Wilhelm Genazino

Wenn wir Tiere wären

Roman
Cover: Wenn wir Tiere wären
Carl Hanser Verlag, München 2011
ISBN 9783446237384
Gebunden, 160 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Das Leben in der modernen Welt verlangt zu viel: tägliche Anwesenheit am Arbeitsplatz, inklusive Engagement und freundlichem Gesicht, die Benutzung von Verkehrsmitteln und den Besuch von Supermärkten. Und dann auch noch das Privatleben. Unausweichlich kommt der Moment, in dem ein Mann nicht mehr weiter weiß - und ehe man sichs versieht, sind es statt einer sogar drei Frauen. Ach, wenn wir doch Tiere wären und die täglichen Zumutungen einfach übersehen könnten! Wilhelm Genazino erzählt von einem Mann, der den Alltag nur ertragen kann, indem er das ordentliche Regelwerk durchbricht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.10.2011

Jochen Jung mag sie offenbar sehr gern, diese wundersame Erzählwelt des Wilhelm Genazino, die von Menschen bevölkert wird, deren Leben nicht größer und glücklicher ist als das eigene. Im vorliegenden Roman geht es um einen Architekten in einer namenlosen Kleinstadt, der sich nicht wirklich sein Leben zu organisieren schafft, allenfalls die Frauen, die er für seine sexuelle Befriedigung braucht. Was dem Rezensenten an dieser Geschichte fasziniert, sind die "wunderbaren Fundstücke", die Genazino am Wegrand aufsammelt und ein feinsinniger Humor, der Jung sehr an Loriot erinnert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.2011

Ja, gewiss, wieder einmal ein typischer Held aus der Welt des Schriftstellers Wilhelm Genazino. Diese Welt ist die unsere, und sie wird mit sehr realistischem Anspruch äußerst detailgenau beschrieben. Das ganz eigene an diesen Helden jedoch ist ihre Perspektive, ja, mehr als das, ihre existenzielle Haltung zum Leben als solchen, so die Rezensentin Sandra Kegel. Um "Lebensersparnis" etwa, so reflektiert er selbst, geht es nun diesem Herrn, einem freiberuflichen Architekten, der mit einer für seine Begriffe viel zu aktiven Frau namens Maria erotisch verbunden ist und bei ihr für seinen Willen zum Abseits, für seine Lust am Betrachten der verloren herumstehenden Tiere nicht das geringste Verständnis findet. Die Rezensentin ist sehr bemüht, all die Eigenheiten der in Genazinos Texten entworfenen Weltsicht nachzukonturieren. Sie lässt keinen Zweifel, dass sie sehr beeindruckt ist von diesem Roman. Dass Genazino seinen Helden erst im Gefängnis etwas wie sein Glück finden lässt, erscheint ihr dann nur konsequent.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.07.2011

Rezensent Helmut Böttiger ist sehr beeindruckt von diesem Roman. Sein Protagonist ist ein zunächst freier Architekt, der dann in eine Festanstellung wechselt und zunehmend die Kontrolle über sein Leben verliert, schreibt Böttiger. Es sind vor allem die Frauen, die ihm zusetzen und für ihre Zwecke einspannen, so der Rezensent. Schließlich fände er sich, ein "bloßer Spielball der Verhältnisse", infolge verschiedener betrügerischer Delikte gar im Gefängnis wieder. Den Traum vom Fliegen träume der namenlose Held, wobei ihm das Fliegen hier primär als Möglichkeit der Flucht aus der "allgemeinen Raserei" um ihn herum attraktiv erscheine. Identifizieren kann sich der Rezensent mit dieser Figur vor allem aufgrund der besonderen Erzählsituation: eine Ich-Perspektive, die unentwegt von auktorial anmutenden Reflexionen gesäumt ist und gerade in diesem Oszillieren zwischen Innensicht und allwissendem Kommentar eine enorme Sogkraft entfaltet, so Böttigers Analyse.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.07.2011

Ein echter Genazino und ein "Meisterwerk". Was nicht dasselbe ist, das darf man aus Christian Thomas' Besprechung wohl schließen, wie: immer ein Lesevergnügen. Das liegt am schwierigen und wiederum sehr Genazino-typischen Protagonisten. Dieser ist ein älterer Mann und er bekommt im ganzen Roman, was Thomas erstaunt, keinen Namen. Außerordentlich viel wird monologisiert, denn der Held ist ganz und gar ich-zentriert. Weniger reflektiert zwar als frühere Genazino-Figuren, aber doch so seiner eigenen Beschränktheit bewusst, dass er immerhin wahrnimmt, dass er von der Außenwelt eher nichts wahrnimmt. Außer Körper von Frauen, mit denen er hier und da schläft. (Wobei: Auch Selbstbefriedigung scheint wichtig.) Die Körper der Frauen werden erbarmunglos "rezensiert" (Thomas), Rotwein kommt vor, Unrast dominiert und später landet der Mann aus in der Besprechung nicht näher genannten Gründen im Knast. Dem allen attestiert der Rezensent "luzide Transparenz" und "teuflisch gute Lakonie"  und heraus komme, das Zitat geht jetzt auch noch, ein "Oratorium von kathartischer Komik".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.07.2011

Rezensent Roman Bucheli ist immer wieder erstaunt von der analytischen Schärfe, mit der Wilhelm Genazino in die finsteren seelischen Abgründe seiner stets lebensvermeidenden Protagonisten am Rande des Wahnsinns und der Gesellschaft schaut. Auch in "Wenn wir Tiere wären" erscheint dem Rezensenten wieder einer dieser selbstverliebten, "monströsen Reflexionskünstler", der nicht nur Körperfunktionen und Kopulationsverhalten, sondern auch jede noch so verborgene Regung seines Innenlebens mit geradezu abgebrühter Nüchternheit beobachtet: In diesem Fall ist es ein freischaffender Architekt, der seine Aufträge zunächst von einem Bekannten erhält und nach dessen Tod nicht nur Job und Auto, sondern auch dessen Frau übernimmt. Trotz der existentiellen Hoffnungslosigkeit des Helden hat der Rezensent diesen "skurrilen" Roman mit Vergnügen gelesen, nicht zuletzt dank Genazinos Gabe, seine Figuren mit "sanfter Leichtigkeit" zu schildern.
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