Der Begriff der Biopolitik hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. War er bis vor kurzem nur wenigen Fachleuten bekannt, verwenden ihn heute Politiker und Journalisten, Philosophen und Unternehmer, Rechtsradikale ebenso wie Linksintellektuelle. Während die einen unter Biopolitik die demokratische Gestaltung des biotechnologischen Fortschritts verstehen, bringen andere sie mit Eugenik, Krankenmord und Rassismus in Verbindung. Die Einführung von Thomas Lemke bringt Ordnung in das begriffliche Wirrwarr. Sie liefert einen systematischen Überblick über die Geschichte des Begriffs und seine Bedeutung in aktuellen theoretischen Debatten. Bezugspunkte sind u.a. die Arbeiten von Michel Foucault, Giorgio Agamben, Michael Hardt und Antonio Negri. Das Buch stellt das gegenwartsdiagnostische Potenzial des Begriffs der Biopolitik heraus und zeigt dessen kritische Distanz zum Diskurs der Bioethik.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2007
Thomas Lemkes Versuch, den Begriff "Biopolitik" zu klären, findet Petra Gehring grundsätzlich lobenswert. Allerdings folgt sie Lemkes "historisch-systematischer Kreuzfahrt" mit Vorsicht. Indem Gehring den Aufbau des Bandes erläutert, wird deutlich, dass sie während der Lektüre irgendwann die Übersicht verloren hat. Kann sie der Unterscheidung von "naturalistischen" und "politizistischen" Ansätzen und der Darstellung verschiedener Theorieentwürfe von Foucault über Agamben und Hardt/Negri noch gut folgen, leuchtet ihr die "historische Sortierarbeit" des Autors bald nicht mehr ein. Neben der "trendigen" Akzentuierung englischsprachiger Theorien und sozialwissenschaftlicher Ansätze und dem Fehlen etwa des "christlichen Lebensschutzes" als Kontext, missfällt ihr vor allem das Ausbleiben einer Zusammenschau der vorgestellten Begriffs-Kontexte. Eine "Komplexitätsreduktion", die der Rezensentin in einer Einführung reichlich fehl am Platz erscheint.
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