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Ausschnitt urbanen Lebens

Über Bilder, Bände und Sites Von Peter Truschner
31.07.2017. Michael Wolf rückt scheinbar nebensächliche Details in den Vordergrund und gibt ihnen dadurch eine symbolische Bedeutung innerhalb eines größeren Zusammenhangs - das macht ihn zu einem der bedeutendsten Fotokünstler der Zeit. In Arles ist eine Retrospektive zu sehen.
Vom 3. Juli bis zum  27. August gibt es im Rahmen der Rencontres d'Arles - dem sommerlichen Mekka der Foto-Szene - eine umfassende Werkschau des Fotografen Michael Wolf: "Life in the Cities", die danach im Museum of Photography in Den Haag zu sehen ist. Wer immer den imposanten, ausgeweideten Innenraum der Kirche Frères Prêcheurs betritt oder das zeitgleich bei Peperoni Books erschienene Buch "Works" zur Hand nimmt, erkennt schnell, dass er es mit einem der bedeutendsten Fotokünstler unserer Zeit zu tun hat, der unter anderem dreimal mit einem "World Press Photo Award" ausgezeichnet wurde. Gleichgültig, ob man vor dem Halbrund der riesigen, aus über 20.000 Plastikpuppen gefertigten Installation "The Real Toy Story" (2004) steht, in deren Gewimmel Porträts jener chinesischen Arbeiterinnen eingebettet sind, die dieses Spielzeug herstellen; oder ob man das cirka zehn Quadratmeter große Hongkonger Muster-Apartment der Serie "100 x 100" (2006) betritt: Man rückt unmittelbar an den von Wolf ins Visier genommenen Ausschnitt urbanen Lebens heran.

1972 beginnt der 18-jährige Wolf, der zuvor in den USA und Kanada gelebt hat, ein Studium beim legendären Fotografen Otto Steinert in Essen. Bereits in seiner Abschlussarbeit über das vom Kohleabbau lebende Ruhrpottnest "Bottrop-Ebel" (1976) widmet sich Wolf der Frage, wie die zunehmende Industrialisierung und Urbanisierung die Lebensumstände der Menschen verändert. 1976 beginnt er seine Karriere als Fotograf beim Stern und anderen internationalen Magazinen, die 26 Jahre währt. Eine Fotoreportage in der Essener Stadtverwaltung (1986) weist bereits die für Wolf charakteristischen Merkmale auf: Seine Fähigkeit, scheinbar nebensächliche Details in den Vordergrund zu rücken und ihnen dadurch eine symbolische Bedeutung innerhalb eines größeren Zusammenhangs zu verleihen; sowie den Instinkt, jene bescheidenen Intimzonen aufzuspüren, in denen Menschen unter den nüchternen Vorgaben der Produktion und Effizienz ihre Individualität behaupten können.

1994 zieht Wolf nach Hongkong. In Asien entwickelt er eine Leidenschaft fürs Sammeln. Was mit chinesischen Propagandapostern beginnt, führt schließlich zu der Serie "Bastard Chairs" (1995-2017): die aus Ziegelsteinen, Plastik und Holz improvisierten Stuhlhybride vor Läden oder in Hinterhöfen verweisen einerseits auf den chinesischen Pragmatismus; andererseits auf die menschliche Kreativität, die selbst unter permanentem Zeit- und Produktionsdruck nicht still steht und in der Form unvorhersehbar bleibt. Die Fotoserie "Informal Solutions" (2003 bis 17) vertieft dieses Thema: Handschuhe, Gummistiefel und Wischmops werden in winzigen, von Abfluss- und Abzugsrohren zugestellten Nischen zum Trocknen aufgehängt, so dass sie wie filigrane, temporäre Plastiken wirken.

Michael Wolf: Aus der Serie "Density". Copyright: Michael Wolf, aus der besprochenen Ausstellung und dem Band "Works".

Einem breiteren Publikum bekannt geworden ist Wolf mit seinen Fotos zur "Architecture of Density" (2003 bis 14), die den eklatanten Mangel an Raum in einer Megacity wie in Hong Kong anschaulich machen und in Arles im Form von riesigen Tableaus zu sehen sind. Der Horizont verschwindet, die Wohnung wird zur Zelle, ein menschliches Leben zum winzigen Bestandteil eines Ameisenbaus. Die serielle Totalität und strukturelle Funktionalität verleihen Wolfs Bildern den Charakter von flirrenden Strichcodes aus Glas und Zement.

In Serien wie "Fuck You" und "Google Street View" (2010-11) benützt Wolf Google Street View als Erweiterung der Street Photography. Indem er die am Computer hergestellten Bildausschnitte in hoher Verpixelung abfotografiert, gelingt es ihm, trotz voyeuristischer Vorgehensweise die Anonymität der abgebildeten Passanten zu wahren, und ein Bild des digital vermessenen Menschen herzustellen. 

Michael Wolf: Aus der Serie "Bastard Chairs". Copyright: Michael Wolf, aus der besprochenen Ausstellung und dem Band "Works".

Diesen respektvollen Zugang verwirft Wolf nur einmal: als er in seiner berühmten Serie "Tokyo Compression" (2010 bis 13) die Zumutungen beklemmend nachvollziehbar macht, die vierzig Millionen Passagiere in Tokio täglich in der U-Bahn zu erdulden haben. Zusammengepfercht wie Tiere in einem Viehwaggon, nicht mehr als eine im Namen des Geschäfts von A nach B beförderte Ressource, drängen sie sich aneinander. Wolf fotografiert ihre wächsernen Gesichter, die im Zuge des Gedränges gegen die Innenseiten der Fensterscheiben gepresst werden, an denen sich Kondenswasser, Schweiß und Speichel abschlagen, so dass die Gesichter dahinter verschwimmen und an Porträts von Francis Bacon erinnern. Privatsphäre und öffentlicher Raum - im auf die Einhaltung formaler Codes bedachten Japan sonst strikt voneinander getrennt - werden unter dem Druck des Gelderwerbs für kurze Zeit eins. In diesen zugleich lethargischen und eigentümlich ekstatischen Riss des gesellschaftlichen Gefüges dringt Wolf mit seiner Kamera. Dass er die Menschen dabei in einer existenziellen Nacktheit und Verwundbarkeit antrifft, hindert ihn nicht daran, auf den Auslöser zu drücken. Es gehöre zwingend zum Leben dazu, meint er, extreme Positionen auszuhalten und darauf zu reagieren, anstatt sich hinter Trigger Warnings und Safe Spaces zu flüchten.

Im retrospektiven Überblick wirkt Wolfs Werk geradezu klassisch: ein mit der Zeit klar umrissener Bereich, in dem der Künstler alle möglichen Positionen einnimmt und unterschiedliche Herangehensweisen innerhalb seines gewählten Mediums ausprobiert, um ihn adäquat und aussagekräftig zu erfassen. In der Summe der makro- und mikroperspektivischen Ansätze leistet  Wolf einen wohl einzigartigen Beitrag zur Bestandsaufnahme der Conditio Humana unter den Vorzeichen totaler Kommerzialisierung und Urbanisierung.

Peter Truschner

PS: Am Freitag wird Wolf seine Bücher in Berlin signieren, mehr hier.

Michael Wolf, Works. Texte von Marc Feustel, Jan-Philipp Sendker, Wim van Sinderen und Michael Wolf. Peperoni Books 2017. 296 Seiten, 400 Abbildungen, 24,5 x 30 cm, 40 Euro. ISBN 978-3-941249-20-2. (Bestellen bei buecher.de)


Michael Wolf, Tokyo Compression - Final Cut. Text von Christian Schüle. Peperoni Books 2017, 120 Seiten, 89 Abbildungen, 20 x 25 cm, 35 Euro. ISBN 978-3-941249-09-7. (Bestellen bei buecher.de)