mit höhlen und zickzacknähten

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
11.11.2020. "Mad Ireland hurt you into poetry", schrieb Auden über Yeats: "Narr Irland quälte dich zur Dichtung", übersetzte Ernst Jandl. Gedichte ereignen sich inmitten der Gefangenschaft unserer Tage und doch in einem Raum fernab von Politik und Gesellschaft. Wer braucht Lyrik, obwohl sie nichts bewirkt? Zwei Beobachtungen
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"Poetry makes nothing happen", konstatierte einst W.H. Auden in seiner berühmten Elegie auf den großen Dichterkollegen W.B. Yeats. Nichts, aber auch gar nichts bewirke die Poesie. Doch ihr Beackern der Sprache ("the farming of a verse") habe die Kraft, Verwünschungen in Weinberge zu verwandeln, da die Sprache des Dichters in jenen Gegenden entstehe, in welche "the executives", die Funktionäre dieser Welt also, niemals hingelängen. "Mad Ireland hurt you into poetry", schrieb Auden über Yeats: "Narr Irland quälte dich zur Dichtung", übersetzte Ernst Jandl. Gedichte ereignen sich inmitten der Gefangenschaft unserer Tage und doch in einem Raum fernab von Politik und Gesellschaft. Als Sprachereignisse widerstehen sie den Narrheiten ihrer Zeit. Was aus ihnen wird, wissen sie nie.

    DAS AUSGESCHACHTETE HERZ
    Darin sie Gefühle installieren.

    Großheimat Fertig-
    Teile.

    Milchschwester
    Schaufel.

Die Bedrohung, die der Dichter Paul Celan in diesen Versen aufruft, scheint ganz von heute, und doch entstand das Gedicht 1966. Wer es politisch liest, begegnet in ihm bekannten "Narrheiten": Wo Angst und Hass einen Menschen der eigenen Sprache und Gefühle berauben, können unbekannte "sies" - hier: "Großheimat"-Propagandisten - die hohlen Herzen mit manipulierten Fertiggefühlen gewissermaßen ausstopfen. Wer hier die Milchschwester ist, und ob die Schaufel auf die Lager der Nazis verweist, bleibt Spekulation. Dichtung ist von eigener Welt. "Ich bin groß, du bist das Kücken,/ Hihihimmel, sollst dich bücken, / Muss mir meine Schputnicks pflücken", dichtete Celan sich ehedem in die Freiheit.

Wie fast alle seine Gedichte der späteren Zeit hat auch "Das ausgeschachtete Herz" keinen Titel. Celans Sprachereignisse kommen wie Gedankenblitze daher, und sie sollen sich unter nichts subsumieren - unter keinen Begriff und kein Bild. Ob Sprache den Atem wenden kann? Jedes Gedicht behaupte sich am Rande seiner selbst, hatte Celan schließlich in seiner Büchner-Preisrede geschrieben.

Im selben Zeitraum entstehen Gedichte wie "Redewände", "Die brabbelnden", "Die fleissigen"; auch dieses:   
    
    KLEIDE DIE WORTHÖHLEN AUS
    mit Pantherhäuten,

    erweitere sie, fellhin und fellher,
    sinnhin und sinnher,

    gib ihnen Vorhöfe, Kammern, Klappen
    und Wildnisse, parietal,

    und lausch ihrem zweiten
    und jeweils zweiten und zweiten
    Ton.

Hier redet eine Stimme aus dem Off - aus welcher Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft tut nichts zur Sache. Ein imaginäres Du wird aufgefordert, die "Worthöhlen", also die ausgeschachteten Wörter, mit Häuten auszukleiden, sie zu erweitern, sie an den Seiten (parietal) mit Vorhöfen, Kammern, Klappen und Wildnissen auszustatten, sprich sie wiederzubeleben - und nach ihnen zu lauschen, und zwar auf den Wiederklang, auf das Echo, auf das Widerwort darin. Im Widerwort kann die Sprache gegen alle Großheimat-Propagandisten zum eigenen Herzschlag zurückfinden:  ta-dam, ta dam: "sinnhin und sinnher". Schputnicks pflücken.


Spolia

Die Autorin Maria Stepanova, schon früh eine Celan-Leserin, wurde nicht durch "Mad Ireland" zur Dichterin. 1972 in Moskau geboren, wuchs sie in der Zeit des Glasnost heran. Später unter Putin erlebte sie das Zerbröseln einer Zukunft, das Anwachsen von Hass und Angst und das Sprachschachten der dortigen executives. "Es ist", beschreibt sie die Wirklichkeit, "als würde eine jahrzehntelang auf Dachböden und in Geheimfächern, ja: in den hintersten Winkeln des Bewußtseins vergrabene Vergangenheit plötzlich als Parade der toten Dinge durch die Straßen ziehen." Der Gedanke, sagt sie, dass es mit dem unschönen, beklemmenden Heute noch nicht sein Bewenden habe, dass es morgen noch schlimmer komme, erzeuge eine verborgene bleischwere Unruhe. Die Zukunft verheiße Ungewissheit und Unheil aller Art.  

Stepanova hat bereits ein knappes Dutzend Gedichtbände veröffentlicht. Sie ist vielgepriesen und übersetzt. Soeben ist auf Deutsch in der großartigen Übersetzung von Olga Radetzkaja ein Band mit dem Titel "Der Körper kehrt wieder" erschienen. Allein der Titel, der an die Liedzeile "Der Frühling kehrt wieder" erinnert, suggeriert Aufbruch. Dabei paradieren durch Stepanovas Langgedichte der letzten Jahre lauter "tote Dinge" aus russischer Vergangenheit und Jetztzeit: Volkslieder, Heldenepen, Psalmen -  und immer wieder Erinnerungen und Readymades aus dem Großen Vaterländischen Krieg. Im Jahr 2015 verfasste sie unter dem Eindruck der verdeckten Intervention der Russen im Donbass das Langgedicht "Spolia".  In der Architektur bezeichnet "Spolia" Bauteile und anderen Überreste aus Bauten älterer Kulturen, die in neuen Bauwerken wiederverwendet werden. Stepanovas "Spolia" handeln von der Bedrohung, dass Versatzstücke der Vergangenheit die Gegenwart überwältigen.

    Ich sah in dem haupt den schädel
    mit höhlen und zickzacknähten
    kein häubchen nur eine rassel die klirrt
    in traubenkirschnächten von fliegen umschwirrt.

    wie perlhühner trippeln: sulfia
    suchra maria und rossia
    sie laufen durchs gras wie tintentau
    der heimat ins offene riesenmaul
    hocken sich auf die stange

    doch da bin ich wach mir ist noch nicht bange

Die Schönheit und Pracht von Traubenkirschnächten versinkt hier im Schreckensbild eines fliegenumschwirrten Schädels "mit höhlen und zickzacknähten". Die beiden Haremsdamen Sulfia und Suchra Maria aus dem Sowjet-Kultfilm "Die weiße Sonne der Wüste", die im Film immer im Gänsemarsch laufen, sieht man hier gemeinsam mit "Rossia" (Russland), wie sie verschlungen werden von (Celans) "Großheimat" Propaganda. Ein Traumgesicht. Bilder, Kriegsbilder ringen in Stepanovas Gedichten um Einflußzonen und erobern auch Goethes Erlkönig, wenn die Dichterin schreibt: "wer reitet so spät durch tümpel und bach" oder:  

    aber dort im dunkeln tief unter dem moor
    quillt das erdwasser aus dem gestein hervor
    kehrt zurück aus der strafkolonie
    steht den stühlen schon bis ans knie

Maria Stepanova arbeitet mit Montage und Collage, mit Sehnsüchten und Übertreibungen.  Zwischen den Schrecken der Bilder schaut ein Kobold hervor. "Wo ist dein ich, warum sieht man es nicht/ wieso sprechen andere leute für dich / oder du sprichst mit den stimmen von memmen und clowns ..." Wo die Dichtung der Zerrissenheit Raum gibt, verteidigt sie, so viel ist sicher, die Möglichkeit, sich nicht von Ohnmacht, Scham, Verzweiflung oder Selbstekel das Herz ausschachten zu lassen.

*****

Zum Weiterlesen:

Die Gedichte von Paul Celan stammen aus dem Band "Fadensonnen", wiederaufgenommen in: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2003 (Neuausgabe 2020), 1000 Seiten, 34 Euro.

Maria Stepanova, Der Körper kehrt wieder. Gedichte, russisch-deutsch, übersetzt von Olga Radetzkaja, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 138 Seiten, 22 Euro.

Das Gedicht von W. H. Auden, Zum Gedenken an W.B. Yeats in der Übersetzung von Ernst Jandl erschien u.a. in "Wo die Exekutive die Finger einzieht. Englische und Amerikanische Dichtung, Band 3, Herausgegeben von Horst Mellor und Klaus Reichert, C.H. Beck Verlag, München, 2000.
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