Vorgeblättert

Bill James: Tote schreien nicht, Teil 6

"Heute Abend ist mir keiner gefolgt", sagte Harpur.
"Das kannst du nicht wissen."
"Nein, aber ich war vorsichtig." Harpur schaute sich selbst ausgiebig um. Und er hatte den ganzen Abend über in den Rückspiegel geschaut.
"Verdammt schlaue Mistkerle, die aus London. Natürlich würden die am liebsten zuerst dich umlegen. Ein aktiver hoher Bulle. Die würden dich als die stärkste Kraft in meiner Firma ausmachen ? gut, eine der stärksten."
"Danke, Keith."
"Die würden dich als echte Gefahr ansehen. Und, hast du eine Waffe?"
"Vielleicht besorge ich mir eine."
"Du kriegst eine von mir."
"Nein. Das mache ich selbst."
"Und wie? Du kannst doch keine Polizeiwaffe ziehen. Wie würdest du das erklären?"
"Sie wird von anderswo sein."
"Wie anderswo?"
"Anderswo."
"Lass sie mich für dich besorgen, Col. Ehrlich, es wäre Keith Vine eine Ehre."
"Ich komme schon zurecht. Die ganzen Waffenhändler, die du kennst, stehen bei uns in den Akten, Keith. Ganz besonders Leyton."
Sie brachen gemeinsam auf und blieben am Ausgang stehen. "Herrje", sagte Vine. "Die Londoner sind schon bei der Arbeit. Die suchen vielleicht ja auch nach mir."
"Natürlich", sagte Harpur.
"Als Firmenchef."
"Natürlich. Und jetzt sag mal, Keith, ist das russische Teil da von Harbinger?"
Wieder ging Vine in die Defensive. "Leyton kann schlampig sein, ja, aber die ist brandneu. Nie abgefeuert, nicht mal von mir - nicht zurückzuverfolgen. Aber du - du musst dir was besorgen, Col. Offen gesagt, betrachte ich dich als eine Investition und als gefährdet - aber auch als einen guten Freund, dem ich vertraue." Er spielte mit dieser Phrase. "Ja, einen guten Freund, dem ich vertraue."
Sie hatten in einiger Entfernung von dem Gebäude und in einiger Entfernung voneinander geparkt. "Erledige das mit dem Saubermachen und Verbrennen, was wir besprochen haben, Keith", sagte Harpur. Er wandte sich ab und ging mit schnellen Schritten zu seinem Wagen. Eines Tages würde Harpur wahrscheinlich vor einem Gericht aussagen müssen, was er über Keith Vines Geschäfte wusste. Und dann das übliche Risiko: Ein Verteidiger würde ständig und auch in der Verhandlung vor den Geschworenen danach fragen, ob Harpur zum eigenen Vorteil dabei gewesen und nur infolge einer unerwarteten Wendung - sagen wir, eines Streits mit anderen Partnern über Geld oder eine Frau oder beides - wieder ein guter Bulle geworden war, die alltäglichen Schwierigkeiten. Zwei teuflische Gefahren bedrohten jede verdeckte Ermittlung. Die erste - und schlimmste -, dass die Bande, in die man sich eingeschleust hatte, einen entlarvte und um die Ecke brachte. Zweitens, kurz dahinter, bestand die beklemmende Möglichkeit, dass ein cleverer Anwalt die Anklage umdrehte, so dass man plötzlich selber und nicht der Angeklagte in der Scheiße steckte. Geschworene und Richter durchschauten solche Manöver nicht, obwohl sie es sich einbildeten: Darin lag die Gefahr. Sie verabscheuten Grauzonen - hassten Polizisten, die wie Bösewichte handelten, um von Bösewichten als Bösewichte anerkannt zu werden -, um am Ende dem Recht zum Sieg zu verhelfen. Es ärgerte sie und bereitete ihnen Übelkeit, zu hören, dass ein Kriminalbeamter weit über seinen Einkommensverhältnissen gelebt hatte, und um Vine zu überzeugen, tat Harpur das. Wenn es der Verteidigung gelang, einen verdeckten Ermittler so dastehen zu lassen, als hätte er vor allem in die eigene Tasche gewirtschaftet, dann waren seine Beweise Müll. Und wenn dann noch gezeigt werden konnte, dass Harpur irgendwie in einen Mord in einem Drogenkrieg verwickelt war, dann würde das bei Geschworenen traditionell angeborene Bedürfnis, das Schlechteste von der Polizei zu denken, den Fall gegen Vines Firma auf den Abfallhaufen befördern. Und Harpurs Zukunft natürlich gleich mit. Und seiner Freiheit würde er dann unter Umständen auch nicht mehr sicher sein können. Wie leicht konnte man für immer hinter Gittern landen, zusammen mit rachsüchtigen Leuten, die man für immer hinter Gitter gebracht hatte. Wenn es zu dem Augenblick der rückhaltlosen Enthüllungen kam, würde Harpur natürlich rückhaltlos alles enthüllen müssen, was er über den Mord an Eleri wusste. Er ging gern davon aus - und das mit Recht, oder? -, dass er sich nur der zeitweiligen Beihilfe schuldig gemacht hatte. Er hatte die Absicht, zu sagen, was er wusste, wenn die verdeckte Ermittlung abgeschlossen war. Aber würde vermutlich nicht ein böswilliger Verteidiger sagen, Harpur hätte sich nur zur Aussage entschlossen - zur Aussage zu einem sehr späten Stadium - aus Angst, er könnte als Mitschuldiger an dem Mord angeklagt werden?
Harpur sah, dass Vine all dies mit bedachte. Er hatte heute Abend wirklich Harpurs Hilfe gewünscht, aber das war nicht alles gewesen. Den Bullen tiefer mit reinziehen. Keith Vine wollte sicherstellen, dass seine Investition und sein vertrauenswürdiger Freund nie riskieren könnte, zu singen. Diese Jungs hatten gelernt, wie man ein Netz um Menschen schlingt, wie man Flecken auf ihre weiße Weste macht. Diese Jungs hatten gelernt, dass man mit Gerichten gut spielen konnte. Dazu brauchten sie nur die Zeitung zu lesen und fern zu sehen. Auf der Fahrt zum Hafengelände hatte Harpur sich gefragt, immer eindringlicher gefragt, ob das, was er tat, klug war. Wie üblich war er unbewaffnet. Noch bevor er in dem Halfter die russische Automatik gesehen hatte, hatte er gewusst, dass Vine gerüstet sein würde. Das war bei ihm nicht anders zu erwarten. War es klug, ihm mitten in der Nacht zu einem solch abgelegenen und verlassenen Ort zu folgen? Da war jemand, der ihm den Beweis für einen Mord zeigen wollte, den er begangen hatte. Das war fast sofort klar gewesen, als Vine oben auf dem Hügel von Eleri ap Vaughan gesprochen hatte. Hatte er vielleicht Hintergedanken - begann er daran zu zweifeln, dass sogar dieser bestochene Bulle über eine solche Sache den Mund halten würde oder könnte? Auf der Fahrt zu Eleri hatte Harpur sich gefragt, ob es notwendig war, mit ihm zu gehen. Intelligent war es gewiss nicht. Aber er war zu dem Schluss gekommen, ja, es war notwendig. Und es sah aus, als sei er wieder unbeschädigt aus der Sache herausgekommen: war schon fast an seiner alten Schüssel und auf und davon. Die unmittelbare Bedrohung war überstanden. Jetzt gab es nur noch die anderen, die ihm zu schaffen machten. Bevor er das Auto aufschloss, drehte er sich um und blickte zurück. Vine stand noch immer in der Lücke der eingestürzten Wand und schaute ihm nach. Harpur winkte nicht, und Vine tat es auch nicht. Waren sie nicht Fremde?

Mit freundlicher Genehmigung des Rotbuch Verlages

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