02.11.2026. Hinweis auf zwei Ausstellungen bedeutender, schwarzer Fotografinnen: Das Wiener Foto Arsenal zeigt eine Einzelausstellung von einhundertzwanzig Arbeiten der 1972 geborenen, südafrikanischen Fotografin Zanele Muholi, die dieses Jahr mit dem Hasselblad Award ausgezeichnet wurde. Grandios sind die Selbstporträts der Künstlerin, die sich nicht scheut, den Umgang mit Homosexuellen im neuen Südafrika zu geißeln. Im C/O Berlin gibt es bis Februar die Retrospektive "The Heart of the Matter" von Carrie Mae Weems zu sehen.
Die kürzer und kühler werdenden Tage bieten natürlich auch ideale Voraussetzungen, um Museen und Galerien zu besuchen. Weshalb es nun, zwei Wochen vor der alljährlichen Leistungsschau in Paris, einen Hinweis auf zwei Ausstellungen bedeutender, schwarzer Fotografinnen gibt.
Bis zum 10. Januar gibt es im Wiener Foto Arsenal "We are here" zu sehen, die erste, österreichische Einzelausstellung von einhundertzwanzig Arbeiten der 1972 geborenen, südafrikanischen Fotografin Zanele Muholi, die dieses Jahr mit dem Hasselblad Award ausgezeichnet wurde.
Die Gründe dafür sind naheliegend: Obwohl das Land die gleichgeschlechtliche Ehe 2006 legalisiert hat und per Gesetz vor Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Sexualität schützt, weist Muholi darauf hin, dass das Lesbisch-Sein nicht zuletzt in den Townships als regelrecht "unafrikanisch" angesehen wird. Bei ihrer erster Ausstellung in Johannesburg weigerte sich die damalige Kulturministerin, die Eröffnungsrede zu halten, da die Bilder unmoralisch seien und nicht dem Aufbau der Nation dienten.
Über diesen Kontext hinaus geht es in Muholis Bildern immer um jene Fragen, die den bürgerrechtlichen und emanzipatorischen Ursprung der Wokeness markieren: Wer wird in Bildern gesehen? Wessen Geschichten werden erzählt und in Archiven bewahrt? Wer bleibt unsichtbar?
Die Serien "Queering Public Space" (2006-10) und "Brave Beauties" (seit 2014 fortlaufend) stellen schwarze LGBTQ+-Menschen in den Vordergrund, die Muholi in historisch gewachsenen Arbeitervierteln und an beliebten Stränden in der Nähe ihres Geburtsorts Umlazi fotografiert. "Faces and Phases" (seit 2006 fortlaufend) widmet sich in frontalen Schwarzweiß-Porträts dem Alltag von schwarzen Lesben, Trans-Menschen und non-binären Personen in verschiedenen Phasen ihres Lebens. Hintergrund vieler Porträts bilden Erfahrungen von Diskriminierung und Traumatisierung, deren seelische und körperliche Narben Muholi ebenso dokumentiert wie ihre in Angriff genommene Überwindung und Heilung durch Solidarität und Empathie in der LGBTQ+-Community.
Bei "Somnyama Ngonyama" (seit 2012 fortlaufend) handelt sich um eine Serie von Selbstporträts, die an Orten auf der ganzen Welt entstanden sind. Muholi arbeitet dabei mit alltäglichen Materialien wie Wäscheklammern und Gummihandschuhen. Einige Werke sind nach Muholis Mutter benannt, die zweiundvierzig Jahre als Hausangestellte für eine Buren-Familie gearbeitet hat. Muholi hinterfragt anhand ihrer Geschichte die für schwarze Frauen vorgesehene Kultur des Dienens.
Die Selbstporträts sind schlicht großartig und der Höhepunkt in Muholis Werk. Für manche Bilder hat sie den Farbton ihrer Haut hinsichtlich Sättigung und Kontrast bewusst dunkler inszeniert, dazu ihre Lippen weiß bemalt, um bewusst mit extremem Schwarz/Weiß und all den konventionellen, teils diskriminierenden Konnotationen zu spielen, die den Betrachtern dazu im Kopf herum geistern.
Gegenüber den Ausstellungen von Muholi im Berliner Gropius Bau und der Londoner Tate Gallery bietet die von Marit Lena Herrmann kuratierte Ausstellung in Wien den Vorteil, dass die räumlichen Dimensionen von Foto Arsenal vergleichsweise überschaubar sind, sodass sich bei den an den Wänden dicht neben- und übereinander hängenden Fotografien beim Betrachten ein geradezu sinnliches Erlebnis einstellt. Sehr sehenswert.
Der Leiter von Foto Arsenal, Felix Hoffmann, prägte als Kurator lange die künstlerischen Geschicke von C/O Berlin.
Dort gibt es nun noch bis Februar die Retrospektive "The Heart of the Matter" der 1953 in Portland geborenen, einflussreichen, schwarzen US-Fotografin Carrie Mae Weems zu sehen. Die Ausstellung schlägt zeitlich eine Brücke zu der genau zehn Jahre zuvor bei C/O Berlin gezeigten Retrospektive des elf Jahre älteren Gordon Parks. Beide Fotografen verbindet der Kampf gegen Rassentrennung und Diskriminierung in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
Geradezu unausweichlich erscheint es in dem Zusammenhang, dass Weems dieselben Fragen umtreiben wie Muholi, Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Repräsentation, denen sie zuerst mit den Mitteln der Dokumentarfotografie, etwa in der "Family Pictures and Stories" (1978- 1984), in der sie Fotografien von Familienmitgliedern mit autobiografischen Texten kombiniert. Familie erscheint nicht nur als privater Ort, sondern als Träger kollektiver Erinnerung und Identität, deren kultureller Hintergrund im Kontext politischer Auseinandersetzungen allgemeine Relevanz erlangt.
Weems, die im Alter von sechzehn Jahren einer Tochter das Leben schenkte und in San Francisco zuerst Modern Dance studierte, wandte sich mit der Zeit verstärkt performativen und inszenierten Konzepten zu. Resultat dieser Bemühungen ist die inzwischen ikonisch gewordene Serie "Kitchen Table Series" (1990). Am Küchentisch inszeniert sie sich selbst in unterschiedlichen Rollen und verhandelt Fragen von Liebe, Partnerschaft, Mutterschaft, Geschlechterrollen und Selbstbestimmung. Die Bilder greifen zahlreiche Referenzen aus Literatur, Musik und Kunstgeschichte auf, sowie Liedtexte, die die vielschichtige Bildsprache ergänzen.
Ich persönlich finde Konzepte, die mit größeren Verfremdunsgeffekten arbeiten, wie die Fotografien von Cindy Sherman, deutlich interessanter, als diese vom Bildinhalt doch überschaubaren Szenen. Dennoch kann man sich ihrem Sog nicht entziehen, vor allem, wenn man bedenkt, wie es 1990 gewirkt haben muss, dass eine schwarze Frau sich und ihren Alltag dermaßen selbstverständlich und selbstbewusst in veritablen, schwarzweißen Großformaten in Szene setzt. Instinktiv denkt man zugleich an Toni Morrison und ihren Roman "Beloved"; an Pam Grier, den Star der Blaxploitation-Filme der Siebziger Jahre, die in 1997 in Quentin Tarantinos "Jackie Brown" ein fulminantes Comeback feierte; und natürlich an Aretha Franklin.
Von da führte Weems Weg vom privaten in den öffentlichen Raum, von den USA in die weite Welt, wo sie sich vor Denkmälern und Museen wie dem Louvre, die zugleich von der imperialen und kolonialen Vergangenheit ihrer Nation erzählen, als schwarze Person in Szene setzt - nicht zuletzt, um die Lücken und die Einseitigkeit etablierter Geschichtsschreibung zu hinterfragen. Wie Muholi zeigt sie in ihrer aktuellen Reihe "Preach" (2024) schwarze (Glaubens-)Gemeinschaften als wichtige Quelle des Zusammenhalts und des Widerstands gegen Zuschreibungen von außen.
Wer sich mit den von beiden Fotografinnen auf unterschiedliche Weise verhandelten Themen beschäftigen möchte, sollte sich im Grunde beide Ausstellungen ansehen.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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