Spätestens seit Beginn der zwanziger Jahre laufen die meisten Texte Thomas Manns auf Begriffskompositionen der Lebens- und Menschenfreundlichkeit zu. Die neuere Forschung hat diesen Aspekt ausgeklammert. Thomas Manns Werk wurde als Metaphysik in den Spuren Schopenhauers gelesen; mit der überstrapazierten Narzißmuspsychologie erschien der alte Vorwurf der "Kälte" in zeitgemäßem Gewand. Die Korrektur dieser Rezeption war überfällig.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2000
Heinrich Detering bespricht das Buch mit exakt der vornehm zurückhaltenden Begeisterung, die man von einem Thomas-Mann-Liebhaber erwartet. Schneider, so Detering, befindet sich auf einem Kreuzzug gegen die Wissenschaftler, die Thomas Manns literarische Gestalten nur als `Problemträger` sehen und verstehen. Dagegen besteht Schneider darauf, dass sie dreidimensionale Figuren sind, die man sich in der Realität vorstellen kann und begründet dies auch. Der Rezensent ist von dieser Beweisführung so hingerissen, dass er Schneider einen "stilanalytischen Lavater" nennt und ihm "so altmodische Tugenden wie Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis" bescheinigt. Manchmal schieße Schneider über das Ziel hinaus, wenn er die philosophischen, religiösen oder politischen Interpretationen aufs Korn nehme - dieses strikte Entweder-Oder findet Detering unnötig. Böse ist er darüber nicht. Das Buch bestätige vielmehr, dass "Einseitigkeit die Mutter der Erkenntnis sein kann".
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