Thomas Meinecke

Musik

Roman
Cover: Musik
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518416389
Gebunden, 372 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Die Geschwister Karol und Kandis leben zusammen in Wolfratshausen. Sie erforschen die Umgebung nach den Spuren von D.H. Lawrence und Frieda von Richthofen, Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salome. Auch die ehemaligen Dynamit-Werke erregen ihr Interesse. Karol arbeitet als Flugbegleiter bei der Lufthansa. In seiner Freizeit widmet er sich Resignifizierungen der Musik: wenn leichtverständlicher Swing zu schwierigem Bebop umkodiert wird oder Disco als House Music erneut in den Underground abtaucht. Karol gerät in den süßen Bann der Queer Music und der Ästhetik des Camp, die er mit seinen Kolleginnen und Kollegen in diversen Hotelzimmern der Welt auslotet. Seine heterosexuelle Orientierung erkennt er dabei gleichsam als das Andere der Homosexualität.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.01.2005

Gerrit Bartels hat den Verdacht, dass Thomas Meinecke die Konstruktion wichtiger ist als der Inhalt. Und so muss der Leser sich schon bemühen, zumindest einen "narrativen Lufthauch" in diesem Roman zu spüren, in dem die Figuren nur als "literarische Krücke" für eine stückchenweise dargeboten Text- und Materialsammlung herhalten müssen. "Ein Roman, der zum Querlesen einlädt", meint Bartels, aber nicht nur lobend. Zwar kann sie dem Wechsel von "schweren Theoriebrocken" und der Beschreibung von Beyonce Knowles Alben noch einen Reiz abgewinnen, aber "stellenweise" sei der Roman doch nur "recht quälend und gemein". Thematisch und formal unterscheide er sich wenig von den beiden Vorgängern, und so wünscht sich Bartels endlich einmal eine richtige, traditionelle Erzählung von dem Autor. "Den ewig gleichen und möglicherweise nie perfekten Roman kann Meinecke dann... noch oft genug schreiben."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.12.2004

Der Rezensent Wolfgang Lange kann es sich nicht verkneifen, den neuen Roman von Thomas Meinecke, der relativ nahtlos an das anknüpft, was der Musiker und Autor auch mit seinen beiden vorangegangenen Romanen gemacht hat, ordentlich zu verreißen - selbst wenn der "didaktisch-philosophische Roman" inhaltlich bisweilen "ungemein schlau" ist, "versiert im Umgang mit historischem und theoretischem Material". Doch das alles hilft dem Rezensenten nicht darüber hinweg, dass das Buch in seinen Augen eine Art "Mogelpackung" oder zumindest ein ganz und gar nicht einnehmender "Wechselbalg" ist, denn der diskurslastigen Erzählung (im Zentrum stehen Kulturwissenschaften und Genderforschung) fehlt eine "Geschichte" beziehungsweise jeglicher "sinnliche oder poetischer Impuls". So "trottet das Buch einem ungeschlachten Kinde gleich von einem diskursiv oder medial präparierten Fundstücke zum nächsten".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.10.2004

Dass Thomas Meinecke wieder über Pop schreibt, freut den Rezensenten Sebastian Handke, schließlich hat er darüber viel zu sagen. Trotzdem: Die stellenweise durchaus komische Geschichte um das Geschwisterpaar Karol und Kandis, dass sich immer wieder austauscht über Pop-Phänomene und deren theoretische Einordnung, erscheint dem Rezensenten einfach zu theorielastig. Denn nur wer "schon tief von diesen Ideen infiziert" ist, wird "an ihrem Defilee so etwas wie Lesefreude empfinden" können, vermutet der Rezensent. Wer dies nicht sei, für den bleibe nichts übrig, denn "Musik" sei pflichtgemäß der "anti-hierarchischen Stoßrichtung" verschrieben und verzichte auf Verdichtung zugunsten von gleichberechtigten "Einzelskizzen", gleichsam einer Playlist. Trotzdem lässt der Roman "den rechten Flow" vermissen, findet der Rezensent: Dafür ist darin zu viel Wissen zu dicht verwebt, um nicht "pedantisch" und "schulmeisterlich" zu wirken. Und das, so Handke missvergnügt, ist kein Flow, sondern "schlicht langweilig".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.10.2004

Elke Buhr mag Thomas Meineckes neuen Roman - oder sagen wir mal: Text. Sie mag ihn, wie sie einen Popsong - oder sagen wir mal: Track - mag, wie ein Stück Musik, das Bestandteile anderer Geschichten hernimmt, kombiniert, mal gegeneinanderstellt, mal sanft verfließen lässt. So funktioniert die "Musik" von Thomas Meinecke auch hier, erklärt sie: nicht wie eine Erzählung, sondern wie eine "Textmaschine", wenn die auch gegenüber dem Vorgänger "Hellblau" deutlich weichere Übergänge produziert - die Gedanken und Lektüren der beiden Hauptfiguren Kandis und Karol, Geschwistern, brauchen nicht mehr unbedingt das schroffe Cut-Up der angeordneten Korrespondenzen, und es gibt sogar "ein Minimum an Nahrung für den Human Interest". Es ist, schreibt Buhr, "alles in allem, eine sehr freundliche Textmaschine. Sie liebt die Details und platziert sie sorgsam", lässt die Prosa ihren Weg finden, "von Thema zu Thema, von Fundstelle zu Fundstelle. Zahlenmystik, Namensähnlichkeiten, Koinzidenzen der Wahrnehmung: Das Prinzip ist das einer vollständig säkularisierten, coolen Kabbala." Nein, Meinecke ist nicht müde von all den "Resignifizierungen" der Neunziger, von den Mikropolitiken und dem Zweifel an der geschlossenen Form, der abschließenden Wahrheit, der runden, unkomplizierten Geschichte - und das ist, auch wenn seine Textmaschine so etwas wie "Trauer, Leid, oder auch nur einen ernsthafter Streit zwischen den handelnden, nein, redenden und lesenden und Musik hörenden Personen" nicht erzählen kann, gut so, findet Buhr.
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