Vorgeblättert

Edith Templeton: Gordon, Teil 2

26.01.2004.
Wir überquerten die Straße und waren erst ein paar Schritte gegangen, als ich vor dem Schaufenster eines Antiquitätengeschäftes stehen blieb. Mein Begleiter blieb ebenfalls stehen. Der vertraute Anblick der Nippsachen, der Fächer, der Uhren, der Perlen, der Schnupftabaksdosen, auf einer Bahn von moirierter blauer Seide verstreut, die sich in schweren Falten von einer Sheraton-Kommode herab ergoss und im Vordergrund kleine Wellen bildete, wirkte auf mich tröstend und beruhigend.
"Machen Sie sich etwas aus solchen Dingen?", fragte er.
"Ja", sagte ich, "aber sie müssen schön sein. Ich mag Dinge nicht lediglich deswegen, weil sie alt sind. Sie müssen auch schön sein."
Er sagte wie zu sich selbst: "So, so. Alt und schön. Ja, ich verstehe."
Ich spürte, wie mir heiß wurde, und ärgerte mich über mein Erröten und fragte mich, warum er mich so verlegen machte. Ich bewegte mich nicht von der Stelle, sah aber nicht mehr auf den alten Plunder, sondern richtete den Blick jetzt auf das Glas selbst, in dem sich unsere zwei Gestalten spiegelten.
In seinem dunklen Anzug und weißen Hemd sah er auf diese unaufdringliche, Vertrauen erweckende, nicht dandyhafte Weise gepflegt aus, die für die Adepten der Savile Row charakteristisch ist.
Meinem Eindruck nach übte er einen akademischen Beruf aus und war das, was ich unter einem Gentleman verstehe; nämlich jemand, der auf der Schule Griechisch gehabt hat. Und doch, trotz der Korrektheit seiner Kleidung war da dieses Gesicht, das förmlich danach schrie, von einem spanischen oder neapolitanischen Meister des Tenebrismus porträtiert oder vom Rampenlicht des Theaters modelliert zu werden. Er hatte etwas von einem Schauspieler an sich, wenngleich nicht im abwertenden Sinne; ein erstklassiger Mann, der betont zurückhaltend spielte und seine Wirkung dadurch erzielte, dass er seinen Text ganz beiläufig sprach.
Er ist Anwalt, sagte ich mir. Die meisten Anwälte haben eine theatralische Ader.
"Ich hätte nichts dagegen, hier stundenlang zu stehen", sagte er, "wenn Sie sich das Zeug ansehen würden. Aber während der letzten Minute oder so haben Sie an etwas völlig anderes gedacht. Haben versucht, mich einzuordnen."
     "Das stimmt", sagte ich.
"Also könnten wir genauso gut weitergehen", bemerkte er. "Hier lang. Kommen Sie."
"Tut mir Leid. Sie haben völlig Recht", sagte ich. Und als er weiter neben mir herging, schweigend und ohne den Blick von mir zu wenden, wurde ich leichtsinnig und hatte plötzlich das Gefühl, dass ich etwas sagen müsste.
"Sie haben völlig Recht", wiederholte ich. "Es ist nur … wie ich uns in der Scheibe gesehen habe - in diesem Schaufenster … ich denke immer, dass ein Spiegel - und sich selbst darin gespiegelt zu sehen - etwas Unheimliches an sich hat."
"Ja", sagte er. "Warum? Reden Sie weiter."
"Zum Beispiel Narziss", sagte ich, "der sich in sich selbst verliebte und sich vor Kummer verzehrte und starb, weil er sich nicht selbst erreichen und sein Spiegelbild küssen konnte, als er es im Wasser sah. Das Wasser war natürlich sein Spiegel."
     "Ja", sagte er, "reden Sie weiter."
"Dann gab es den Zauberspiegel", sagte ich, "der Männer dazu brachte, sich in Frauen zu verlieben, die sie darin gespiegelt sahen, nicht aber, wenn sie ihnen in Wirklichkeit begegneten. Dann gab es den Mann, der sein Spiegelbild an einen Hexenmeister verkaufte und sich mit dem Mann anfreundete, der seinen Schatten an den Teufel verkauft hatte."
"Reden Sie weiter", sagte er.
"Abraham Lincoln blickte eines Tages in den Spiegel und sah sich selbst, wie er über die Schulter seines Spiegelbilds schaute, und er wusste, was das bedeutete - ein paar Tage später war er tot."
"Weiter. Was noch?", fragte er.
"Weiter ist nichts", sagte ich, "und Sie kennen diese Geschichten ebenso gut wie ich."
"Aber Ihnen sind sie auffällig geläufig", bemerkte er. "Wie kommt’s?"
Er hatte Recht. Meine Vertrautheit mit diesen Geschichten war auffällig, und wenn ich es mir nicht seit einem guten Jahr zur Aufgabe gemacht hätte, Erzählungen über Spiegel zu sammeln, wären sie nicht so aus mir herausgesprudelt wie eben. Aber ich hatte nicht vor, ihm den Grund für dieses Interesse zu verraten, und so sagte ich: "Nun ja. Natürlich. Ich kenne sie schon, solange ich zurückdenken kann. Sie gefallen mir, weil sie seltsam sind."
     "Aber wie können sie Ihnen seltsam vorkommen, wenn Sie sie schon immer gekannt haben?", fragte er. "Das Vertraute ist niemals seltsam. Nur das Unbekannte ist seltsam."
Ich dachte: Mein Gott, ja. So seltsam wie Sie. Und Sie sind ganz schön seltsam. Und ich sagte mit einem befangenen Lachen: "Ja, so ist das wohl. Wirklich, Sie verwickeln mich hoffnungslos in Widersprüche." Jetzt war ich mir sicher, dass er Anwalt war - er hatte diese Art, einen auf sein Wort festzunageln, bis man wie ein Idiot dastand.
Er sagte: "O nein, das ist gar nicht meine Absicht. Mag sein, dass Sie sich in Widersprüche verwickelt haben, aber das liegt nicht an mir. Ich würde sagen, das liegt an Ihren Ängsten. Sie hätten sich nicht unterbrechen dürfen."
"Aber es gab nichts mehr zu sagen", antwortete ich.
"Es gab noch eine Menge mehr zu sagen", meinte er, "und gibt es immer noch."
Wir waren gerade im Begriff, durch die Passage zu gehen, die zur Curzon Street führt, als ich auf die schmale Tür des Hauses neben dem Obstladen deutete und sagte: "Sehen Sie, da drin habe ich früher mal zwei Monate lang gewohnt. Vor dem Krieg. Es war das reinste Paradies. Die Wohnung gehörte einer Freundin meiner Mutter, die hinreißend schön war. Aber jetzt ist sie umgezogen, und ich habe sie seit Anfang des Krieges nicht mehr gesehen, und ich frage mich, wie sie jetzt wohl aussieht. Meine Großmutter war auch eine richtige Schönheit, und sie blieb selbst im Alter eine Schönheit."
Er sagte: "Ah ja. Das Alte und das Schöne. Wären wir also wieder bei dem Thema."
Ich sagte mir, dass ich mit ihm reden sollte, als sei er Major Carter. Ich sagte: "Das Shepherds ist die erste Stunde lang so weit ganz nett. Aber ab sechs ist es furchtbar überlaufen."
"Sind Sie oft da?", fragte er.
"Nein", sagte ich, "ich bin seit Ewigkeiten nicht mehr da gewesen. Ich bin heute nur deswegen da hin, weil ich länger nicht in London gewesen bin. Mich ein bisschen umsehen und wieder die Atmosphäre des Lokals auf mich einwirken lassen."
"Es gibt auch andere Möglichkeiten, seinen Erinnerungen nachzujagen, man muss nur wissen, wie", sagte er. "Wo sind Sie gewesen?"
"In Hamburg, mit der Armee", sagte ich. "Und davor war ich im Hauptquartier, in Westfalen, mitten in der Pampa. Ich habe allerdings nur ein Jahr gedient."
"Ich war auch in Deutschland", sagte er, "und davor in Nordafrika, bei der Wüstenarmee", und mit der vor Rührung zitternden Stimme eines alten Mannes fügte er hinzu: "Ein gerechter und edler Krieg, ausgefochten mit der Unterstützung unserer tapferen Alliierten", und er produzierte eine Grimasse gespielter Fröhlichkeit - grauenvoll einladend und beängstigend vergnügt, wie ein Krokodilslächeln.
"Ja", sagte ich lachend und dachte wieder über diese unheimliche, sardonische Schauspielerart nach, die er an sich hatte. Es gab eine Rolle, für die er wie geschaffen war - jetzt wusste ich es; sie war ihm "auf den Leib geschrieben", wie Reggie Starr gesagt hätte: der Filmregisseur, mit dem ich ein Jahr lang zusammengelebt hatte, bevor ich nach Deutschland gegangen war. Er hätte ohne jede Maske auftreten können. Es war natürlich die Rolle des Mephisto im Faust, die Rolle der zerstörerischen, spöttischen Intelligenz. Aber Mephisto hat überhaupt nichts Böses an sich, und er ist ein glänzender Gesellschafter, und ich machte mir Vorwürfe, dass ich mir vorgestellt hatte, er sei gemein, nur weil er merkwürdige Augen hatte.
"Sind Sie froh, da raus zu sein?", fragte ich.
     "Ja. Ich bin froh", sagte er, "aber ganz bin ich noch nicht draußen. Offiziell entlassen werde ich erst in fünf Tagen."
"Ich bin auch froh", sagte ich. "Ich hätte noch bleiben können. Sie baten mich zu bleiben. Aber ich wollte nicht. Ich werde allerdings nie wieder so ein schönes Leben haben. Aber trotzdem."
"Warum sind Sie dann ausgeschieden?", fragte er.
Ich gab ihm die Antwort, die ich dem Brigadegeneral gegeben hatte, als ich meinen Abschied eingereicht hatte: "Weil es ein Stillstand war. Eine Treibhausatmosphäre. Ich möchte wieder in London sein, im Mittelpunkt des Geschehens." Es war die Wahrheit, aber nur der Rand der Wahrheit. Den eigentlichen Grund für meinen Abschied hatte ich niemandem gesagt.
"Da wären wir. Hier ist es", sagte er und blieb vor einem schmalbrüstigen, heruntergekommenen Haus stehen. "Es hat gar nicht lang gedauert, nicht wahr?" Und in einen salbungsvoll deklamierenden Ton verfallend, fügte er hinzu: "Die Zeit vergeht wie im Fluge, wenn man sich angenehm unterhält."
Mir voraus, stieg er zwei armselige, mit grünem Plüsch bezogene Treppenläufe hinauf. Wir traten in einen langen Raum. Die Bar nahe dem Eingang war von Wandlampen hell erleuchtet, aber der größte Teil des Raums lag im schummrigen Zwielicht, das durch die halb zugezogenen verstaubten Cretonne-Vorhänge am anderen Ende hereindrang. An der einen Wand stand ein Klavier. Ein Mann und eine Frau, die wie ein Ehepaar aussahen, bedienten hinter der Theke, an der ungefähr vier Leute auf Barhockern saßen, und ein Mann, der ein Gast sein musste - der Club sah nicht so aus, als könnte er sich einen Pianisten leisten -, klimperte auf dem Klavier herum.
Wir gingen hinüber zu einem Sofa, das unter dem Fenster stand. Auf ihm lagen zwei flache Kissen. Als ich mich auf das eine setzte, nahm mein Begleiter das andere und schob es mir hinter den Kopf. "Sie sehen sehr blass aus", bemerkte er.
"Ich bin immer blass", sagte ich.
"Ja, das sehe ich", sagte er, "Sie haben eine sehr blasse Haut. Aber im Augenblick sind Sie weißer, als Sie sein dürften. Ich glaube, ein Whisky wäre für Sie jetzt genau das Richtige."
Ich verabscheute Whisky, dennoch protestierte ich nicht, als er die Drinks bestellte. Als man sie uns brachte, nahm ich einen Schluck, verzog vor Widerwillen die Lippen und sagte: "Ich mag keinen Whisky. Habe ich noch nie gemocht. Das erste Mal habe ich ihn mit fünfzehn getrunken. Ein Mann gab ihn mir hinter dem Rücken meiner Mutter, während eines Empfangs bei uns zu Haus. Und ich nahm ihn an, weil es so schrecklich wagemutig war. Aber jetzt gebe ich darauf nichts mehr. Es ist mir ganz einerlei."
"Sie wollen damit sagen", sagte er, "dass Sie jetzt nicht mehr so zu tun brauchen, als seien Sie wagemutig, weil Sie es wirklich sind?"
"Nein", sagte ich, "selbst darüber bin ich hinausgewachsen. Ich halte es nicht für so bewundernswert, wirklich und wahrhaftig wagemutig zu sein. Es ist kindisch."
Mit der Stimme, die er schon einmal benutzt hatte, sagte er, wie zu sich selbst: "Hinausgewachsen. Kindisch. Ihre Mutter, Ihre Mutter."
Ich sah ihn an und wandte mich dann ab.
Ich war ärgerlich und durcheinander. Er beobachtete mich kalt, lauernd, und seine kalt faszinierte Miene brachte mich umso mehr in Verlegenheit, als sie nicht einen Funken von Bewunderung enthielt. Es war offensichtlich, dass ich ihn als Frau nicht reizte. Dass mich mein Eindruck nicht trog, wurde noch offensichtlicher, als ich mir ins Gedächtnis rief, was bis dahin geschehen war. Nicht nur hatte er mir nicht das kleinste Kompliment gemacht, sondern er hatte auch all die winzigen Gelegenheiten, mich zu berühren, die sich ihm geboten hatten - wie beispielsweise mir eine Hand unter den Ellbogen zu legen, als er mich über die Straße geführt hatte -, ungenutzt verstreichen lassen.
Wahrscheinlich langweilt er sich und braucht lediglich jemanden, mit dem er sich unterhalten kann, sagte ich zu mir; umso besser. Denn er gefällt mir gar nicht. Und während ich noch immer seinen Blick auf mir spürte, fügte ich in Gedanken hinzu: Es besteht überhaupt kein Grund, sich zu fürchten. Er kann mir gar nichts tun. Und ich erinnerte mich an einen Ausspruch meiner Großmutter: "Eine Frau kann sich immer verteidigen. Und wenn sie das nicht tut, dann will sie nicht."
Er sagte: "Hinausgewachsen. Zuerst war es der Whisky, und dann war es etwas anderes, hinter dem Rücken Ihrer Mutter. Und jetzt meinen Sie, Sie seien über Ihre Mutter hinausgewachsen. Was bringt Sie auf den Gedanken? Sagen Sie es mir."
"Nein", sagte ich. 
Ich war wütend, dass er schon so viel erraten hatte. "Warum sollte ich?", fügte ich hinzu, und als ich sein sarkastisches Lächeln sah, sagte ich: "Ich werd’s nicht tun, weil ich nicht will, und Sie können mich nicht dazu zwingen, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen!"
"Alles, was Sie da sagen - ich will, und ich will nicht, und Sie können nicht, und Sie werden nicht -, ist so vollkommen nutzlos."
Ich wurde immer wütender. "Und ich weigere mich, mich von Ihnen beeindrucken zu lassen", sagte ich. "Das ist nur so eine Masche von Ihnen - immer ein, zwei Worte von dem, was ich sage, zu wiederholen und dabei so unendlich weise zu tun! Und es ergibt überhaupt keinen tieferen Sinn. Es ist nichts als -"
"Reden Sie weiter", sagte er.
     "Es ist nichts als Gefasel", sagte ich und warf ihm einen Seitenblick zu. Er lächelte noch immer. Ja mehr noch, er schien sich regelrecht zu freuen.
"Reden Sie weiter", sagte er. "Was auch immer Sie sagen, es ist nichts gemessen an dem, was mir meine Patienten an den Kopf werfen."
Ich sagte hitzig: "Und Sie müssen Ihren Patienten wirklich eine wahnsinnige Hilfe sein, wenn das alles ist, was Sie an Weisheiten zu bieten haben!"
"Höchstwahrscheinlich", sagte er. "Man kann so wenig tun. Aber es macht Spaß. Wissen Sie, als ich in einer Anstalt arbeitete, gab es da so ein altes Mädchen, und jedes Mal, wenn ich sie besuchte, sagte sie zu mir, sie sei die Mutter des Prinzen. Eines Tages sagte ich bei meiner Visite: 'Aber Mutter, ich bin der Prinz, dein Sohn. Erkennst du mich nicht?' Sie wurde fuchsteufelswild. Sie wollte mich schlagen. Aber sie konnte nicht. Also drehte sie sich um und schlug stattdessen eine andere Patientin, die neben ihr saß, eine völlig harmlose alte Frau. Hat ihr sogar den Schädel eingeschlagen. Eins der komischsten Dinge, die ich je gesehen habe."

Teil 3