Werner Bräunig

Rummelplatz

Roman
Cover: Rummelplatz
Aufbau Verlag, Berlin 2007
ISBN 9783351032104
Gebunden, 750 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Schlimmer als die Ruinen sind kurz nach Kriegsende die Entwurzelung und der desolate Zustand der Menschen. In der "Wismut", dem riesigen Abbaubetrieb für Uranerz, treffen sie aufeinander, die Heimkehrer und Glücksritter, deutsche Bergleute und sowjetische Schachtleitung. Dieser Staat im Staate spiegelt die Situation in der einen deutschen Republik, den verbissenen Aufbauwillen ebenso wie sich abzeichnende Fehlentwicklungen, die am 17. Juni 1953 kulminieren. Werner Bräunig schlägt in seinem Roman den Bogen vom Erzgebirge bis zum Rhein.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.05.2007

Nichts Angestaubtes habe dieser Roman aus den sechziger Jahren, der in der DDR nie erscheinen durfte. Rezensentin Beatrix Langner ist begeistert von der "zügellosen" Sprache und der geistigen Freiheit, die Werner Bräunig zeige. Allerdings habe er sich mit dem Kapitel über den Tod eines Arbeiters bei den Tumulten von 1953 gewissermaßen seinen eigenen Nekrolog geschrieben. Die Rezensentin vermutet, dass der Autor während des Schreibens mehr und mehr kritische Distanz zur DDR gewonnen habe, bis schließlich selbst das 1965 erschienene Rummelplatzkapitel als staatsfeindlich angesehen wurde. Das hoffnungsvolle Talent des Leipziger Literaturinstituts schrieb nicht den erhofften ultimativen Arbeiterroman, sondern einen Roman, der in beiden Teilen Deutschlands spielt und inhaltlich ein geeintes Deutschland und auch Europa propagiert. "Ärgerlich", so die Rezensentin, an der späten Publikation sei allein das Nachwort der Herausgeberin Angela Drescher, die Werner Bräunig als Arbeiterschriftsteller wieder den Regeln des sozialistischen Realismus unterwerfe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.05.2007

Evelyn Finger nimmt sich in ihrer ausführlichen Kritik viel Raum, um den bereits 1976 gestorbenen Autor Werner Bräunig zu preisen. Sie hält seinen unvollendet gebliebenen Roman "Rummelplatz" aus den 1960er Jahren für eines der herausragendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur. "Rummelplatz" schildert das Leben in einem fiktiven Erzgebirgsort, in dem die Wismut Uran abbaut. Aus dem Blickwinkel der Bergarbeiter wird die Illusionslosigkeit der Menschen nach Naziregime und Krieg, die mühevolle Arbeit im Berg und die alles andere als rosige sozialistische Gegenwart von 1945 bis zum Arbeiteraufstand am 17. Juni 1957 geschildert, erklärt die Rezensentin. Für sie ragt dieses Werk auch aus den berühmten Nachkriegsbüchern von Böll, Grass oder Wolf durch seine distanzierte Lakonie und seine Erzählwucht heraus, und sie findet es zutiefst beeindruckend, wie stark die emotionale Kraft des Erzählten auch auf den heutigen Leser noch wirkt. Von der DDR-Führung als nicht optimistisch genug abgelehnt und deshalb nie veröffentlicht, entpuppt sich die Geschichte um eine Gruppe von Bergleuten erst bei näherem Hinsehen als durchaus hoffnungsvoll, erklärt Finger, die in der Arbeit das "rettende Moment" aus der Resignation der Protagonisten zu erkennen glaubt. Die Rezensentin preist die lebensnahen Dialoge, die authentische Bergarbeiter-Sprache und das Einfühlungsvermögen Bräunigs bei der Schilderung der Bergbauwelt und findet es nur schade, dass auch heute noch die Kritik Bräunigs Roman vor allem ideologisch lese.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.03.2007

Die im Anhang zu lesende Geschichte dieses Romans, sein Verbot in der DDR, findet Stefan Mahlke folgerichtig. Schließlich liest er Werner Bräunings Biografie, aus der sich "Rummelplatz" speist, wie er schreibt, als Provokation gegen das Regime. Das Buch selbst würde er authentisch nennen, "wäre das Wort nicht so vertrackt". Bewundernswert jedenfalls erscheinen Mahlke der Material- und Detailreichtum und ein realistischer "Drive", der den sozialistischen Bildungsroman überflügelt, weil er vor die Utopie den Schacht und die Kneipe und das Kipperfahren setzt, die "plebejische Ebene". Brecht- und Bibelzitate empfindet der Rezensent vor diesem Hintergrund nicht als Bildungshuberei, sondern als legitime Ausstattung der Figuren mit "Wortwitz und Wortgewalt" gegen die Gebetsmühlen der Partei.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007

Die Geschichte Werner Bräunings und seines von der DDR 1965 auf Eis gelegten großen Gesellschaftsromans liest Tilman Spreckelsen lieber als Tragödie denn als Akt später Gerechtigkeit. Zu reduziert erscheint ihm das Buch in einer solchen Perspektive. Schließlich entdeckt er darin weitaus mehr als einen Kommentar zur DDR. Die junge Bundesrepublik zum Beispiel oder erhellende Passagen über den Krieg oder jede Menge Lebensläufe in Bewusstseinsströme gefasst oder den "sinnlichen" Sprachduktus oder "rabelaishafte Wortkaskaden". Neben der immer wieder aufblitzenden demokratischen Haltung des Autors und einer geradezu liebesblinden Sicht auf den Staat, die Spreckelsen letztlich für verantwortlich hält für die Missverständnisse von Bräunings Kritikern seinem Werk gegenüber.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.03.2007

Franziska Augstein setzt dem DDR-Schriftsteller Werner Bräunig, dessen "Rummelplatz" in der DDR nie erscheinen konnte und der 1976 durch das System und den Alkohol zerstört starb, bei ihrer Kritik des Romans ein kleines Denkmal. Sie preist das Buch als eines der großen Werke der Nachkriegszeit und ist sich sicher, dass Bräunig, hätte er weiter schreiben können, gleichrangig mit Autoren wie Günter Grass und Heinrich Böll gewürdigt worden wäre. "Rummelplatz" erzählt aus dem Mikrokosmos des Wismut-Bergwerks, in dem für die Sowjets Uran abgebaut wurde. Sie schwärmt von der psychologisch genauen Beobachtungsgabe des Autors und preist die Kunstfertigkeit seiner Erzählweise. Als besonderes Verdienst preist sie Bräunigs Talent, seine etwa zwanzig Figuren so zu schildern, dass man jeden einzelnen Werdegang nicht nur mit Empathie und Interesse verfolgt, sondern dass man das ganze Personal über die gesamte Länge des Romans auch auseinander halten kann. Der Autor verwende bei der Charakterisierung seiner Figuren eine Variation des inneren Monologs, indem er bilderreich und detailliert ihr Innenleben darstellt und ihre Eigenarten auch sprachlich erfasst, auch wenn das deren Artikulationsfähigkeit weit übersteigt, so die Rezensentin begeistert. Kleinere Unstimmigkeiten im Buch sieht sie der Tatsache geschuldet, dass dieses Buch aus verschiedenen überlieferten Fassungen entstanden ist, doch tut das ihrer Bewunderung für diesen Schriftsteller keinen Abbruch.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.03.2007

Die Geschichte dieses Romans und seines Autos hat es in sich und Yaak Karsunke erzählt sie in seiner Besprechung sehr differenziert. Die Geschichte Werner Bräunigs und seines Romans "Rummelplatz" ist sozusagen das traurige Beispiel für einen "genau beobachtenden und sprachbegabten" DDR-Autor, der an einer "ideologischen Selbstverpflichtung" scheitert. Werner Bräunig kehrte 1951 aus der Bundesrepublik in die DDR zurück, arbeitete zunächst als Schweißer und dann im Uranbergbau bei der Wismut AG, bis er 1961 ans Leipziger Literatur-Institut kam. Hier begann er seinen auf 600 Seiten angelegten Roman, dessen erste Kapitel recht drastisch die Arbeit bei der Wismut beschreiben und auszugsweise veröffentlicht wurden. Der "ideologischen Abweichung" bezichtigt, wird der Roman verboten, Bräunig verliert seinen Ruf und seine Arbeit, er stirbt 1976 im Alter von 42 Jahren an den Folgen des Alkohols. Doch die "literarische Sensation" und späte Rehabilitierung, als die der Verlag die erstmalige Komplettveröffentlichung annonciert, will Rezensent Karsunke den Roman nicht bewerten. Denn auch wenn die Schilderungen der Zustände bei der Wismut Ärger mit der Partei eingebracht haben, so sind doch seine Denunziationen des Aufstands vom 17. Juni 1953 als "faschistischen Umsturzversuch" wieder durchaus linientreu.