Vorgeblättert

Arno Widmann: Sprenger, Teil 2

Sprenger klemmte die Tasche unter den Arm und verließ das Haus. Er sah keine Bekannten. Nur auf dem Bürgersteig gegenüber die blonde junge Frau, die in zwei Jahren zwei Kinder bekommen hatte und jetzt, eines im Kinderwagen, eines auf dem Arm, unterwegs war mit Windelpaketen, Bierkasten und Einkaufstaschen. Sie gefiel Sprenger. Freilich mißbilligte er ihre Bereitschaft, sich Kinder machen zu lassen.

Sprenger empfand es als Blasphemie, daß diese blonde Diana von irgendeinem Jäger in jeder Saison in den Kreißsaal getrieben wurde, als gäbe es nicht genügend kleine, propere Frauen, deren Figur nicht zu ruinieren war, da bei ihnen der Babyspeck bruchlos überzugehen schien in die schweren Hüften der Mutterschaft. Die sollten Kinder kriegen. Frauen wie sie dagegen sollten frei bleiben, verfügbar. Wobei Sprenger es gerne in der Schwebe ließ, ob sie selbst über ihr Leben verfügen oder ob das andere, weniger zeugungsfixierte Männer tun sollten. Sich selbst nahm Sprenger bei derartigen Überlegungen stets aus.

So attraktiv die Frau ihm schien, so lächerlich wäre er sich vorgekommen, hätte er ihr den Hof gemacht. Vor Jahren schon hatte er sich ins Exil des Voyeurs begeben. Jedes Verlangen, am Spiel der Liebe beteiligt zu sein, fiel bei seinem Leibesumfang allenfalls ins komische Fach. Für die Rolle des Fauns war er zu schwer, und die des hinternklatschenden Falstaff lag ihm nicht, schon weil die Frauen, die seine Atemnot vergrößerten, dem dazu erforderlichen Typus nicht entsprachen. Manchmal dachte er, er habe sich diesen Mühen aus Liebe zu den Frauen entzogen. Als er noch mit Durchschnittsübergewicht die eine oder andere Eroberung machte, hatte er sich als schlechter Liebhaber erwiesen, war unfähig, sich auf die Wünsche oder gar die unerklärten Sehnsüchte der Frauen einzulassen, und jedesmal schnell wieder allein gewesen. Vielleicht war er es müde, hinter der Liebe herzuhecheln. Dazu die physischen Anstrengungen wiederholter Orgasmen, wo es sich schon nach einem so wundervoll schlief. Die Fettleibigkeit erlaubte es ihm, ohne die Gefahr, beim Wort genommen zu werden, frivol daherzureden und jede Frau anzuschwärmen.

Sprenger kannte die blonde Frau nicht näher, wußte ihren Namen nicht, war vielleicht zwei-, dreimal mit ihr im selben Geschäft gewesen, hatte sie dort unter dem Vorwand, sich zwischen den verschiedenen Törtchen oder Zeitungen nicht entscheiden zu können, vorgelassen und die Zeit genützt, sie sich näher anzusehen. Sie war kleiner, als sie aus der Entfernung wirkte, ihre Haut voller Sommersprossen, dabei ganz glatt. Im Gesicht war alles groß: Augen, Nase, Mund und Stirn. Ein vom Wind leicht eingedelltes Segel schien ihm die Haut zwischen Wangenknochen und Kinnlade.

Sprenger mochte das. Unangenehm war ihm, daß ihre Lippen verschwammen. Sie suchte das mit Make-up zu verdecken. Als er sie das erstemal aus der Nähe gesehen hatte, war das enttäuschend gewesen. Sie schien auf Fernwirkung hin konzipiert. Keine Linie unterstrich die Nasenflügel, keine hob die Verbindung von Lippen und Nase hervor. Es war, als hätte der Töpfer ihr alles schön proportioniert an die richtige Stelle geklatscht, wäre dann aber überrascht worden und hätte sie, ohne sich um die Feinarbeit noch kümmern zu können, zum Brennen in den Ofen gegeben.

Als er sie jetzt sah, fiel ihm auf, daß er den Vater ihrer Kinder noch nie gesehen hatte. Nicht daß er Wert darauf gelegt hätte, aber ihr eigenes struppig-dichtes blondes Haar war so unübersehbar auch auf den Köpfen der Kinder, daß er sich unwillkürlich fragte, ob sie diese Kopien nicht ganz ohne männlichen Part geklont hatte.

Ein hellblonder Sportsmann wird wohl das Vergnügen mit ihr gehabt haben. "Ahnenerbe", dachte Sprenger und auch, was für ein Blödsinn es war, daß er bei blond und groß an die Nazis dachte. Warum konnte er die schönen Blonden nicht ertragen, während die, die aussahen wie Goebbels, Himmler und Hitler, ihm gleichgültig waren? Er wehrte sich gegen das Ideal, das die Nazis der Menschheit hatten aufnötigen wollen, statt gegen die Nazis.

Die ersten hundert Meter hatte Sprenger geschafft. Beim Bäcker pausierte er. Vor ihm standen zwei Kinder, die sich nicht zwischen Lakritz und Marzipan entscheiden konnten. Sprenger legte ein Zweimarkstück auf die Glasplatte und bat die Verkäuferin, beiden beides zu geben. Die Kinder sahen ihn überrascht an und sagten erst "vielen Dank", nachdem die Verkäuferin sie dazu aufgefordert hatte.

Sprenger bestellte sich einen Bobes, wie man vornehm sagte. Er pflegte das kalorienschwere Gebäck Bobbes zu nennen, was in Frankfurt am Main, wo seine Familie lange gelebt hatte, soviel wie "Hintern" bedeutete. Zum hundertsten Male nahm er sich vor, einen germanistischen Kollegen nach Herkunft und Bedeutung des Namens der mit Zitronat und Rosinen auf die richtige Schwere hochgehievten Köstlichkeit zu fragen.

Er bekam sie in einer Serviette auf die Hand und wußte nicht, wohin damit. Er legte seine Mappe auf die Glasplatte, fand glücklicherweise in der linken Tasche seines Lodencapes - seine Hosentaschen konnte er schon lange nicht mehr benutzen, zu eng preßte ihm sich alles auf den Leib - ein paar Münzen, nahm das Wechselgeld an sich und verließ den Laden durch die von einem neuen Kunden geöffnete Tür. Natürlich war er hinausgegangen, bevor der andere hatte hereinkommen können.

Daß ihm der Vortritt gebührte, fand Sprenger richtig und wußte er zu rechtfertigen. Er hatte sich das Jus primi passus - so pflegte er es in seinen endlosen Monologen zu nennen - herausgenommen. Erkämpft wäre nicht das richtige Wort. Nie hatte jemand versucht, es ihm streitig zu machen. Er kannte den Grund. Wer spürte schon gerne eine Dreizentnerlawine im Rücken?

Manchmal hatte er Rückfälle gehabt und versucht, den Galan herauszukehren. Da war die peinliche Situation vor der Drehtür des Cafes Zentral gewesen. Eine Frau Anfang Vierzig, in einem weiten, schwingenden Sommerkleid mit breitem Gürtel. Sie ließ ihm den Vortritt. Er ärgerte sich: Seine elegante Verbeugung, sein "Bitte nach Ihnen" hatten nicht gewirkt. Jahre später erfuhr Sprenger, daß in Drehtüren der Herr vorangeht, und er fühlte sich doppelt gedemütigt. Er war nicht nur ein Wackelpudding, sondern ein bäurischer noch dazu.

Sprenger passierte eine Zeitungsauslage mit Sexmagazinen. Die Frauen auf den Fotos streckten ihren Busen, lächelten. Er mochte das. Es verpflichtete zu nichts. Die Fotografie erlaubte alles und gewährte nichts. Wenn er Lust hatte, konnte er mit den Fotos onanieren, wenn nicht, durften sie ihm gleichgültig sein, oder er freute sich am Anblick dieses so preiswert dargebotenen Fleisches wie an der ersten, noch pollenreinen Frühlingssonne.

Sprenger wunderte sich nicht darüber, daß er, seit er die blonde Nachbarin gesehen hatte, nur noch an das eine gedacht hatte. Er wußte schließlich, daß an dieser Ecke ihn wieder "Filmstars nackt" erwarteten, und vor allem, warum er in den hinter ihm liegenden Copyshop ging. Nicht weil der unmittelbar neben der Post war. Das hatte Sprenger zwar zuerst in den Laden geführt, aber sonst sprach alles gegen ihn. Auf dem Weg kam Sprenger an zwei anderen vorbei, die billiger waren und wesentlich weniger komplizierte Öffnungszeiten hatten. Eines hatte jener freilich den anderen Läden voraus. Vor einem halben Jahr hatte er hier eine kleine, dicke Bedienung entdeckt, die ihm gefiel. Das war neu. Was seine ästhetischen Maßstäbe anging, war er bis dahin von nicht zu überbietender Konventionalität gewesen. Groß, schlank mußten die Frauen sein. Gelten ließ er allenfalls noch eine gewisse südliche Opulenz. Dieses Mädchen dagegen war klein, dick und sonst nichts.

Verguckt hatte er sich in sie, als sie auf einer Leiter gestanden und das Fenster des kleinen Ladens gewaschen hatte. Sprenger hatte sich einen Weg zur Post gebahnt und dabei die leichte Aluminiumleiter beinahe umgeworfen. Die junge Frau hatte sich umgedreht und ihm ins Gesicht gelacht. Für den Bruchteil einer Sekunde hatten sich ihre Nasen fast berührt, und als Sprenger den Blick senkte, sah er in ihrer Bluse den flachen Busen und darunter den straff gewölbten Bauch. Diesem Überraschungsangriff war er nicht gewachsen gewesen. Das lächelnde Fleisch ... Er mußte schnell weitergehen. In der Post blieb er unten an der Treppe stehen und schnappte nach Luft. Die junge Frau hatte nicht gefürchtet, der wilde Lodenmann würde sie umrennen. Nachdem Sprenger wieder zu Atem gekommen war, beruhigte er sich: Sie hatte ihn wahrscheinlich überhaupt nicht wahrgenommen und sich, als die Leiter wackelte, nur umgesehen. Was sie machen würde, wenn sie ihn erst einmal gesehen hätte, das ließ sich nicht sagen.

Seit jenem Tag kopierte Sprenger ausschließlich in diesem Laden. Auch während des Semesters, als er es bequem hätte im Institut erledigen lassen können, ging er in den Copyshop. Nach Wochen hatte Sprenger herausgefunden, daß sie nur dienstags und freitags dort war. So ging er jede Woche zweimal kopieren. Er wartete, bis ein Kunde im Laden war. So hatte er länger Zeit, sie zu beobachten.

Sie war wirklich nur klein und dick mit kurzen, ungewaschenen Haaren. Aber sie verstand es, jeden anzulächeln, als gelte es nur ihm. Ganz unabhängig von Alter, Aussehen oder Statur. Sie verwandelte alles, das Hosen trug, in liebe, nette Papis, die sich zu ihr hinunterbeugten und sie fragten: "Na, wie geht’s denn heute?", dabei einen Blick in ihr Dekollete warfen und die Wonnen des Inzests austarierten. Es war ihm peinlich, in die Rolle des alten Bocks gedrängt zu werden. Ein paar Wochen war er nicht mehr hingegangen. Vor einem Monat war er zurückgekehrt.

"Sie waren aber lange nicht mehr hier", war er begrüßt worden. Das hatte ihn versöhnt. Also hatte ein wenig von der Freundlichkeit ihm gegolten. Nur ihm. Er hatte nicht geantwortet auf die Frage, sich keine Begründung für sein Ausbleiben einfallen lassen, sondern nur geantwortet: "Na, wie geht das Geschäft?" Mit diesen Worten hatte er auch heute den Laden betreten.
"Ach, gut."
"Weniger Arbeit wäre natürlich schöner."
"So viel ist es nicht. Die meisten machen ja ihre Sache selbst."
"Ich bin dazu zu dumm."
"Was ist es denn heute?"
"Sechzig Seiten DIN A4, einseitig, aber sehr eng beschrieben."
"Worum geht’s?"
"Ein Aufsatz über einen amerikanischen Philosophen."
"Von Ihnen?"
"Nein, ein Kollege hat ihn geschrieben und will wissen, was ich davon halte."
"Na dann geben Sie mal her. Nur eine Kopie?"
"Sie haben recht, machen Sie gleich zwei."
Sie sah nach dem Papier, legte einen neuen Stapel nach, den sie erst ein paarmal aufgeblättert und aufgestoßen hatte, und stellte den Zähler auf Zwei.

Sprenger hatte auf dem Hocker Platz genommen. Es war die einzige Sitzgelegenheit in dem schlauchartigen Raum. Er hatte sich an fünf Fotokopierern vorbeiquetschen müssen, war dabei auch mit ihr in Kontakt gekommen und hatte von dort aus einen Blick auf den Laden und die Straße davor. So konnte er sie gut beobachten. Außerdem sah er sofort, wenn Gefahr, ein neuer Kunde also, nahte. Es war dann keine Zeit mehr für die lüstern-unschuldigen Plaudereien, die er so genoß und an denen offensichtlich auch sie Gefallen fand.

Mit freundlicher Genehmigung des Folio Verlags

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