Thomas Melle

Raumforderung

Erzählungen
Cover: Raumforderung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 9783518418796
Gebunden, 199 Seiten, 15,90 EUR

Klappentext

"Ediths Wohnung hat Krebs, und die Metastasen treiben Plastikblumen, Goldherzen, Blumenkränze in die Ecken und Augenwinkel. Bunte Karzinome wuchern von allen Seiten in Richtung Fernseher." Die Bewohnerin selbst ist etwas aus der Art geschlagen; ständig unter Hochdruck, sprengt sie am Weihnachtsabend den Familienverband. Auch der Optiker in der titelgebenden Geschichte unterliegt einem unkontrollierbaren Impuls und fällt bei der Wohnungssuche plötzlich aus der Rolle; die Gruppe Studienstifler in "Nachtschwimmen" wird von einer Dynamik ergriffen, die beinahe tödlich endet; und Jonna, die junge Mutter, kann den Erwartungen der Gesellschaft nicht entsprechen: Das Baby liegt ihr in den Armen wie ein Alien. Es sind die Momente, in denen etwas entgleist und der Organismus sich gegen sich selbst wendet, die Thomas Melle in seinem Debüt untersucht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2007

Rezensent Klaus Ungerer zeigt sich überaus fasziniert von Thomas Melles Debütband. Die zwölf Erzählungen scheinen ihm fast durchweg gelungen, nur auf ein paar hätte er verzichten können, etwa auf "Kippy Game 1", das ihm dann doch zu patchworkartig konfus daherkommt. Die meisten Geschichten findet er allerdings sehr berückend, auch wenn sie ihn immer wieder verwirrt haben. Genauer gesagt, gefällt es ihm sogar, sich von Melles Geschichten verwirren zu lassen. Geradezu ins Schwärmen gerät er über die Sprache des Autors. Er preist ihre betörende Musikalität, ihr Tempo, ihren Reichtum an Wendungen, Witzen und Volten. Einen besonderen Reiz sieht er in der lockeren Vernetzung der Geschichten untereinander, die sich gegenseitig zitieren, was die "Scheinwelt jeder Geschichte" sprenge. Neben den Erzählungen "Santo Lucci" und "Gewissen" haben ihn besonders "Interferenz" und "Jonnas Baby" gefallen. Sein Resümee über den Band: "unterhaltsam, dialogstark, lustvoll".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.06.2007

Als sehr genialisch aber trotzdem gut beschreibt Rezensentin Tanya Lieske diesen Erzählband. Dabei ist sie einerseits leicht genervt von der Ambitioniertheit, mit der Thomas Melle sein literarisches Unternehmen betreibt. Kein Titan der Moderne, der hier nicht seine Schatten werfe, stöhnt sie (allerdings auch ein bisschen lustvoll) auf - sei es Beckett oder Lacan. Aber weil Melle höchst witzig und mit entwaffnender Intelligenz immer wieder die eigene Ambitioniertheit zur Schau stellt, ist die Rezensentin dann doch schnell ziemlich eingenommen von diesen Erzählungen, schraubt sich begeistert von Metaebene zu Metaebene und freut sich am Ende am größenwahnsinnigsten Schriftstellertod seit langem.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.05.2007

Rezensent Ijoma Mangold ist sich sicher, mit Thomas Melle einem sehr starken Erzähler begegnet zu sein, eine "reflexive Gänsehaut" hat er bei der Lektüre gar gespürt. In den Geschichten geht es meist um nicht weniger als erloschene Liebe, Wahnsinn, die Ästhetik des Schimmels und andere Entfremdungserfahrungen. Was Mangold am Debüt des 1975 geborenen Melle besonders beeindruckt, sind zum einen die starken, "enorm suggestiven" Bilder und der immer wiederkehrende Gedanke, dass das Leben viel unheimlicher als der Tod sei. Zum anderen sind es Melles durchaus vorhandene Schwächen - zuviel Theorie, zu große Themen, zuviel "Kraftmeierei". Aber Mangold nimmt es nicht gelassen, sondern mit Freude hin, dass ein Autor aus der braven Routine des Erzählens ausbricht: Hier riskiert wenigstens mal jemand etwas! Und so bekennt Mangold nicht nur, neben einige Passagen "Welch geile kranke Fantasie!" notiert zu haben, sondern auch bei gewissen Größenwahn-Attitüden Melles "ein Zittern" gespürt zu haben.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.03.2007

Kathrin Hillgruber beäugt das Prosadebüt von Thomas Melle, der bisher als Theaterautor auf sich aufmerksam gemacht hat, mit gemischten Gefühlen. Sie bescheinigt den Erzählungen dieses Bandes sehr unterschiedliche Qualität. Während sie der Erzählung "Wuchernde Netze" beispielsweise vorwirft, mit seiner Betonung auf die verzweigte Vernetzung von Texten im Internet Gilles Deleuzes "Rhizom-Theorie" etwas stark zu beanspruchen, und ihr in einer Erzählung die Begeisterung des Protagonisten für Gottfried Benns Kulturpessimismus doch etwas "spätpubertär" daherkommt, lässt sie sich dennoch von den ausufernden Metaphern des Autors in den Bann schlagen. Die offensichtliche Lust an der Sprache und die Aktualität der Motive ist es dann auch, was die Rezensentin fesselt.
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