4 CDs, 261 Minuten. Gekürzte Lesung. Gesprochen von Michael Rotschopf. Ein "Drückeberger" als Held: Ginster ist 25 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg ausbricht, und ein begabter Architekt. Der patriotischen Begeisterung seiner Zeitgenossen steht er skeptisch gegenüber, und so verwendet er einige Mühe darauf, sich immer wieder vom Kriegsdienst zurückstellen zu lassen - das Vaterland braucht seine Architekten schließlich nicht an der Front, sondern zu Hause, wo etwa Granatfabriken und Ehrenfriedhöfe für die gefallenen Soldaten zu planen sind. Doch dann ereilt auch Ginster der Gestellungsbefehl. Weit weg von den Schlachtfeldern lernt er, mit militärischer Präzision ein Bett zu bauen, zu schießen und "gegen die Feinde Kartoffeln zu schälen". Und es festigt sich in ihm die Überzeugung, dass all diese Übungen nicht dem Krieg dienen, sondern der ganze Krieg ein Vorwand für diese Übungen ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2013
Allein das Wagnis, Siegfried Kracauers Roman "Ginster" vorzulesen, verdient Respekt, meint Rezensent Christian Deutschmann. Denn schon mit der Lektüre hatte der Rezensent einige Probleme: Der Romanheld, ein gänzlich "ichloser" junger Mann namens "Ginster", dessen Beobachtungen während des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges der Kritiker folgt, erscheint so wenig "fesselnd", dass Deutschmann ihn kaum zu fassen bekommt: Mal vor Entzückung weinend beim Anblick von Märschen und Paraden, dann wieder tricksend, um sich der Einberufung zu entziehen, reist er - auch in der Liebe orientierungslos - quer durch Deutschland und notiert seine stets verwunderten, aber doch empfindungslosen Beobachtungen zum Alltags- und Gesellschaftsleben jenseits der Front. Auch wenn der Rezensent dem Roman großes Sprachvermögen, Bildgewalt und Sarkasmus attestiert, erscheint er ihm nicht ganz "ermüdungsfrei" zu lesen. Umso verdienstvoller findet er die Lesung des Schauspielers Michael Rotschopf, dessen "gepflegte Diktion" durch die schwierigsten Passagen führt. Allerdings hätte der Kritiker sich durchaus weniger Elegie, dafür mehr Sarkasmus während des Vortrags gewünscht.
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