Ulrich Sieg

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

Kriegserfahrungen, weltanschauliche Debatten und kulturelle Neuentwürfe
Akademie Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783050035420
Gebunden, 400 Seiten, 44,80 EUR

Klappentext

Lange Zeit war es üblich, den Ersten Weltkrieg primär als Wendemarke der Kulturgeschichte aufzufassen, ging in ihm doch jener Fortschrittsglaube zugrunde, der für das bürgerliche Selbstverständnis konstitutiv gewesen war. Auch wenn inzwischen die meisten Historiker darin übereinstimmen, dass dieser Krieg als "Urkatastrophe dieses Jahrhunderts" aufgefasst werden muss, wissen wir doch vergleichsweise wenig darüber, wie die Jahre zwischen 1914 und 1918 von den Menschen erlebt und gedeutet wurden. Den Fokus des Buches bildet die deutsch-jüdische Kultur im Ersten Weltkrieg: Der "jüdische Geist" führte keine "Ghettoexistenz", sondern stand in regem Kontakt mit den einflussreichen Zeitströmungen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.06.2002

Für Gershom Scholem hat es die deutsch-jüdische Symbiose nie gegeben, erzählt Stefan Breuer einleitend und gibt dem jüdischen Philosophen nur bedingt Recht; solange man die Symbiose als störungsfreies Miteinander verstünde, müsse man Scholem zustimmen, begreife man sie aber als ein "Zusammenleben zu gegenseitigem Nutzen" sehe die Sache anders aus. Da kommt ihm die Untersuchung von Ulrich Sieg gerade zupass, der seine Untersuchungen zur deutsch-jüdischen Kulturdebatte schwerpunktmäßig im Ersten Weltkrieg ansetzt. Etwas weniger Hurrapatriotismus bei den jüdischen Intellektuellen lasse sich schon konstatieren, berichtet Breuer, dennoch war die Loyalität dem deutschen Staat gegenüber zunächst sehr groß. Einen Einschnitt markiere das Jahr 1916, wie Sieg herausgearbeitet habe, als der Staat eine Konfessionsstatistik durchführte und seine konfessionell neutrale Position aufgab. Auf die "Deutschtumsmetaphysik" antworteten die jüdischen Intellektuellen, fasst Breuer die Arbeit von Ulrich Sieg zusammen, mit einer "Judentumsmetaphysik", die sich etwa im Zionismus mit seiner Überhöhung des Ostjudentums oder in Martin Bubers Ethnisierung des Nationalismus ausdrückte. Breuer mag Sieg nicht in allen Urteilen folgen, bescheinigt ihm aber eine bedeutende Arbeitsleistung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.02.2002

An diesem Buch wird niemand mehr vorbeikommen, lobt Thomas Meier, später werde man immer von "dem Sieg" sprechen. Der neue Sieg ist Ulrich Siegs Habilitationsschrift, eine politische Ideengeschichte, die Positionen, Wege und auch Irrwege jüdischer Intellektueller vor dem Hintergrund der Erfahrung des Ersten Weltkrieges nachzeichnet, entwirrt, auffrischt. Jüdische Identitätskonzepte mussten aufgrund des aufblühenden deutschen Nationalismus einer Revision unterzogen werden, berichtet Meier, viele Intellektuelle bezogen sich nun auf ihre "Außenseiterrolle in einer auf Homogenität zielenden Nationalkultur", was ihrem Gesellschafts- und Identitätskonzept jene Brüchigkeit und Komplexität verlieh, die später zum "Inbegriff der Moderne" avancierte. Interessanterweise komme Sieg in seiner Untersuchung zu den gleichen Ergebnissen wie Christian Wiese, hebt Meier hervor, der in seiner Studie "Wissenschaft des Judentums und protestantische Theologie im wilhelminischen Deutschland" vor nicht allzu langer Zeit das gescheiterte Gespräch zwischen des Judentums und protestantischen Theologen nachgezeichnet hatte.
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