Im Laufe der 1970er Jahre etablierte sich in der Bundesrepublik wie in vielen westlichen Ländern ein alternatives Milieu. Diese Gemeinschaft Gleichgesinnter strebte nach Idealen wie Selbstverwirklichung, Solidarität, Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit, die sie den modernen Entfremdungserfahrungen entgegensetzte. Zugleich verfolgte sie das Ziel, die Gesellschaft als Ganzes zu verändern. Die linken Alternativen gründeten eigene "Projekte", in denen auf der Grundlage von kollektivem Eigentum, Selbstbestimmung und Überschaubarkeit neue basisdemokratische Formen des Arbeitens und Lebens erprobt wurden. Zwischen Arbeit, Freizeit, politischem Engagement und Privatleben wurde in den Wohngemeinschaften, Cafes, Buchhandlungen oder Frauenzentren ebenso wenig unterschieden wie zwischen Hand- und Kopfarbeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2011
Eine breite, d. h. wohl nicht nur linksbewegte Leserschaft wünscht Michael Hollmann diesem aus einer Konferenz hervorgegangenen Sammelband. Die 21 Beiträge informieren den Rezensenten über Organisationsformen, Lebensstil und politische Orientierungen des alternativen Milieus, über seine Transitorik und seine Wirkungen und schreiben so zeithistorische Gesellschaftsgeschichte. Im einzelnen erfährt Hollmann über die Entstehung des Milieus aus bereits bestehenden Teilsystemen, über die spezielle alternative Wahrnehmung des Fremden und Anderen, neue Geschlechterverhältnisse und ästhetische und konsumistische Muster (auch Zwänge), die bis heute nachwirken. Ferner über Wechselwirkungen etwa mit der Frauen- und der Umweltschutzbewegung. Den Informationsgehalt und die stilistische Qualität der Beiträge hält Hollmann für hoch. Das Thema indes scheint ihm noch längst nicht erschöpft. Fragen zur Wechselwirkung mit den Kirchen oder zwischen BRD und DDR brennen ihm schon auf den Nägeln.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 05.11.2010
Instruktiv findet Harry Nutt diesen von Sven Reichardt und Detlef Siegfried herausgegebenen, auf Vorträgen eines Kopenhagener Kongresses von 2008 basierenden Band über antibürgerlichen Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland. Er versteht das Werk als eine "Art reflexiver Chronik", die Entstehung, Selbstverständnis, Wandlung und transformierende Rolle des alternativen Milieus materialreich analysiert. Eine Stärke des Bands scheint ihm die detaillierte Darstellung von Einzelaspekten der Alternativkultur und deren Genese. Darüber aber kommt die "diagnostische Gesamtdarstellung" in seinen Augen "zu kurz". Zudem gestaltet sich die Lektüre der Beiträge zu seinem Bedauern wegen ihres "übercodierten Wissenschaftsjargons" teilweise etwas mühsam.
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