Klappentext

In keinem anderen Jahrzehnt der Nachkriegsgeschichte haben sich Rahmenbedingungen und Selbstverständnis der universitären Germanistik derart tiefgreifend, dramatisch und bis heute nachwirkend verändert wie in der sogenannten Reformdekade nach Achtundsechzig. Wissenschaftsgeschichte und kritische Bilanz der Germanisitk dieser Jahre werden hier zum ersten Mal in breiter Form untersucht und diskutiert. Angestoßen von der 68er-Bewegung kämpfte das Fach in dieser Zeit immer noch um die Aufarbeitung und Verwindung der NS-Germanistik und suchte - unter dem Druck der Politisierung in den Universitäten - nach Neuorientierung. Neben den theoretischen Strömungen des Formalismus, Strukturalismus und der Rezeptionsästhetik setzten sich in der Disziplin vor allem das sozialwissenschaftliche Paradigma und die Ideologiekritik durch und führten zu innovativen Ansätzen, aber vielfach auch zu ideologischen Verengungen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.02.2001

"Gewaltsamer als die 68er waren die, gegen die sie revoltierten." Zu diesem Schluss kommt der Rezensent Jochen Hörisch nach der Lektüre der beiden Abhandlungen über die Germanistik zwischen 1925 und 1955 und die der siebziger Jahre. Christa Hempel-Küters Buch zeigt, welche vom Nationalsozialismus geprägten Germanisten tonangebend für die Nachkriegszeit waren - auf der einen Seite. Der Sammelband von Silvio Vietta und Dirk Kemper hingegen führt dem Leser vor Augen, um wie viel Neues die Germanistik der siebziger Jahre die Wissenschaft bereichert hat, resümiert der Rezensent.
1) Christa Hempel-Küter: "Germanistik zwischen 1925 und 1955"
Die Autorin hat jede Menge aufschlussreicher Dokumente über den Germanisten Hans Pyritz zusammengetragen, lobt der Rezensent. Das Ergebnis ist erschreckend. Ohne Vorbehalte konnte der Wissenschaftler, der während des Nationalsozialismus Karriere machte und Goethes Werk im Sinne der NS-Ideologie interpretierte, seine Laufbahn in der Nachkriegszeit fortsetzen, berichtet Hörisch. Kein Einzelfall - "heilig nüchtern und vergleichend" erwähnt Hempel-Küter weitere Biografien von Germanisten, die genauso wie Pyritz ungestraft und -gescholten der deutschen Wissenschaft erhalten blieben. Allerdings habe die Autorin einige wichtige Germanisten wie Peter Szondi, Richard Alewyn, Arthur Henkel oder Max Kommerell unterschlagen oder nur am Rande berücksichtigt, kritisiert Hörisch. Deren Werke würden nämlich zeigen, dass es auch schon vor den siebziger Jahren Literaturwissenschaftler gab, die eine ideologiefreie und innovative Germanistik betrieben hatten.
2) Silvio/Kemper (Hrsg.): "Germanistik der siebziger Jahre"
Der Band, in dem die Herausgeber die Beiträge eines 1998 veranstalteten Symposiums an der Universität Hildesheim zusammengetragen haben, ist sehr spannend zu lesen, meint Hörisch. Selbst wenn man den Vorträgen und den ihnen angeschlossenen Diskussionen nicht bis zur letzten Zeile folgt - eines werde sehr deutlich: Nie war die Germanistik so produktiv, innovativ, reflektiert und theoretisch ambitioniert wie in den siebziger Jahren. Dass die wissenschaftliche Disziplin heute so krisengeschüttelt ist, kann man den Wissenschaftlern von 68 keinesfalls vorwerfen, behauptet Hörisch. Vielmehr - darin seien sich auch sämtliche Teilnehmer des Symposiums einig - trügen Ambivalenz und Unübersichtlichkeit in allen Lebensbereichen dazu bei, das Interesse an der Literaturwissenschaft zu schmälern.