Der oft erwähnte heutige "Antike-Boom" reicht in Deutschland eigentlich bis in die 1930er Jahre zurück, als die warnende Stimme Kassandras und das tragische Schicksal der Atriden von mehreren Dichtern und Dramatikern des Exils und der inneren Emigration als verkappte Modelle für die eigene und die nationale Existenz übernommen wurden. Seitdem treten in der deutschen Literatur, auffallend häufiger als in anderen europäischen Kulturen, Gestalten aus der griechischen Mythologie sowie der römischen Geschichte als prä- oder postfigurierte Modelle für gegenwärtiges Geschehen auf. Odysseus entpuppte sich als Urtypus des heimkehrenden Soldaten und der Dichter Ovid als Ahne des modernen Emigranten. Prometheus wurde in der DDR zum symbolischen Helden und dann paradoxerweise zum Feind des Marxismus, während in der BRD der Philosoph Seneca drei verschiedenen Nachkriegsgenerationen ein anderes Muster des moralischen Benehmens bot.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.04.2009
Theodore Ziolkowskis Untersuchungen zu mythologischen Bezügen in der deutschen Literatur nach 1933 treffen beim Hannoveraner Germanisten Mark-Georg Dehrmann auf große Zustimmung. Der Autor lässt die antiken Mythen von Odysseus, Medea oder Prometheus als wichtige Reflexions- oder Identifikationsflächen der Literatur hervortreten, die ihr Potential vor allem aus ihren knappen und damit so eindrücklichen Handlungsmustern ziehen, stellt der Rezensent fest. In den 120 Texten, die der amerikanische Germanist untersucht, werden die mythologischen Figuren als "Kippfiguren" sichtbar, die beispielsweise als aus dem Krieg zurückkehrende Soldaten (Odysseus) oder gegen patriarchale Unterdrückung ankämpfende Frauen (Medea) gelesen werden können und so zu "zentralen Reflexionsfiguren der mythologisierten Gegenwart" werden, so Dehrmann. Dass Ziolkowski dabei nicht nur bekannte, sondern auch einige heute vergessene Autoren heranzieht, dafür ist ihm der Rezensent dankbar.
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