Siegfried Lenz

Fundbüro

Roman
Cover: Fundbüro
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2003
ISBN 9783455042801
Gebunden, 336 Seiten, 21,90 EUR

Klappentext

Henry Neff verspürt trotz seiner jugendlichen vierundzwanzig Jahre keine Lust, auf der Karriereleiter nach oben zu kommen. Attraktive Angebote schlägt er aus und sucht stattdessen Unterschlupf im Fundbüro eines Hauptbahnhofs. "Mir genügt's, da zu bleiben, wo ich bin", ist sein Motto, und schon bald gewinnt er Gefallen an seinem neuen Arbeitsplatz, der reich an Kuriositäten und absonderlichen Vorkommnissen ist.Jeder Tag beschert ihm Begegnungen mit Menschen, die die unglaublichsten Dinge verlieren und liegen lassen. Mal vermisst ein Messerwerfer sein Handwerkszeug, mal tauchen im Zug zurückgelassene Liegestühle auf, und ein andermal wendet sich eine Schauspielerin hilfesuchend an Henry, weil sie ihr Textbuch nicht mehr findet. Um den "Besitznachweis" zu führen, fordert Henry sie mit dem ihm eigenen Charme auf, Passagen aus dem Theaterstück im Fundbüro zu rezitieren.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.07.2003

Nach der Lektüre von Siegfried Lenz' "Fundbüro" muss man sich nach Ansicht von Rezensent Gerrit Bartels ordentlich zwicken, um wieder in der Realität zu landen. Denn Lenz' Roman ist für den Rezensenten "seltsam aus der Zeit gefallenen". Zwar findet er Lenz' Metaphern und Anliegen etwas aufdringlich. Doch die Art und Weise, wie Lenz seine Geschichte um Henry Neff, einem Angestellten in einem Fundbüro der Deutschen Bahn, und seine Freunde, entfaltet, nämlich "ganz unaufdringlich", hat ihm gut gefallen. "Mit ruhiger Hand ist das Buch geschrieben", lobt Bartels, "ohne große Schnörkel, gelassen, voller Hoffnung und einer eigentümlichen, alles überziehenden Heiterkeit." Aber vielleicht hat Lenz doch etwas zu viel des Guten getan. Denn ein wenig zu idyllisch scheinen Bartels die "seltsam altmodisch" und "fremd" wirkende Welt und die überaus anständigen Menschen, die Lenz beschreibt. Aber gut: ein wenig träumen, sollte nach Bartels erlaubt sein. Dass die wirkliche Welt viel komplexer und reichhaltiger ist als die in Lenz' "heiter-moralischen" Roman ist ohnehin klar, resümiert der Rezensent, was er auch "ganz gut so" findet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.07.2003

Gustav Seibt gesteht seine Rührung und eine gewisse Entzückung ein, auch wenn er den Schalk nicht ganz verbergen kann. "Fundbüro" von Siegfried Lenz spiele genau dort: an einem Ort der menschlichen Begegnungen, in einer "gegenwärtigen Vergangenheit", in der es noch "handgeschriebene Formulare statt Computer" gibt - kurzum, in einem Deutschland, das "viel schöner, weil grauer und wärmer" ist als das reale. "Zugleich ist es böse und gefahrvoll wie ein Märchenwald", und die freundlichen Helden - Henry Neff, der junge Taugenichts, und Fedor Lagutin, der schweigsame sarmatische Mathematiker von der Universität Saratow - merken, dass menschliche Wärme manchmal nicht genügt. "Wäre die Sprache von Lenz nicht so wasserklar und unaufdringlich", schreibt Seibt, "man könnte glauben, man sei in ein Buch von Wilhelm Raabe gestolpert". Seibt benutzt auch gleich dreimal das Wort "altmodisch", und jedes mal klingt es eher nach Eierwärmer als nach kaltem Kaffee. Zwar entwerfe Lenz ein "Traumbild vom Aufstand der Anständigen", aber ohne Happy End. Ein "mildes Buch" also, in dem es dennoch "böse Menschen" gebe, nebst jeder Menge "altmodisch-solides Erzählhandwerk" - und das ist ganz und gar nicht böse gemeint.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.07.2003

Als "schönes Gutenachtmärchen für Optimisten" bezeichnet Beatrix Langner den neuen Roman von Siegfried Lenz. Die Hauptfigur Henry Neff, Mitarbeiter eines Fundbüros, ist so ein guter Mensch, so mit sich im Reinen, dass er sogar seinen Arbeitsplatz einem Älteren opfert, erzählt die Rezensentin. Dies würde in der Realität natürlich niemand tun, meint Langner, und deshalb sei Henry Neff auch kein "generationstypischer Held" sondern ein "Gegenbild" für die heutige Jugend. Für die moderne Zeit, in der die Humanität oft hinter den Notwendigkeiten zurückstehen muss, entwerfe Lenz mit seinem Helden ein positives Vorbild, ohne zu sehr in moralphilosophische Ermahnungen zu verfallen. Die "abgeklärte Ruhe" des Romans ist der Rezensentin allerdings schon fast zu viel, denn "wie schwierig in Wirklichkeit ein moralisches Handeln ist", werde so nicht vermittelt. Trotzdem empfiehlt sie das Buch - auch für Pessimisten - als "Katalog der Verluste" wie zum Beispiel der Menschlichkeit.
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