Vorgeblättert

Bill James: Tote schreien nicht, Teil 5

"Das habe ich nicht gemeint. Du hast das Zeug an die Schuhe gekriegt, eben und als du sie hierher gebracht hast. Wenn du es in deiner Wohnung und im Auto verteilt hast - "
"Spurensicherung?"
"Ab und zu glauben die Geschworenen denen immer noch", antwortete Harpur.
"Ich werde die Schuhe loswerden", sagte Vine.
"Beide Paare, falls du beim ersten Mal andere anhattest. Verbrennen. Und die Fußmatten aus dem Auto ebenfalls. Schau dich gut in der Wohnung um. Wenn du schwarze Flecken findest, behandle sie mit Benzin. Hast du die geliehene Kanone Leyton zurückgegeben, oder hast du sie weggeworfen?"
"Siehst du, all die Punkte, die du jetzt nennst, Col", sagte Vine, "genau deswegen hab ich gewollt, dass du nachschaust. Genau deshalb haben wir dich eingestellt - ich sage immer ›eingestellt‹, aber ich meine, zum Partner gemacht."
"Wenn du die Kanone weggeworfen hast, geh, und bezahle sie Leyton. Nicht nur die Leihgebühr, meine ich. Kauf sie sozusagen rückwirkend. Andernfalls könnte er sauer werden und uns Hinweise zukommen lassen."
"Uns?"
"Den anderen uns. Der Polizei."
"Leyton würde nie plaudern."
"Leyton ist Geschäftsmann", antwortete Harpur. "Leyton denkt ans Überleben."
Sie schauten auf Eleri hinunter, und Vine bückte sich und strich ein paar Haare zurück, die ihr in die Stirn gefallen waren. "Hör zu, Col, ich möchte nicht, dass du denkst, ich wäre herzlos. Ich weiß, das hier ist kein Ort und kein Zustand für eine alte Lady. Aber hier ging es nicht nur um irgendein gewöhnliches Übers-Ohr-Hauen - nicht nur darum, dass sie, sagen wir, zu Ember übergelaufen ist. Das ist eine ernstere Sache. Verrat. Etwas, was nicht mit einer Tracht Prügel zu bereinigen ist."
"Ja?"
"Wir sollten von hier verschwinden", antwortete Vine. Aber wie in Abwehrstellung schien er mit Zweifeln und Ängsten zu ringen. "Weißt du, Col, ich dachte, du würdest mich auch reinlegen heute Nacht. Ich hab nicht geglaubt, dass du mitkommst. Du hast natürlich geahnt, was wir hier vorfinden würden, und ich hatte Angst, du würdest zu dem Schluss kommen, dass du nichts mehr mit Keith Vine zu tun haben willst, wenn der jemand ist, der alte Ladys umlegt … selbst wenn die alte Lady ’ne miese, verräterische Kuh war."
"Ich bin gekommen", sagt Harpur.
Ihren Treffpunkt auf dem Hügel hatten sie in verschiedenen Autos erreicht. Dann war Vine in seinem Escort den Weg zum Hafengelände vorangefahren. Jetzt legte er Harpur kameradschaftlich ganz kurz die Hand auf den Arm. Vine war jung und dreist und ziemlich gerissen. Um seine eher brutalen Züge abzumildern, konnte er ein jungenhaftes, verschmitztes Lächeln aufsetzen, und jetzt brachte er eines zustande, das in der Dunkelheit gerade so zu sehen war: "Es hätte mir gestunken, wenn du mich reingelegt hättest - dich verpisst hättest, wo du mir eigentlich hättest beistehen sollen. Das mit Eleri betrachte ich … ich betrachte es nicht als Test, Col … ich hasse das Wort unter gleichberechtigten Partnern. Aber ich betrachte es als etwas Wichtiges."
"Ich bin gekommen", sagte Harpur. Vine sagte nichts anderes, als dass die Partnerschaft zu Ende gewesen wäre, wenn er ihm nicht geholfen hätte. Und wahrscheinlich Schlimmeres. Oh ja, Schlimmeres. Vine redete von Kameradschaft - und dachte an Geschäftstaktik und handelte entsprechend. Er hatte einen Bullen als Partner, hätte ihm gern vertraut, war aber nicht im Entferntesten so dumm, zu glauben, er könne ihm unbedingt vertrauen. Vertraute er ihm halb? Möglicherweise. Harpur war immer noch darauf angewiesen, dass Keith ihm glaubte. Bisher hatte Harpur nichts Ausreichendes über ihn und die anderen in der Hand, um einen wasserdichten Fall vorweisen und den Drogenhandel in der Stadt für eine Weile ausschalten zu können. Das war seine Mission. Mit etwas Glück konnte er über Vine auch Informationen über Ralph Ember und sein kleines Konkurrenzunternehmen mit Foster und Reid ergattern. Diese Aussicht genügte - wirklich, wirklich? -, um sein vorläufiges Stillschweigen über den Mord und den Mörder zu rechtfertigen.
"Ich glaube wirklich an dich, Col - dass du auf meiner Seite stehst", sagte Vine. Er setzte ein weiteres breites, kumpelhaftes Lächeln auf. Psychopathen konnten schön lächeln. Vine und Harpur schickten sich an, Eleris kleines hölzernes Mausoleum wieder aufzubauen. Vine war sichtlich stolz auf sein Werk.
"Das ist kein guter Platz, Keith", sagte Harpur. "Hier rennen jetzt ständig Bauinspektoren und solche Leute herum." Irgendwann würden alle Gebäude hier abgerissen werden, wenn die Hafenmodernisierung sich ausbreitete und genügend Geld vorhanden war, um etwas Schickes aufzubauen.
"Solange sie nicht gleich gefunden wird, Col …"
Wahrscheinlich hatte er Recht, und Eleri würde ein, zwei Tage lang unentdeckt liegen bleiben. Es würde niemanden geben, der sie als vermisst melden würde. Vine wollte allerdings bestimmt, dass sie irgendwann gefunden wurde. Wie sonst hätte ihr Tod zur allgemeinen Warnung dienen können?
Alles in allem handelte es sich um eine heikle Situation, die bewies, dass Vine zu berechnender Planung in der Lage war. Dem Jungen stand eine blendende Zukunft bevor, wenn Harpur sie ihm nicht verderben konnte. Vine war darauf angewiesen, dass Eleri gefunden wurde, gewiss, aber nicht bevor Harpur sich vergewissert hatte, dass ihre Leiche und der Ort, wo sie lag, keine verräterischen Spuren aufwiesen. Und obwohl Vine wollte, dass unter den Pushern allgemein bekannt wurde, dass er, Keith Vine, sie für ihren Verrat bestraft hatte, würde er nicht wollen, dass dies nachweisbar auch die Polizei erfuhr - außer natürlich Harpur, der, vermutlich, beteiligte Polizei, gezähmte Polizei war.
Der Verschlag sah wieder heimelig aus, und Eleri war nicht mehr zu sehen. "Ich musste sie hierher bringen", sagte Vine. "Es war nicht das Gleiche wie sie zusammenschlagen. Das hätte ich auch bei ihr zu Hause machen können, weil ich weiß, dass sie nie gesungen hätte. Sie hätte es ja wohl kaum deinen Kumpels stecken können. Die hätten wissen wollen, wieso sie Senge bezogen hat, und schon hätte ihr ganzes Geschäft auf dem Präsentierteller gelegen. Okay, die Drogenfahndung weiß natürlich Bescheid über ihre Geschäfte, kann aber nichts beweisen. Wenn sie sich ein einziges Mal beklagt hätte, hätten die nachgebohrt und die Beweise gefunden."
"Wollen wir dann gehen?", fragte Harpur. "Es ist nicht klug, hier lange herumzuhängen."
Vine schien jedoch wie angewurzelt. "Na, siehst du also ein, dass es unvermeidlich war, Col? Das freut mich. Ich geb wirklich was auf deine Meinung. Hör zu, das wirst du noch nicht wissen." Seine Stimme wurde gewichtig, nahm Führungscharakter an. "Ich meine, der breitere, strategische Aspekt … das ist meine Verantwortung, ganz persönlich. Ich möchte dich trotzdem auf dem Laufenden halten, Col. Passiert ist Folgendes, dass nämlich die Typen aus London Wind davon bekommen haben, dass sich hier Absatzmöglichkeiten eröffnet haben. Der Handel ist doch jetzt völlig offen, stimmt’s?"
Vine sprach vermutlich vom Tod Oliphant Kenward Knapps vor einigen Monaten, eines Großdealers, dessen glanzvolles Crack- und Koks-Imperium mit einem Mal jedem zur Verfügung stand, der es sich nehmen und es halten konnte. Das bedeutete Besuch. Iles hatte vorausgesehen, dass das geschehen würde. Um dies zu verhindern und zu vermeiden, dass ein gefährliches Vakuum entstand, hatte er vorgeschlagen, ein paar lokale Drogengroßhändler zu tolerieren. Sie sollten die Szene kontrollieren dürfen. Mit ihnen könnte man zurechtkommen. Mit Leuten aus London oder Manchester möglicherweise nicht. Und mit Leuten vom Yard ganz bestimmt nicht. Aber der Chief in seiner puristischen Art hatte den Plan abgelehnt - Ich werde mit keiner Seite gemeinsame Sache machen, Desmond -, und so oder so schien keine der einheimischen Firmen stark genug zu sein, um wie Kenward die Herrschaft auszuüben und Frieden zu bewahren.
"Ja", sagte Harpur, "ich dachte mir schon, dass London sich um ein Plätzchen bemühen wird."
Vine war platt. Er ging gerade auf die eingestürzte Wand zu, die nun den Ein- und Ausgang bildete. Er blieb stehen und drehte sich um. Seine Stimme war schärfer, schwächer geworden. "Wieso hast du dir das gedacht? Wie bist du darauf gekommen Col? Herrje, willst du mir erzählen, dass deine Drogenleute so schnell dahinter gekommen sind? Diese Säue aus London haben erst vor ein paar Wochen angefangen, hier rumzuschnüffeln. Sind deine Jungs und Mädels schon da hinterher?"
"Nein. Ich hab’s selbst gesehen - die Großstadt gerochen."
"Was? Du hast es gesehen? Was hast du gesehen? Wo?"
"Bei Debenham’s."
"Was soll das heißen? Hör auf, so ’n Scheiß zu reden, Col. Das ist …"
"Und Eleri hatte vor, zu einem von denen überzulaufen und sich von ihm beliefern zu lassen?", fragte Harpur.
"Was meinst du mit ›du hast’s gesehen‹?"
"Einen Späher."
Erneut packte Vine Harpur am Arm, diesmal aber nicht freundschaftlich, sondern vor Schreck. "Die Bande aus London hat dich auf dem Kiker?"
"Wie es aussieht …"
In einem kurzen Aufflammen des Mondlichts durch ein ehemaliges Fenster sah Harpur nun, wie es in Vines plumpem Gesicht unsicher zuckte. Dann kam sein Verstand in Gang. "Ja, die wollten Eleri, und sie war bereit, zu ihnen zu gehen. Ein Bombenfang. Das konnte ich doch nicht zulassen, Col … Leute aus London, stark, bösartig? Wenn Eleri gegangen wäre … jemand wie sie mit ihrem blendenden Ruf in der Branche … wie viele andere wären noch gefolgt? Du verstehst, was ich meine … wieso das mit ihr ein für allemal klargestellt werden musste?" Er deutete auf ihre Leiche und nickte respektvoll. "Vorsichtsmaßnahme." Dann schaute Vine sich wie zuvor auf dem Hügel gehetzt um. "Und sie haben dich bemerkt. Herrje, das ist gefährlich."

Teil 6