Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. Marino, dieser unscheinbare, farblose Marino, hat einen Mann getötet; und er hat ihn nicht nur getötet, er hat ihn zuerst entmannt, ihm dann die Kehle durchgeschnitten und Teile seines Körpers im Gefrierschrank aufbewahrt, um davon zu essen.
Marino hat das allerdings auf Wunsch seines Opfers getan. Jetzt sitzt er im Gefängnis und schreibt alles auf. Eigentlich ist es nicht er, der schreibt, es ist nicht seine Stimme, die hier spricht, er notiert nur, was er diktiert bekommt ...
Diese Geschichte ist tatsächlich geschehen. Dennoch ist Yves Petrys In Paradisum keine Rekonstruktion der realen Ereignisse, sondern eine Reaktion darauf. Aus einer Anekdote der Skandalpresse erschafft Petry einen Roman, macht mit literarischen Mitteln das Bizarre plausibel und das Schreckliche erträglich. Er verleiht dem Opfer pos-tum eine Stimme und stellt diese düstere folie à deux in ein überraschend romantisches Licht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.07.2016
Rainer Moritz staunt: Wie der flämische Autor Yves Petry die Geschichte um den "Kannibalen von Rothenburg" zu großer Literatur macht, auf Skandal, Voyeurismus und zugleich auf philosophische Diskurse über Identität und Körper verzichtet, ringt ihm höchste Anerkennung ab. Allein wie nüchtern und doch eindringlich Petry von den gewalttätigen, rohen Liebesspielen der beiden Männer erzählt, schließlich den kannibalischen Akt schildert, ohne je effektheischend zu schreiben, ist trotz schwerer Verdaulichkeit lesenswert, findet der Kritiker. Vor allem aber bewundert er das Vermögen des Autors, in biografischen und psychologischen Episoden die Motive der Männer auszuleuchten, bis die Kategorie von Täter und Opfer nicht mehr greift. Mit großem Interesse liest Moritz außerdem, wie Petry den Versuch der Verteidigung schildert, die Tat so weit erklärbar zu machen bis sie den "irrationalen Schrecken" verliert. Ein herausragender Roman, der zu grundlegenden "anthropologischen Fragen" vordringt, urteilt der Rezensent.
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