In vielen Teilen der Welt war und ist das soziale Leben von religiösen Vorstellungen durchtränkt. In Westeuropa wie auch in Deutschland verhält es sich nicht mehr so: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs erleben wir einen beispiellosen Traditionsbruch innerhalb der christlichen Konfessionen. Während die unmittelbare Nachkriegszeit noch von der Idee einer umfassenden Rechristianisierung geprägt war, hat sich diese Vorstellung wenige Jahrzehnte später verflüchtigt. Die individuelle Frömmigkeitspraxis schwindet, die Gotteshäuser werden leerer. Hinzu kommt, dass sich auch die christlichen Kirchen selbst in dieser Transformation umfassend gewandelt haben: Der strafende Gott hat sich allmählich zum liebenden Vater entwickelt, die Christenlehre zum Religions- und Ethikunterricht. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Kirchen selbst, sondern verändert auch die politische Kultur insgesamt: Idealbilder und Praxis von Kernbereichen des gesellschaftlichen Lebens wie Familie, Sexualität, Bildung, aber auch politische Entwürfe sind immer weniger christlich geprägt, so dass der gesellschaftliche und politische Einfluss der Kirchen abnimmt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.05.2013
Licht in diffuse Glaubensverhältnisse bringt diese Studie des Zeithistorikers Thomas Großbölting laut Friedrich Wilhelm Graf gleich in mehrfacher Hinsicht. Graf sieht die konfessionellen Gegensätze in der frühen Bundesrepublik, namentlich die zwischen Katholiken und Protestanten, souverän nachgezeichnet. Aber auch jüdische, muslimische, buddhistische und esoterische Glaubensrichtungen und den gelebten Glauben "einfacher Leute" nimmt der Autor in den Blick, schreibt Graf anerkennend. Dass sich der Autor am besten im katholischen Milieu auskennt, merkt er allerdings auch schnell. Besonders gelungen findet Graf die Darstellung der 60er Jahre, die ihn durch eine außergewöhnliche Differenzierung der damals herrschenden Gemengelage überzeugt, sowie der 80er Jahre, bei der dem Autor eine prägnante Erkundung der "Kirchenkrise" gelingt, wie Graf erklärt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2013
Was der Zeithistoriker Thomas Großbölting in seiner Studie zur religiösen Lage im Land seit 1945 schreibt, trägt laut Heike Schmoll Züge einer Kritik an den konservativen Großkirchen. Die Forderung des Autors nach Offenheit und Dialogfähigkeit kann Schmoll nachvollziehen, findet jedoch Großböltings Zukunftsvisionen zu unentschieden. Betreffend Islam und Judentum kann ihr der Autor entscheidende Transformationen aufzeigen; der Konfessionslose jedoch, schreibt sie bedauernd, bleibt bei Großbölting das unbekannte Wesen. Am gelungensten findet Schmoll die Darstellung der Nachkriegszeit und die der ostdeutschen Kirchen.
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