T.C. Boyle

Schluss mit cool

Erzählungen
Cover: Schluss mit cool
Carl Hanser Verlag, München 2002
ISBN 9783446201262
Gebunden, 388 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Werner Richter. Boyle behandelt in seinen neuesten Geschichten Alltagsschicksale und merkwürdige Angewohnheiten amerikanischer Bürger. Er erzählt von super-coolen Vätern, tatkräftigen Greisinnen, schrillen Athletinnen und einsamen Männern.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.10.2002

Glaubt man Ulrich Sonnenschein, dann ist der Titel des Romans "Schluss mit Cool" programmatisch zu verstehen. Er sei "fast schon eine Parole", denn die 16 Geschichten diese Bandes lassen den Leser "mit zynischem Grinsen" staunend zurück. Sonnenschein stellt fest, dass bei Boyle Liebe nur eine Chance hat, wenn der "Nährboden des Besonderen, wenn nicht sogar des Absurden" vorhanden ist. Wo aber "Liebe und Alltag aufeinander treffen, scheitert das Gefühl daran, dass es sich nicht organisieren lässt". Der Rezensent lobt auch die sprachlichen Fähigkeiten Boyles, die wie er meint eine "große Freiheit" schaffen und mit "scharfen Blick" oft gleichzeitig seine Romanfiguren und seine Leser frustrieren. Sonnenschein empfindet die Konzentration des Autors auf Momentaufnahmen "nachhaltig" verwirrend und die Geschichten das Autors verfolgen ihn, da es "Boyle dem Leser immer leicht macht, in die Geschichten einzusteigen, nur einfach wieder herauslassen - will er ihn nicht".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.08.2002

Keinen Gefallen getan hat sich T.C. Boyle mit der Veröffentlichung dieses Erzählbandes, meint Thomas Leuchtenmüller. Enttäuscht registriert der Rezensent mehr als in den früheren Prosabänden ein "geschicktes Verwalten" des erzählerischen Wunderkastens, den Boyle gerne in bewährter Manier mit kleinen Knalleffekten öffnet und skurrile Geschichten, allesamt realistisch vorgetragen, entsteigen lässt. Wiederkehrende Handlungsmodelle und Motive - Umwelt- und Kapitalismuskritik, Medienschelte, Ticks und Laster - stören Leuchtenmüller nicht, wohl aber ihre mal eitle, mal seichte Wiederaufbereitung. Jüngeren Erzählern wie Bret Easton Ellis oder Will Self, die ebenfalls gerne Rundumschläge austeilen , mag Leuchtenmüller ihre Eitelkeit ja nachsehen, nicht aber T.C. Boyle, dem Älteren, der schon viel Besseres vorgelegt hat, wie der Kritiker findet. Allerdings, gesteht Leuchtenmüller, enthält der Band mit seinen 16 Short Stories zumindest drei Geschichten, die unbedingt lesenswert sind und ihn mit allem aussöhnen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.08.2002

"Trefflich gewählt" ist der deutsche Titel des neuen Romans von T. C. Boyle, freut sich Walter van Rossum, denn mit der Annahme, "der Mensch ist eine Treibmine", die manchen in "zierliche Verzweiflung" jagt, ist bei Boyle nun Schluss. In seinem neuen Werk geht der Autor in 16 "Varianten" ganz unaufgeregt der "Katastrophe Mensch" nach, ohne einer "Ästhetik des Schreckens" oder dunklen "Professorenphantasien" zu huldigen, berichtet der Rezensent. Eher in einer "trägen Dramaturgie" lasse Boyle Situationen "implodieren". Die Eskalation ist, so Rossum, bei Boyle "nie notwendig", aber stets "unvermeidlich". Da nütze auch der ausgeprägte Hang zur Kritik am "American Way of Life" nichts. Das klingt nicht gerade erbaulich, warnt der Rezensent, doch beeindrucke Boyles Methode, dem Leser Geschichte für Geschichte "eine Ausrede weniger" zu erlauben. Statt gespielter Entrüstung treibe Boyle eine ganz andere Frage um. Nämlich die, warum es eigentlich nicht noch viel mehr Gewalt auf dieser Welt gibt, denn schließlich sei gerade sie von "unwiderstehlicher Plausibilität". Und das werde recht überzeugend vom Autor in 16 Variationen aus verschiedenen Perspektiven immer wieder aufs Neue durchdekliniert - mit den "Mitteln der Erzählung". Für Rossum weist diese "systematische Studie von betörender Genauigkeit", Boyle als einen Dichter aus, der mehr kann als nur ein "Lieferant des Ungefähren" zu sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2002

Obwohl von dem zugrundeliegenden Credo des Autors, dass "Triebenthemmung in Wirklichkeit totalitäre Unterdrückung sei", keineswegs überzeugt, ist der Rezensent Stephan Wackwitz geradezu begeistert von der Sammlung tiefschwarzer und komischer Geschichten des "populistischen und technisch versierten Erzählprofis T. C. Boyle". In den Geschichten wirke das von dem Rezensenten "Lebowskische Schema" genannte, archetypische protestantische Dilemma: Des eigenen Glückes Schmied steht immer zwischen Triebverzicht und Glücksuche, zwischen dem asketisch-erfolgsorientierten Leistungszwang beim Marathonlaufen und Geldverdienen sowie seinem Gegenteil, dem Bohemien in Gestalt des "Surf-Tauch-Shop-Besitzer mit schläfrigem kalifornischen Grinsen". T. C. Boyle selbst bringt für keine der beiden Seiten Sympathien auf, sondern lässt - wenn "alles, was schief gehen kann, auch tatsächlich schief geht" - viel Raum für die ebenfalls protestantische und sadistische Schadenfreude des Lesers, genießt unverhohlen der Rezensent. Besonders schwärmt er für die Kurzgeschichte "Peephall", die er erzähltheoretisch für "ingeniös" hält. Sie beschreibt den Wechsel des spießigen Helden zwischen virtuellem und realem Kontakt mit Frauen eines Internetsex-Unternehmens der Nachbarschaft - ich tue "nichts anderes mehr, als zu www.peephall.com hinüberzusurfen und eine andere Sorte Roman vor meinen Augen Gestalt annehmen zu lassen" . Laut Rezensent wird hier der postmoderne Roman mit einer Internet-Peepshow verglichen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.04.2002

Zehn goldene Regeln der "quietschvergnügten Short story" verkündet Stephan Maus quietschfidel in seiner Kritik von T.C. Boyles jüngstem Kurzgeschichtenband. Er meint, die Short story sei mittlerweile eine leere Formenhülse, da aber der Autor an einer kalifornischen Universität "creative writing" unterrichtet, muss sie gefüllt werden: bei Boyle kommt sie einer "Zuckerwattenexplosion" gleich, schreibt Maus. Eine recht seltsame Metapher für das Phänomen der beliebten amerikanischen Kurzgeschichte. Doch Boyles Markenzeichen ist die schräge Metapher, erfahren wir von Maus, weshalb auch diese Geschichten so skurril und drastisch daherkämen, als seien sie aus der Zeitung, Abteilung "Vermischtes" ausgeschnitten. Jede einzelne von ihnen ließe sich sofort in ein Drehbuch umwandeln, meint Maus. Für die etwas plumpen, gezwungenen Konstruktionen werde der Leser mit "originellem Zierrat" entschädigt, verrät Maus: humorvolle Schilderungen, schräge Bilder und unvergessliche Hinweise, wie das Leben besser nicht zu leben sei. So kommt es, dass Maus einen pädagogischen Wert entdeckt und fröhlich die elfte Regel hinausposaunt: jetzt aber wirklich "Schluss mit cool". Und er legt ein Wort für den Übersetzer ein, der gute Arbeit geleistet habe.
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