Helga Kurzchalia setzt mit diesem Band die mit ihrer Kindheitserzählung "Haus des Kindes" begonnenen Erinnerungen fort. Dort schildert sie, wie sie im Haus des Kindes an der damaligen Stalin-Allee als Kind zweier gläubiger Kommunisten aufwuchs. Ihre Eltern waren, auch wegen jüdischer Herkunft der Mutter, nach London emigriert und zählten nach 1945 zur SED-Aristokratie. An beiden Bänden besticht die skizzenhafte, sanfte Präzision. Kurzchalia beschönigt nichts und klagt nicht an. Der hier vorabgedruckten Erinnerung an eine Freundin ihrer Mutter geht voraus, dass Kurzchalia einige Zeit als Psychologin in der russischen Retortenstadt Dalino unweit von Moskau verbracht hat.D.Red.

======================================
 
Bubliki

Vor meiner Abreise nach Dalino hatte ich meiner Mutter versprochen, in Moskau eine Bekannte zu treffen, die gerade im Begriff war, nach Berlin zu ziehen. »Eva ist zwanzig Jahre im Gulag gewesen«, sagte sie zur Erklärung und machte eine unbestimmte Handbewegung, bevor sie, das Thema wechselnd, auf Evas Mann zu sprechen kam. »Wie gern hätte ich Erich wiedergesehen. Ein Jammer, dass er nicht mehr am Leben ist.« Meine Mutter kannte Erich aus den Wiener Jahren im Untergrund, als sie für die Komintern geheime Kassiber über die Grenze schleusten, um Widerstand gegen die Nazis zu leisten. Nach dem Anschluss Österreichs hatten ihre Lebenslinien entgegengesetzte Richtungen genommen. Während meine Mutter nach England entkam und dort meinen Vater kennenlernte, war Erich in die Sowjetunion geflohen, wohin sich Eva dreiunddreißig gerettet hatte. Ich musste kurz an die Klecksbilder denken, die Jakob so gern fabrizierte. Ein paar Tintenspritzer aufs Papier, das in der Mitte gefaltete Blatt zusammenpressen – und beim Aufklappen staunen, wie die eine Seite sich in der anderen spiegelt und ein symmetrisches Bild ergibt. Die schicksalhafte Gleichzeitigkeit ihrer so verschiedenen Lebensgeschichten sprengte meine Vorstellungskraft.

Zuerst hatte ich über den Gulag Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch gelesen. Das im Westen herausgekommene Büchlein stellte mein Weltbild auf den Kopf. In der DDR gab es über die sowjetischen Straflager weder Filme noch Bücher. Meine Mutter schwieg eisern, wenn die Rede auf sowjetische Lager kam. Dennoch hatte sie darauf bestanden, dass ich Erichs Frau besuchte, wohl wissend, dass wir auch und besonders darüber sprechen würden. Einige Monate später war es so weit. Ich fuhr mit Jakob nach Moskau, stieg am Belorusski Woksal aus, einem imposanten Bahnhof im neoklassizistischen Stil, und lief durch die mir unbekannten Straßen unweit der Innenstadt. Mit meinem Kind an der Hand besuchte ich Eva in ihrer kleinen Genossenschaftswohnung in einem Chruschtschowka-Plattenbau aus den Sechzigern. Die schmale Frau mit den grauen wilden Locken empfing uns mit offenen Armen. Schon bei unserer ersten Begegnung fragte ich sie nach ihrem Leben aus, das so anders verlaufen war als das meiner Eltern. »Viel lieber wäre ich auch in London gelandet«, sagte sie. »In Moskau herrschten Armut und Hungersnot, hier liefen sie noch in Holzpantinen.« Ihr Erich habe »an den großen Stalin und das Gute im Menschen geglaubt«, sagte sie kopfschüttelnd. Sie glaubte an gar nichts mehr, Politik habe sie nicht interessiert. Das jedoch änderte nichts daran, dass Eva ein Jahr nach ihrer Ankunft in Moskau verhaftet und noch vor ihrem Mann zu zwanzig Jahren Lager und Verbannung verurteilt wurde. Damals war sie achtundzwanzig Jahre alt, überschlug ich in Gedanken, in meinem Alter. Vom Großen Vaterländischen Krieg habe sie erst Wochen nach seinem Ausbruch erfahren, sagte sie und beschwor die Vergangenheit in halben Sätzen, während sie die trockenen runden Bubliki wie französische Madeleines in ihr Teeglas tauchte und die Jahre im Gulag wieder aufleben ließ. »Wir wurden in Viehwaggons abtransportiert. Ohne Gepäck und in Sommersachen. Ich landete in Kasachstan. Elektrisches Licht gab es nicht, auch keine Bücher, Radio oder Zeitungen.« Sie redete, als spräche sie von irgendeiner Zufallsbekanntschaft und nicht von ihrem eigenen Leben. »Dagegen war das London deiner Eltern ein Zuckerschlecken.« Beim Zuhören wurde mir eng in der Kehle. Gab es eine Hierarchie des Leids? »Als ich ins Lager kam, hatte ich noch lange schwarze Locken. Damals wünschte ich mir sehnlichst den Tod herbei. Nur gut, dass ich kein Kind hatte. Sonst hätten sie es mir weggenommen und ins Waisenheim gesteckt, wie es meiner Freundin in Workuta passiert ist.« Jakob rückte näher zu mir und kritzelte auf den Busfahrschein Sonne, Mond und Sowjetsterne. »Gib acht, dass sich der Kleine warm genug anzieht. Ich weiß, wovon ich rede.« Ihre Stimme klang, als wollte sie nicht noch deutlicher werden. Jakob kramte in meiner Tasche nach etwas Schokolade.

In Kasachstan verlegte Eva von morgens bis abends Eisenbahnschienen. Die Norm erreichte sie nie, ohne Hilfe und Betrug wäre sie dort glatt verhungert. Als sie Typhus bekam, musste sie keine Steine mehr schleppen. Stattdessen fuhr sie mit den Ochsen Mist. Nach zehn Jahren Lagerhaft schlug sie sich zu ihrem Mann Erich in den Hohen Norden durch und blieb mit ihm zehn weitere Jahre in der Verbannung. Tag für Tag wachte sie im Winter auf. Eine Weidelandschaft ohne Baum und Strauch, das Brunnenwasser wurde nachts zu Eis. Die Holzbaracke stand auf nacktem Boden und war nur mit Brettern bedeckt. Schaudernd erinnerte sich Eva an das Wiedersehen mit Erich. Aus dem jungen schönen Geliebten war ein zahnloser alter Mann geworden, doch den westlichen Intellektuellen habe man ihm immer noch angesehen. An Erichs Seite schöpfte sie neuen Mut.

Nach Stalins Tod waren sie aus der Verbannung im Hohen Norden zurückgekehrt. In Moskau hatte man ihnen ein Neunquadratmeterzimmer in einer Kommunalka zugewiesen, einer Gemeinschaftswohnung. Als sie schließlich in die eigenen vier Wände ziehen konnten, starb Erich bald darauf an einem Herzinfarkt. In Slowenien lebte aus seiner jüdischen Familie niemand mehr, der ihn hätte beweinen können.

Nach vierzig Jahren Sowjetunion wollte Eva nun in die DDR umsiedeln und wieder in Berlin leben, wo sie im Prenzlauer Berg als eins von vielen Kindern in der Familie eines Lumpenhändlers aufgewachsen war. Vor der Ausreise, so Eva, würde sie sich verpflichten müssen, über die Jahre im Gulag zu schweigen. Anerkannte Opfer des Stalinismus gab es nicht. Stattdessen würde sie in der DDR ausschließlich als Verfolgte des Naziregimes gelten, und im neuen Pass stünde unter Nationalität nicht mehr »Jüdin«, wie noch in ihren sowjetischen Papieren.

Unter dem inneren Zwang, mir jedes einzelne Wort zu merken, fragte ich Mutters Freundin über den Gulag aus. Eva antwortete ohne Widerstreben und überreichte mir eine Mappe aus lila Karton, darin Erichs Briefe aus Workuta. Eva hatte Glück gehabt: Als die Gefangenen in Viehwagen quer durchs Land transportiert wurden, ließen sie eng beschriebene Zettel aus den Schlitzen flattern, in der Hoffnung, dass irgendjemand sie vom Boden auflas und weitergab. So hatte Eva ihren Erich wiedergefunden. Jetzt seien seine Briefe bei mir, einer Ausländerin, besser aufgehoben. Obenauf lag Erichs Brief vom 20. August 1946. In diesem Jahr und Monat waren meine Eltern aus dem englischen Exil in die sowjetische Besatzungszone nach Deutschland gezogen, zwei Jahre bevor ich zur Welt kam. Den nach Moskau geflohenen Erich, Slowene, Österreicher, Jude, hatte man jenseits des Polarkreises in die Tundra verbannt. Seine an Eva adressierten Briefe reisten aus Workuta ins Zwangsarbeitslager nach Karaganda.

Moja Rodnaja, an unsere abendlichen Gespräche habe ich mich so gewöhnt, dass ich nicht aus dem Kontor kann, ohne mit Dir geplaudert zu haben. Auf dem Tisch liegt die letzte Ogonjok. Darin einige alte Prager Fotos. Ungläubig erkenne ich die Straßen wieder, durch die ich vor fast zwanzig Jahren gegangen bin, staune über die Menschen in der Straßenbahn und die Autos, die sich so selbstverständlich von hier nach da bewegen. Der berühmte Wenzelsplatz kommt mir wie eine Fata Morgana vor. Es ist Sonntagabend, vor dem Fenster stürmt und regnet es in Strömen, während ich wie so oft über mein Leben nachdenke. In meinen Zwanzigern glaubte ich noch, mir stünden alle Wege offen. Noch schwante mir nichts von dem Elend und der Not, die mich erwarteten. Und jetzt? Von allen Träumen ist mir allein der Wunsch geblieben, dass wir uns eines Tages wiedersehen. Selbst wenn es noch einmal zehn Jahre dauert. Bitte glaube an mich. Gib nicht auf.

In der Mappe lag auch Evas Antwortbrief:

Erichle! In den letzten beiden Monaten habe ich Dir nicht geschrieben, nirgendwo war Papier aufzutreiben. Ich denke Tag und Nacht an Dich, doch fürchte ich mich vor einem Wiedersehen. Die letzten sechs Jahre haben mich sehr verändert. Ich bin dünn wie ein Streichholz und dauernd entsetzlich müde. Im Frühling wäre ich fast gestorben. Inzwischen habe ich mich schon etwas aufgerappelt. Ich komme mir vor wie ein Arbeitstier. Nur essen und schlafen zählt. Kein Gedanke an Bücher, keine vertrauten Gespräche. Ob ich jemals wieder ein normales Leben haben werde? Ständig kämpfe ich gegen das Böse in mir. Du weißt, wie stolz und zäh ich bin, was ja beides nicht nur zu meinem Vorteil ist. Der letzte Winter war hart, aber im Sommer ist es hier noch viel schlimmer. Sechzehn Stunden Feldarbeit.
Du fehlst mir sehr. Ich kann es nicht erwarten, mich endlich bei Dir anzulehnen und an Deiner Schulter durchzuatmen. Leider finde ich in der fremden Sprache nicht die richtigen Worte dafür, und es bekümmert mich, dass ich Dich nicht immer so geliebt habe, wie Du es verdient hättest. Heute weiß ich, ich werde niemals einen besseren Gefährten finden.

Die Zeugnisse aus dem Gulag durften nicht verloren gehen, ich fühlte mich persönlich für sie verantwortlich. Vor unserer Rückkehr nach Berlin schrieb ich die Briefe Seite für Seite säuberlich ab und übertrug sie danach ins Deutsche, wie um mich dessen, was ich las, doppelt zu vergewissern. Die Originale verstaute ich zwischen meinen Kleidern im Koffer, die Kopien ließ ich bei meiner Freundin Inna in Dalino, die sie ohne Zaudern an sich nahm. Ich wusste vom Schicksal ihrer Familie. Eine von Innas Großmüttern hatte das halbe Leben als »Mitglied einer trotzkistischen Familie« im Gulag zugebracht. Ihr Großvater war in den Dreißigern als Verräter erschossen worden. Innas Tante hatte das Lagerleben als Halbwüchsige kennengelernt – verurteilt zu dreizehn Jahren Haft, weil sie während des Holodomors, der großen Hungersnot, unerlaubt eine Handvoll Kartoffeln vom Feld hinter ihrem Haus aufgelesen hatte. Das Schicksal ihrer Familie hatte sich in Innas Gedächtnis eingeschrieben, und als viele Jahre später ihr Sohn bei einer Demonstration in Dalino festgenommen wurde, war es, als hätte sie sich ihr Leben lang auf diesen Moment vorbereitet. Sie lief zur Polizeistation, so wie einst ihre Urgroßmutter nach der Verhaftung des Großvaters. Als der Sohn am nächsten Tag entlassen wurde, fühlte sie keine Erleichterung, sondern nur panische Angst vor der Zukunft.

Bis heute habe ich das Bild vor Augen, wie unsere beiden kleinen Jungs gehorsam mit gestreckten Beinen nebeneinander auf den Knien ihres Schwagers Kolja lagen, kerzengerade wie Bretter im Regal. Die beiden Fünfjährigen, die nach seinen Gruselgeschichten gierten, hielten den Atem an, als Kolja sie flüsternd ermahnte, sich ja nicht vom Fleck zu rühren und bewegungslos in dieser Position auszuharren, ansonsten würde ein gewaltiger Sturm über sie hinwegfegen. Wie hypnotisiert gehorchten die Jungen aufs Wort. An einem friedlichen Nachmittag Mitte der Siebziger.


Beliebte Bücher

Nelio Biedermann. Lázár - Roman . Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, 2025.Nelio Biedermann: Lázár
Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als…
Heike Geißler. Michaela Kohlhaas - Roman . Suhrkamp Verlag, Berlin, 2026.Heike Geißler: Michaela Kohlhaas
"Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder." So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem…
Robert Seethaler. Die Straße - Roman . Claassen Verlag, Berlin, 2026.Robert Seethaler: Die Straße
Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in…
Petra Morsbach. Orion - Roman . Penguin Verlag, München, 2026.Petra Morsbach: Orion
Nora lernt bei einem Studentenjob ihren späteren Mann kennen, einen Archivar. Sie wird Lehrerin für Deutsch und Geschichte in einem oberbayerischen Gymnasium, zieht einen…