Vorgeblättert

Alia Mamduch: Die Leidenschaft. Teil 2

10.09.2004.
Er benutzte uns perfekt, beide zusammen und jede für sich, während er stets der Rechtschaffene blieb. Wir fanden keinen anderen Ausweg, als zu tun, was er beschlossen hatte. Du weisst, Buthaina, wie verschieden wir sind, Du und ich, vielleicht ist das eines der Mysterien unserer Freundschaft. Ich für mein Teil weiche keinem Schmerz aus, im Gegenteil, ich verbeisse mich darin, ich unterdrücke ihn nicht. Darin bin ich ganz anders als Du. "Ich habe einen nützlichen Trick gefunden", schriebst Du in einem Brief. "Alle Situationen und Erinnerungen, die mich schmerzen, verbanne ich in den letzten Winkel meines Kopfes, das ist das Geheimnis meines Überlebens."
Aber es ist uns nun einmal auferlegt, unseren Weg zu Ende zu gehen. Wie gross die Qualen auch sein mögen, meine Liebe, es gibt immer wieder Momente, in denen man sich fähig fühlt, alles zu vollbringen. Da ist keine Zeit, erst lange zu überlegen und Lösungen zu suchen, im Gegenteil, du musst die Dinge zuspitzen. Kann es denn etwas Schöneres geben als das Gefühl, mitten im Sturm auf einer Kreuzung zu stehen und ganz du selbst zu sein! Alle Wege stehen dir offen, von Amman nach Bagdad, von Beirut nach Bagdad, von Bagdad nach Rabat und weiter, immer weiter ?
In all unseren Schlachten und Kriegen haben wir uns tapfer geschlagen. Wir sind keine eingefleischten Kämpfer, und im Grunde kennen wir keinen Weg zum Heil. Dennoch konnte uns nicht einmal die Zeit besiegen, immer wieder blickten wir nach vorn. Seltsam, mit welcher Entschlossenheit - bis jetzt weiss ich nicht, wozu eigentlich - wir jeder neuen Schlacht entgegensahen. Wir zeigten niemals Schwäche und wussten doch eines sicher: Wenn wir nicht zueinander halten, bleiben uns am Ende nur jene, die wir nicht lieben und die nicht zu uns passen.
In einigen Deiner Briefe schriebst Du mir, unsere Beziehung sei keine von Frau zu Frau, sie sei viel mehr als das. Du könnest es nicht erklären - vielleicht eine ganz spezielle Art von Liebe. Übrigens habest Du mir niemals völlig vertraut. Bei unserem nächsten Wiedersehen solle ich Dir sagen, wer ich wirklich sei. "Ich muss es wissen. Trotz alledem - ich hab Dich lieb."
Masin ist noch nicht zurück. Möglicherweise hat er mich absichtlich allein gelassen, damit ich bis zur Ankunft des Flugzeugs noch bei Dir bleiben kann. Plötzlich fragte er mich, was mit mir los sei. Ich antwortete nicht, lächelte ihn aber an, als er vor mir stand. Da sagte er: "Ich hole dir ein paar Sandwiches." Ich schaute ihm nach. Wie er so von mir wegging, erinnerte er mich beinahe an einen Priester.
Jedenfalls ist er nicht so widersprüchlich wie sein Vater. Wobei Widersprüche ja auch immer etwas Kreatives sind. Ich wünschte mir, Masin würde seine moralischen Urteile über Mussaab ausführlicher formulieren. Meist fasst er sich allzu kurz: "Vater ist bestrebt, mehrere Dinge zugleich in wenigen Worten auszudrücken. Er legt sich nicht fest, deutet lediglich an." Masin kann meinen Kummer und meine Schlaflosigkeit nicht ertragen.
Einmal blieb er abrupt mitten auf der Strasse stehen und sagte: "Wollte ich mich dir anvertrauen, ausgerechnet dir, würde ich mir nur noch mehr Unruhe und Chaos einhandeln. Sieh mich nicht so an. Ich habe dir einen Beinamen gegeben - 'Mutter aller bitteren Enttäuschungen'. Du bist wirklich dafür begabt, fremdes Unglück anzuziehen, von Männern wie von Frauen." Ich liess ihn nicht ausreden und verwies auf seinen Vater. Mit mürrischem Gesicht fuhr er fort: "Ihr beide, du und Papa, besitzt so viele unschätzbare Dinge. Wenn einer von euch sie aufgäbe, würde er auch seine Unabhängigkeit und manches andere einbüssen. Du weisst das. Aber deine Art ist nicht jedem genehm, Mama, und meistens ist sie auch unangemessen." Lächelnd setzte er hinzu: "Bei Vater wiederum scheint mir manchmal, dass er nur halbwegs rational denkt." Ich lachte schallend und entgegnete: "Und was ist mit dir? Du irakischer Spross der westlichen Ratio ? ha?" Er musterte mich, den Rücken gegen die Stuhllehne gedrückt, und entgegnete noch strenger: "Warum auch nicht? Ich bin ein Spross von allem, und ich bin offen für alles. In diesem Land steht einem niemand zur Seite. Hier ist man mutterseelenallein. Die Leute haben ja nicht mal Zeit für einen Schwatz. Kaum dass sie die Zähne auseinanderkriegen. Sie halten sich nicht auf mit Belanglosigkeiten, aber vielleicht verstärkt gerade das ihre Einsamkeit. Gewiss, sie diskutieren, sie essen und trinken, sie gehen nach der Arbeit ins Pub, sie besaufen sich und lachen nervös. Doch keiner fragt den anderen, ob er Sorgen hat. Karam, mein Kollege an der Uni, hat mir erzählt, dass seine Eltern nicht länger als ein Stündchen täglich miteinander reden. Also, hier bist du auf dich ganz allein angewiesen. In Amerika möchte man mich am liebsten als Affen hinstellen. In Europa werde ich auch nur halbherzig akzeptiert. Alles ist gegen mich. Wenn ich bei meinem Ingenieurstudium glänzend abschneide, schlagen sie mir die Tür vor der Nase zu, und wenn ich mich an meine nationale Identität klammere, fliege ich sogar aus der Firma, wo ich 1991 ein Praktikum absolviert habe. Niemand sieht hier einen Freund oder Mitbürger in mir, ja nicht einmal einen Menschen. Für sie bin ich nicht etwa ein Muslim, Araber oder Iraker, sie beurteilen mich ganz pauschal, nur auf den ersten Blick. Und der erfasst mich als eine drohende Gefahr, die bereits unterwegs ist, um sie zu verschlingen oder wenigstens ihren Mythos zu demontieren. Der zweite Blick zielt prompt auf meine endgültige Unterwerfung: 'Du bist ein Feind, der Todfeind unserer Ordnung.' Ich war kein Kämpfer wie Vater, ich weiss nicht, was Macht ist, wie sie ausgeübt wird und wer sich dafür eignet. Ich denke auch nicht wie einige meiner christlichen Freunde mit ihrem mystischen Touch, die mir sagen: 'Ich möchte die Macht gar nicht übernehmen, ich könnte sie sowieso nicht anwenden, das wäre unvereinbar mit meinem Gewissen.'Ich bin einfach nur ein Muslim, den die Freiheitsberaubung anderer Menschen erschreckt, gerade weil sie manchen Leuten offenbar als Ausweg erscheint. Warum akzeptieren sie uns nicht, wie wir sind, Mama? Warum hören sie nicht auf, uns übers Ohr zu hauen und den starken Mann zu spielen? Ich habe die Wissenschaft gewählt, ich habe hineingerochen und gemerkt, dass sie manchmal wie Dynamit sein kann. Aber sollte sie mir je zwischen den Händen explodieren, so sterbe ich wenigstens als Opfer der Wissenschaft und nicht als Opfer der Ignoranz und der Vorurteile."
Masin hat seine Zeit gut genutzt. Was ist mit Umar, Deinem Sohn? Hat er dieses Jahr sein Diplom als Schiffahrtsingenieur erhalten? Siehst Du, sie vermessen den Weltraum und die Gewässer, während wir weiter nach der effektivsten Form suchen, unsere Schreie hörbar zu machen. "Wir müssen schreien lernen." Deine Stimme wurde nicht heiser wie die meine. Stets war sie ruhiger und leiser. Einmal schriebst Du mir über unsere Kindheit: "Ich hob einen Stein auf, sobald ich Dich dastehen sah." Und ich rannte los, den Stein in der erhobenen Faust. Glaub mir, ich renne immer noch. Du siehst ja, wie ich von einem Airport zum anderen sause. Meine Schritte sind natürlich inzwischen schwerfälliger geworden, aber mein Rücken bleibt gerade, trotz starker Schmerzen und beklemmender Ängste. Früher sagte ich mir oft, die Jugend sei mein ganzer Charme. Wie Du weisst, habe ich mich niemals schön gefühlt. Jetzt, da ich auf die Fünfzig zugehe, finde ich mein Aussehen viel harmonischer. Beim Umgang mit gewissen Kreaturen wird mir allerdings nach wie vor schwindlig. Du kannst dich noch so anstrengen, ihnen näherzukommen, du kriegst sie nie zu fassen. Nicht, weil sie zu ätherisch wären, sondern weil sie seelenlos sind. Besser, du kapselst dich ab und bleibst allein, fern von den anderen, von aufdringlichen Extremisten, Heuchlern und Hohlköpfen. Selbstverständlich habe ich mich und meine Freundschaften geschützt, zumindest einige. Ich weigerte mich, die üblichen Anstandsregeln für Unbescholtenheit und Sittsamkeit zu befolgen, als gehörten sie zu meinen Hausfrauenpflichten. Dass ich mich so lange von Dir und anderen zurückzog, lag an meiner unausgereiften, äusserlich nicht sichtbaren Schönheit. In meinen Briefen schrieb ich von "grossen Ferien", die ich ausleben wolle, bevor ich hinwelke und das Feuer erlischt. Immer habe ich Lunten gelegt, ohne die Folgen abzusehen. Meine erste Untat war die Liebe, und dafür steckte man mich ins Gefängnis. Du brauchst nicht über dieses Wort zu erschrecken. Ich meine bloss eine dunkle Kammer auf unserer Dachterrasse, im Sommer ein Backofen, im Winter ein Eisschrank.
Was ich dort oben leiden musste, bewirkte doch nur eines: Mein Wesen und meine Erscheinung kamen voll zur Entfaltung. Nach unserer Heirat bin ich Mussaab nie mehr so nahe gewesen wie in jenem einsamen Gefängnis, das die Liebe zwischen uns schützte. Da fielen noch keine überspitzten und wütenden Worte, wie ich sie von Zeit zu Zeit hinausschleudere, um danach vielleicht etwas erträglicher zu werden, wenigstens für mich selbst. Damals konnte ich nicht mehr zu Dir kommen. Herr Tarik, ein Verwandter, verpasste mir eine unvergessliche Ohrfeige, weil ich erklärt hatte, sofort nach Beirut fahren zu wollen, um mich mit Mussaab, einem politischen Flüchtling, zu treffen. So etwas bezeichnete meine Familie als "Schimpf und Schande". Wenn ich heute daran zurückdenke, glaube ich fast, dass ich diese kleine Reise nur unternahm, um einmal auszuprobieren, wie es ist, wenn man woanders übernachtet, sei es auch bloss für ein paar Tage, und alles unter dem Vorwand, dass wir daheim aufeinanderhockten und nichts Rechtes zu beissen hätten. Meine Ignoranz gegenüber der Familie, die mich mit unsichtbaren Banden an Armen und Beinen fesselte, erfüllte mich mit Genugtuung. Mir war das alles gleichgültig. Ich spürte ja noch die vielen Küsse, die Mussaab mir gegeben hatte, im Auto, im Hotel, in seinem Büro, im grossen Versammlungssaal. Aber warum schloss er dabei die Augen? Ich wandte den Blick nicht von ihm ab, als er mich küsste. Er sah aus, als wollte er gleich einschlafen, während ich hellwach blieb. Im Film macht der Held auch immer die Augen zu, wenn er eine Frau umarmt. Warum will er sie nicht ansehen? Zweifelt er an ihr oder an sich selbst?

Teil 3