Tagtigall
Wiederholung - ein Erkundungsflug
Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
22.06.2026. Poesie kann die "bequemen Polster linearer Erzählung wegschneiden" und die Dinge, auch die entferntesten, im Wiederholen bannen, sagte die Dichterin Lea Schneider auf dem diesjährigen Berliner Poesiefestival. Drei Künstlerinnen - Anne Carson, Mia You und Valzhyna Mort - zeigten, was die Kunst der Wiederholung vermag.Unser Leben ist aus Wiederholung gemacht. Der Atem, der Herzschlag. Tag und Nacht. Ein Rätsel. Wenn ich mit einem Kind Hoppe-Reiter spiele, ruft das Kind am Ende: "Mehr!" und nach dem nächsten Mal wieder: "Mehr!" Wieder und wieder wünscht es Wiederholung. Ich will nicht die sein, die dem Spaß (m)ein Ende aufzwingt, vielmehr wüsste ich gerne, wie das Spiel sich von selbst erschöpft, richtiger: ob es sich ohne meine Erschöpfung aus sich heraus wenden würde. Und wenn ja, wohin. Kinder haben einen längeren Atem als ich. Was tun? - So sehr die Welt aus Wiederholungen gemacht ist, so sehr realisieren wir uns als Einzelne gerade durch unsere Abweichung, unsere Verschiedenheit - dadurch, dass wir uns unterscheiden und die Wiederholung, den Zyklus der Natur, durch unser Erscheinen unterbrechen. Im Berliner Schloss hängt derzeit im Rahmen der Ausstellung "Freiraum Kunst" eine Video-Installation von 1972. "HELLO!", ruft Jochen Gerz darin von einem Hausdach in eine unwirtliche Landschaft hinein: "HELLOOOH ! HELLOOH!" Was anfangs wie ein Willkommensgruß anmutet, wendet sich in der Wiederholung. Wo niemand kommt, unterhöhlt sich der Gestus der Begrüßung und macht einer verzweifelten Sehnsucht Platz, der Sehnsucht nach dem Vorhandensein von Anderen, die es zu begrüßen gäbe. Hört mich überhaupt jemand? Das Kunstwerk "Rufen bis zur Erschöpfung" legt die fragile Beziehung zwischen Sprechen und Gehörtwerden frei.
Auf dem diesjährigen Poesiefestival Berlin war die Wiederholung als herausragendes künstlerisches Merkmal vielfach gegenwärtig. Denn Poesie kann, so die Dichterin Lea Schneider, all die "bequemen Polster linearer Erzählung wegschneiden" und die Dinge, auch die entferntesten, im Wiederholen gefährlich nah nebeneinander anordnen.
Zum Beispiel Anne Carson.
Sie ist eine Crossover-Künstlerin. Altphilologin, Dichterin, Essayistin, Librettistin, Performerin. In den USA und Kanada gilt sie seit Jahren als eine der wichtigsten poetischen Stimmen, die immer wieder für den Nobelpreis im Gespräch war und ist. Sie macht Sappho und Antigone zu unseren Zeitgenossinnen, und uns zu ihren. Sie verwandelt in Sprache und Schönheit, was ihr im wirklichen oder lesenden Leben begegnet. "Ich nehme mir etwas, und dann renne ich los", soll sie einmal über ihre Schreibbewegungen gesagt haben. Irgendwann muss sie in den USA dem Ingenieur Faisal bin Ali Jaber begegnet sein, ein US-amerikanischer Staatsbürger jemenitischer Herkunft, der im Jahr 2012 auf einer Hochzeitsfeier in dem Dorf Khashamer miterlebte, wie Schwager und Neffe vor den Augen aller Gäste von einer US-amerikanischen Drohne gezielt getötet wurden. Die USA hatten es sich damals im Kampf gegen Terrorismus zur Strategie gemacht, als verdächtig angesehene ZivilPersonen zu "eliminieren". Faisal klagte in den USA gegen diese Exekution. Er wollte Gerechtigkeit und vor allem: eine Entschuldigung. Carson fuhr zur Gerichtsverhandlung und schrieb später das Prosagedicht "Faisal, Federal Court, Moon". Litaneihaft beginnt jeder Satz mit der Konstruktion "The fate of ...". Das Schicksal der ...
Das Schicksal der Erde. Meines. Deines. Das Schicksal Faisals. Das Schicksal des Gerichts, an dem Faisal seine Klage vorbringt. Das Schicksal der Befangenheit dieses Gerichts. .... Das Schicksal Jemens, wohin Faisal wahrscheinlich nie zurückkehren wird. Das Schicksal des Ingenieurberufs, den Faisal vor den fraglichen Ereignissen in Yemen ausübte. Das Schicksal Montreals, wo Faisal heute lebt. Das Schicksal seiner Familie, jener, die noch im Yemen und am Leben sind, und das Schicksal des Brautpaars, die auch noch am Leben sind, und deren Hochzeit der Drohnenpilot angegriffen hatte (ein Irrtum). Das Schicksal derer, die nicht mehr noch am Leben sind (ein Irrtum). Das Schicksal des Mondes, der über uns aufging, als wir durch die Berge von Pennsylvania fuhren, um bei Faisals Gerichtstermin dabei zu sein. Das Schicksal der Silbrigkeit dieses Mondes, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. ... Das Schicksal all der rätselhaften Abkürzungen. Das Schicksal meiner völligen Verwirrung, als wir versuchen, eine "Entscheidung in der Sache" von einer "Klagebefugnis" zu unterscheiden. ... Das Schicksal von "Klägern, die aufgrund ihres Ablebens keine Schäden mehr reklamieren können", eine Wortwahl, die stutzig macht. ...Das Schicksal von Faisal, wenn er in einer Woche oder einem Jahr in Montreal in seiner Küche ... am Fenster lehnt, wenn der Mond dann womöglich nur noch ein Wimmern ist, oder untergegangen. ... Wer könnte sagen, wie silbrighell er war? ...
( dt. Marie Luise Knott)
Trotz der scharfen Schnitte und der extrem verdichteten Montage von Welten und Bildern verbindet sich durch die durchgehend gleichen Satzanfänge alles, was sonst scheinbar unverbunden nebeneinander existiert: Die Allmacht des Staates, die Verlassenheit des Einzelnen, die allgegenwärtigen Manipulationsversuche durch Sprache, die Schönheit von Begegnungen. Noch dort, wo die Welt in Scherben ist, wird hier etwas von ihrer Einheit erahnbar. Wir können das Schicksal wenden.
Der letzte Satz des Gedichtes lautet schlicht "Sorry." - "Tut mir leid", sagt das Lyrische Ich. "Ich entschuldige mich", sagt der Mond stellvertretend für uns, bevor er untergeht.
Zum Beispiel Mia You.
Mia You ist in Südkorea geboren, in den USA aufgewachsen und lebt heute in Utrecht. Frei mit Michael Hardt bedichtet sie die Allherrschaft des "Empire", das verlässlich, wie ein "Erbarme Dich", am Ende jeder Zeile aufploppt. So vermischen sich Glaube, Beschwörung und Widerstand gegen die drohende Übermacht. "No pasaran", ruft das Gedicht. Sie werden nicht durchkommen, solange wir noch sprechend handeln können.
...
Dass mein Sohn dichtes schwarzes Haar und lange Beine hat, liegt am Empire.
Dass meine Tochter das "r" rollt, liegt am Empire.
Dass meine Eltern die holländischen Namen meiner Kinder nicht aussprechen können, liegt am Empire.
Dass alle Leute die koreanischen Namen meiner Kinder toll finden, aber nie benutzen, liegt am Empire.
Dass meine Kinder sich als halbkoreanisch, halbniederländisch und halbamerikanisch und manchmal auch als Englisch bezeichnen, weil sie noch nicht wissen, warum Nationen und Sprachen nicht die gleichen Namen tragen, auch dieser Exzess verdankt sich dem Empire.
....
Ich vergesse Träume, und wenn nicht, drehen sie sich einzig um Empire.
(dt. Ron Winkler)
"Poesie", kommentiert Lea Schneider in ihrer Einführung, ist "Rhythmus. Wiederholung. Veränderung. / Der Körper. / Der Körper, der Körper, der Körper. / Das Alltägliche, das Erhabene und: die Gewalt. " Tatsächlich geht es in Yous Dichtung immer wieder um kleine und große Gewaltverhältnisse. Vielleicht suggeriert Yous Kunst der Wiederholung die Hoffnung auf Erschöpfung, in der andere Träume wirklich werden.
Zum Beispiel Valzhyna Mort.
Der Höhepunkt des Poesie-Festivals war auch dieses Jahr die Rede zur Poesie, in diesem Jahr gehalten von der belarussischen Dichterin Valzhyna Mort, die 2005 ihr Land verließ und seither in den USA lebt und unterrichtet. "Long Lines, Long Days", so der Titel ihrer Rede. Ihr Text war reinste Musik, und diverse Melodien tauchten darin immer wieder auf - wie ein Refrain, eine Wiederholung. Tatsächlich versorgte der Rhythmus die Sprache mit dem Atem des Lebens inmitten einer Welt der Zerstörung.
"Im Jahr 2023 fiel der 8. Juni auf einen Donnerstag", beginnt die Rede und dieses "Im Jahr 2023 fiel der 8. Juni auf einen Donnerstag" war nur eine der sich wiederholenden Leitmotive in Morts Rede. In Umbrien, in einer Kunstgalerie stehend, schieben sich ihr plötzlich beim Betrachten der Madonnen von Perugino, andere Bilder dazwischen, Erinnerungsbilder aus der Kindheit in Minsk, aus den Sommermonaten bei der Großmutter auf dem Land in Padljaddse, Erinnerungen an die Erzählungen der Alten, an all das Leid der Kriege, an die wiederholten Vertreibungen und Zwangs-Umsiedlungen, das Ausradieren ganzer Dörfer.
Im Sommer standen in Padljaddse zwei
Lindenbäume bei uns im Küchenfenster, während Janja
mir die Geschichte erzählte von ihrer Zwangsumsiedlung,
Vertreibung, dem Krieg, Hunger, Verlust und Überleben.
Zusammen mit mir lauschten diese zwei Linden Janja jeden
Tag, erst meine Kindheit und dann meine Jugend hindurch,
und jedes Mal, wenn Janja ihre Geschichte wiederholte,
hörte sie sich seltsamer an, wie ein Wort, das so oft wiederholt
wird, bis es seinen Sinn verliert. So lernte ich wirklich
zuzuhören, jedes Mal, jeden Tag, als wäre es zum ersten
Mal, und die beiden Linden im Küchenfenster standen wie
zwei Vertreter vom Jugendamt da, gedankenvoll, zugegen,
und jetzt, als Erwachsene, hatte ich das Gefühl, diesen beiden
Bäumen etwas schuldig zu sein; allen Bäumen etwas
schuldig zu sein.
(dt. Katharina Narbutovic)
Mort lässt Bilder und Klänge wie Gesänge durch verschiedenste Zeiten wandern. Neben dem 8. Juni 2023 sind auch die Lindenbäume, die Wiesen und die zahnlosen Münder wiederkehrende Leitmotive, desgleichen die "Hügelschwiele", unter der das Gehöft Alexandrowitschi begraben liegt, das im Rahmen der Zwangskollektivierung ausgelöscht wurde. Außerdem gibt es noch die "Verkündigung", die am 7. April, "auf einen Dienstag fiel". Als sei die Verkündigung ein Ereignis, ein Fixpunkt im Leben der Ich-Erzählerin, mit dem sich die Welt zusammenhält. Wir alle kommen schließlich in die Welt als Verkündigung der Freiheit, eine Seelennahrung, die wir im Gefängnis des Lebens, des Körpers und der Gesellschaft mit uns tragen.
In der Wiederholung verstärkt sich die Radikalität. Nach und nach erschafft Valzhyna Mort ein Kaleidoskop aus Bildern, die sich immer neu gruppieren und sich auf je neue Weise berühren. Unvollendete Geschichten und Bilder in einer unvollendeten Welt.
Zauberworte für verlorene Orte. Kunst brauche keine politischen Aussagen, sagt Valzhyna Mort in einem Interview. "Das Vordringen in das Land der Einbildungskraft ist ein äußerst politischer Akt." Denn Literatur lesen heiße, langsamer zu werden, zu sich zu kommen. Gerade in enger werdenden Zeiten versorge uns die Kunst mit Mitteln, den Kopf aus der Gefangenschaft der Gegenwart zu befreien. Es ist schließlich keineswegs unbedeutend, dass die Menschen zwischen Bomben Hochzeiten feiern, schwimmen gehen. In der Wiederholung schafft Mort einen starken Grund / Untergrund für die Verschiedenheit, die Abweichung.
****
Zum Weiterlesen:
Valzhyna Mort, "Long Days, Long Lines, Lange Tage, Lange Linien", Berliner Rede zur Poesie, dt. Katharina Narbutovic, Wallstein Verlag
Anne Carsons englische Fassung von "Faisal, Federal Court, Moon" findet sich abgedruckt in der London Review of Books sowie in AC., "Wrong Norma", New Directions, 2024. Die deutsche Übersetzung dieses Prosapoems erstellte ich im Auftrag des Hauses für Poesie Berlin. Sie ist vollständig nachzulesen in dem Heft "Poesie Berlin", das zum Poesie-Festival 2026 erschien. Das Heft kann man per mail hier bestellen.
In dem gleichfalls vom Haus für Poesie herausgegebenen Band "Weltklang, Nacht der Poesie 2026" erschienen u.a. Gedichte von Valzhyna Mort und Mia You.
Hier meine Tagtigall zu Ilma Rakusas 80. Geburtstag, einer Meisterin der Wiederholung.
Die Videorbeit "Hello" von Jochen Gerz ist derzeit zu sehen in der Pop up Ausstellung "Freiraum: Kunst", mit der die Akademie der Künste Berlin 3 Wochen das Schloss Bellevue für das Publikum öffnet.
Auf dem diesjährigen Poesiefestival Berlin war die Wiederholung als herausragendes künstlerisches Merkmal vielfach gegenwärtig. Denn Poesie kann, so die Dichterin Lea Schneider, all die "bequemen Polster linearer Erzählung wegschneiden" und die Dinge, auch die entferntesten, im Wiederholen gefährlich nah nebeneinander anordnen.
Zum Beispiel Anne Carson.
Sie ist eine Crossover-Künstlerin. Altphilologin, Dichterin, Essayistin, Librettistin, Performerin. In den USA und Kanada gilt sie seit Jahren als eine der wichtigsten poetischen Stimmen, die immer wieder für den Nobelpreis im Gespräch war und ist. Sie macht Sappho und Antigone zu unseren Zeitgenossinnen, und uns zu ihren. Sie verwandelt in Sprache und Schönheit, was ihr im wirklichen oder lesenden Leben begegnet. "Ich nehme mir etwas, und dann renne ich los", soll sie einmal über ihre Schreibbewegungen gesagt haben. Irgendwann muss sie in den USA dem Ingenieur Faisal bin Ali Jaber begegnet sein, ein US-amerikanischer Staatsbürger jemenitischer Herkunft, der im Jahr 2012 auf einer Hochzeitsfeier in dem Dorf Khashamer miterlebte, wie Schwager und Neffe vor den Augen aller Gäste von einer US-amerikanischen Drohne gezielt getötet wurden. Die USA hatten es sich damals im Kampf gegen Terrorismus zur Strategie gemacht, als verdächtig angesehene ZivilPersonen zu "eliminieren". Faisal klagte in den USA gegen diese Exekution. Er wollte Gerechtigkeit und vor allem: eine Entschuldigung. Carson fuhr zur Gerichtsverhandlung und schrieb später das Prosagedicht "Faisal, Federal Court, Moon". Litaneihaft beginnt jeder Satz mit der Konstruktion "The fate of ...". Das Schicksal der ...Das Schicksal der Erde. Meines. Deines. Das Schicksal Faisals. Das Schicksal des Gerichts, an dem Faisal seine Klage vorbringt. Das Schicksal der Befangenheit dieses Gerichts. .... Das Schicksal Jemens, wohin Faisal wahrscheinlich nie zurückkehren wird. Das Schicksal des Ingenieurberufs, den Faisal vor den fraglichen Ereignissen in Yemen ausübte. Das Schicksal Montreals, wo Faisal heute lebt. Das Schicksal seiner Familie, jener, die noch im Yemen und am Leben sind, und das Schicksal des Brautpaars, die auch noch am Leben sind, und deren Hochzeit der Drohnenpilot angegriffen hatte (ein Irrtum). Das Schicksal derer, die nicht mehr noch am Leben sind (ein Irrtum). Das Schicksal des Mondes, der über uns aufging, als wir durch die Berge von Pennsylvania fuhren, um bei Faisals Gerichtstermin dabei zu sein. Das Schicksal der Silbrigkeit dieses Mondes, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. ... Das Schicksal all der rätselhaften Abkürzungen. Das Schicksal meiner völligen Verwirrung, als wir versuchen, eine "Entscheidung in der Sache" von einer "Klagebefugnis" zu unterscheiden. ... Das Schicksal von "Klägern, die aufgrund ihres Ablebens keine Schäden mehr reklamieren können", eine Wortwahl, die stutzig macht. ...Das Schicksal von Faisal, wenn er in einer Woche oder einem Jahr in Montreal in seiner Küche ... am Fenster lehnt, wenn der Mond dann womöglich nur noch ein Wimmern ist, oder untergegangen. ... Wer könnte sagen, wie silbrighell er war? ...
( dt. Marie Luise Knott)
Trotz der scharfen Schnitte und der extrem verdichteten Montage von Welten und Bildern verbindet sich durch die durchgehend gleichen Satzanfänge alles, was sonst scheinbar unverbunden nebeneinander existiert: Die Allmacht des Staates, die Verlassenheit des Einzelnen, die allgegenwärtigen Manipulationsversuche durch Sprache, die Schönheit von Begegnungen. Noch dort, wo die Welt in Scherben ist, wird hier etwas von ihrer Einheit erahnbar. Wir können das Schicksal wenden.
Der letzte Satz des Gedichtes lautet schlicht "Sorry." - "Tut mir leid", sagt das Lyrische Ich. "Ich entschuldige mich", sagt der Mond stellvertretend für uns, bevor er untergeht.
Zum Beispiel Mia You.
Mia You ist in Südkorea geboren, in den USA aufgewachsen und lebt heute in Utrecht. Frei mit Michael Hardt bedichtet sie die Allherrschaft des "Empire", das verlässlich, wie ein "Erbarme Dich", am Ende jeder Zeile aufploppt. So vermischen sich Glaube, Beschwörung und Widerstand gegen die drohende Übermacht. "No pasaran", ruft das Gedicht. Sie werden nicht durchkommen, solange wir noch sprechend handeln können.
...
Dass mein Sohn dichtes schwarzes Haar und lange Beine hat, liegt am Empire.
Dass meine Tochter das "r" rollt, liegt am Empire.
Dass meine Eltern die holländischen Namen meiner Kinder nicht aussprechen können, liegt am Empire.
Dass alle Leute die koreanischen Namen meiner Kinder toll finden, aber nie benutzen, liegt am Empire.
Dass meine Kinder sich als halbkoreanisch, halbniederländisch und halbamerikanisch und manchmal auch als Englisch bezeichnen, weil sie noch nicht wissen, warum Nationen und Sprachen nicht die gleichen Namen tragen, auch dieser Exzess verdankt sich dem Empire.
....
Ich vergesse Träume, und wenn nicht, drehen sie sich einzig um Empire.
(dt. Ron Winkler)
"Poesie", kommentiert Lea Schneider in ihrer Einführung, ist "Rhythmus. Wiederholung. Veränderung. / Der Körper. / Der Körper, der Körper, der Körper. / Das Alltägliche, das Erhabene und: die Gewalt. " Tatsächlich geht es in Yous Dichtung immer wieder um kleine und große Gewaltverhältnisse. Vielleicht suggeriert Yous Kunst der Wiederholung die Hoffnung auf Erschöpfung, in der andere Träume wirklich werden.
Zum Beispiel Valzhyna Mort.
Der Höhepunkt des Poesie-Festivals war auch dieses Jahr die Rede zur Poesie, in diesem Jahr gehalten von der belarussischen Dichterin Valzhyna Mort, die 2005 ihr Land verließ und seither in den USA lebt und unterrichtet. "Long Lines, Long Days", so der Titel ihrer Rede. Ihr Text war reinste Musik, und diverse Melodien tauchten darin immer wieder auf - wie ein Refrain, eine Wiederholung. Tatsächlich versorgte der Rhythmus die Sprache mit dem Atem des Lebens inmitten einer Welt der Zerstörung."Im Jahr 2023 fiel der 8. Juni auf einen Donnerstag", beginnt die Rede und dieses "Im Jahr 2023 fiel der 8. Juni auf einen Donnerstag" war nur eine der sich wiederholenden Leitmotive in Morts Rede. In Umbrien, in einer Kunstgalerie stehend, schieben sich ihr plötzlich beim Betrachten der Madonnen von Perugino, andere Bilder dazwischen, Erinnerungsbilder aus der Kindheit in Minsk, aus den Sommermonaten bei der Großmutter auf dem Land in Padljaddse, Erinnerungen an die Erzählungen der Alten, an all das Leid der Kriege, an die wiederholten Vertreibungen und Zwangs-Umsiedlungen, das Ausradieren ganzer Dörfer.
Im Sommer standen in Padljaddse zwei
Lindenbäume bei uns im Küchenfenster, während Janja
mir die Geschichte erzählte von ihrer Zwangsumsiedlung,
Vertreibung, dem Krieg, Hunger, Verlust und Überleben.
Zusammen mit mir lauschten diese zwei Linden Janja jeden
Tag, erst meine Kindheit und dann meine Jugend hindurch,
und jedes Mal, wenn Janja ihre Geschichte wiederholte,
hörte sie sich seltsamer an, wie ein Wort, das so oft wiederholt
wird, bis es seinen Sinn verliert. So lernte ich wirklich
zuzuhören, jedes Mal, jeden Tag, als wäre es zum ersten
Mal, und die beiden Linden im Küchenfenster standen wie
zwei Vertreter vom Jugendamt da, gedankenvoll, zugegen,
und jetzt, als Erwachsene, hatte ich das Gefühl, diesen beiden
Bäumen etwas schuldig zu sein; allen Bäumen etwas
schuldig zu sein.
(dt. Katharina Narbutovic)
Mort lässt Bilder und Klänge wie Gesänge durch verschiedenste Zeiten wandern. Neben dem 8. Juni 2023 sind auch die Lindenbäume, die Wiesen und die zahnlosen Münder wiederkehrende Leitmotive, desgleichen die "Hügelschwiele", unter der das Gehöft Alexandrowitschi begraben liegt, das im Rahmen der Zwangskollektivierung ausgelöscht wurde. Außerdem gibt es noch die "Verkündigung", die am 7. April, "auf einen Dienstag fiel". Als sei die Verkündigung ein Ereignis, ein Fixpunkt im Leben der Ich-Erzählerin, mit dem sich die Welt zusammenhält. Wir alle kommen schließlich in die Welt als Verkündigung der Freiheit, eine Seelennahrung, die wir im Gefängnis des Lebens, des Körpers und der Gesellschaft mit uns tragen.
In der Wiederholung verstärkt sich die Radikalität. Nach und nach erschafft Valzhyna Mort ein Kaleidoskop aus Bildern, die sich immer neu gruppieren und sich auf je neue Weise berühren. Unvollendete Geschichten und Bilder in einer unvollendeten Welt.
Zauberworte für verlorene Orte. Kunst brauche keine politischen Aussagen, sagt Valzhyna Mort in einem Interview. "Das Vordringen in das Land der Einbildungskraft ist ein äußerst politischer Akt." Denn Literatur lesen heiße, langsamer zu werden, zu sich zu kommen. Gerade in enger werdenden Zeiten versorge uns die Kunst mit Mitteln, den Kopf aus der Gefangenschaft der Gegenwart zu befreien. Es ist schließlich keineswegs unbedeutend, dass die Menschen zwischen Bomben Hochzeiten feiern, schwimmen gehen. In der Wiederholung schafft Mort einen starken Grund / Untergrund für die Verschiedenheit, die Abweichung.
****
Zum Weiterlesen:
Valzhyna Mort, "Long Days, Long Lines, Lange Tage, Lange Linien", Berliner Rede zur Poesie, dt. Katharina Narbutovic, Wallstein Verlag
Anne Carsons englische Fassung von "Faisal, Federal Court, Moon" findet sich abgedruckt in der London Review of Books sowie in AC., "Wrong Norma", New Directions, 2024. Die deutsche Übersetzung dieses Prosapoems erstellte ich im Auftrag des Hauses für Poesie Berlin. Sie ist vollständig nachzulesen in dem Heft "Poesie Berlin", das zum Poesie-Festival 2026 erschien. Das Heft kann man per mail hier bestellen.
In dem gleichfalls vom Haus für Poesie herausgegebenen Band "Weltklang, Nacht der Poesie 2026" erschienen u.a. Gedichte von Valzhyna Mort und Mia You.
Hier meine Tagtigall zu Ilma Rakusas 80. Geburtstag, einer Meisterin der Wiederholung.
Die Videorbeit "Hello" von Jochen Gerz ist derzeit zu sehen in der Pop up Ausstellung "Freiraum: Kunst", mit der die Akademie der Künste Berlin 3 Wochen das Schloss Bellevue für das Publikum öffnet.
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