Vorgeblättert

Bill James: Tote schreien nicht, Teil 4

Harpur bückte sich und zog Eleri alle Kleider aus. Ihre alte, sehr weiße Haut hob sich geradezu leuchtend gegen den dunklen Schmutz des Bodens ab. Harpur durchsuchte die Kleidungsstücke gewissenhaft. Nichts. Er drehte sie um.
"Mein Gott, muss das sein, Col? So alt und rappelig, wie sie ist?"
"Sie könnte die unterschriebene Valentinskarte, die du ihr geschickt hast, im Schlüpfer versteckt haben. Dann würden sie dich wegen eines crime passionel drankriegen." Er drehte Eleri wieder auf den Rücken und machte sich daran, sie wieder anzuziehen. Sie befand sich in der tiefsten Todesstarre, und das machte es schwierig. "Hatte sie eine Handtasche?" Er suchte den Fußboden im Umkreis mit seiner Taschenlampe ab.
"Entsorgt."
"Wo?"
"Entsorgt. Aber Col, gibt es hier etwas, was mich verraten könnte?"
Harpur schaltete die Lampe aus. "Nichts, was mir aufgefallen wäre. Der springende Punkt ist wahrscheinlich, ob dein Auto gesehen worden ist oder nicht. Oder ob es heute gesehen wird."
"Um diese Zeit ist hier niemand. Na, du siehst’s ja selbst."
"Sagen wir, vielleicht. Der Schuppen gefällt mir."
"Na ja, alles in allem war sie je gar nicht so übel", antwortete Vine. "Und ich mag einfache, schöpferische Arbeit mit den Händen. Überhaupt fast jedes Handwerk. Das Halfter hab ich selbst gemacht." Er öffnete seine Jacke ein Stück. Harpur schaltete die Lampe wieder ein und leuchtete Vine kurz damit an. Er sah ein Halfter aus Segeltuch, das aus einer Reisetasche gefertigt sein konnte. Außerdem sah er den Knauf eines Revolvers, einer russischen Automatik möglicherweise: Davon gab es eine wahre Flut seit dem Fall der Mauer. Und eine Menge Schulterhalfter auch. Vine hatte sachte darauf hingewiesen, dass er bewaffnet war. Harpur tat besser daran, den Bullen nicht voll hervorzukehren und ihn Eleris wegen festzunehmen. "Steht dir, Keith", sagte er.
Er schaltete das Licht wieder aus. Vine tigerte umher, vorbei an Öllachen und Schutt, während er lebhaft schwadronierte: "Das muss dich ja aufregen, Col. Das sehe ich doch. Aber ich möchte, dass du verstehst, was sie mir angetan hat." Wieder verbesserte er sich. "Uns. Es ist unsere Firma, die sie mit Achtlosigkeit behandelt hat, mit Missachtung sogar. Col, die hätte ihre Superkundenliste mitgenommen und ihren Stoff von irgendeinem anderen bezogen. Von einem Lieferanten von außerhalb." Er brach ab. "London möglicherweise." Die letzten Worte heulte er geradezu, ganz besonders ›London‹.
"Ich hatte gehört, dass Eleri dir gewisse Schwierigkeiten macht, aber ich dachte, das sei alles bereinigt", sagte Harpur. "Hattest du sie nicht wieder auf Vordermann gebracht?" Immer noch auf dem Boden kauernd, bemühte er sich gewissenhaft, Eleris Kleider so zu richten, dass sie aussahen, wie sie ausgesehen hatten, als sie sich zur Arbeit angekleidet hatte. Iles würde den Tatort vielleicht kurz besichtigen, und Iles sah eine Menge. Vine, der aufgehört hatte, herumzulaufen, stand auf der anderen Seite von Eleri und beobachtete Harpur. "Hast du Flecken im Auto gemacht, als du sie hergebracht hast, Keith? Hast du sie im Kofferraum transportiert?"
"Das ist schon alles klar. Ich hatte gute Plastikdecken dabei. Ohne Löcher."
"Und verbrannt danach?"
"Klar."
Es war wie ein regelrechtes Verhör, außer natürlich, dass Harpur, im Dreck auf den Knien liegend, versuchte, Eleri die Strumpfhose wieder über die starren Beine zu ziehen, wobei er gelegentlich zu Vine in die Dunkelheit aufblickte. Es waren Fragen, wie sie Harpur auch einem Verbrecher gestellt hätte, damit die Antworten in einem Gerichtssaal hätten verlesen werden können. Aber dieses Verhör diente dazu, Vine vor dem Gerichtssaal zu bewahren, vorläufig jedenfalls. "Hast du die russische Automatik da benutzt?", fragte Harpur.
"Nein, um Himmels willen, denkst du, ich bin ’n blöder Anfänger?"
"Und wo ist die andere Kanone?"
"Die ist weg."
"Wo?", sagte Harpur.
"Weg." Ja, wie ein Verhör: Vine musste das ebenfalls spüren und berief sich auf sein Schweigerecht, selbst gegenüber seinem Partner. Manchmal, wenn er Keith in seiner Nervosität und Verstocktheit sah, hätte Harpur ihn fast leiden mögen, fast, trotz aller Gewalttätigkeit und Gier. Noch ein Risiko bei verdeckten Ermittlungen: Es konnte dazu kommen, dass man die Leute, die man bespitzelte, zu mögen lernte, halb zu mögen, und dann wurde es hart, sie hochgehen zu lassen. Hart, nicht unmöglich.
"Wo ist die Kanone, die du benutzt hast, hergekommen?"
"Die kann nicht zurückverfolgt werden, keine Angst."
"Ausgeliehen?"
"Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Col."
"Du solltest dir Sorgen machen."
"Wieso? Die werden sowieso keine Kugel finden, die zu ’ner Kanone passt. Ein Grund, weshalb ich die Leiche weggebracht habe."
Harpur knöpfte Eleris kirschrote Bluse zu. "Du weißt nicht, was sie finden werden. Von Leyton Harbinger ausgeliehen? Da werden sie zuallererst anrufen."
"Leyton redet nicht."
"Um Gottes willen, du hast sie also von ihm?"
"Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, er redet nicht."
"Jeder redet, wenn er genügend unter Druck gesetzt wird."
"Na, dann mach es ihm leicht", antwortete Vine betont langsam und deutlich. "Genau dafür wirst du ja bezahlt, Col."
"Vielleicht verhöre ich ihn ja gar nicht persönlich."
"Dann sorge dafür. Du bist der Boss. Genau dafür wirst du bezahlt, Col." Vine fing an, tückisch zu werden. "Ich glaube, du verstehst nicht, was für eine Katastrophe es gewesen wäre, wenn Eleri zu einem anderen Lieferanten übergelaufen wäre. Wahrscheinlich unser Ende." Er brach erneut ab und nahm seiner Stimme etwas an Schärfe. Jetzt dozierte er wie ein Professor, der geduldig versuchte, Harpurs Ahnungslosigkeit zu Leibe zu rücken. "Ihre Kunden sind bestens betucht. Das sind Leute, die eine handfeste Sucht finanzieren können, aber ohne dass sie ihre Gesundheit so angreift, dass sie nicht mehr arbeiten können oder nicht mehr zu gebrauchen sind, was bedeuten würde, dass das Gehalt und damit die Kaufkraft versiegt." Vine beugte sich nach vorn, um mit dem Mund näher an Harpurs Ohr zu kommen. "Col, schon mal was von diesem Jazzer gehört, Charlie Parker? Der hat seine ganzes Leben lang Stoff konsumiert, und als er mit vierunddreißig gestorben ist, hat der Arzt sein Alter auf Ende fünfzig geschätzt. Ich erwähne das nur, weil Eleris Leute so ganz anders sind. Das sind Chirurgen, Optiker, Leute, denen die Hände nicht zittern dürfen, die aber trotzdem regelmäßig einen guten Kick haben wollen und bereit sind, dafür zu zahlen - und zwar an Eleri zu zahlen, denn sie haben sich darauf verlassen, dass sie nur den besten Stoff hat, hauptsächlich Kokain natürlich. Diese Kunden brauchen nicht zu klauen, wenn sie etwas kaufen wollen - klauen und dann von deinen Jungs geschnappt werden und für Jahre im Knast als Kunden ausfallen."
Harpur war fast damit fertig, ihr die Kleider richtig anzuziehen. Er hätte ihr gerne den Mund geschlossen und das unkommunikative Grinsen abgestellt. Ihre falschen Zähne sahen neu aus und teuer und selbstbewusst. Aber es gelang ihm nicht, ihr den Kiefer hochzudrücken.
"Du hast gedacht, die Schwierigkeiten zwischen uns seien bereinigt. Das habe ich auch gedacht. Schlamperei meinerseits. Schau, ich hatte angenommen, wir hätten ihr einen guten Deal eingeräumt - ach was, mein Gott, ich wusste es." Das Letzte schrie er, und wieder hallte seine Stimme durch das leere Gebäude. Er bückte sich und starrte Eleri an. "Ist sie noch nicht fertig?"
"Kleider können gefährliche Geschichten erzählen", sagte Harpur.
Vine richtete sich auf. "Es hat drei oder vier von Eleris Sorte gegeben. Leute, denen wir den Stoff für zehn, fünfzehn Prozent weniger als den anderen Straßenpushern gelassen haben - ging glatt von unserem Profit ab. Aber, okay, nicht aus Wohltätigkeit. Eleri brachte uns Kunden, an die Ralphy Ember und seine Bande zum Beispiel nie auch nur entfernt rankamen. Kannst du dir vorstellen, dass Eleris Kunden sich mit Ralphy oder seiner Bande von Trotteln, Foster und diesem Oberquatschkopf Gerry Reid abgeben würden? Eleri bekam einen Bonus von uns, und es war immer noch ein Geschäft."
"Meine Mutter hat immer gesagt, man bekommt das, wofür man bezahlt.""Es gibt alle möglichen Arten von Müttern. Aber es lag an mehr als nur an den Kunden. Wir brauchten auch Eleri, wegen des Rufs, den sie bei ihnen hatte. Ember hat nichts, was daran heranreicht."
Harpur stand auf und fing an, sich sauber zu wischen. Vine half ihm dabei. "Ich bin dir dankbar für das, was du heute Abend getan hast, Col." Er nickte drei oder vier Mal. "Und dann, auf einmal, höre ich, dass Eleri dran denkt, trotzdem für jemand anderen zu arbeiten." Bekümmert und ungläubig schüttelte er den Kopf.
Harpur schaltete die Lampe noch einmal ein und suchte, sich von Eleri weg bewegend, sehr gewissenhaft den Boden ab. Vine, der immer weitersprach, lief hinter ihm her. "Ich hab ihr nicht schwer zugesetzt, Col. Sie schwer zu verletzen, wäre irgendwie unmoralisch gewesen. Vielleicht hätte sich Ember dazwischengedrängt unter den Umständen - oder er hätte eher Harry Foster darauf angesetzt. Alles mit Maß und Ziel. Und es schien zu funktionieren, Col. Aber …" Er beließ es dabei.
Sie kamen wieder zu der Leiche. Harpur hatte bei seiner Suche nichts Verräterisches gefunden. Er leuchtete mit der Taschenlampe auf ein paar Ölflecke auf seiner Hose.
"Schick mir die Rechnung für ’nen neuen Anzug", sagte Vine, "und besorg dir bitte was Eleganteres, verflucht noch mal. Schließlich bist du Geschäftsmann."

Teil 5