"Das Zauberwort ist kurz, und einfach auszusprechen: Ein guter wissenschaftlicher Text ist ein Filter. Weil alle Beteiligten nur wenig Zeit zum Lesen haben, setzen sich im Netz diejenigen Formate durch, die Übersicht verschaffen. Sie lassen das, worum es nicht geht, einfach weg. Sie reduzieren, in der Sprache der Ökonomen ausgedrückt, die Informationsgewinnungskosten ihrer Benutzer." Anbruch einer neuen Ära, Umbruch, Revolution: Die Expansion der digitalen Kanäle wird seit fast dreißig Jahren als radikaler Neuanfang beschrieben. Aber wieso tauchen in den Prophezeiungen über die Zukunft nach dem Siegeszug der vernetzten Computer so beharrlich Versatzstücke aus der Vergangenheit auf, die fünfzig, hundert Jahre oder noch älter sind? Voraussagen über die digitale Zukunft sind mit Geschichte kontaminiert. Offenbar ist ihnen das aber peinlich. Deswegen reden sie so gerne davon, was durch "das Netz" unwichtig werden wird. Versuchen wir es anders herum. Was ermöglichen einem die neuen Kanäle beim wissenschaftlichen Schreiben, und welches alte Zeug wird durch sie unverzichtbar?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.07.2014
Endlich mal eine beschwichtigende Stimme, fernab von Hysterie und Pessimismus meint Urs Hafner in seiner Besprechung von Valentin Groebners Essay über die Konfrontation von Wissenschaft mit neuen Technologien. Wobei 'neu' in diesem Zusammenhang nicht ganz richtig ist - eher im Gegenteil, meint der Rezensent. Denn auf den gut einhundertfünfzig Seiten gehe es dem Professor für Geschichte gerade darum, zu beweisen, dass die Skepsis Neuerungen gegenüber, etwa bei der Einführung des Buches im 15. Jahrhundert, ein ganz normaler Prozess sei. Ob Fotokopierer, "Copy&Paste" oder Digitalisierung von Texten - Groebner gelinge es, Parallelen zwischen den gegenwärtigen Entwicklungen zu ziehen und sie mit historischem Material zu unterlegen. Hafner lobt nicht zuletzt die unterhaltsame und leichtfüßige Art, mit der Groebner die Gemüter beruhigt, zur "Besonnenheit" aufruft und empfiehlt, sich von all' dem Trubel nicht verrückt machen zu lassen. Frei nach dem Motto: Hat die Menschheit alles schon erlebt und überlebt.
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