Brigitte Oleschinski

Geisterströmung

Gedichte
Cover: Geisterströmung
DuMont Verlag, Köln 2004
ISBN 9783832178925
Gebunden, 100 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

"Mehr Körper. Mehr Entschiedenheit. Mehr Lust, mehr Intensität." Eine poetische Reise, eine Expedition in die verflochtenen Fremdwelten unseres 'globalen Jetzt': "wir / wie eingesickert in die Tropenlaken, ineinander tätowiert / vor dem aufdämmernden Morgenruf". Geisterströmung hat die Form eines langen Gedichts, das durch ein paar hundert Splitter hindurch fließt und mitnimmt auf eine Zeitreise, in eine Erkundung der Poesie, der Erfahrungen zwischen den Kulturen, der Wahrnehmung des Körpers und des Denkens. "Das Gras / läuft überland, hügelan, hügelab, wird Reis / und Tee und wieder Gras -".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.11.2004

Zwei Dinge versucht Brigitte Oleschinski in ihrem neuen Gedichtband, meint Rezensent Alexander Nitzberg: Verwirrung stiften und Sinn schaffen. Ein Paradox, aber beides scheint ihr zu gelingen. Verwirrung stiften die Verfremdungsversuche, seltsame Wortkonstruktionen wie 'Tropenlaken' oder 'Prophetendamp', die "zu bloßen Assoziationsketten verlaufen", so Nitzberg. Dazwischen aber, freut er sich, gibt es immer wieder kleine Wortgebilde "voll schlichter Schönheit", die dem "banalsten Alltag" entnommen sind. Ein Zitat: 'über dem Baggersee, halb- / erigierter Schwanenhals -'. Die Gegensätze sind für unseren Rezensenten auch Ausdruck eines Zwiespalts, in dem sich die zeitgenössische Poesie befindet. "Einerseits der Wille zur Verschleierung, zum privat Geträumten. Andererseits der neu einsetzende Drang hin zum Objektiven, zum Einfachen." Bei Brigitte Oleschinski liebt Nitzberg jedenfalls eher die "winzigen Inselchen des Sinns" als die Verschleierung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2004

Für Sebastian Domsch zählt Brigitte Oleschinski zu den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen. Ihr neuer Gedichtband stelle eine Herausforderung dar, der sich der Rezensent allerdings gerne gestellt hat. Dem Buch sei bezeichnenderweise eine CD beigelegt, eine Art Rezeptionsanleitung durch die Autorin selbst, denn wer wissen möchte, "Wie Gedichte singen", so der Titel der CD, der könne auf den gedruckten Text alleine offensichtlich nicht mehr vertrauen. Und auch die Autorin vertraue wohl nicht mehr allein auf die grafische Anordnung ihrer Wörter und Satzfragmente, die ohnehin laut Domsch einen einzigen ununterscheidbaren Wortstrom darstellen, der durch keinerlei Begrenzungsvorgaben - und seien sie wenigstens syntaktischer Natur - gelenkt würde. Dafür sei Oleschinskis Dichtung, verspricht der Rezensent, semantisch nicht überfrachtet, sondern setze auf Reduktion, Intensität und eine aktive Leserschaft. Wer sich einmal auf ihr Textangebot eingelassen habe, werde hinreichend fündig. So richtig verlockend klingt das ja nicht!
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.10.2004

Sibylle Cramer stellt uns die Lyrikerin Brigitte Oleschinski vor, die sich der "Rehabilitierung von Erfahrungsformen" verschrieben habe, den stofflichen Prozessen und Sinneswahrnehmungen, die uns größtenteils im zivilisatorischen Prozess abhanden gekommen sind. Oleschinski hat daraus ein poetisches Programm gemacht, das darauf basiert, erklärt Cramer recht hochgestochen, dass die Sinneswahrnehmung nicht einfach zu einem Bild geformt und zu etwas Eigenständigem transformiert werde, sondern dass Wahrnehmung und Wahrnehmungsmedium, in dem Falle die Sprache, synchron aneinander gebunden blieben. Wie auch immer, in jedem Fall hat die Autorin in der Vergangenheit großes Interesse an den oralen Kulturen gefasst, die ihrer Vorstellung von Poesie näher sind. Oleschinski ist gereist, erzählt Cramer, nach Indonesien und Bulgarien, und von dieser Reise in exotische Welten zeugen auch die Gedichtzyklen Oleschinskis, die die (stoffliche) Geschichte des Universums noch mal erzählen. Dem Buch liegt eine CD bei, die den Dialog zwischen mündlichen Traditionen und unserer Schriftkultur bezeugen, ein Chor von vier Sängerinnen sei dort zu hören, so Cramer, in den sich die Autorin mit ihren Versen einzufügen versuche.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2004

Als "anrührende, sprachmagische Verlockungen" würdigt Rezensent Michael Braun die Gedichte Brigitte Oleschinskis, die in ihrem neuen, mittlerweile dritten Gedichtband "Geisterströmung" versammelt sind. Ein Band, der für Braun auch einen poetischen Paradigmenwechsel der Autorin markiert, verlasse sie hier doch das "westeuropäisch-urbane Terrain ihrer Bewusstseinspoesie", um sich einen neunen Erfahrungsraum zu erschließen: die fremde Kultur Südostasiens und eine "fast ekstatische Körperlichkeit". Doch nicht alles ist neu. Zu Brauns Freude sind die "wunderbaren Bilderfindungen" ihrer frühen Gedichte noch da, "all die Bilder oszillierender Körpergrenzen zwischen dem Ich und den Materialien der Außenwelt". Braun sieht den Band als einen "Wörter-Teppich" aus über hundert Bild- und Gedanken-Fragmenten angelegt, bei dem sich kaum noch eine Grenze zwischen den einzelnen Texten ziehen lässt. Und doch findet er einzelne Motivkerne, die dem Gedicht Struktur verleihen, etwa das Bild der "erotisch-mystischen Verschmelzung". Die "kühlen Reflexionen" ihrer früheren Gedichte spielen nach Ansicht Brauns dagegen nur noch eine untergeordnete Rolle. An den "diskretesten und besten Stellen" der Gedichte findet er indes die Einsicht, "dass der Sirenenklang mystischer Poesie nur punktuell festzuhalten ist." Und so resümiert der Rezensent: "Ein lyrisches Körperdenken wird auch zukünftig ohne Reflexion nicht auskommen."