Thomas Kling

Sondagen

Cover: Sondagen
DuMont Verlag, Köln 2002
ISBN 9783832178130
Gebunden, 140 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Mit einer CD. "Sondagen" nennt Thomas Kling sein nach "Fernhandel" bisher umfänglichstes Gedichtbuch. Wie Probeschnitte, die dem Archäologen aufeinander folgende Bodenschichten erschließen, so bergen diese neuen Sprachgrabungen im Terrain von Gedicht undGedächtnis und in den Landschaften von Natur und Geschichte das "rohmaterial" des Spracharbeiters Thomas Kling: weitausholend von der klassischen Antike bis zum "totnmehl" in der Fortschreibung eines Gedichttableaus wie "Manhattan Mundraum". Wenn bei Thomas Kling Sprache und Schrift zusammentreffen, dann wird bei ihm das Gedicht zum "kennungsdienst".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.02.2003

Als charakteristisches Stilmittel von Thomas Klings Lyrik bezeichnet Rezensentin Sybille Cramer den Wechsel zwischen direkter Rede und Schriftsprache, zwischen Spontanausdruck und kritischer Reflexion, was seine Gedichte sowohl gegen klassizistische wie poppige Modeerscheinungen immunisiert, meint Cramer. Klings "Sondagen" spornen die Rezensentin zu einer eigenen Klangmetaphorik an: "Thomas Kling lesen heißt eine Frequenz einschalten", bekennt Cramer gleich im ersten Satz. Klings "Sondagen" situiert sie in einem Studio, wo sich das Bauchreden des Sprechers mit den Geräuschen von der Straße und Einspielungen aus dem lyrischen Archiv mischt. Die mündlichen Einsprengsel bezeichnet die Kritikerin als "poetische Kippvorrichtungen", welche "die Verkehrsformen des Buchdrucks aufheben" und "die Einheit von Zeigen, Zeichnen und Zeichen wiederherstellen". Naturbetrachtung und antike Ruinenlandschaft sind die beiden Elemente, mit denen Kling seine allegorischen Gedächtnisfelder absteckt. Dabei ist er stets, rühmt Cramer, mit einem untrüglichen Gespür für die versteckte Komik des hohen Tons ausgestattet. Doch manchmal begegnet ihr Kling auch als leibhaftiger Melancholiker in klassischer Dichterpose - selbst die, schreibt Cramer begeistert, beherrscht er meisterhaft.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.12.2002

Burkhard Müllers Besprechung über den neuen Gedichtband von Thomas Kling fällt gemischt aus. Zunächst einmal rät der Rezensent dem Leser, gleich zur mitgelieferten CD zu greifen, denn diese Verse seien "für Stereo" geschrieben und müssten gleichzeitig von Augen und Ohren aufgenommen werden. Für den akustischen Part stehe der Autor, freut sich Müller, mit "metallisch modulierender, anmaßender und vollkommen hinreißender Stimme" zur Verfügung. Und, ergänzt der Rezensent, Klings Vortrag schütze die Vielfalt dieser "Sondagen" vor dem Auseinanderfallen. Die Gedichte selbst hat Müller zwiespältig aufgenommen. Die Verse, die von Dingen mit diffuser Gestalt handeln, seien ganz wunderbar, so der Rezensent, die aber, in denen "feste Objekte" im Mittelpunkt stünden, missraten. Und auch Klings Versuch, den 11. September lyrisch zu verarbeiten, hält der Rezensent eher für kritikwürdig.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2002

Klings neuer Gedichtband ist "ein genau komponierter Zyklus aus kleineren Zyklen", schreibt ein davon einigermaßen ergriffener Rezensent Heinrich Detering. Er sieht ihn als Choreografie und Begleitmusik eines Gespensterreigens "im flackernden Licht der Feuerstellen und Bildschirme" vorüberziehen. Mit "albtraumhafter Schärfe" hörte er dabei, (Kling zitierend), durch die Sprache des Dichters das "gellen der tinte" oder den "ohrenbetäubenden schneefall am waldesrand". Bis zur Verschmelzung sieht Detering "sich die Zeiten und Medien durchdringen". Gelegentlich nimmt er auch Bilder von unheimlicher Zartheit war. Detering erliegt vollständig der Suggestionskraft von Klings "Wort- und Bildfügungen". Vom "blutroten Beschwörungszauber" der Anfangstexte, die Detering zufolge auf alten Zauberformeln basieren, erschließe sich auch ein großes, aus einundzwanzig Fragmenten gefügtes Gegenwartsgedicht über den 11. September. Hier zitiert der Rezensent "Momente", in denen Klings Zitatkunst und Assoziationsregie seiner Ansicht nach der Vollendung sehr nahe sind. Und weil der Urgrund dieser Poesie für den Rezensenten magischer, also mündlicher Natur ist, findet er auch die beigefügte CD zeitgemäß und medientechnisch auf der Höhe. Der Dichter rezitiert dort seine Verse in Deterings Ohren mit "eindringlich kühler Präzision".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002

Jürgen Verdofsky ist begeistert: nicht nur vom neuen Gedichtband Thomas Klings, sondern von sämtlichen Werken des Lyrikers, die der Rezensent in seiner Besprechung so reichlich zitiert, dass man bald nicht mehr weiß, wo er von "Sondagen" spricht und wo von einem anderen Werk. Doch sei's drum: Für Verdofsky versteht es der Lyriker ganz ausgezeichnet, seine Gedichte zu "Botenstoffen" zu machen, seien es Verse über den Krieg, sein Leben auf dem Gelände einer ehemaligen Raketenstation, über Künstler oder die Liebe. Besonders beeindruckend findet der Rezensent die dem Band beigelegte CD. Auf der spreche nämlich Kling höchstpersönlich mit einer "Trompetenstimme" und in einem "suggestiven Rhythmus", dass Verdofsky solche Vortragskunst nur noch "artistisch" nennen kann und dem Leser dringend empfiehlt, dieser "seltenen" Poesie" zu lauschen.
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