Uwe Timm

Der Freund und der Fremde

Cover: Der Freund und der Fremde
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2005
ISBN 9783462036091
Gebunden, 160 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Er liegt am Boden, eine junge Frau kniet neben ihm und hält den Kopf des Sterbenden, ein schmaler, junger Mann, den Blick zur Seite gerichtet. Das Bild wird zur Ikone, es wird Hunderttausende auf die Straße treiben, aber wer ist dieser junge Mann, wer hätte er sein können? Benno Ohnesorg, geboren 1940 und am 2. Juni 1967 auf der Anti-Schah-Demonstration in Berlin erschossen, war der Freund und Gefährte Uwe Timms, als beide Anfang der sechziger Jahre am Braunschweig-Kolleg das Abitur nachholten. Ein eigenwilliger, zurückhaltender, auf eine stille Art entschlossener junger Mann, der malt und die Werke der französischen Moderne liest, selbst Gedichte schreibt und zum ersten Leser Uwe Timms wird. Mit ihm zusammen entdeckt Timm Apollinaire und Beckett, Camus und Ionesco, entdeckt auch, dass das Schreiben nicht nur ein einsamer Akt ist, dass man über Texte sprechen, sie verändern, sie verbessern kann, dass Nähe und radikaler Eigensinn gleichzeitig möglich sind.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.09.2005

"Was will uns Uwe Timm eigentlich erzählen?", fragt Klaus Siblewski recht ratlos. Natürlich geht es um Benno Ohnesorg, den Jugendfreund, der so tragisch zum Opfer wurde. Aber augenscheinlich soll es auch um mehr gehen, um 1968, die großen Entwürfe und Theorien des Lebens. Und tatsächlich, meint Siblewski, erzählt Timm durchaus einleuchtend, wie er ein 68er wurde und warum er sich später von den radikalen Fraktionen abwendete. Etwas Bohrendes gar, will Siblewski bemerkt haben, treibe Timm und damit auch den Leser an. Doch an den "entscheidenden Punkt", meint der Rezensent, wolle Timm nicht heran. Und hier setzt das Unbehagen des Rezensenten an. Timm verschweigt vieles: ungute Empfindungen, schmerzhafte Entscheidungen, Irrtümer, Fehleinschätzungen. Auch vom schlechten Gewissen spricht er nicht, das ihn doch gequält haben muss, als er den Kontakt zu seinem angeblich "innig geliebten Freund" Ohnesorg abgebrochen hat. Alles Verstörende, Irritierende an 68: Fehlanzeige. Und so bleibt für Siblewski die dringendste Frage unbeantwortet: "Worauf musste eigentlich verzichtet werden, damit 68 möglich wurde?"

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.09.2005

Wer sich von diesem Buch ein durchdringendes und komplexes Porträt von Benno Ohnesorg - der bei der Anti-Shah-Demonstration 1967 in Berlin angeschossen wurde und den Spätfolgen erlag - erhofft, wird unweigerlich enttäuscht werden, warnt Gerrit Bartels. Dafür sei die Freundschaft zwischen Uwe Timm und Ohnesorg während der zwei gemeinsamen Jahre am Kolleg Braunschweig einfach zu kurz gewesen. Zwar sucht Timm überlebende Freunde Ohnesorgs auf, um die Jahre danach zu erkunden, doch diese Gespräche erweisen sich als nur wenig aufschlussreich und überlassen Timm der Spekulation. Die mangelnden Informationen tun der Qualität des Buches jedoch keinen Abbruch, wie der Rezensent findet, auch wenn, oder gerade weil das Buch eher ins Autobiografische erwächst. Timm verbinde mit erstaunlicher "Sensibilität" und "Sanftheit" die Lebenskreise der beiden literaturbesessenen Freunde und beziehe auf "schön kontrapunktische" Weise als dritte Hauptfigur Camus' Meursault - den schon im Buchtitel angedeuteten "Fremden" - ein. Nicht zuletzt, so der Rezensent, besticht das Buch als ein "Hohes Lied auf die Liebe" und ihre Sprache, "erhellt durch die Sprache gemeinsamer Lektüre". So sei "Der Freund und der Fremde" zwar kein Porträt im eigentlichen Sinne, aber dafür ein Zeugnis davon, was Literatur an "Verheißungen" zu stiften vermag.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.09.2005

Dieses Buch über Benno Ohnesorg ist mehr als ein Buch über Benno Ohnesorg geworden, nämlich das Porträt einer ganzen Generation, der 68er-Generation, urteilt Christoph Bartmann. Nicht wirklich schlüssig wurde der Rezensent sich darüber, ob die Ernsthaftigkeit und selbsterklärte Ironieferne des Timmschen Stils eine Reminiszenz an ironieferne und verbissen kunsternsthafte Zeiten sind, oder ob sie zum geistigen Habitus des Autors gehören. Jedenfalls taucht Timm mit spürbarem Vergnügen in die "formative years" seiner selbst und Ohnesorgs ein. Timm, der mit Ohnesorg den zweiten Bildungsweg beschritt und Gedichte las am Fluss, verzichtet auf investigative Recherchen, etwa auf eine Begegnung mit dem Polizisten Karl-Heinz Kurras, der damals die tödlichen Schüsse auf seinen Freund abgegeben hat. Er spricht statt dessen mit dem Sohn des einstigen Weggefährten und mit der Frau, die durch jenes Foto traurige Berühmtheit erlangte, auf dem sie neben dem Erschossenen kniet. Zudem stellt Timm seine eigenen intellektuellen Auseinandersetzungen mit dem bewunderten Albert Camus dar, vor allem mit dessen "Fremdem", Meursault. Diese Kunst-Figur erscheint Bartmann am Ende denn auch als die vielschichtigste Gestalt des Buches - was nicht gegen Timms Erzählung spreche, "aber in jedem Fall für die Literatur".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.09.2005

Uwe Timms autobiografische Erzählung "Der Freund und der Fremde" zeigt einen unbekannten Benno Ohnesorg jenseits von der "Boulevardversion vom unschuldig getroffenen Opfer", stellt Elisabeth von Thadden fest. Timm lernte Ohnesorg auf dem "Kolleg", einer Begabtenförderung für Arbeiter, kennen und freundete sich mit ihm an, nicht zuletzt weil sie beide das Interesse an der Literatur und der Sprache verband, erklärt die Rezensentin. Timm, ein "Meister der Gestaltung verfließender Zeit" verknüpfe in seinem Buch die Geschichte einer Freundschaft mit der Zeitgeschichte von Deutschland und Frankreich in den 60er Jahren, wobei Camus "Der Fremde" eine Schlüsselstellung einnehme, so von Thadden, die die Person Benno Ohnesorgs " mit der Sprache untrennbar verbunden" sieht. Deshalb ist die Erzählung ihrer Ansicht nach auch ein Text über Sprache, die aus der Stummheit einer allzu "engen Welt" des Kleinbürgertums herausführen sollte. Mitunter läuft die Erzählung durchaus Gefahr, "ins Sentimentale zu gleiten", räumt die Rezensentin ein, doch insbesondere die Schilderung eines Besuchs des Autors beim Sohn von Ohnesorg beeindruckt sie als "Ausdruck reiner sprachlicher Trauer", die nicht zuletzt darin begründet ist, dass Timm den Freund schon vor seinem Tod aus den Augen verloren hatte.