", murmelte die Gestalt auf dem Hocker, die nun nicht mehr so verknöchert aussah. "Ich fasse meine Gefühle zusammen … damit ich sie nicht vergesse."

Der bullige, breitschultrige Barkeeper warf jetzt beiden genervte Blicke zu, sah theatralisch auf die Wanduhr, um klar zu machen, daß er nahe - aber sehr nahe - daran war, sie rauszuschmeißen. Ehrlich gesagt, das Benehmen des Mannes hatte sich gewaltig geändert. Er war ein ausnehmend höfli­ cher Barkeeper gewesen, besonders am Anfang, und war es in den folgenden vier Stunden geblieben; danach war seine Freundlichkeit stetig, sichtlich und unwiderruflich geschrumpft. Seit zwanzig Minuten war er alles andere als höflich.

"Reicht das nicht allmählich? Das machst du jetzt schon seit fünf Stunden, Mann. Komm, laß uns gehen", bellte der Kurze. Er hieß Abed. Sein Englisch hatte einen schweren, gutturalen, aber äußerst wankelmütigen Akzent, der ständig zwischen nichtgegenwärtig und allgegenwärtig schwankte. In einem Moment war er fast weg, und im nächsten lauerte er in jedem Wort.

"Los komm, die machen zu." Abed stieß seinen Freund an, sah sich nervös um und versuchte, Blickkontakt mit dem Kellner und dem Barkeeper zu vermeiden; ihm mißlang beides. Der Nüchterne neben dem Säufer zu sein, war, fand er, ein ungeheuer anstrengender Job. Der Besoffene konnte sich alle möglichen Absurditäten erlauben, die am nächsten Morgen vergeben und vergessen waren, während dem Nüchternen nur die Rolle des leidvollen Zuschauers einer Farce blieb, an der er nicht beteiligt war, jedoch unmöglich unbeteiligt bleiben konnte.

Abed atmete durch die zusammengebissenen Zähne, kratzte sich an seinem Kinngrübchen, wie immer, wenn er unter Spannung stand, und zog eine Locke seiner ungeheuer lockigen Haare herunter, wie immer, wenn das Kratzen am Grünchen nicht half. Abrupt wandte er den Kopf in Richtung Toiletten, starrte jedoch gegen seinen Willen das strahlende, karmesinrote Augenpaar an, das sie von dem Brett fixierte, auf dem das Vieh plaziert war, erstarrt in abstruser Würde, die es mehr wie ein unheimliches Spielzeug wirken ließ als eine einst lebendige Elster. Wie Menschen stolz ausgestopfte Vögel ausstellen konnten, würde Abed nie verstehen. Mit wachsendem Unbehagen wandte er sich zu seinem Freund um und stellte fest, daß der inzwischen mit seinem Füller große Löcher in die Serviette bohrte.

"Himmel, was machst du denn jetzt?"

"Ich gebe meinem Namen die Pünktchen zurück", stöhnte der andere und spähte mutlos die kobaltblauen Kleckse über den Buchstaben seines Namens an; jeder Punkt verlief auf der Serviette, wurde größer, während er zerrann, wie zum Beweis, daß man sich, um für die Augen anderer sichtbarer zu werden, so weit wie möglich von seinem innersten Kern entfernen mußte ....

Läßt man die Heimat hinter sich, heißt es, muß man zumindest einen Teil von sich aufgeben. Wenn das stimmte, dann wußte Ömer genau, was er hinter sich gelassen hatte: seine Pünktchen!

In der Türkei war er ÖMER ÖZSIPAHIOGLU gewesen.

Hier in Amerika war er OMAR OZSIPAHIOGLU geworden.

Seine Pünktchen hatte man ausgegliedert, damit er eingegliedert werden konnte. Schließlich mochten die Amerikaner, genau wie alle anderen, Vertrautes - Namen, die sie aussprechen, Klänge, die sie tönen lassen konnten, auch wenn beides viel Sinn ergab. Wenige Natio­ nen brachten es so selbstbewußt fertig wie die Amerikaner, die Vor- und Nachnamen von Ausländern zu verändern. Wenn zum Beispiel ein Türke erkennt, daß er in der Türkei den Namen eines Amerikaners falsch ausgesprochen hat, wird er verlegen und sieht dies höchstwahr­ scheinlich als seinen Fehler an, auf alle Fälle als etwas, das mit ihm zu tun hat. Wenn ein Amerikaner erkennt, daß er in den Vereinigten Staaten den Namen eines Türken falsch ausgesprochen hat, liegt der Fehler nicht bei ihm, sondern vielmehr an dem Name an sich.

Sobald Namen an ein fremdes Land angepaßt werden, geht immer etwas verloren - sei es ein Punkt, ein Buchstabe oder eine Betonung. Was in einem anderen Land mit deinem Namen passiert, ähnelt dem, was beim Kochen mit einem Riesenhaufen Spinat passiert - man kann dem Hauptbestandteil eine neue Würze geben, aber seine Größe schrumpft sichtlich. Dieses Zusammenfallen ist es, was ein Ausländer als erstes erfährt. Die erste Veränderung, die die Anpassung an ein fremdes Land mit sich bringt, ist die Veränderung des bisher Vertrautesten: des eigenen Namens.

Man spielt mit der Aussprache herum, amputiert Buchstaben, wandelt Klänge ab, sucht nach dem besten Ersatz, und wenn jemand zufällig mehr als einen Namen hat, gibt er denjenigen, der den Muttersprachlern am meisten Probleme bereitet, völlig auf … Ausländer sind Menschen, von deren Namen ein oder mehrere Teile im Dunkeln bleiben. Auch Ömer hatte seinen Namen, je nach Belieben des Sprechenden, durch das weniger mühsame und geläufigere Omar oder Omer ersetzt.

Stumm auf dem Barhocker sitzend, während die Welt sich um ihn und er sich um kobaltblaue Kleckse drehte, die auf einer Serviette verliefen, fühlte sich Ömer inspiriert, nahezu in Hochstimmung und in der Lage, stundenlang über einen Tintenpunkt zu philosophieren. Abed mußte sich ebenso gefühlt haben, doch er zerrte Ömer unsanft am Arm und holte ihn vom Hocker. Mit diesem Schwung schafften sie es, den Ort zu verlassen, bevor den Barkeeper seine Mordlust überwältigte.

Die Nacht war kühl. Doch während sie die Somerville Avenue entlang stapften, schien die Temperatur sie nicht zu kümmern. Nicht die Kälte ließ sie so finster blicken, sondern etwas anderes. Etwas weniger Windiges und Feuchtes, etwas Diffuseres, Beklemmen­ deres … etwas, das sie, wären sie gefragt worden, vielleicht als ein plötzliches Gefühl verdrießlicher Verlassenheit bezeichnet hätten, allerdings vermutlich nicht mit diesen Worten, und schon gar nicht in dieser Reihenfolge. Obwohl sie in den vergangenen fünf Stunden treue Gefährten gewesen waren, obszöne Hänseleien und noch obszönere Witze, viel Gekicher und brüderliche Solidarität geteilt hatten - als sie schließlich durch die Schwingtüren der Bar auf die nachtglänzende Straße stürmten und dabei kurzzeitig ­ Ertrinkenden glichen, die voller Panik an die Wasser­ oberfläche zu gelangen suchten, hatten beide gleichzeitig und doch jeder für sich ihre verzweifelte Einsamkeit erkannt. Neben dem Schwall frischer Luft mußten der scharfe Gegensatz zwischen ihrem Geistes- und Gemütszustand, ganz zu schweigen von ihrem jeweiligen Blutalkohol bei dieser unerwarteten Distanziertheit eine Rolle gespielt haben.

Doch nach einem Moment unbehaglichen Schweigens war es nicht, wie man meinen sollte, der Betrunkene, sondern der Nüchterne, der herausplatzte und Dampfwölkchen ausstieß, bevor Wortwölkchen folgten:

"Ist dir der Name der Bar aufgefallen, in der ich fünf Stunden mit dir rumsitzen mußte, dostum - mein Freund? Weißt du, wie das deprimierende Loch hieß? Fünf kostbare Stunden unseres Lebens!" schnaubte Abed. "Zur lachenden Elster, so hieß das Ding! Aber Elstern lachen nicht, sie krächzen! Es gibt sogar einen Ausdruck, einen amerikanischen: 'Krächzen wie eine Elster'! Du denkst vielleicht, so eine belanglose Kleinigkeit! Na ja, jetzt denkst du das wahrscheinlich nicht, aber nur, weil du zu betrunken bist, um zu denken. Aber wenn Amerikaner einen Ausländer sagen hörten, 'oh, das Mädchen lacht wie eine Elster', würden sie den Fehler sofort korrigieren, stimmt’s? Warum korrigieren sie ihn dann nicht, wenn er auf einem schicken Messing­ schild steht? Oder auf den Untersetzern? Was mich zu der Frage berechtigt, wenn sie ihn da nicht korrigieren, warum korri­ gieren sie dann den Ausländer? Verstehst du, was ich meine?"

Subjekt Ömer Özsipahioglu
blieb stehen und blinzelte seinen Freund an, als hoffte er, so besser sehen zu können.

"Klar, das ist nur ein kleines Beispiel." Abed ging weiter, bis er merkte, daß Ömer stehengeblieben war. "Bloß die Miniaturausgabe eines größeren Fehlers, der für die Gesellschaft insgesamt typisch ist."

"Gail sagt …", kam Ömers zitternde Stimme von hinten, während er versuchte, Abed einzuholen. Aber dann mußte er stehenbleiben und mehrmals schlucken, als hätte die Tatsache, daß er zum hundersten Mal in dieser Nacht den Namen aussprach, einen säuerlichen Geschmack in seinem Mund hinterlassen. "Sie … sie sagt, die Krähe ist die verehrte Älteste der verehrten Vogelfamilie. Und wenn du eine richtig alte Krähe findest, kann es sein, daß sie einst deiner Urgroßmutter in die Augen gesehen hat."

"Gail! Gail! Gail!" schrie Abed, drehte sich um und breitete verzweifelt die Hände aus. "Seit fünf Stunden schwafelst du von ihr. Ich habe neben dir gesessen und war ganz Ohr, weißt du noch? Also erbarm dich, gib mir ein paar Gail-lose Minuten. Keine Prise Gail in meinem Elstern-Monolog, bitte. Keine Konservierungs­ mittel, keine Chemikalien, keine Gails, bis ich dich heil nach Hause gebracht habe, okay?"

Ömer holte ihn ein und seufzte trübsinnig. Die Gläser Ouzo, die er diese Nacht geleert hatte, mitsamt Trauben, Sternanis, Koriander, Nelken, Engelwurz und so weiter, hatten seinem Benehmen etwas übertriebenes gegeben.

"Übrigens, es wundert mich gar nicht, von Gails Beziehung mit Krähen zu erfahren. Sie ist einfach verrückt. Wenn du das bis jetzt nicht kapiert hast, kapierst du’s nie, Bruder. Sie ist die verrückteste Frau, die je in unser Leben trat, und wenn alle die Leute, die in all diesen Häusern schlafen, sie kennenlernten, dann wäre sie bestimmt auch die verrückteste Frau in deren Leben." Er legte den Kopf in den Nacken und grölte in die leere Straße: "Schlaft, ihr Glücklichen! Schlaft gut!"

Und zu schlafen schienen sie tatsächlich, denn es kam keine Antwort von den schäbigen Gebäuden, den unscheinbaren Geschäften, den heimeligen Wohnungen. Nur ein teures topas­ farbenes Auto fuhr zischend vorbei. Bevor es verschwand, sah Ömer noch flüchtig ein dunkel­ haariges Mädchen im Rückfenster; es wirkte erschreckend ruhig trotz der Totenblässe des kleinen, runden, kranken Gesichts. Als das Auto langsamer wurde und um die Ecke bog, beugte er sich vor, um besser zu sehen, doch das Mädchen war nicht mehr da. Ömer wußte nicht recht, was er davon halten sollte. Wenn Gail hier wäre, würde sie das bestimmt als ein Zeichen deuten, aber er konnte nicht sagen, ob ein gutes oder schlechtes. Miesepetrig sah er sich um, spürte nahende Kopfschmerzen. Nicht, daß ihm die Flut von Beschwerden, die ihn begleitete, etwas ausmachte. Abed war immer so, immer streitsüchtig, ein glühender Aufwiegler, der weniger Eindruck auf seine Zuhörer machte als auf sich selbst. Schlimmer noch, Alkohol schien den frustrierten Redner in ihm zu wecken, eher eine Art verwickelter Nebenwirkung als eine direkte Folge. Jedesmal, wenn Abed Zeuge wurde, wie jemand neben ihm viel Alkohol konsumierte, wurde er automatisch um so reizbarer und kritisierte die Gesellschaft insgesamt. In solchen Momenten verglich Ömer ihn mit Leuten, die unmöglich stillsitzen können in einem Raum, wo die Bilder schief hängen. Genau wie jene mußte er unbedingt jede Asymmetrie, die er entdeckte, korrigieren, selbst wenn er spürte, daß sie beabsichtigt war. Anders als bei jenen jedoch waren Abeds Interventionen rein sprachlicher und nicht physischer Natur. Reden und Jammern waren seine Art, Falsches zurechtzurücken. Und je weniger ihm das gelang, desto mehr mußte er jammern.

"Heute ist bestimmt die schlimmste Nacht dieses Jahres, die schlimmste seit der Halloween-Katastrophe letztes Jahr." Abeds Stimme spiegelte seine Wut. "Rechts von mir quasselst du Gail-hier-Gail-da rechts von mir, links von mir plärrt der Trottel mit der Baritonstimme Doris-hier-Doris-da, und Mister Barkeeper reißt alberne Witze über die Weiber … Hast du eine Ahnung, wie lächerlich ihr drei aussaht? Kein Wunder, daß der Laden Zur lachenden Elster heißt! Und wer hat sich diesen fabelhaften Namen ausgedacht? Auch wenn Gail mir das übelnehmen würde, ich sage es trotzdem: Cherchez la femme! Es war bestimmt eine Frau. Die rotbackige Frau vom Boß vermutlich. 'Schätzelchen', sagt sie eines Tages, 'ich hab den Namen für unsere Bar!' Der Typ sitzt vermutlich gerade über einer schwierigen Kalkulation und versucht zu kapieren, warum die Kosten die Einnahmen übersteigen. Also sagt er, 'das ist ein hübscher Name, Herzchen', bloß um irgendwas zu sagen, 'aber findest du ihn wirklich passend für eine Bar?' 'Bestimmt', antwortet sie, 'der gibt dem Lokal eine fröhliche Note.' Der Typ sagt nichts und hofft, daß sie die Sache schnell vergißt. Aber das ist ein großer Fehler Irrtum! Unter­ dessen hat die Frau die Bar schon Zur lachenden Elster getauft!"

Teil 2