Zwei, drei blaue Augen
Roman

dtv, München 2025
ISBN
9783423285148
Gebunden, 472 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Tassilo, jung und verliebt in Musik und Männer, will raus aus der Rostocker Platte und rein in die Freiheit West-Berlins. Schwankend zwischen Verzweiflung und Euphorie, plant er seinen Ausbruch. Zumal er sich auch Zuhause nicht mehr sicher fühlt: "Mutter sagt, sie wird alles dafür tun, dass mein Vorhaben nie aufgeht. Ihre Kriegserklärung ist klipp und klar - nicht nur als Mutter, auch als Genossin." Es gleicht einem Wunder, als dieser Suchende und Strauchelnde mit den blauen Augen 1986, mit gerade einmal neunzehn Jahren, am Bahnhof Zoo ankommt. Drei Jahre später fällt die Mauer und er macht eine Entdeckung, die sein ganzes Leben verändert.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 17.12.2025
Rezensentin Julia Schröder mag manches, aber nicht alles an Victor Schefés Roman. Der Schauspieler erzählt hier von seiner eigenen Jugend in der DDR, lesen wir, prägend ist dabei eine klare Opposition, nämlich die zwischen seinem eigenen Freiheitsdrang und der Staatshörigkeit seiner Mutter. Wie damals Schefé selbst heißt auch die Hauptfigur im Roman Tassilo, sie sehnt sich nach vielem, nach Westmusik, schwulem Sex und allgemein nach Freiheit. Schefé flicht in seinen wild in der Chronologie hin und her springenden und atemlos erzählten Roman eigene Tagebuchaufzeichnungen und auch Stasi-Aktenvermerke im Faksimile ein, lesen wir weiter, insgesamt herrscht wahrlich kein Mangel an Erzählmaterial, auch die Karriere der Sportlerin Marita Koch wird etwa ausführlich nacherzählt. Freilich gibt es schon auch auffällige Lehrstellen im Buch, das Verhalten der Mutter etwa wird nicht angemessen hinterfragt. Das Fazit ist in der Tendenz zwar positiv, allerdings bleibt ein Hauch von Skepsis zurück - so ganz klargestellt bekommt Schefé die Vergangenheit, von der er erzählen will, nicht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2025
Mitreißend, regelrecht ansteckend ist die Sprache dieses Buches, jubelt Rezensent Jan Brachmann. Dem vor allem die kurzen, protokollarisch anmutenden Sätze gefallen, in die Victor Schefé die Geschichte seiner eigenen ersten 24 Lebensjahre kleidet. Auch allerlei Wortspiele bringt Schefé, hauptberuflich Schauspieler, in dieser Erzählung unter, die, so Brachmann, von einem Leben im geteilten Deutschland handelt. Und zwar auf beiden Seiten der Mauer, geboren wird der Erzähler in Rostock, seine Mutter ist ausgesprochen systemtreu, ihr Sohn entdeckt mit 14, dass er auf Jungs steht, die DDR verlässt er 1986 aber nicht deswegen, sondern aufgrund von Büchern, die er liest, aber im ostdeutschen Staat nicht lesen darf. Beeindruckend, wie ganz nebenbei die DDR als eine durchmilitarisierte Gesellschaft dargestellt wird, meint der Rezensent, der sich an Reiner Kunze, Maxie Wanders und, was den Erzählgestus angeht, auch an die Filme Axel Ranischs erinnert fühlt. All diese Vergleiche braucht dieses originelle und eigenständige Buch andererseits gar nicht, meint ein rundum glücklicher Brachmann.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 01.12.2025
Rezensentin Cornelia Geißler empfiehlt Victor Schefes autobiografischen Roman als Erinnerungswunderkiste für DDR-sozialisierte LeserInnen. Wer die 70er und 80er in der DDR erfahren hat, meint sie, wird vieles wiedererkennen: Eissorten, Mode, Lieder. Ein bisschen zu viel vielleicht schwelgt der Autor in seinen Kindheitsepisoden, findet Geißler, doch der genaue, auf Briefe, Tagebuch und Stasi-Akten gestützte Blick macht ihr auch Freude. Oder bedrückt, wenn Schefe vom Stasi-Verrat durch die eigene Mutter erzählt, vom Hadern mit der Gesellschaft als homosexueller und musisch begabter Mann. Die Stasi-Protokolle erscheinen ihr allerdings "absurd komisch".