Vorgeblättert

Charles Willeford: Die Schwarze Messe. Teil 3

27.06.2005.
"Daran glaube ich nicht. Nein. Aber Pfarrer glauben daran, da bin ich ganz sicher."
"Nee. Wenn du das glaubst, bist du hohl wie eine ausgenommene Weihnachtsgans. Ich bin Pastor, und ich habe Papiere, die das beweisen. Du könntest auch Pastor werden. Es ist ein Beruf wie jeder andere, nicht mehr und nicht weniger, und er unterscheidet sich nicht im Geringsten von anderen angenehmen Jobs. Ein Großteil der Pfarrer ist schlauer als gewöhnliche Leute, doch der wesentliche Unterschied besteht darin, dass Pfarrer fauler sind. Was sie von der Kanzel herab verkünden, deckt sich nicht mit dem, woran sie glauben. Ich weiß, wie sie arbeiten, und haben sie wirklich was drauf, gehören sie zu denen, die das große Geld machen, wie zum Beispiel bei der Erweckungsbewegung. Tatsache ist, je schwächer der Glaube eines Pastors ist, desto wirkungsvoller sind seine religiösen Ausführungen."

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Es war äußerst seltsam, solche Reden von einem Mann zu hören, der einen Talar trug, und doch machte Abt Dover einen gottesfürchtigen Eindruck auf mich, trotz der glänzenden Schützenmedaille, die an seiner Brust baumelte. Der kahle Schädel, die rasierten Augenbrauen, der offene, feste Blick der wachsamen blauen Augen irritierten mich. Ich hatte zwar mal ein wenig Zeit mit den Unitariern verschwendet, ein religiöser Mensch war ich deshalb noch lange nicht, doch die Überzeugungskraft in seiner Stimme packte mich und zog mich in ihren Bann; gleichzeitig malte ich mir das Bild von Tausenden von Pastoren aus, die auf ihren Sonntagskanzeln standen und vor Tausenden von Ungläubigen wie mir predigten - und beide, Pastor und Gemeinde, gaben sich todernst, und dennoch glaubte nicht einer von ihnen an irgend etwas! Weshalb verhielten sie sich so?

"Warum wird ein Mann Pfarrer, Abt Dover? Warum sollte ein Mann aus freien Stücken ein derart verlogenes Leben führen?"
"Das ist ganz einfach", sagte der Abt und zuckte mit den Schultern. "Warum bist du Schriftsteller geworden?"
"Ich wollte einem erbärmlichen Job entgehen. Ich war Buchhalter."
"Da hast du deine Antwort. Ein Mann wird Pfarrer, um sich vor ehrlicher Arbeit zu drücken. Zweitens, er will Geld verdienen. Letztere sind natürlich in der Minderheit. Die Mehrheit derjenigen, die dem geistlichen Stand angehören, will einfach Sicherheit mit einem Minimum an Aufwand. Andere wollen Macht. Wenn ich machtversessen wäre, würde ich Priester der römisch-katholischen Kirche werden. Ich gehöre zur Minderheit. Nicht Macht interessiert mich, sondern Geld. Seltsam, hat man es in der Kirche nur aufs Geld abgesehen, bekommt man die Macht frei Haus. Macht und Geld gehen Hand in Hand."
"Das scheint mir kein leichtes Leben zu sein. Selbst der Pfarrer einer kleinen Gemeinde muss Trauungen und Taufen vornehmen, Predigten vorbereiten, Krankenbesuche machen, Spenden sammeln - "
"Das bezeichnest du als Arbeit?"
"Er kann nicht frei über seine Zeit verfügen! Ein Pfarrer hat vierundzwanzig Stunden am Tag in Bereitschaft zu sein."
"Mein Gott, Bruder Springer!", sagte der Abt in scharfem Ton. "Ein Mann muss doch was tun!" Der Abt ging zu seinem Schreibtisch, nahm eine Bibel und kam zurück an den Tisch. "Hier steht alles drin. Jeder Bibelvers kann Grundlage einer Predigt sein, und zwar für jeden Mann, der fähig ist frei zu sprechen. Dieses Buch ist unerschöpflich, selbst wenn man ein Leben lang Predigten hält. Richtig?"
"Wahrscheinlich", sagte ich und fühlte mich wie gerädert.
"Du bist pleite, stimmt's?"

Er hatte die Stimme gesenkt und mit so viel Mitgefühl gesprochen, dass ich vom Tisch aufsah und unsere Blicke sich begegneten, doch ich musste seinem festen, fragenden Blick ausweichen und starrte stattdessen auf die Schützenmedaille.

"So ziemlich, Abt Dover", gab ich zu.
"Das habe ich erwartet. Und ein richtiger Schriftsteller bist du auch nicht, oder?"
"Immerhin kann ich einen veröffentlichten Roman auf meiner Habenseite verbuchen", erwiderte ich wie zur Entschuldigung.
"Was hast du seither geschrieben und wie viel Zeit ist seit der Veröffentlichung deines Romans vergangen?"
"Ich habe seitdem nichts mehr geschrieben. Aber ich werde etwas schreiben. Ich brauche nur eine Idee."
"Warum gibst du das Schreiben nicht auf und suchst dir einen Job? Willst du einen Job? Ich kann dir zu einer Stelle als Buchhalter in Clewiston verhelfen. Dort sind mir ein paar Leute noch einen Gefallen schuldig."
"Nein." Ich schüttelte den Kopf. "Ich bin Schriftsteller, selbst wenn ich verhungern müsste, ich würde nie wieder eine derartige Arbeit machen. Wenn nötig, würde ich Teller waschen als Gegenleistung für ein Essen, aber niemals stecke ich meinen Kopf wieder in die Schlinge."
"Gut. Du bist ein Spieler. Ich habe dich richtig eingeschätzt. Wenn ich hier verschwinde, gehe ich nach Washington und werde in das Veteranenheim ziehen. Nach zwanzig Jahren Dienst in der Armee hat man für den Rest seines Lebens Anspruch auf die Fürsorge eines solchen Heims. Ich werde ein Zimmer haben, freie Kost und obendrein meine Pension. Ohne Ausgaben für den Lebensunterhalt sollte ich zusammen mit meinen Ersparnissen lange und gut über die Runden kommen. Hin und wieder einen Abstecher nach New York, um ins Theater zu gehen, ein paar Monate damit zubringen, das Smithsonian zu erkunden, mit anderen Worten, sanft mein Leben vertrödeln. Wie du vielleicht bemerkt hast, unterhalte ich mich gerne, besonders mit Soldaten. Wir sprechen dieselbe Sprache. Ich hol aus dem Leben das raus ... was es rauszuholen gibt. Ich kann dir einen Gefallen tun, und ich mag dich. Du wirst Gelegenheit bekommen, zu schreiben. Ob du je eine Zeile schreiben wirst oder nicht, kümmert mich einen Dreck, aber es ist deine Chance. Wie viel Geld hast du?"
"Nicht ganz sechzig Dollar."
"Gib mir zwanzig."
"Ich hab aber nur noch sechzig - dann bin ich am Ende."
"Ich hab dich schon verstanden. Gib mir zwanzig, und ich mach dich zum Pfarrer, beordere dich anschließend nach Jax, wo die dortige Gemeinde übernehmen könntest."
"Das kann ich nicht - "
"Die Bibel schenke ich dir, da steht alles drin, Bruder Springer. Der Gemeindekirchenrat in Jax zahlt dir monatlich ein paar Dollar, außerdem steht dir ein kleines Haus neben der Kirche zur Verfügung. Sechs Tage die Woche kannst du schreiben und am Sonntag hältst du zwei Predigten. Wenn du dazu zu faul bist, dann bist zu faul zum Leben."
"Oh, das würde mir nichts ausmachen", verteidigte ich mich, "aber ich weiß nicht, wie das funktionieren soll."
"Hast du Vorurteile Schwarzen gegenüber?", fragte Abt Dover mit ernster Miene.
"Natürlich nicht."
"Die Gemeinde in Jax ist eine schwarze Gemeinde. Wenn du nicht mal ?nen Haufen Schwarze an der Nase rumführen kannst, ist es tatsächlich schlecht um dich bestellt. Du wirst deinen Spaß haben, glaub mir."
"Dann also die Ordination", sagte ich, mit einem Mal fest entschlossen. Ich nahm zwanzig Dollar aus meiner Brieftasche und legte den Schein auf den Tisch. Abt Dover hob seinen Talar hoch und mein Blick fiel auf die karierten Shorts, die er darunter trug. Sogleich wanderte der Schein in die Gesäßtasche. Als Nächstes öffnete der Abt seinen Kleiderschrank, ging eine Reihe dicht an dicht hängender dunkler Kleidungsstücke durch, nahm einen schwarzen Anzug aus Schurwolle heraus und warf ihn mir zu.
"Probier den mal an."

Die Länge der Hosen war okay, aber am Bund war er viel zu weit, etwa zehn bis zwölf Zentimeter. Das Jackett hatte Größe 52, aber in 50 fühl ich mich wohler.

"Das geht doch." Abt Dover nickte. "Zugegeben, etwas großzügig, aber du kannst die Hosen in Jax ändern lassen. Ich geh zwar nicht davon aus, aber sollte man dich fragen, warum der Anzug zu groß ist, sagst du eben, du hättest gefastet. Ich hab noch zwei Hemden, die passen könnten. Welche Hemdengröße hast du?"
"40."
Ich zog eines der Kollarhemden an, und nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es mir schließlich, den hinteren Kragenknopf zuzuknöpfen. Der Hemdenlatz war schwarz, der Rest, einschließlich des steifen, engen Kragens, weiß. Ich zog meinen Gürtel durch die Schlaufen, und nachdem ich den sehr eng geschnallt, den überstehenden Hosenbund nach hinten geschoben und das Jackett angezogen hatte, saß der Anzug leidlich. In den Schultern war er zu breit, die Länge der Ärmel hingegen war perfekt. Ich beschloss, das Jackett offen zu lassen, so würde niemandem auffallen, wie locker es saß.
"In Ordnung, gehen wir", befahl der Abt und öffnete die Fliegengittertür.
"Wohin?", fragte ich.
"In die Kapelle."

Wir gingen den Kiesweg hinunter zur Kapelle, und Abt Dover stieß die Doppeltür aus Wellblech auf, hinter der sich sein Cabriolet versteckte. Wir zwängten uns an dem Wagen vorbei und kletterten über einen Stapel Bänke. Als Abt Dover vor dem kleinen Altar niederkniete, blieb ich zögerlich im Hintergrund. Er senkte den Kopf, und nach einem kurzen Moment des Schweigens erhob er sich schwerfällig, um mit Hilfe eines Zippos eine Kerze anzuzünden, die in einem Kerzenhalter aus Zinn den Altar schmückte. Ein grob geschnitztes, an die Wand genageltes Holzkreuz, ein über dem Altar ausgebreitetes hellblaues Badetuch und die flackernde Kerze waren die einzigen Devotionalien. Dennoch war ich voller Ehrfurcht, wenn nicht sogar beeindruckt, als Abt Dover seine Arme in die Höhe hob und sein Gesicht zur Decke wandte.

"Herr", begann er düster, "ich habe hier einen Schriftsteller, und er braucht einen Platz im Leben. Er ist ein guter Mensch, wenn auch ein Spieler. Um des Himmels willen, nimm ihn auf in dein Herz und dein Blut und lass ihn deiner Liebe teilhaftig werden. Er hat wirklich eine Chance verdient. Er wird einen guten Pfarrer abgeben und deiner Herde in Jax deine Lehren verkünden, in Jax brauchen sie einen wie ihn. Doch vorher verhilf ihm zu einem starken Rückgrat, seines scheint zu schwach zu sein. Amen."

Der Abt ließ seine Arme schlaff herunterfallen, sein Kopf sank auf die Brust, und dann bekreuzigte er sich. Ehe ich mich versah, hatte er sich umgedreht und mir die rechte Hand auf die Schulter gelegt.

"Knie nieder, Junge", befahl er. Ich kniete mich hin, und er streckte die Hände in die Luft und schloss die Augen. "Ich ernenne dich - wie lautet dein erster und dein zweiter Vorname?"
"Sam ist mein Vorname", flüsterte ich. "Meinen zweiten Vornamen habe ich abgelegt, als ich Schriftsteller geworden bin."
"Dann gebe ich dir einen. Ich ernenne dich, Sam Deuteronomius Springer, zum Pastor der Ersten Gemeinde der Herde Gottes in Jax, Florida." Er beugte sich zu mir herunter und soufflierte quasi: "Möchtest du ein Gebet sprechen?"
"Mir fällt keins ein", flüsterte ich zurück.
"Okay." Nachdem Abt Dover mir geholfen hatte aufzustehen, schüttelte er mir die Hand und klopfte mir auf den Rücken. "So schlimm war's doch gar nicht, oder?"
"Nein", log ich. Unter meinem schweren Jackett war mir der Schweiß ausgebrochen, also zog ich es aus und trug es über dem Arm, als wir die Kapelle verließen. Zurück im Büro, schrieb der Abt meinen Namen in fein säuberlicher Druckschrift auf ein vervielfältigtes Formblatt, datierte es und überreichte mir das Dokument, das mich offiziell zum Prediger machte. Ich faltete es und steckte es in meine Brieftasche.
"Benutze in Jax deinen zweiten Vornamen", schärfte mir der Abt ein. "Deuteronomius ist ein guter zweiter Vorname für einen Pfarrer, die Schwarzen werden ihn lieben. Wenn du in Jax angekommen bist, suchst du sofort die Praxis von Dr. Fred Jensen auf. Er ist Zahnarzt und Vorsitzender des Gemeindekirchenrats. Ich versichere dir, er wird dich herzlich willkommen heißen. Er hat mir diverse Male geschrieben und um einen Pastor gebeten, und du bist genau der Richtige."
"Mir ist nicht ganz wohl bei all dem, aber ich bin Schriftsteller und sollte genau wie jeder andere in der Lage sein, eine Predigt zu verfassen."
Ich verstaute meine Zivilkleidung in der kleinen Reisetasche, schüttelte dem Abt die Hand und ging Richtung Highway. Kaum war ich dort, überfiel mich ein schrecklicher Gedanke und ich rannte zurück, stieß die Fliegengittertür auf und stürmte in sein Büro.
"Wie viele haben Sie zum Pfarrer ernannt und nach Jax geschickt?", fragte ich wütend. "Nach allem, was ich weiß, könnte es ein gutes Dutzend Männer sein. Womöglich gibt es gar keine Kirche der Herde Gottes in Jax!"
"Das ist gut!" Der Abt lachte vergnügt, warf seinen kahlen Kopf in den Nacken und brüllte: "Gesunde Skepsis zeichnet einen guten Pfarrer aus. Aber mach dir keine Sorgen, mein Junge, alles läuft bestens. Möge der Herr mit dir sein."
"Okay", sagte ich verstimmt. "Aber sollte sich das Ganze als Schwindel herausstellen, komm ich zurück und schlag Sie zusammen!"
"Dich hat der Herr geschickt, Reverend Springer. Ich habe lediglich die letzte offene Pfarrstelle besetzt. Ich mag zwar durchtrieben sein, aber kein Betrüger. Niemals würde ich einen Mann in einer solchen Angelegenheit übers Ohr hauen. Fahr nach Jax, und vertrau auf Gott."
Ich grinste. "Danke, Abt. Ich werde Ihnen demnächst ein paar Zeilen schreiben."
"Tu das. Veteranenheim, Washington 25, D.C. Es würde mich freuen, von dir zu hören. Jederzeit."
Zum dritten Mal an diesem Vormittag schüttelten wir uns die Hände. Als ich am Highway war, drehte ich mich um und winkte. Mit einem Grinsen in seinem roten Gesicht winkte der Abt zurück.
"Geh mit Gott!", rief er mir zu. Ich ging am Highway entlang Richtung Orangeville, wo der Bus halten würde, um mich nach Jax zu bringen ... meiner neuen Berufung entgegen.


Mit freundlicher Genehmigung des Maas-Verlages

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