Thomas Macho

Vorbilder

Cover: Vorbilder
Wilhelm Fink Verlag, München 2011
ISBN 9783770550302
Gebunden, 478 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Mit 373 Abbildungen. Bilder können sich auf Vergangenes oder Zukünftiges beziehen. Im Sinne dieser Unterscheidung sind Vorbilder stets Zukunftsbilder: Sie vergegenwärtigen, was noch nicht da ist, als Entwürfe, Prophezeiungen, Befehle. Vorbilder erinnern nicht, sie nehmen vorweg, sie evozieren, sie rufen ins Leben. Ihre Botschaften sind manchmal mehrdeutig wie die delphischen Orakelsprüche, doch immer streng: Sie demonstrieren, wie etwas eigentlich aussehen, erscheinen oder auftreten sollte. Pygmalion liebt eine Statue - oder war es eine Puppe? -, bis sie sich in eine lebendige Frau verwandelt. "Was tun Sie, wenn Sie einen Menschen lieben?" wird Herr Keuner gefragt. Brecht lässt ihn antworten: "Ich mache einen Entwurf von ihm, und sorge, dass er ihm ähnlich wird" - nicht der Entwurf, sondern der Mensch. Vorbilder wollen nachgeahmt werden, als "Vorahmungen der Natur" (Blumenberg). Sie erscheinen als Puppen, Masken und Modelle. Sie sind Götter und Göttinnen, Pin-ups und Stars, Primadonnen und Prominente, und sie faszinieren ihr Publikum als Maßstäbe, Phantasmen und Ideale. Sie verkörpern, was zur Wirklichkeit treibt. In ihnen manifestiert sich ein unbedingter Wille zur Realität; auch wenn diese Realität im eigenen Tod gipfelt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.05.2012

Rezensent Oliver Pfohlmann hat sich mit großem Interesse in Thomas Machos Studie über Vorbilder vertieft. Der Autor, Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität, untersucht Vorbilder zum einen als normative Ideale die zur Nachahmung einladen, zum anderen als Entwürfe zukünftigen Handelns oder Seins, erklärt der Rezensent. Von Höhlenmalerei über die zum Leben erweckte Statue Pygmalions bis zu Claudia Schiffer spannt sich der Themenbogen des Autors, erfahren wir. Pfohlmann fühlt sich offenbar mitunter etwas orientierungslos angesichts von Machos Lust an Exkursen, und er lässt durchblicken, dass der Autor seine enorme Stofffülle nicht immer beherrscht. Zudem hat Der Rezensent so manche Redundanz in den einzelnen Kapiteln gefunden, was er ihrer Herkunft aus bereits publizierten, für das vorliegende Buch allerdings überarbeiteten und erweiterten Aufsätzen zurechnet. Dafür lässt er sich von der paradoxen Diagnose des Autors faszinieren, dass Vorbilder und Utopien heute zwar immer weniger Wirkung hätten, zugleich aber die Macht der Medien zur Nachahmung mehr oder weniger abseitiger Vorbilder verführe. Dies alles findet Pfohlmann plausibel vorgetragen, nur bei Machos Befund zu "gefallenen Politikergrößen" kann der Rezensent nicht zustimmen, denn im Gegensatz zum Autor meint er, dass Fehler die Vorbilder nicht fremd, sondern nur allzu menschlich und eben deshalb als Vorbild ungeeignet machen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.01.2012

Höchstens als "irrwitzige Materialsammlung" kann Thomas Machos Mammutstudie über "Vorbilder" in 20.000 Jahren Menschheitsgeschichte die Rezensentin Katharina Teutsch beeindrucken. Als kulturwissenschaftliche Arbeit weniger. Die Quintessenz erkennt sie darin, dass sich das Modell zum Model gewandelt hat, die Utopie zur Norm, Jeanne d'Arc zu Miss Germany. Dabei sei die "Demokratisierung des Schönen" mit einem Verlust des Übernatürlichen" einhergegangen, wie sie referiert. Doch was bedeutet das? Was folgt daraus? Zur Enttäuschung der Rezensentin schlägt Macho aus diesem Befund keinerlei "Debattenmaterial", und sie bedauert, dass der Autor vor lauter "Feinprognostik" den Blick aufs Wesentliche verloren hat.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.12.2011

Wie bitte? Der Kern der westlichen Mentalität ist nihilistisch? Und er enthüllt sich in der westlichen Faszination am Selbstmord? Und kein Wort über Selbstmordattentäter und Todesverliebtheit anderer Kulturen? Hoffen wir, dass diese Behauptungen, die die Klimax von Elke Dauks Besprechung bilden, eher dem Denken der Rezensentin als dem des Autors entspringen, denn sonst hätte man es hier mit einem Buch zu tun, das trübste Klischees intellektueller Selbstbetrachtung im Westen anrührt. Schon in den eingehenden Absätzen zu Machos Großkompilation und Neuverarbeitung verstreut erschienener Essays klingen kulturkonservative Motive an. Identität sei in der modernen westlichen Kultur nurmehr von Medien und Marketing oder politischer Selbstvermarktung getriebenes Design, meldet die Rezensentin. Macho bewundere mit Nostalgie alte Heiligenlegenden und Marienkulte, die noch wahren "Vorbildern" gehuldigt hätten, während heute nur noch "Image" produziert werde. Klingt wie ein schimpfender Studienrat aus den sechziger Jahren! Glauben wir Dauk immerhin, dass Macho in seinem Buch mit stupendem Wissen und noch größerer Assoziationskraft operiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2011

Vorbildlich an diesem Buch findet Andreas Platthaus nicht nur seine Aufmachung: Feines Vorsatzpapier, farblich abgestimmt mit dem Einband, das stimmt den Ästheten schon mal froh beziehungsweise den, der die Form wertschätzt wie der Autor Thomas Macho. Vorbildlich laut Rezensent auch, wie Macho sowohl kunsthistorisch, als auch die Realität betreffend mit reichem Material umgehend und dazu noch mit Sinn für sprachlichen Rhythmus und Melodie herausarbeitet, welcher Art die Vorbilder der Menschheit sind und was uns als vorbildlich gilt. Platthaus sieht sich einer wahren Fundgrube gegenüber, die ihm nur manchmal systematisch etwas zu ächzen scheint, wenn die Detailfreude des Autors Überhand nimmt. Und dass Macho seinen Vorbildern Kittler, Bredekamp und Belting so sehr huldigt, ist zwar ehrenhaft, erscheint Platthaus aber auch etwas zu eng.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.12.2011

Höchst angeregt hat sich Jens-Christian Rabe durch dieses Buch gelesen und, man möchte fast sagen, gefressen. Es ist manchmal durchaus anstrengend, stöhnt er: so assoziationsreich und mäandernd. Als vergleichbare Größen des deutschen geisteswissenschaftlichen Diskurses nennt er Peter Sloterdijk und Friedrich Kittler, zwei weitere Meister des intellektuellen Extemporierens. Der Themenreichtum ist unabsehbar, und nicht immer konsistent in Beziehung gesetzt, denn es handelt sich, betont der Rezensent, im Grunde um eine Aufsatzsammlung, die für das Buch nur lose geordnet wurde. Seltsamerweise liest Rabe aus dem anregenden Sammelsurium der Ideen auch eine "Ehrenrettung der Form" heraus. Und so geht es weiter von antiken Landwirtschaftstheorien bis hin zur Dialektik der Sonnenbrille. Was eben so alles in den Kompetenzbereich der Kulturwissenschaft fällt.
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