Vorgeblättert

Charles Willeford: Die Schwarze Messe. Teil 2

27.06.2005.
"Nun, zuletzt in der Armee", lachte ich.
"Ich bin ein Soldat Gottes", sagte er leichthin. "Schon gefrühstückt?"
"Nein, Sir", antwortete ich. "Nur eine Cola, unten an der Straße."
"Na dann nichts wie rein. Wir sollten uns was einpfeifen."

Ich folgte dem Abt in die Hütte, setzte mich an den Tisch und schob die Reisetasche unter meinen Stuhl. Noch bevor ich mich in dem Raum umsehen konnte, fing der Abt auch schon an, mich auszufragen, dabei schlug er Eier in eine große Pfanne, die auf dem Elektroherd stand.

"Bist du ein Pilger, Junge? Oder hast du Interesse an einem kleinen Stück Land? Oder bist ein Tippelbruder, der ‘n bisschen Geld schnorren will?"
"Ein wenig von allem, könnte man sagen", erwiderte ich vorsichtig. "Ich heiße Sam Springer und bin Schriftsteller. In Miami hab ich aus der Zeitung von der Schließung Ihres Klosters erfahren. Ich hab mir gedacht, dass könnte Stoff für einen Artikel sein."
"Das könnte es in der Tat, aber ich will keinen Wirbel. Davon gab‘s bereits mehr als genug, und ein toter Hund fragt nicht, wo er begraben wird. Ein bisschen Maisgrütze zu den Eiern?"
"Ja, gern."

Der Raum war wesentlich größer, als es von draußen den Anschein hatte; zudem war durch geschicktes Platzieren des Mobiliars in der Mitte des Zimmers der größtmögliche freie Platz geschaffen worden. In einer Ecke, neben dem Elektroherd und einer Tür, die in das Badezimmer führte, hatte ein hoher Kühlschrank seinen Platz. An der einen Wand stand eine Schlafcouch, auf der zerwühltes Bettzeug lag, und der Tisch, an dem wir frühstückten, befand sich direkt unter dem Fenster. In einer Art Alkoven nahe der Badezimmertür stand ein unaufgeräumter Schreibtisch, auf dem sich Bücher und Papiere stapelten, auf dem schmalen Regal darüber drängten sich weitere Bücher, zumeist Bibelausgaben. Der Terrazzofußboden war nackt und die Möbel - ein Sessel, flankiert von Tischchen und Lampe - hätte man auch beim Blättern in einem Sears-Katalog entdecken können.

Das Frühstück des Abtes konnte sich sehen lassen und ich aß mit großem Appetit. Jeder von uns verschlang vier Spiegeleier, dazu gab es einen Haufen Maisgrütze, eine Platte, auf der sich aufgeschnittener Maiskuchen türmte, an dem geschmolzene Margarine und Orangenmarmelade nur so herunterliefen, und anschließend unterhielten wir uns beim Kaffee, wobei wir abwechselnd unsere Keramikbecher aus der großen Emaillekanne auf dem Herd nachfüllten.

"Ich erzähl dir mal was über die Kirche der Herde Gottes, Bruder Springer, und dann wirst du verstehen, warum es sich nicht lohnt, darüber einen Artikel für eine Zeitung oder ein Magazin zu schreiben." Abt Dover nahm einen großen Pfriem Brown-Mule-Kautabak, kaute einen Moment lang nachdenklich darauf herum und spuckte ihn dann in einen Topf mit einem riesigen Philodendron.
"Also überlassen Sie mir die Entscheidung?"
"Nein. Egal, was du schreiben willst, mein Okay bekommst du nicht. Solltest du trotzdem was schreiben, werde ich eine Gegendarstellung erwirken."
"Das ist nicht gerade fair - "
"Ist es auch nicht! Wer sagt denn, dass es fair ist? Und jetzt", er zeigte auf die gerahmte Fotografie eines Schwarzen an der Wand, "sieh dir diesen Schwarzen mal genau an."
Ich stand von meinem Stuhl auf und betrachtete die Fotografie. Es war ein Porträtfoto. Der Schwarze war sehr alt und seine Augen schienen meinen neugierigen Blick zu erwidern. Unter seinem kantigen Kinn steckte ein altmodischer Herbert-Hoover-Kragen, dazu trug er eine schmale schwarze Krawatte. Sein volles, weißes Haar bedeckte den gesamten Schädel und erinnerte mich an die Perücken englischer Anwälte, nur dass man dieser hier die Locken abgeschnitten hatte. Seine Miene war ernst, würdevoll und es lag eine schlichte Schönheit in der scharfen, ausdrucksstarken Physiognomie des Gesichtes, insbesondere in den hohen Wangenknochen. Wäre da nicht die flache Nase gewesen und die schimmernde schwarze Haut, hätte es sich ebenso gut um das Gesicht eines Richters am Obersten Bundesgericht handeln können. In seiner Jugend war dieser Mann mit Sicherheit sehr attraktiv gewesen. Meine Überlegungen erstaunten mich. Zum ersten Mal betrachtete ich das Antlitz eines Schwarzen aus der Nähe und war einigermaßen verblüfft über die Prägnanz des Unverwechselbaren in diesem Gesicht. Bis zu diesem Augenblick hatte ich immer geglaubt, Schwarze sähen alle gleich aus.
"Das ist Bischof Cosmo Bird aus Birmingham, Alabama", sagte der Abt, "Begründer der Kirche der Herde Gottes und derjenige, der das Kloster ins Leben gerufen hat."
"Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viel Schönheit in den Gesichtszügen eines Menschen gesehen zu haben", sagte ich voller Bewunderung. "Mit einem solchen Gesicht hätte er Filmstar werden können."
"Nun, angefangen hat er mit der Gemeinde in Birmingham. In Pratt City hat er einen Haufen Kohle verdient, Immobiliengeschäfte mit Schwarzen, und das meiste hat er in die Gründung weiterer Gemeinden gesteckt. Es gibt drei in Birmingham, zwei in Mobile, eine in Atlanta, eine in Nashville, eine in Tuscaloosa und eine in Jax. Alle sind bettelarm.
"Nach seinem Tod 1936 ging sein verbliebenes Vermögen an einen Treuhandfonds mit der Auflage, ein Kloster hier in Orangeville zu gründen. Das Grundstück hatte er bereits vorher erworben und diese Gegend hier war seinerzeit sehr einsam. Ein vortrefflicher Platz für ein Kloster. Es gab noch keinen Highway, geschweige denn dass überhaupt jemand an einen sieben Meilen entfernten Freeway gedacht hätte.
"Man könnte sagen, dass er ein Idealist war und, wenn man so will, seiner Zeit voraus. Er hat daran geglaubt, dass Weiße und Schwarze lernen könnten, einander zu lieben, und da im Kloster auf jeden Weißen ein Schwarzer kam, war das Gleichgewicht hergestellt. 1936 ging das. Es war die Zeit der Depression und ein Kloster war ideal, um sie auszusitzen. Zu Anfang lebten hier sechs Mönche, drei Weiße und drei Schwarze. Sie errichteten Zelte, rodeten Fächerpalmen und den Dschungel, zimmerten die Hütten, legten den Orangenhain an, bauten das Ganze hier auf. In den ersten beiden Jahren lief alles gut. Der erste Abt, ein weißer Mann namens Terence Norton, hat Tagebuch geführt. Ich hab es gelesen, nachdem ich das Kloster 1954 übernommen habe. Sie hatten ziemlich zu kämpfen. 1939 waren die Mittel aus dem Fonds erschöpft, gleichzeitig verloren die Treuhänder in Birmingham die Kontrolle. Zuerst gab‘s hier nur noch Schwarze und dann schließlich nur noch Weiße. Es war ein ärgerliches Hin und Her, bis der Krieg begann. Während des Krieges sorgte das Kloster im ganzen Land für Aufsehen, als alle Mönche den Kriegsdienst verweigerten. Sie waren bereit, als Seelsorger in der Armee zu dienen, als Offiziere, jedoch nicht als Soldaten. Schade, denn bis auf einen Weißen und einen Schwarzen, die zu alt waren, um noch eingezogen zu werden, wanderten alle ins Gefängnis. Und ... dämmert es langsam?"
"Irgendwie hört sich das nicht unbedingt nach einem geistlichen Orden an."
"Offiziell wurde die Kirche der Herde Gottes von den organisierten protestantischen Kirchen nie als Glaubensgemeinschaft anerkannt, doch religiös ist sie allemal. Unsere Kirche predigt das, was in der Bibel steht, und was machen die anderen? Sie predigen die Lehren der Bibel. Die Gemeinden, die der alte Cosmo Bird gegründet hat, sind zwar an den Bettelstab gekommen, aber sie existieren noch. Nur das Kloster war ein Fehler. Die Entfernung zwischen Orangeville in Florida und Birmingham ist einfach zu groß, um alles im Griff zu haben. Die Korrespondenz braucht nun mal ihre Zeit, außerdem gab es keine regelmäßigen Inspektionen vonseiten der Treuhänder oder Bevollmächtigten. Das führte dazu, dass der jeweilige Abt, wer auch immer es gewesen sein mochte, die volle Kontrolle über den Geldhahn hatte. Einige von ihnen türmten mit der Knete, andere setzten die Mönche auf knappe Rationen und die wiederum schmissen hin und so weiter. Abt zu sein bedeutete - hast du mal Der goldene Zweig gelesen?"
"Ich hab davon gehört."
"In Der goldene Zweig gibt es eine Legende, die genau auf diesen Ort hier passt. Eine kleine griechische Insel hatte einen König. Auf dieser Insel konnte man nur Regent werden, wenn man den, der augenblicklich Regent war, tötete und dessen Schwert in seinen Besitz brachte. Also, egal wer gerade König war, er musste die ganze Zeit Blut und Wasser schwitzen, denn jeden Augenblick konnte irgendein Hurensohn mit dem Messer über ihn herfallen. Das genau beschreibt unsere Situation hier."
"Es sieht so aus, als hätten Sie es geschafft zu überleben", bemerkte ich.
"Weil ich mich auf das Wesentliche konzentriert habe." Der Abt lächelte breit, öffnete die Fliegengittertür und spuckte seinen Tabaksaft in einen verkrüppelten Schwarzbeerstrauch. "Vor dir sitzt ein Mann, der in seinem Leben nur einen Fehler gemacht hat. Ich habe bisher niemandem davon erzählt, aber vielleicht kannst du daraus etwas lernen. Ich stamme aus Lincoln, Nebraska, und während meiner Jugendzeit gab es bei uns nur wenige Schwarze. An einem Samstagnachmittag bin ich ins Kino gegangen und hab mich ganz nach oben, auf den Balkon gesetzt, wo man rauchen durfte. Nicht lange und ein schwarzes Mädchen tauchte auf, setzte sich neben mich und machte mir ein unzweideutiges Angebot. Sie wollte nur fünfundzwanzig Cent und ich war gerade mal achtzehn - in Lincoln, Nebraska, war es ganz schön schwer, zum Schuss zu kommen. Also gab ich dem Mädchen einen Vierteldollar, sie steckte ihn sich in den Mund und wir kletterten hoch bis zur letzten Reihe des Balkons. Ich ließ die Hosen runter, das Mädchen auch und dann beugte sie sich über den Sitz - kannst du dir das vorstellen?"
"Sehr gut, Sir", sagte ich höflich und hielt den Atem an.
"Genau in diesem Augenblick gab der Projektor seinen Geist auf. Die Vorführung war unterbrochen, die Leinwand wurde hell und im Saal gingen die Lichter an, während man versuchte, den Projektor wieder in Gang zu kriegen. Und jeder Hurensohn nebst Bruder drehte sich um und blickte nach oben zu der rechteckigen Öffnung des Vorführraums. Und da war ich, genau da drunter, mit heruntergelassenen Hosen, und dann war da dieses schwarze Mädchen, das Kleid hochgehoben und sie über den Sitz gebeugt, verstehst du - worüber lachst du?"
"Ich find das einfach komisch." Ich fuhr mir über die Augen.
Abt Dover runzelte die Stirn, woraufhin ich weitere Lachsalven abschoss. Er nickte mit ernster Miene.
"Tja, scheint tatsächlich komisch zu sein. Jedenfalls entdeckte ich im Publikum einen ehemaligen Lehrer, zwei Freundinnen meiner Mutter, einen Zahnarzt und einige Jungs, die ich aus der Stadt kannte. Keiner lachte mich aus, sie waren wohl eher entsetzt, nehm ich an, denn ich hatte einen ziemlich guten Ruf. Ich zerrte meine Hosen hoch, jagte die Treppen hinunter und ließ mich nie mehr in Lincoln blicken. In Saint Louis trat ich der Armee bei und blieb dort bis zu meiner Entlassung 1954. Die Moral von der Geschichte lautet: Sieh niemals zum Projektor hoch, wenn er mal ausfällt."
"Das ist wirklich eine gute Story", sagte ich erschöpft und hielt mir die Seiten.
"Um beim Thema zu blieben, ein einziger Fehler kann deinem Leben eine völlig neue Richtung geben. Damals hab ich mir geschworen, keinen zweiten Fehler zu begehen, und das ist mir auch gelungen. Die Armee lag hinter mir, ich war pensionierter Hauptfeldwebel und neben einem stattlichen Bankkonto hatte ich auch Lust, nach Florida zu gehen. Ich bildete mir immer noch ein, es sei sicherer, Nebraska zu meiden. Das war 1954. Ich fuhr also mit meinem nagelneuen Ford-Cabriolet den Highway entlang und da fiel mir dieses Anwesen auf. Es war nach Einbruch der Dunkelheit und ich dachte, es sei ein Motel, also hielt ich an. Zu der Zeit lebten nur drei Mönche hier, zwei Schwarze und ein Weißer. Sie gaben mir Unterkunft für die Nacht, und am anderen Tag hab ich gesehen, wo der Hammer hängt, und den Laden übernommen. Er stand kurz davor, den Bach runterzugehen."
"Wie ist es Ihnen gelungen, so einfach die Führung zu übernehmen?"
"Ich habe ihnen gesagt, dass ich das Kloster auf eine eigene wirtschaftliche Grundlage stellen werde. Die Orangen waren reif, doch die drei Mönche hatten keine Lust, ihre Ärsche in den Orangenhain zu schaffen, um sie zu pflücken. Sie ernährten sich von Ziegenmilch und Grütze. Wie bereits erwähnt, waren die Mittel aus dem Fonds längst aufgezehrt, das Kloster war mit der Zahlung der Grundsteuer zwei Jahre im Verzug, und der Abt, ein großer, schlanker, aggressiver Hurensohn namens Hank Childers, war zu dämlich zum Scheißen. Er wusste lediglich die beiden Schwarzen in Schach zu halten. Childers war eigentlich Saisonarbeiter, ein Obstpflücker, und konnte weder lesen noch seinen Namen schreiben. Bei den beiden Schwarzen handelte es sich im Grunde um anständige Kerle, aber sie hockten ständig über ihrer Bibel. Typische Mönche eben, die die richtige Führung brauchten. Und die war durch mich gewährleistet. Ich heuerte einige Pflücker an und konnte ein paar Dollar aus einer Ernte rausschlagen, die bereits zwei Wochen später verfault gewesen wäre. Ich schaffte die Ziegen ab, und nachdem ich das mit der Steuerschuld herausgefunden hatte, jagte ich Hank Childers davon, indem ich ihm mit einer Holzlatte das Hinterteil versohlte. Ich saß hier und arbeitete mich durch Berge unerledigten Schriftkrams, bezahlte die Steuern, ließ die Eigentumsrechte in Orlando überprüfen und schließlich kaufte ich mir ein Kloster für einen Dollar. Ich bin der alleinige Besitzer, sehr zum Ärger und Verdruss der Treuhänder oben in Birmingham. Willst du was kauen?"
"Nein, danke." Ich machte eine abwehrende Handbewegung. "Ich versteh nicht, wie Sie das gedeichselt haben. Wie lief das genau ab?"
"Nichts da", Abt Dover schüttelte den Kopf und grinste. "Ich habe dir schon genug erzählt."

Ich zog den Zeitungsausschnitt aus der Tasche meines Hemdes, faltete ihn auseinander und reichte ihn Abt Dover. "Dieser Artikel stammt aus einer Zeitung aus Miami. Was ist aus den Mönchen geworden? Wo wurden sie aufgenommen?"

Sichtlich desinteressiert warf Abt Dover einen Blick auf den Zeitungsartikel, zerknüllte ihn zu einem kleinen Ball, zielte damit auf den Abfalleimer und versenkte ihn darin.

"Der verstorbene Cosmo Bird war ein Mann mit Visionen, Bruder Springer. Er hat ein System geschaffen, nach dem die Kirche der Herde Gottes ewig bestehen könnte. Doch er starb, und ›ewig‹ ist in der Tat eine lange Zeit. Sein Vorhaben allerdings hatte Hand und Fuß, und wie ich bereits erwähnt habe, existieren die Gemeinden immer noch. Hätte man das Kloster zum Beispiel in der Nähe von Birmingham gegründet, dann würde die Kirche mindestens doppelt so viele Mitglieder zählen. Ursprünglich hatte man vor, zwei Kategorien von Mönchen hier unterzubringen. Jene, die sich der Kontemplation hingeben und bis zu ihrem Lebensende blieben, und solche, die in Seminaren ausgebildet werden, um im Anschluss daran entweder als Pfarrer einer bereits existierenden Gemeinde unserer Kirche vorzustehen oder eine neue Gemeinde zu gründen. Das Kloster sollte sich nicht nur selbst versorgen, es sollte auch Geld erwirtschaften, so wie auch jede Kirchengemeinde monatlich einen gewissen Geldbetrag beisteuern sollte. Der Abt sollte das Oberhaupt der Kirche sein, ähnlich dem Papst als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Hast du dich schon mal mit Religionsgeschichte befasst?"
"Nein, Sir. Na ja, vielleicht ein bisschen. Ich habe den Film über Martin Luther gesehen."
"Mit anderen Worten, du hast keinen blassen Schimmer, was religiöse Bestrebungen anbelangt. Wie auch immer, jede Kirche muss sich anfangs mächtig ins Zeug legen. Einige der Äbte vor mir waren größere Schweinehunde als ich, glaub mir, und ich denke nur an mich selbst. Alle Auflagen waren unmissverständlich und ich habe sie befolgt. Mein Handeln war strikt legal und entsprach den Vorschriften. Ich versetzte die beiden Mönche nach Mobile und Atlanta, da die Gemeinden dort Pfarrer benötigten, und ich hab dafür gesorgt, dass Hank Childers vom Klostergelände verschwindet."

Abt Dover wischte sich mit einem Geschirrtuch den Schweiß von seinem rasierten Schädel, trug das Frühstücksgeschirr ins Badezimmer, legte es vorsichtig in das Waschbecken und drehte den Hahn auf.

"Jede Gemeinde der Kirche der Herde Gottes hat jetzt einen Pfarrer, mit einer Ausnahme: die kleine Gemeinde in Jax. Wenn ich das Grundstück hier verkauft habe - und was das betrifft, hab ich mehrere Eisen im Feuer -, werde ich auf meiner Fahrt nach Washington in Jax Halt machen und eines der dortigen Laienmitglieder ordinieren und ihm die Kirche übergeben. Meine Arbeit ist dann getan, mit Gottes Hilfe natürlich."
"Sind Sie denn befugt, jemanden so ohne weiteres in das geistliche Amt einzusetzen?", fragte ich, außerstande, mein Erstaunen zu verbergen.
"Ich hab doch gesagt, dass ich das Oberhaupt der Kirche bin, nicht wahr? Wer sollte es denn an meiner Stelle machen?"
"Es ist alles ein bisschen viel auf einmal und ich befürchte, einiges ist mir noch nicht so klar. Aber wie konnten Sie sich als Hauptfeldwebel so viel Wissen über Religion aneignen?"

Nachdem er einen Becher Tide auf das Geschirr im Waschbecken geschüttet hatte, kam Abt Dover zum Tisch zurück und setzte sich wieder.
"Sieh mal, Bruder Springer", sagte der Abt ruhig und ein verschmitzt-fröhliches Schimmern stahl sich in die hellblauen Augen, "du musst nicht denken, dass man ein kompletter Idiot ist, nur weil man in der Armee dient. Ich war das, was man einen Schönwetteroffizier nennen könnte. In Friedenszeiten war es durchaus erquicklich, Hauptfeldwebel zu sein, aber als zum Krieg geblasen wurde - und in meinem Falle geschah das gleich zweimal -, habe ich mich nach einem wenig spektakulären Einsatzgebiet außerhalb der Gefahrenzone umgesehen. Die sicherste Position ist die eines Hilfskaplans, und durch diesen Dienst habe ich den Zweiten Weltkrieg und das Chaos in Korea unversehrt überstanden. Es ist eine sehr angenehme Arbeit. Man assistiert drei oder vier Kaplänen, für gewöhnlich einem katholischen Priester und einigen protestantischen Pfarrern. Hin und wieder trifft man auf einen Rabbi, aber nicht sehr oft. Und man kümmert sich um die Verwaltung, das bisschen, was da zu erledigen ist, schreibt Briefe an die Mamas, erzählt ihnen, dass ihre Jungs geistlichen Beistand bekommen und so weiter, legt Karteikarten über die Soldaten an, auf denen ihre religiösen Vorlieben notiert sind, bekommt den Extraauftrag, die Kapelle auszufegen, und erledigt die Telefonate. Ich habe den Kaplänen immer aufmerksam zugehört, denen ging es nie besser, Bruder. Sie wurden befördert und scheffelten drei- bis zehnmal so viel Geld wie draußen. Mir ist nie ein Kaplan begegnet, der kein Schwindler war - "
"Nun machen Sie mal einen Punkt, Abt", protestierte ich. "Das ist eine ziemlich haarige Behauptung."
"Sie trifft dennoch zu. Ich habe dich während meiner Ausführungen beobachtet. Die Hälfte der Zeit hast du mit offenem Mund zugehört. Sag mir, Bruder, ist dir jemals ein Geistlicher wie ich begegnet?"
"Nein, Sir, mit Sicherheit nicht."
"Nun, ich bin der ehrlichste Pfarrer, den du je kennen lernen wirst! Ich kann die Bibel in- und auswendig, habe sie immer wieder gelesen. Ich hatte im Krieg nicht viel zu tun und war auch nicht abgeneigt, hin und wieder eine Predigt zu verfassen, wenn einer der Kapläne nicht weiterkam. Aber du wirst mich nie dabei ertappen, dass ich schwammiges Zeug vom Stapel lasse, von wegen Rettung deiner armen Seele oder ähnlichen Schwachsinn. Denn eins kann ich dir unumwunden sagen: Du hast keine Seele, genauso wenig wie ich. Wenn wir sterben - und das werden wir, wenn wir so weitermachen -, wird sich ein schwarzer Vorhang vor unsere Augen schieben und unsere Bäuche werden nicht mehr Hunger leiden. Du bist Schriftsteller, ein gebildeter Mann, du musst doch etwas über die Menschen wissen. Glaubst du tatsächlich, dass es so etwas gibt wie den Himmel, mit Milch und Honig, mit Zigarren für fünfundzwanzig Cent oder dass irgendwo dort ein goldener Thron nur darauf wartet, dass du dich mit deinem faulen Arsch drauffallen lässt?"

Teil 3