Sibylle Berg

Vielen Dank für das Leben

Roman
Cover: Vielen Dank für das Leben
Carl Hanser Verlag, München 2012
ISBN 9783446239708
Gebunden, 400 Seiten, 21,90 EUR

Klappentext

Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung - das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris. Ein wütender, schriller Roman einer großen Autorin über das Einzige im Leben, was zählt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.10.2012

Andrea Hannah Hünniger kann nur staunen über die Drastik und Düsternis von Sibylle Bergs Roman "Vielen Dank für das Leben". Die Rezensentin fasst in einigen Sätzen das erste Zehntel der Handlung zusammen und bilanziert treffend: "So weit, so krass" - nicht jedoch, ohne darauf hinzuweisen, dass es im weiteren Verlauf für alle Beteiligten nur noch weiter bergab gehen wird. Ob das Spaß macht, ist sicherlich die falsche Frage, denn das Kompliment, das man dem Buch machen müsse, meint die Rezensentin, "ist, dass es stört". Da wird misshandelt, geprügelt und vergewaltigt, und ab und an laufe das Ganze durchaus Gefahr, wie "dekadenter Negativitätskitsch" zu wirken. Doch dann gelinge es der Autorin (die die Rezensentin einmal jovial "die Sibylle" nennt), mit surrealen und zarten Formulierungen das Grauen zu transzendieren. Hünniger bringt es auf die Formel: "Ein 'Struwwelpeter' für Erwachsene".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2012

Mächtig böse ist Eva Behrendt auf die Autorin Sibylle Berg. Gewiss, stilistisch ist die Autorin mit ihren spitzen Beobachtungen mittlerweile zur Meisterschaft gereift (allerdings schreibt sie nun auch "verdaulich", merkt Behrendt an) und die Lebensgeschichte des tapsig-lieben, wenn auch für den Leser unzugänglichen Hermaphroditen Toto, der, in der DDR geboren, über Zwischenstation im Kapitalismus bis hin zu einer überreglementiert-sterilen Zukunft zahlreiche Gemeinheiten seiner Mitmenschen zu erdulden hat, fügt sich gut ins an solchen gescheiterten Lebensläufen nicht arme Werk der Schriftstellerin, hält die Rezensentin Sibylle Berg ohne weiteres zugute. Auch was Berg über die jeweiligen Epochen, die Totos Lebensstationen markieren, zu sagen hat, findet noch das Wohlwollen der Rezensentin, das bei den zahlreichen, immer wieder aufs Neue in leicht gewandelter Variation geschilderten Quälereien, die die Autorin für ihre Figur in petto hält, rasch ans Ende kommt. Diese findet die Rezensentin tatsächlich unerträglich.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.09.2012

Rezensent Burkhard Müller hat Sibylle Bergs neuen Roman "Vielen Dank für das Leben" mit gemischten Gefühlen gelesen. Von Bergs schmollendem Sarkasmus und ihrem unverwechselbaren Stil amüsiert folgt er dem in den sechziger Jahren in der DDR als Zwitter geborenen Waisenkind Toto bis ins Jahr 2030 und erlebt, wie dieser zunächst in einer verwahrlosten Pflegefamilie aufwächst, sich dann als Barmann auf der Reeperbahn durchschlägt und schließlich an einer radioaktiv verseuchten Sonde, die ihm in die rudimentäre Gebärmutter implantiert wurde, stirbt. Trotz der "hanebüchenen" Handlung hätte der Kritiker gern mehr über Bergs mit Naivität, Liebenswürdigkeit und einer glasklaren Kastratenstimme ausgestatteten Protagonisten, der ihm wie eine Mischung aus "Parzival, Kaspar Hauser und dem gekreuzigten Messias" erscheint, erfahren. Leider muss Müller aber feststellen, dass der Autorin, die zwar interessante Einblicke in die Schwulen- und Lesbenszene der achtziger Jahre gewährt, diese Figur nur dazu dient, um sich einmal mehr - und bisweilen auch allzu "altklug" - über den jämmerlichen Zustand der Welt im Allgemeinen zu beklagen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.08.2012

Ziemlich mitgenommen ist Roman Bucheli von der rabenschwarzen und unerbittlichen Geschichte um den als Zwitter geborenen Toto, dem seine Autorin Sibylle Berg ebenso wie ihren Lesern keinen einzigen Lichtstreif am düsteren Horizont gönnt. Konsequenterweise stellt die Autorin dem hässlichen Schicksal ihres unglücklichen und dabei so engelsgleichen Helden auch eine unkonventionelle, sich nicht um Eleganz und Stilistik scherende Erzählweise zur Seite, was für den Rezensenten nur stimmig wirkt. Bucheli findet es auch überzeugend, dass Berg ihrer Hauptfigur bei aller mitunter karikaturhafter Überzeichnung ihr "Geheimnis" lässt. Gleichzeitig lässt die Autorin parallel zur Geschichte Totos aber auch die ganze Welt ihrem Niedergang zustreben, und hier wird dem Rezensenten der kulturpessimistische Furor endlich zuviel. Ein ums andere Mal die Schlechtigkeit der Welt eingehämmert zu bekommen, das untergräbt nach Meinung Buchelis das, was Berg in der Geschichte ihres Helden so gelungen dargestellt hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2012

Für Rezensentin Sandra Kegel ist Sibylle Bergs neuer Roman "Vielen Dank für das Leben" ganz klar die "bizarrste" Geschichte dieses Literatursommers. Ebenso fasziniert wie irritiert begleitet die Kritikerin in dieser "Bestandsaufnahme des Gemeinen, Hässlichen und Schmutzigen" den Hermaphroditen Toto von seiner Geburt im Jahre 1966 in der DDR, bei der er zum Mann gemacht wird, bis zu seinem Leben als Frau in der Zukunft. Mehr Grausamkeiten, als jene, die Bergs "Forrest-Gump-Wiedergänger" erlebt, kann sich die Rezensentin gar nicht vorstellen: Zunächst von einer alkoholsüchtigen, lieblosen Mutter aufgezogen, wird er im DDR-Kinderheim von Heimkindern und Erziehern gequält. Auch nachdem er trotz begnadeter Falsettstimme an der Musikhochschule im Westen aus Ekel abgelehnt wird und sogar die sterbende Frau, die er pflegt, sich mit den Worten verabschiedet: "Geh weg, du ekliger Freak", glaubt Bergs Protagonist noch an das Gute, berichtet Kegel. Die Kritikerin hat in diesem boshaft zynischen Buch, in dem schließlich auch noch Tsunamis und Atomkatastrophen wüten, die Wucht von Bergs "monströsem Rundumschlag" geradezu körperlich erlebt.
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